Hundewelpen im Paradies

Theatertreffen 2017 – Olga Bach: Die Vernichtung, Konzert Theater Bern (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Das Paradies ist verloren, schon bevor wir den ersten Blick darauf werfen konnten. Dunkel bleibt die Bühne, nur zaghaft kämpft sich fahles Licht durch den Neben, während Johannes Brahms‘ Ein deutsches Requiem ertönt. „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“. So erschütternd klar hat wohl kaum einer die Erkenntnis der menschlichen Vergänglichkeit jemals in Töne gesetzt. Bei Ersan Mondtag werden diese nun zum Soundtrack des Zuendegehens. Noch bewegt sich die Schaukel in Erinnerung an gerade noch präsentes – oder imaginiertes? – Leben, doch ansonsten bleibt es leer, das Paradies, mit seinem schilfumrandeten Teich, den antiken Statuen – darunter eine Büste des Regisseurs, der gern mit seiner Eitelkeit kokettiert – den Bäumen und Blumen und der schwingenden Schaukel ist leer. Und künstlich. Der aufgemalte Himmel entpuppt sich als abstrakte Farbflächen, alles ist ein wenig zu perfekt, zu bunt, zu schön zu lebendig. Nein, Leben ist hier keines, auch nicht nachdem wie in einem Schöpfungsakt ein kuppelartiges Eingangstor vier nackte Menschenwesen in den Garten spuckt. Nackt? Ja und nein. Denn die Haut, die baumelnden Genitalien sind hauchdünne Anzüge, grell bemalt wie die Gesichter. Expressionistische Zerrbilder unschuldiger Menschenwesen.

Bild: Birgit Hupfeld

Die zunächst starr in der Torkuppel stehen bleiben, dann beginnen, in kreisartigen Bewegungen den Körper schwingen zu lassen oder federnden Schrittes hin- und herzulaufen. Puppenhaft wirkt das, roboterhaft, eine grelle Parodie des Authentizitätswahns unserer Zeit. Alles soll echt sein und gerade diese Forderung macht es künstlich, lässt „Echtheit“ zum Produkt mutieren, das sich herstellen, vermarkten, kaufen, konsumieren lässt. Womit wir beim Text wären. Denn was diese Gestalten sprechen, ist ein formalisiertes Kammerspiel einer gelangweilten Generation, die sich zu Tode arbeiten, dies mit noch exzessiverem Nacht- und Privatleben kompensieren und doch sehr genau wissen, dass sie sich nirgendwo hinbewegen, dass sie funktionieren, aber nicht leben. Man spricht über den Zustand der Welt, ergeht sich in Verschwörungstheorien und Hass auf die Menschheit, ertränkt einen Hundewelpen, plant terroristische Anschläge, nimmt Drogen, geht aus. Immer dabei: das Gefühl, nichts zu bedeuten. Hedonismus als Notwehr, Wutbürgertum als Waffe. Das alles führt zu Resignation, vor allem aber zu Aggression. Gegen sich selbst, einander und die, die nicht zum eigenen Kreis dazugehören. Diese sind die vierte Figur, die hier immer dabei ist aber vor allem das „Andere“ zu sein hat, das, wogegen man sich abgrenzen kann. Mal ist er Hund, mal „Fremder“, mal Kellner, Therapeut, Kollege, am Ende Dealer. Immer jedoch ist er Reibungs- und Projektionsfläche, Ventil, Zielscheibe für Spott, Verachtung, Begehren.

Der Text ist wenig mehr als eine nette Fingerübung in mehr oder minder plakativer Gesellschaftskritik. Ihr Ziel ist die Welt der Intellektuellen aus der Milleniumsgeneration und um sie herum: apathisch, sich feige abwendend von politischer Betätigung, ihre Frustration in Welt- und Menschenfeindlichkeit ertränkend. Er ist auch eine Skizze über die Entstehung radikaler Gegenentwürfe: Die vermeintliche Erkenntnis zunehmender Leblosigkeit einer demokratisch-liberalen Gesellschaft führt dazu, dass Handeln und eigenständiges Denken nur noch außerhalb dieses Konsenses möglich erscheint. Dass der derzeitige Rechtssruck durchaus auch in intellektuellen Kreisen um sich greift und nicht zuletzt die gute gebildete Jugend einschließt (man denke an die „Identitäre Bewegung“), wird gern ignoriert. Olga Bachs Text, entstanden als Stückentwicklung mit Regisseur und Ensemble, erlaubt einen, wenn auch gröberen Blick darauf.

