Der Klang der Erinnerung

Theatertreffen 2016 – Mittelreich. Musiktheater nach dem Roman von Josef Bierbichler, Münchner Kammerspiele (Regie: Anna-Sophie Mahler)

Von Sascha Krieger

Es ist das Theatertreffen der Untoten. In Tyrannis werden zwei Figuren ermordet und stehen kurz darauf diabolisch grinsend vor dem Publikum. In John Gabriel Borkman reckt die gerade verschiedene Titelfigur den Arm zum Victory-Zeichen empor. Mittelreich beginnt mit einem Begräbnis, an dessen Ende der zu Grabe Getragene wieder aufsteht und singt. Da braucht es schon wie in Schiff der Träume eine Einäscherung, um sicher zu gehen, dass die Toten nicht wiederkommen. Die Vergangenheit lebt, ihre Schrecken, ihre Schuld. Auch in Josef Bierbichlers 2011 erschienenem Roman, der sich am Schicksal einer bayerischen Wirts- und Bauernfamilie durch das Dickicht des 20. Jahrhundert schlägt. In ihrer Bühnenfassung konzentriert sich Anna-Sophie Mahler ganz auf die Familie und vor allem auf zwei Generationen: den „jungen Seewirt“, der, nachdem der ältere Bruder aufgrund einer Kriegsverletzung ausfällt, die Sängerkarriere aufgibt und den Hof übernimmt, und seinen Sohl, der mit der Familie fremdelt und im Internat missbraucht wird. Verdrängung (auch der Vater schleppt aus seinem, dem zweiten Weltrkrieg, eine große Schukd mit sich herum) und Schuld sind die Kernthemen dieser Geschichte und natürlich sind sie auch jene des ganzen, „deutschen“ 20. Jahrhunderts.

Bild: Judith Buss

Bild: Judith Buss

Der Abend beginnt mit einem Tod und er wird mit weiteren enden. Der alte Seewirt wird zu Grabe getragen. Zu Beginn sitzen die sechs Darsteller*innen auf alten Holzstühlen inmitten des hellen, einen funktionalen Wirtshausraum andeutenden Bühnenkastens (Bühne: Duri Bischoff) und singen. Das erste Stück aus Johannes Brahms‘ Ein deutsches Requiem. „Selig sind, die da Leid tragen“ singen sie, mit brüchiger Stimme, bevor der Chor des Jungen Vokalensembles München einstimmt und den persönlichen Verlust, den Kampf mit dem Ende auf eine höhere, allgemeinere Ebene hebt, jene der Kunst. Brahms‘ Werk bindet das Rückgrat der Inszenierung, die sich als „Musiktheater“ bezeichnet (neben dem Chor kümmern sich zwei Pianisten und ein Paukist um das Musikalische“). Das ist so natürlich nicht ganz richtig. Mittelreich ist in erster Linie Sprechtheater, bei dem die Musik eine wichtige strukturierenden Rolle spielt. Die unauflösliche Verschränkung von Spiel, Narration und Musik, die sich bei Theatermachern wie David Marton oder zum Teil bei Christoph Marthaler findet, fehlt dem Abend, an dem Ein deutsches Requiem vor allem dazu dient, das Thema zu setzen und die atmosphäre zu verstärken.

Mahler inszeniert Mittelreich als Erinnerungsstück. Die von Trauer, Schmerz, Vergeblichkeit menschlichen Strebens, aber auch Hoffnung kündende Musik dient als Türöffner. Sie zwingt zur Reflexion über das Vergangene, das Mahler dann auf durchaus subtile Weise auf die Bühne bringt. Dominiert zunächst noch ein narrativer Tonfall, übernehmen bald Spielszenen einen Großteil der Erzählung. Und doch bleibt da stets die Distanz, die aus dem Grunddiktum erwächst, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Verdrängung als Erbsünde. Und so wird immer wieder monologisch über physisch Anwesende gesprochen (vor allem vom Sohn über die Eltern), ohne dass es zu irgendeiner Form des Austausches käme. Man lebt aneinander vorbei, geleitet vom Motto, jeder sei seines Glückes Schmied. Leid ist selbstverschuldet und allein zu bekämpfen. Und allein sind sie, selbst wenn es einmal zu einer Aussprache kommt wie gegen Ende zwischen dem Seewirt und seiner Frau. Das Gespräch ist eigentlich ein Monolog: Der Mann spricht, sie Frau hört zu. Später wird auch sie sich ihrer Gedanken entledigen, doch da ist er längst nicht mehr im Raum.

