Im Labor

Mariss Jansons und Jewgenij Kissin zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Mariss Jansons am Pult der Berliner Philharmoniker: Einmal im Jahr, meist nahe seines Anfangs, hat das Berliner Publikum Ehre und Freude, den Letten, der schon lange mindestens zu den besten seiner Zunft zählt, zu erleben. Und es sit fast so etwas wie ein Familientraffen: Bald 48 Jahre ist es her, dass Jansons erstmals hier gastierte, seit letztem Jahr ist der schüchtern lächelnde Herr Ehrenmitglied des Orchesters. Auch sein Solist ist ein alter Bekannter: Mit 17 spielte Jewgenij Kissin erstmals mit den Philharmonikern – Karajan selbst hatte das „Wunderkind“ eingeladen. Auch das ist jetzt mehr als 30 Jahre her. Auch wenn die Besuche rarer geworden sind – zuletzt war Kissin Silvester 2011 zu Gast – eine solche Konstellation ist wie ein Treffen alter Freunde. Bei dem man auch schon mal von etablierten Regeln abweichen kann. So stellt Jansons das längste, bekannteste (und jüngste) Werk an den Anfang und beendet das Programm mit dem kürzesten, einer Ouvertüre zudem. Mariss Jansons‘ Humor ist so fein wie seine Subversivität – kaum merklich, doch umso wirkungsvoller.

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Mariss Jansons dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Wer eintritt, bleibt draußen

Susanne Kennedy und Markus Selg: Coming Society, Volksbühne Berlin (Regie: Susanne Kennedy)

Von Sascha Krieger

„You are the player.“ Theater hat ja auch etwas mit Erwartungshaltungen zu tun. Sie zu erfüllen, zu übertreffen gar oder ihnen auch zuwider zu laufen. Susanne Kennedys neue, gemeinsam mit dem bildenden Künstler Markus Selg entstandene Arbeit Coming Society spielt das Erwartungsspiel von Beginn an. Das beginnt damit, dass der Zuschauer zum Spieler, zum Mitspieler wird. Nach ein paar Minuten im Zuschauerraum wird er gebeten, die Bühne zu betreten, durch ein buntes, mit geometrischen Formen und verzerrten menschlichen Körperteilen bemaltes Tor, hinein in eine andere, virtuelle und zugleich plastisch und physisch reale Realität. Um ein Spiel geht es, erfahren wir schnell. Nicht irgendeines natürlich, sondern ein unendliches, eines, dessen einziges Ziel ist, weiterzugehen. „Welcome to the human game being played by nature“, raunt eine Stimme. Und will uns hineinholen in einen psychedelischen Parkours mit mehreren Stationen. In der Mitte die „Mother Station“, ein kreisrunder Raum, der statisch bleibt, während sich die Bühne erdengleich ohne Unterlass dreht. Darin die Weltachse, die „Axis Mundi“, irgendwann Ausgangspunkt eines rätselhaften schamanischen Rituals. Darum weitere Stationen: eine Pyramide, kuppelartige Räume, ein Tor, Mini-Bühnen. Ausgestaltet mit Motiven menschlicher Entwicklung, archaischen Zeichen, Naturszenen, kosmischen Motiven und allerlei Biologismen wie Skelettcollagen.

Bild: Julian Röder

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„Ich bin hier das Relikt“

Jutta Wachowiak erzählt Jurassic Park. Ein Theaterabend von Jutta Wachowiak, Eberhard Petschinka und Rafael Sanchez, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Rafael Sanchez)

Von Sascha Krieger

Basstief erfüllen Erschütterungen die kleine Box des Deutschen Theaters, bedrohliche Klänge dräuen, Nebel wabert. Dann öffnet sich die Tür und heraus tritt eine eher zierliche Frau Ende 70. „Guten Abend“, sagt sie, „Ich bin hier das Relikt.“ Über 30 Jahre war Jutta Wachowiak nicht weg zu denkender Teil, ja Star des Ensembles dieses Theaters. Dann kam, was sie den „Umbruch“, andere „Wende“ nennen. Plötzlich galt sie als staatstragend, sie haderte mit dem neuen Land, dieses ignorierte sie, immer seltener wurde sie besetzt. Dann der Bruch, sie ging nach Essen, in die „Provinz“, betrat „ihr“ Deutsches Theater sieben Jahre lang nicht mehr, arbeitete mit jungen Regisseuren und entdeckte dabei ihre Freunde am Theater wieder. Einer von ihnen war Rafael Sanchez, der sie 2012 erstmals wieder am DT besetzte und ihr jetzt gemeinsam mit Autor Eberhard Petschinka einen Ein-Frau-Abend in der intimen kleinsten Spielstätte ihrer einstigen künstlerischen Heimat auf den Leib schneidert. Ein Abend, der zurückschaut, auf das eigene Leben, die Versäumnisse, die Kränkungen, aber auch die Neuanfänge, das Aufstehen nach so manchem Fall. Und er tut dies weder im Zorn noch ertrinkend in Nostalgie.

