Terror, glutenfrei

Georg Büchner: Dantons Tod, Schaubühne am Lehniner Platz (Studio), Berlin (Regie: Peter Kleinert)

Von Sascha Krieger

Die Revolution ist ein Rocksong. Punkrock, um genau zu sein, oder doch besser eine schöne Bluesnummer? Wie wäre es mit etwas Elektropop? Ach ja, ein Klavier ist auch da. Sprechen wir doch einfach durch die Musik. Was, die Angebetete versteht “Ich liebe dich wie mein Grab” nicht als Kompliment? Moment, schnell die Gitarre hervorgeholt, einen Song geschrieben und schon sagt sich alles viel besser. Und selbst wenn die Angesprochene noch immer schmollt – dann haben wir immerhin einen coolen Song gehört. Und schreit “French Revolution 1989” nicht gerade nach einem Rap oder einem schmissigen Gitarren-Riff? Neun Studierende der Hochschule für Schauspielkunst “Ernst Busch” versuchen sich an Georg Büchners Revolutionsdrama Dantons Tod und machen es zum Rockkonzert. Mit zuweilen mehr Enthusiasmus als Talent – das Gitarrenspiel Jonas Dasslers oder die Klavierkünste Esra Schreiers mal ausgenommen – schrammelt man sich durch Gesellschaftliches und Persönliches. Die Idee, den zaudernden Danton jedesmal zur Gitarre greifen zu lassen, wenn er eigentlich handeln sollte, ist nett, Musik als eskapistische Verweigerung einer Entscheidung, einer Handlung, einer Parteinahme. Das ist hübsch gedacht und wäre um einiges wirksamer, wenn der Abend diese Bewegung nicht selbst nachvollzöge.

Bild: Gianmarco Bresadola

Bild: Gianmarco Bresadola

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Akte des Widerstands

Samuel Beckett: Enspiel, Berliner Ensemble (Regie: Robert Wilson)

Von Sascha Krieger

“It must be nearly finished!” Immer und immer wieder drischt dieser Satz, vermeintlich aus dem Nichts heraus gebrüllt, auf den Zuschauer ein. Standbilder dazu, ein Mann in erstarrter Pose, wechselndes Licht, nur kurz die Dunkelheit durchbrechend. Ein kramphaftes, zwanghaftes Weiter-so, gegen den eigenen Willen. Denn der Mensch, das wusste Samuel Beckett, kann nicht einfach Schluss machen, selbst dann, wenn er von der Sinnlosigkeit seiner Existenz überzeugt ist. Die existenzielle Verzweiflung dieser Erkenntnis treibt vor allem Becketts frühe Stücke um, seine Bühnenerfolge, auch und gerade das Endspiel. Robert Wilsons Beginn gibt dieser existenziellen Not einen Resonanzraum, ein Klang-Licht-Bild-Stakkato, das wehtut, das den Zuschauer trifft wie die Faust ins Gesicht, ihn anspringt mit einer Wucht und Wut, die man vom Bildermaler und Abstrahierer Wilson gar nicht erwartet. Hier bei seinem eigenen Endspiel am Berliner Ensemble, outet sich der Theaterexpressionist als Mischung aus Existenzialist und Optimist. Es ist eine seltsame, zuweilen explosive, aber ungemein aufregende Mixtur, die Alchimist Wilson da anrührt. Ein kurzer, mitunter fast beiläufiger Abend. Und sein vielleicht stärkster am BE.

Bild: Lovis Ostenrik

Bild: Lovis Ostenrik

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Lachen am Abgrund

Frank Peter Zimmermann und die Berliner Philharmoniker unter Alan Gilbert spielen Werke von Adams, Bartók und Tschaikowski

Von Sascha Krieger

John Adams ist in diesem Jahr “Composer in Residence” der Berliner Philharmoniker. Dies erfordert natürlich, dass Werke des amerikanischen Komponisten regelmäßig in Konzertprogrammen auftauchen. Das lässt sich auf unterschiedliche Weise anstellen: Man kann sie in den Mittelpunkt stellen, wie zuletzt beim Musikfest Berlin geschehen, als Adams selbst ein ganz aus eigenen Werken bestehendes Programm leitete – oder man wählt eine Variante, wie man sie bei zeitgenössischer Musik leider immer noch viel zu oft erlebt: Man verpackt möglichst kurze, idealerweise nicht zu sperrige Werke in ein Programm, in dem Traditionelleres dominiert, als keine Extras oder Appetitanreger. Alan Gilbert, Adams’ Landsmann und noch Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra, hat sich für letzteres entschieden. Er stellt zwei kurze Werke Adams’ – vier und sechs Minuten lang – an den Anfang der beiden Konzertteile, als möglichst verdauliche und zumindest nicht allzu störende Vorspeisen.

