Im Haus der toten Augen

Theatertreffen 2016 – Ersan Mondtag: Tyrannis, Staatstheater Kassel (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Dunkel, in der Ferne singen Vögel. Der Zuschauer blickt in ein Wohnz- und Esszimmer, dahinter eine Küche, eine Terrassentür, Birken. Das ist bestenfalls zu erahnen. Das Haus schläft, ebenso seine Bewohner, beobachtet von Überwachungskameras in den übrigen, verborgenen Räumen. Die ersten 20 Minuten von Ersan Mondtags Tyrannis sind ei9ne Geduldsprobe – und eine Übung im Hinschauen und Hinhören, im Aushalten der Stille. Friedlich ist sie, diese Idylle, und doch liegt hier sofort eine Spannung über der Szenerie, die sich kaum definieren lässt. Liegt es an der erahnbaren Spießigkeit des Ambientes oder an der Enge des Bühnenraums? So weit er zu reichen scheint, so klar ist er abgegrenzt. Er ist eingezwängt in einen schweren, massiven Holzrahmen mit niedriger Decke. Fast wie eine Miniatur im Fach eines überdimensionalen Setzkastens. Hübsch anzuschauen, aber unbeweglich, künstlich, tot.

Bild: Nils Klinger

Bild: Nils Klinger

Irgendwann wird es hell, ein sonniger Morgen bricht heran, das Haus erwacht zum Leben. Seine Bewohner – Großmutter, Mutter, Vater und zwei Kinder – erwachen, kleiden sich an, der Vater kehrt mit Axt und Weihnachtsbaum, den der Sohn schmückt, aus dem Wald zurück, man setzt sich zum Essen, die massiv übergewichtige Tochter ergreift einen Dirigentenstab und führt ein melancholisches Musizieren von Großmutter und Sohn an, dazu singt der Vater. Es wird wieder dunkel, man geht zu Bett, ein neuer Morgen bricht an. Wortlos, keine Miene verziehend, mechanisch und zugleich seltsam schwebend, gleiten die Gestalten durch Raum und Räume. Eine Idylle, die in sich schon gekippt ist. Denn hier ist kein Leben, die Augen sind starr und sehen nicht. Tatsächlich spielen die Darsteller*innen mit geschlossenen Augen, Irisse und Pupillen sind aufgeschminkt. Max Andrzejewskis Musik zitiert Psychothriller und Horrorfilm, selbst der klavierspielende Sohn bewegt sich in dieser Welt. Hier ist alles Mechanik, alles Ritual, nichts mehr lebendig.

Das erinnert an die maskierten Spießerwelten Susanne Kennedys, an die antiseptischen Postkartenidyllen David Lynchs, an die monströsen Puppenstuben Vegard Vinges, und ist doch in seiner Unerbittlichkeit, seiner Konsequenz und der Geschlossenheit dieses Systems eine noch radikalere Setzung als die sich doch in erster Linie als Kommentare auf die uns bekannt erscheinende Welt verstehenden Arbeiten der Genannten. Hier ist kein Außen mehr, steht die Raumflucht solitär, geht der Blick – der Überwachungskamera wie der geschlossenen Augen – nach innen. Und sieht doch nichts, in der Erstarrung einer aufs rein Mechanische reduzierten Lebensimitation. Sie ist der Preis für die Idylle, die Harmonie des fahlen Scheins. Leben ist ersetzt durch die vermeintliche Sicherheit etablierter und bis zur Erschöpfung – auch des Publikums – wiederholter Rituale.