Bild: Arno Declair

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Aus dem Fundus

Bertolt Brecht: Die Antigone des Sophokles, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Veit Schubert)

Von Sascha Krieger

„Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheuerer als der Mensch.“ Welch Kosmos an Widersprüchen und Ambivalenzen liegt in diesen berühmte Zeilen aus Sophokles‘ Antigone, welch Lob und Kritik des Menschlichen, welch Liebe und Verachtung des Menschen – ein Satz, der nahe kommt, die menschliche Existenz in ihrer Größe und Nichtigkeit, ihrem Glanz und ihrer Niedertracht zu umfassen. In Veit Schubert Inszenierung erklingt der Monolog der Alten von Theben zweimal. Die deklamieren ihn in hölzern selbstgerechtem Ernst, während an anderer Stelle die Randexistenzen, die der Gesellschafter nicht voll Zugehörigen, die irgendwie aus dem normativen Roster fallenden, in letzter Gemeinschaft zusammensitzen und die Zeilen auf Englisch, mit Ukulele und Mundharmonika, als sanft melancholischen Folksong intonieren. Ein traurig hoffnungsvoller Gesang, ein behutsames ansingen der Möglichkeiten des Menschlichen, stehen staatstragender Leere, opportunistischer Phrasendrescherei eintgehen. Ein schöner, symbolhafter Moment voller poetischer Tiefe und spielerischer Offenheit an diesem eineinhalbstündigen Abend. Es wird der einzige bleiben.

Bild: Julian Röder

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Eine Tüte Zweifel

Nach dem Roman von Erich Maria Remarque: Die Nacht von Lissabon, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

„Irgendwo soll es doch bleiben. Wie es war. Wenigstens noch eine kleine Zeit.“ Es sind die letzten Worte, die Dimitrij Schaad an diesem Abend spricht. Und es könnten auch seine ersten sein. In Erich Maria Remarques Roman Die Nacht von Lissabon trifft ein mittelloser deutscher Emigrant in Lissabon, im Zweiten Weltkrieg für viele letzter Fluchtpunkt in Europa auf dem Weg nach Amerika, auf einen Österreicher, der ihm sein begehrtes Visum anbieten. Einzige Bedingung: Er muss sich eine ganze Nacht lang dessen Geschichte anhören. Die er so zumindest kurzzeitig bewahren will. Denn so wie das Vergessen irgendwann sein Leben tilgen wird, hat es die Emigration längst getan. Sein Leben ist ein Nichts, er ein Niemand. Ohne Heimat, ohne Namen, ohne Identität. Stets im Wartesaal, immer dazwischen. Nicht drinnen und nicht draußen, so wie die Parider Ringautobahn, auf der einst der Bataclan-Attentäter seinen Bus fuhr. Leere erfüllt auch die Bühne in Hakan Savaş Micans Bearbeitung im Berliner Gorki Theater. Ein Nirgends dieser Raum, dessen einziges Mobiliar – abgesehen von einem Aufbau für die vierköpfige Band – rechts vorn ein kleines Schreibtischchen mit Stuhl ist. Hier schreibt, erinnert, erfindet sich der Erzähler diese Leben im Zwielicht herbei, die verdrängten, nicht beleuchteten, an den Rand gedrängten.

Bild: Esra Rotthoff

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Offen geblieben

Kirill Petrenko dirgiert das Bundesjugendorchester in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Noch ist er nicht im Amt, da setzt Kirill Petrenko bereits Zeichen. Das Bundesjugendorchester, seit Jahrzehnten eine bewährte und wichtige Institution zur Förderung des Musiker*innen-Nachwuchses, steht seit 2013 unter der Patenschaft der Berliner Philharmoniker, deren Chefdirigent Petrenko ab der kommenden Spielzeit sein wird. Jugendarbeit im weitesten Sinne war ein Schwerpunkt der Arbeit seines Vorgängers Sir Simon Rattle. Seine Education-Projekte sind legendär, die Orchester-Akademie hat in seiner Amtszeit eher noch an Bedeutung gewonnen und die Patenschaft für das Bundesjugendorchester fällt ebenfalls in seine Ära. Wenn sein Nachfolger nun mehr als ein halbes Jahr vor seinem Amtsantritt das Orchester dirigiert, ist das auch ein Statement, nämlich, dass er sich Rattles Engagement verpflichtet fühlt und gewillt ist, es fortzusetzen. Dafür steht auch, dass er ausgerechnet Igor Strawinskys Le Sacre du printemps in den Mittelpunkt seines ersten Programms stellt, das Werk, das die Basis bildete für jenes Schüler*innen-Projekt von 2003, das im Film Rhythm Is It! verewigt wurde und längst Symbol der in die Gesellschaft greifende Rolle eines Spitzenorchesters geworden ist, wie Rattle es sich vorstellte.