Alan Gilbert (Bild: Chris Lee)

Alan Gilbert (Bild: Chris Lee)

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Politik im Tigerkäfig

Jean-Paul Sartre: Die schmutzigen Hände, Residenztheater (Cuvilliéstheater), München (Regie: Martin Kušej)

Von Sascha Krieger

Die Politik ist ein Gefängnis. Ein doppeltes sogar: Stefan Hageneier hat zwei Stahlkäfige – einen kleineren innerhalb eines größeren – auf die altehrwürdige und tagsüber museale Bühne des Cuvilliéstheaters gestellt, allein das schon eine spannende Kombination. Aus der Martin Kušejs Abend genauso wenig macht wie aus so manch anderer Gelegenheit. Politisch gibt sich der Intendant in seiner Spielzeiteröffnungsinszenierung, mit Jean-Paul Sartres Lehrstück (nicht im Brechtschen Sinn) über den Grundkonflikt zwischen Realpolitik und Ideologie, Pragmatismus und Prinzipientreue. Kein abseitiger Stoff in einer Zeit, in der Ideologien ihre meist nicht besonders angenehm anzuschauenden Köpfe erheben und in der ideologische Reinheit – wie gerade nicht nur in den USA zu erleben – wieder zu einem politischen Wert zu werden droht und in der Konsens und Kompromiss immer öfter zu Verrat umgedeutet werden. Da könnte der totalitäre Kommunistenführer Hoederer, der sich mit dem politischen Gegner zu verständigen sucht, um Frieden zu schaffen, schnell zum Vertreter westlicher Demokratie umgedeutet werden, dem die Verfechter der Absolutheit ihrer spezifischen Ansichten von links wie (vor allem) rechts gegenüberstehen – in ihrer zynisch-machtbesessenen (Louis) wie ihrer naiv-idealistischen Variante (Hugo).

Bild: Julian Baumann

Bild: Julian Baumann

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Im Kasperletheater der Geschichte

Peter Weiss: Marat / Sade, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Am 8. November 2016 wäre Peter Weiss 100 Jahre alt geworden. Das HAU hat ihm deshalb zu Spielzeitbeginn ein ganzes Festival gewidmet, am Deutschen Theater, das sich in diesem Jahr mit den Spielzeitmotto “Keine angst vor Niemand” betont politisch gibt, reicht es immerhin für eine Neuinszenierung im großen Saal. Dass die Wahl dabei auf Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade – der vollständige Titel sollte einmal genannt sein – liegt, ist doppelt erklärlich. Zum einen ist das Stück neben Die Ermittlung zweifellos Weiss’ bekanntestes und populärstes – zum anderen passt es wohl auch am besten in unsere Zeit. Mit der – fiktionalen – Konfrontation des Revolutionärs und Verfechter gesellschaftlicher Bewegungen Jean Paul Marat und des radikalen Individualisten Marquis de Sade zielte Weiss sehr deutlich auf die Restorations- und Verdrändgungsbemühungen Nachkriegsdeutschland. In einer Zeit, in der sich so mancher berechtigt fühlt, auf Weiss’ Frage “Wer ist das Volk!” mit einem exklusiven “Wir!” zu antworten, in dem Geschichtsvergessenheit und Schlussstrichverlangen sich erneut mit gesellschaftlich sanktioniertem Egoismus paaren, schreit das Stück geradezu nach einer neuerlichen Hinterfragung.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Es ist kompliziert

andcompany&Co.: Not my revolution, if…: Die Geschichten der Angie O., Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin

Von Sascha Krieger

“Merry crisis and a happy new fear!” Einen Monat vor Weihnachten haben andcompany&Co. die passende Botschaft zum Ende eines Jahres im Gepäck, das von nicht wenigen als beinahe apokalyptisches empfunden wird: Brexit, Trumps Wahlsieg, die Etablierung der AfD, ein möglicher rechtsextremer Bundespräsident in Wien, dazu reihenweise Todesfälle kultureller Ikonen – so mancher literarische Fundamentalist würde den Literaturnobelpreis für Bob Dylan auf diese Liste setzen – das Gefühl, dass die Welt, wie wir sie kennen, vor dem Ende steht, ist weit verbreitet. Und Gefühle sind wichtig, vielen offenbar wichtiger als Tatsachen – nicht umsonst ist “postfaktisch” kürzlich zum Wort des Jahres erkoren worden. Die Krise, daran erinnern andcompany&Co., ist natürlich keine neue. Sie begann, wie uns Claudia Splitt in einem schmissigen Sprechgesang vorträgt, spätestens im Jahr 1929, wiederholte sich seitdem in schöner Regelmäßigkeit und will mittlerweile gar nicht mehr weggehen. Die Krise, das ist natürlich jene des Kapitalismus, Grundübel der Menschheit, Wurzel alles Bösen, man kennt das.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Im Reich des Absurden

Love it or leave it! Ein Projekt von Nurkan Erpulat & Tunçay Kulaoğlu, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

