Musikfest Berlin 2026 – Das WDR Sinfonieorchester unter der Leitung von Kent Nagano mit einer Uraufführung von Yvonne Loriod
Von Sascha Krieger
Die Erwartungshaltung ist fast mit Händen zu Greifen in der Berliner Philharmonie: Es kommt selten vor, dass ein werk Uraufführung hat, das bereits mehr als 80 Jahre alt ist. An diesem Abend ist es so weit: Die Entdeckung der einst gefeierten Pianistin Yvonne Loriod setzt sich beim Musikfest Berlin fort. Nach einigen Kammermusikstücken erblickt erstmals ein Orchesterwerk der künstlertin das Licht eines Konzertsaals. Und was für eines: In La Sainte Face erkundet Loriod 90 Minuten lang klanglich und musikalisch das Antlitz Jesu, ausgehend vom Turiner Grabtuch, dessen Nachbildung in den letzten Tagen vor der Befreiung Frankreichs im Sommer 1944 in der Kirche von La Garenne ausgestellt wurde. Gewidmet ist das Werk nicht diesem Ereignis, sondern auch dem dem jungen Komponisten Jean Claude Touche, ein Kommilitone Loriods am Pariser Konservatorium, der als Sanitäter am letzten Tag der Kämpfe um Paris von einer deutschen Kugel verwundet wurde und wenige Tage darauf im Alter von 18 Jahren starb. Drei kurze Orgelwerke Touches (Trois pièces pour orgue) erklingen denn auch in der ersten Konzerthälfte, vorgetragen vom britischen Organisten Henry Fairs. Irrlichternd flüchtige Stücke sind das, mal glitzern hell tropfend, mal zart melodisch wandernd, später erdiger suchend, im Schlussstück nach historischem Vorbild von brüchiger Feierlichkeit, nervös angespannt, gegen Ende tänzelnd irrlichternd, zum Schluss düster schroff. Kantik träumende Fragmente aus einer Zeit am Abgrund.