Mahler spaltet die Figuren auf: Vater und Sohn gibt es je zweimal. Die jüngeren Versionen spielt Thomas Hauser, die älteren Stefan Merki (Vater) und Steven Scharf (Sohn). Merki gibt auch den Großvater. Sie wechseln zum Teil mitten in der Szene die Rollen, wie auch Alterungsprozesse sich in Sekunden vollziehen. Auch die Bühne kennt diese Gleichzeitigkeit: Irgendwann wird ihr hinterer Teil geöffnet. Er spiegelt den vorderen, doch bröckelt hier der Putz, sind die Deckenlampen defekt. Gestern und Heute, schöner Schein und Verdrängtes – sie lassen sich nicht trennen. Oft sind beide Söhne gleichzeitig auf der Bühne, wobei meist einer (in der Regel Scharf) abseits steht oder sitzt. Vergangenheit und Gegenwart greifen ineinander, die Zeit beschreibt eine Kreisbewegung, am Ende ist der Anfang wieder erreicht. Der Blick von außen und das Erleben im Inneren sind nicht zu trennen. Echte Nähe gibt es nicht, der nach ihr Strebende bleibt außen vor.

Eine weitere Stärke des Abends ist seine Unaufgeregtheit. Ausbrüche gibt es kaum und wenn, dann wirken sie umso stärker. Der emotionale Kern gehört der Musik, insbesondere der b-Moll-Satz „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ vermag zu erschüttern. Doch die Figuren bleiben stoisch, starr. Mutter Theres (Annette Paulmann) ist die harte Pragmatikerin, die selbst dann vernünftig und sachlich klingt, wenn sie gegen Flüchtlinge hetzt. Der Seewirt schwankt zwischen aggressiv affirmatiiven Phrasen von der Bürde des Besitzes und Momenten lähmender Grübelei. Er hat zu viel vom Tod partizipiert, als dass er wirklich leben könnte und muss doch die Fassade des starken Mannes aufrecht erhalten. Wenn er am Ende von dem unfassbaren Verbrechen berichtet (die Erzählung wirkt allerdings etwas unmotiviert und kommt aus dem Nichts), an dem er im Krieg beteiligt war, tut er das mit ruhiger Stimme. Scharfs Sohn Semi dagegen presst seine Missbrauchsgeschichte wie im Stakkato heraus, mechanisch, wie ein Automat. Weitermachen können sie. Aber leben? wie geht das eigentlich?

Die Geburt der Erinnerung aus der Kraft der Musik ist das Kernthema des Abends und es trägt ihn über weite Strecken. Die Inszenierung ist konzentriert in ihrem ruhigen und distanzierten Blick auf den Tod, der natürlich stets das Leben meint. Sie hat einen zwingenden, stillen Rhythmus, der Leerstellen will, Momente der Stille und des Stillstands, in denen der Mensch aufhört zu funktionieren und das Verdrängte einbricht. Doch bleibt stets der Grundton der Vernunft bestehen. Jeder ist so vernünftig und pragmatisch, dass man schreiben will. Doch das tut nur die Musik, die verhandelt, was die Figuren verweigern. Natürlich erzählt Anna-Sophie Mahler in der Familiengeschichte die größere dieses Landes in seinem Jahrhundert von Schuld und Schrecken. Und sie tut das – mit Ausnahme des Schlusses, der dann doch sehr platt pessimistisch daherkommt – ohne Pathos, ohne Zeigefinger, ohne Urteile zu fällen. So stringent das ist, so sehr stellt sich am Ende doch der Eindruck ein, es fehlte etwas. Vielleicht ist es die formale Strenge und Radikalität, die frühere Theatertreffen-Einladungen der Münchner Kammerspiel in der Intendanz Johan Simons‘ – Mittelreich ist die erste in der Ära Matthias Lilienthal – auszeichnete. Vielleicht liegt es daran, dass das Verhältnis von Text und Spiel sowie Musik angespannt und ungeklärt bleibt? Oder daran, dass die Antworten, die der Abend an seinem Ende findet, zu einfach sind, dass die Erinnerung zu wenig mehr als Binsenweisheiten führt? Es bleibt Theater, das interessante Perspektiven eröffnet, ohne sie ganz auszuschöpfen, das zwingt zuzuhören, ohne stets genau zu wissen, was es zu sagen hat. Das ist einiges mehr, als das, was so manche andere Inszenierung beim Theatertreffen zu bieten hat.

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