Menschen sitzen in einem irgendwann einmal liebevoll eingerichteten Zimmer mit depressiv dunkelblauer Tapete. An der Wand Bilder ehemaliger Präsigenten. Das Zimmer ist nach hinten verjüngt, eine klaustrophobische Zelle, aus der zu entrinnen nur Illusion bleiben kann. Die Menschen: reglos, Tee trinkend, das einzige Geräusch der traurige Chor gegen Glas schlagender Löffel. In der Mitte ein Abgrund, aus dem Dampf aufsteigt. Eine Frau hat eine Schlinge um den Hals. Nichts passiert. Irgendwann schlägt ein Mann auf der Orgel in der Ecke ein paar Töne an, immer die gleichen. Mechanisch, wie aufziehbare Puppen, beginnen die Gestalten zu tanzen. Ausdruckslos, gequält. “The End” von den Doors, in Musik gegossener Weltekel, bricht ab, hebt wieder an, zwingt die zunehmend frustrierten Gestalten dazu, sich wieder ihren vorgegebenen Bewegungen zu ergeben. Irgendwann wird alles zu viel, beginnen sie den Raum zu zerlegen, nur um ihn gleich darauf, resigniert wieder herzurichten.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

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Der spinnt, der Beethoven

Sir Roger Norrington dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin mit den achten Symphonien von Mozart, Vaughan Williams und Beethoven

Von Sascha Krieger

Es geschieht am Ende des Kopfsatzes von Ludwig van Beethovens Symphonie Nummer 8: Da dreht sich Sir Roger Norrington, der Satz ist gerade ziemlich unvermittelt zu Ende gegangen, zum Publikum, sein spitzbübisches Lächeln im Gesicht und führt den Zeigefinger an seine Schläfe. Der spinnt doch, der Beethoven. Drei achte Symphonien hat Norrington auf das Programm gesetzt, Mozarts und Beethovens umrahmen die von Ralph Vaughan Williams, durch dessen gesamtes symphonisches Werk Norrington und das DSO sich seit einiger Zeit arbeiten. Das erscheint wie eine willkürliche, vielleicht auch ironische Setzung, doch am Ende dieser knapp zwei Stunden hat der sanfte Brite wohl auch den letzten Zuhörer überzeugt: Dieses musikalische Zahlenspiel ergibt Sinn. Drei Werke, die herausstechen, die kaum hineinpassen wollen, in das symphonische Gesamtwerk ihrer Schöpfer, Werke voller Brüche und Wendungen, die den Hörer herausfordern, auf falsche Fährten locken, sich und ihre Gattung hinterfragen. Drei werke, deren Grundprinzip der Kontrast ist, der Widerspruch, das Aufeinanderprallen des Gegensätzlichen.

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (Bild: Kai Bienert)

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (Bild: Kai Bienert)

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Schubert in der Volkshochschule

Iván Fischer dirigiert ein reines Schubert-Programm beim Konzerthausorchester Berlin

Von Sascha Krieger

Mit Marathons kennt man sich am Konzerthaus Berlin bestens aus. Die Strecke des “richtigen” führt jeden September am Haus vorbei und auch künstlerisch hat man sich vom  Langstreckenrennen inspirieren lassen. Es war eine der ersten Amtshandlungen des neuen (und jetzt bald wieder ehemaligen) Chefdirigenten Iván Fischer, einen ganzen Tag einem Komponisten zu widmen. Den Anfang machte Beethoven, Mozart, Bach und Dvořák haten seitdem die Ehren und nun also Franz Schubert. Kernstück des “Marathons” ist stets ein Konzert des Konzerthausorchesters unter Leitung seines Chefdirigenten, das sich auch schon vorab zweimal hören lässt, bevor es am Marathon-Tag (in diesem Jahr Sonntag, der 20. November) zum letzten Mal erklingt. Für die Schiubert-Ausgabe hat sich Fischer zwei programmatische Eckpfeiler gesetzt: Erstens sollten es nicht die ganz bekannten Werke des Wieners sein, zweitens sollte das Programm das gesamte Spektrum des Komponisten reflektieren. Am Ende stehen fünf Werke: eine Tanz-Suite, ein Lied, ein solistisches Konzertstück, eine Ouvertüre und eine Symphonie. So weit, so repräsentativ.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

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Leerstück mit Untoten

Bertolt Brecht: Untergang des Egoisten Johann Fatzer, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist der Fatzer unaufführbar. Das wusste schon sein Autor, weshalb Bertolt Brecht, den Plan, aus der 400-seitigen Materialsammlung ein Theaterstück zu machen, irgendwann aufgab. So bleiben unzählige Seiten Papier und nur einige wenige ausgearbeitete Szenen. Und natürlich wurde der Versuch, den Stoff theatertauglich zu machen, trotzdem immer wieder unternommen, am einflussreichsten sicher durch Heiner Müller, bei dem die Gleichzeitigkeit von Theater und seiner Verweigerung zu so etwas wie seinem Markenzeichen wurde. Und natürlich kennen auch Tom Kühnel und Jürgen Kuttner das Dilemma, wenn sie den Fatzer jetzt auf die DT-Bühne hieven. Das ist durchaus logisch, schließlich sieht sich das Duo als Text- und Stoffhinterfrager, nimmt die Reflexion über das, was sie da tun stets einen wichtigen Platz in ihren Arbeiten ein. Beim Fatzer ist die Dekonstruktion des Materials als Untersuchungsobjekt zum Grundprinzip, die Bühne der Kammerspiele zum Labor, in dem der Textkörper seziert und auf Lebenszeichen hin abgeklopft wird.

Kammerspiele und Box des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

Kammerspiele und Box des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

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