Kirill Petrenko (Bild: Stephan Rabold)

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Life Is an Ocean

Film review: Roma (Director: Alfonso Cuarón)

By Sascha Krieger

It might not be a co-incidence that two of the three A festivals‘ winners in 2018 dealt with the question what it means to be a family. In Shoplifters, winner of Cannes‘ Palme d’or, Hirokazu Kore-eda lovingly portrayed a makeshift family breaking all of society’s rules to uphold one of its professed core values. In Alfonso Cuarón’s Roma, awarded with Venice’s Golden Lion, the family is more traditional: mother, father, four children – and a servant doubling as an improvised nanny. Cuarón looks back at his own childhood – and pays homage to his family’s real centre piece: Liboria Rodriguez, called Libo, to whom the film is dedicated, an indigenous woman working in the Cuarón household and more of a second mother to Alfonso and his siblings. Roma’s version is called Cleo but she, too, remains a steady presence in a world, big and small, in which certainty’s seem to be disappearimng at an alarming pace. The father leabves the family – not on a work assignement as pretended initially – but for another woman, while 1970 Mexico is rattled by civil unrest and the backlash from an increasingly authoritarian government.

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Narzissmus als Staatsform

Moritz Rinke: Westend, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Moritz Rinkes neues Stück ist kein Freund des Subtilen. Es stürzt sich mitten hinein in das, was der Autor für das gehobene (Bildungs?)Bürgertum der späten Bundesrepublik hält. Sinnentöleert, zynisch und dekadent geht es zu bei Schönheitschirurg (!) Eduard, seiner Frau Charlotte, einer eingeschränkt erfolgreichen Sängerin (Kunst!) und den Nachbarn Marek, ein erfolgreicher Filmregisseur (mehr Kunst!) und hauptberuflicher Möchtegern-Casanova, der aktuellen Freundin Eleonora, einer glücklosen Schauspielerin (noch mehr Kunst!) und der orientierungslosen Tochter Lilly, die aus lauter Rebellion Medizin (!) studiert. Und damit die ganze Wohlstandsverwahrlosung auch beim Publikum ankommt – und um die Balance zwischen Künstlertum und Medizin, der bürgerliche Berufsstand par excellence, herzustellen – bricht dann noch Michael, genannt Mick (ja, um die Rolling Stones geht es auch irgendwie) ein, ein Studienkollege und Freund Eduards, der gerade aus Afghanistan zurückkehrt, wo er für Ärzte ohne Grenzen arbeitete – also das idealistische Gegenstück des zynischen Eduard.

Bild: Arno Declair

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Kein Kehraus

Das Silvesterkonzert 2018 der Berliner Philharmoniker mit Daniel Barenboim als Dirigent und Solist

Von Sascha Krieger

Die Berliner Philharmoniker befinde sich in einem Übergangsjahr. Der alte Chefdirigent (Sir Simon Rattle) ist weg, der neue (Kirill Petrenko) noch nicht da. Das wird nirgends deutlicher als beim traditionellen Silvesterkonzert, das naturgemäß Chefsache ist. Gut, dass man Daniel Barenboim hat. Der Dirigent und Pianist ist dem Orchester seit 1964 eng verbunden und dies auch geblieben, obwohl er zweimal bei der Chefdirigentenwahl leer ausging. Das ist nicht selbstverständlich (man denke an Lorin Maazel). Schon einmal dirigierte Barenboim zum Jahreswechsel, das war 2001, in Claudio Abbados letzter Spielzeit in der Philharmonie. Dass trotz ausgebliebener offizieller Weihen dieses Orchester längst auch seines ist, zeigt sich an diesem Silvesterabend, vor den Augen und Ohren einiger versammelter Prominenz – vom Oscar-Gewinner (Christoph Waltz) bis zur Kanzlerin.

Daniel Barenboim dirigiert das Silvesterkonzert 2018 der Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Besser scheitern

Chefdirigent Andris Nelsons dirigiert die Konzerte zum Jahreswechsel des Gewandhausorchesters Leipzig mit Beethovens Neunter

Von Sascha Krieger

Zu den Konzepten, die in den vergangenen Jahren eine spürbare Aufwertung erfuhren, zählt zweifellos auch das Scheitern. In „Fail Nights“ erzählen Menschen Geschichten misslungener Ideen wie Erfolgsstories, in der Startup-Szene werden Entrepreneure längst schief angeschaut, wenn sie nicht mindestens eine Firma in den Sand gesetzt haben und im Sport ist das Comeback seit jeher interessanter als der unaufhaltsame Aufstieg in die Spitze. Das Beckettsche Motto, es immer wieder zu versuchen und immer besser zu scheitern, hat sich auch Andris Nelsons auf die Fahnen geschrieben. Was bleibt ihm auch anderes übrig? Der Lette gehört längst zu den besten Dirigenten unserer Zeit – doch ein wichtiges Puzzleteil fehlt ihm noch: Bislang gelang es ihm nicht, sich als ernsthafter Beethoven-Interpret zu etablieren. Nur leider ist der Mann mittlerweile Gewandhaus-Kapellmeister in Leipzig und zu dessen Aufgaben gehört ein jährlich wiederkehrendes Ritual, das den Leipzigern längst alle Welt nachmacht: die Konzerte zum Jahreswechsel. Mit der neunten Symphonie von Ludwig van Beethoven.

Andris Nelsons und das Gewandhausorchester Leipzig (Bild: Gert Mothes)

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