Und dann kommt es doch, das Außen Eine Frau steht vor der Tür und blickt herein. Der Vater sieht sie zuerst und kollabiert. Mutter und Großmutter stoßen spitze Schreie aus. Später kommt sie herein, quartiert sich ein ins einzige kamerafreie Zimmer, setzt sich mit an den Esstisch, verdrängt die Mutter und später, beim Musizieren, die Großmutter. Plötzlich verschiebt sich etwas. Die Horrormusik wird deutlicher und mischt sich mit süßlichem Seifenopern-Streicherglanz, die Szenerie kippt endgültig ins Zwielicht. Nachts huschen Schatten die Fenster entlang, die Mutter betrinkt sich, die Großmutter schluchzt, die Kinder verbarrikadieren sich mit der Fremden in deren Zimmer. Am Ende greifen Mutter und Großmutter zum Äußersten und doch ist die Eingangsidylle wieder hergestellt, die Ordnung zurück. Diabolisches Lachen beendet den wortlosen Reigen.

Ersan Mondtags Tyrannis ist das so selten gewordene Theater, das sich der Erklärung, der Verbalisierung, dem Kritikermalkasten entzieht. Es wirkt in seiner Hermetik, seiner monolithischen Setzung und es wirkt jenseits von Logik und Reflexion. Natürlich bietet es Anknüpfungspunkte: eine sich abschottende Welt, die das „Fremde“ fürchtet und durch seine Furcht erst schafft, als Schreckensvision wie als Faszinosum, das sich dessen mit wohl kalkulierter Gewalt entledigt, dem die Ordnung heiliger ist als das (eigene) Leben: Das ließe sich durchaus metaphorisch lesen. Es ist gerade die Geschlossenheit dieses Systems, seine völlig autarke Existenz, die es als Metapher taugen lässt, als Miniatur-Dystopie einer Welt, auf die so mancher – und ihrer werden täglich mehr in diesem Europa – zuzusteuern sucht. Dies ist die Konsequenz: die völlige Erstarrung in Angst und Ritualen, die schon lange nichts mehr bedeuten.

Das lässt sich lesen als Kommentar auf das Scheitern des solidarischen Europas im Angesicht von Eurokrise und Flüchtlingszustrom. Oder als Bestandsaufnahme einer Welt, die ihre Mitte verloren hat, ihren Boden, ihren Bedeutungszusammenhang. Und doch griffe das zu kurz, so sehr existiert dieses Paralleluniversum für sich selbst, so selbstgenügsam und vollkommen ist es, so stark sein atmosphärischer Sog. Es ist sein eigener, selbst geschaffener Raum und seine spezifische, verlangsamte und non-lineare – Zeit. Mondtags Parallelgesellschaft ist von solcher Konsequenz, von so eigener Logik, dass Kennedys und selbst Vinges Setzungen fast karikaturesk wirken. Ersan Mondtag findet eine dezidiert eigene theatrale Sprache und Narration, die sich von allem emanzipiert, was als Inspiration gedient haben mag und die den Zuschauer hineinziehen in diesen so vertraut und zugleich so unendlich fremd wirkenden Albtraum. So hermetisch dieser Kosmos, so fest gefügt die vierte Wand ist, so immersiv ist diese Theatersprache, zieht sie den Zuschauer in sich hinein. Nicht jeden: Am Ende gibt es vernehmliche Buhs. Und vielleicht ist das Eintreten ist das Schreckensidyll auch nur Illusion, bleiben wir alle draußen. Oder drinnen. Ein Rätsel und ganz großes Theater.

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4 Gedanken zu „Im Haus der toten Augen

  1. […] Ersan Mondtag: Tyrannis / Staatstheater Kassel, Regie: Ersan Mondtag […]

  2. […] ist das Theatertreffen der Untoten. In Tyrannis werden zwei Figuren ermordet und stehen kurz darauf diabolisch grinsend vor dem Publikum. In John […]

  3. […] Heimatstadt Ähnliches. Schon in seinem gefeierten – und geschmähten – Theatertreffen-Debüt Tyrannis entwickelte er ein dystopisches Schauermärchen aus der Erstarrung familiärer Rollen- und […]

  4. […] die zugleich, sich ihnen anzuschließen als letzte Handlungsmöglichkeit zu erkennen glauben. In Tyrannis, zu sehen beim  Theatertreffen 2016, hatten die Darsteller die Augen geschlossen. Die […]

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