Doch der Text ist nicht der Star dieses Abends, er ist Material, Vehikel, Ausgangspunkt. Mondtag spinnt ihn weiter, lädt ihn auf, übersetzt ihn in Bilder – und verwirft ihn zugleich, zerknüllt ihn, spielt ein wenig damit und wirf ihn dann weg, wie die Weltkugel, mit der zwei der Figuren kurz spielen und die dann im Teich landet. Im Mittelpunkt steht die Dissoziation von Sprache und Spiel, Sprechen und Handeln. Keiner der textlichen Inhalte findet sich im Spiel, die Körper reden andere Sprachen als der Text. Es ist stets das gleiche, eingeschränkte Bewegungsrpertoire, das sich nicht beeinflussen lässt vom Text. Und doch ähnliches sagt: Wie die textlichen Diskursschleifen um eine leere Mitte kreisen, wenig mehr sind, als zynisch verweigerndes Geplapper, sind die Körper fremdgesteuerte Automaten, entindividualisiert, groteske Maschinenmenschen, deren moralische und gedankliche Leere sich spiegelt im Zwang der sinnentleerten Bewegungen, die Leben, Dynamik, Anmut ausdrücken wollen und zu Versatzstücken verkommen, ihrer Bedeutung beraubt und dadurch grotesk entstellt. Bildschirmrauschen legt sich über die bunte Künstlichkeit, Technoklänge schwellen an, die Körper erstarrt in einem Dazwischen von Aufbegehrenspose (die erhobene Faust) und kollektiviertem Marschieren, zwischen Ego-Wahn und Auflösung in der Masse, zwischen Freiheitsbehauptung und totalitärem Gegenschlag. Das „Andere“ ist stets dabei, als Mitgezogener und Gegner, als Opfer oder Feind, als Mitstreiter oder Sexualobjekt. Es wird mechanisch kopuliert und man bleibt doch ganz bei sich.

Jede dieser Figuren bleibt Insel, verweigert die Gemeinschaft mit dem anderen so wie auch die Gruppe sich jener mit der Außenwelt verschließt. Dies ist der Kern von Bachs Text und wird von Mondtag in eine grell absurde visuelle-akustische Sprache übersetzt, die dem Expressionismus ebenso huldigt wie dem Absurden, die so weit weg ist wie möglich vom Pseudorealismus des Textes, die dessen zwanghafte Mechanisierung des Ich-Wahns  bloßstellt in einer rauschhaften Endzeitvision inmitten eines menschengemachten pervertierten Paradiesen. wenn sich der Vierte am Ende zu Beethoven häutet, seine Rolle abzieht, sich ins reinigende Wasser stürzt und balletthaft über die Bühne schwebt, die erstarrten Masken der anderen zurücklassend, dann ist das keine Hoffnungsvision, sondern ein letztes bitteres Aufbäumen des Authentizitätszwangs und des Individualismuskults unserer müde gewordenen Zivilisation.

Das „wahre Gesicht“, der „eigene“, nicht mehr fremdbestimmte Körper – sind das nicht die Maximen jener Jans und Julias und Tobiasse, die sich selbst für absolut erklären und dadurch die Welt verlieren und am Ende sich? Es gibt im deutschsprachigen Theater kaum einen schärferen Ankläger einer Gesellschaft – und vor allem ihres intellektuellen Teils – die sich so sehr in Selbtsbespiegelung verloren haben, dass sie die Welt bestenfalls als irrelevant abgehakt haben und damit denen, das Feld überlassen, die diese davonfegen wollen. Und die zugleich, sich ihnen anzuschließen als letzte Handlungsmöglichkeit zu erkennen glauben. In Tyrannis, zu sehen beim  Theatertreffen 2016, hatten die Darsteller die Augen geschlossen. Die Vernichtung versucht sie aufzureißen, vor allem die unseren, jene der Zuschauer – mit einer so totaltheatralen Poesie – visuell, akustisch, musikalisch, darstellerisch, textlich – wie wohl kein zweiter Regisseur seiner Generation. Man kann das feiern oder ablehnen – die Buhrufe bei der Theatertreffen-Premiere waren unüberhörbar. Ignorieren kann man es nicht.

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