Mit beiden Füßen auf der Erde

Musikfest Berlin 2026 – Das London Symphony Orchestra unter der Leitung von Antonio Pappano mit Werken von Guibadulina und Bruckner

Von Sascha Krieger

Natürlich können das London Symphony Orchestra und sein Chefdirigent Antonio Pappano nichts dafür, dass ihr Gastspiel beim Musikfest Berlin ausgerechnet an dem Abend stattfindet, an dem eine rechtsextreme Partei erstmal in der Geschichte der Bundesrepublik eine Landtagswahl gewonnen hat. Und doch sind die Bestürzung und Ratlosigkeit, die insbesondere vor dem Konzert mit Händen zu greifen sind, mit im Raum, müssen die Werke von Sofia Gubaidulina und Anton Bruckner, die hier erklingen, mit den Erschütterungen dieses Abends umgehen. In ihrer abgründigen Brüchigkeit, ihrem fragend suchenden Gestus, ihrem Ringen mit den letzten Fragen sind sie dazu durchaus geeignet, auch wenn sie zum Trostspenden eher nicht taugen. Gubaidulinas Violakonzert fordert in seiner sprödigkeit, seiner Fragmentierung heraus, gerade hier und jetzt. Eivind Ringstad, Solo-Bratschist des Orchester, tritt aus seiner Mitte heraus und übernimmt die schwere Solopartie, die oft ein balancieren am Rande der Klanglichkeit erfordert. Seine Viola darf nicht singen, sie kratzt, klagt, schreit, flüstert. das zurückgenommene Orchester ist kein verlässlicher Dialogpartner: immer wieder entzieht sich der Orchester-Part dem Zwiegespräch, lässt es allein, folgt nur widerwillig, gefangen im eigenen Angstraum in diesem Meer der Vereinzelung. Kompakt, klar, streng spricht es, nicht gänzlich abweisend, aber auch nicht aufnehmend, keine Gemeinschaft anbietend. Und so muss Ringstads Viola mal verzweifelt voranpreschend, mal im Mehrfach-Pianissimo wispern und findet letztlich nur im aufgerauten Klang der Streicher so etwas wie einen klanglichen Grund, der die völlige Vereinsamung verhindert.Im Verlauf wächst die Unruhe, kommen Störfeuer aus dem Orchester, droht das Gebrodel gänzlich auseinanderzufallen. pappanos Dirigat stemmt sich dem entgegen, reduziert die Transparenz vielleicht etwas mehr, als es dem Werk gut tut. Das musikalische Universum, das sich rastlos gegen sein Zerbrechen wehrt, bleibt trotzdem sicht- und hörbar in diesem Raum. eine Welt aus den Fugen, die kaum mehr noch vermag, als sich vom verschwinden abzuhalten. 

Antonio Pappano dirigiert das London Symphony Orchestra beim Musikfest Berlin (Bild: Fabian Schellhorn)

Mehr

Keine Lösung nirgends

Musikfest Berlin 2026 – Das WDR Sinfonieorchester unter der Leitung von Kent Nagano mit einer Uraufführung von Yvonne Loriod

Von Sascha Krieger

Die Erwartungshaltung ist fast mit Händen zu Greifen in der Berliner Philharmonie: Es kommt selten vor, dass ein werk Uraufführung hat, das bereits mehr als 80 Jahre alt ist. An diesem Abend ist es so weit: Die Entdeckung der einst gefeierten Pianistin Yvonne Loriod setzt sich beim Musikfest Berlin fort. Nach einigen Kammermusikstücken erblickt erstmals ein Orchesterwerk der künstlertin das Licht eines Konzertsaals. Und was für eines: In La Sainte Face erkundet Loriod 90 Minuten lang klanglich und musikalisch das Antlitz Jesu, ausgehend vom Turiner Grabtuch, dessen Nachbildung in den letzten Tagen vor der Befreiung Frankreichs im Sommer 1944 in der Kirche von La Garenne ausgestellt wurde. Gewidmet ist das Werk nicht diesem Ereignis, sondern auch dem dem jungen Komponisten Jean Claude Touche, ein Kommilitone Loriods am Pariser Konservatorium, der als Sanitäter am letzten Tag der Kämpfe um Paris von einer deutschen Kugel verwundet wurde und wenige Tage darauf im Alter von 18 Jahren starb. Drei kurze Orgelwerke Touches (Trois pièces pour orgue) erklingen denn auch in der ersten Konzerthälfte, vorgetragen vom britischen Organisten Henry Fairs. Irrlichternd flüchtige Stücke sind das, mal glitzern hell tropfend, mal zart melodisch wandernd, später erdiger suchend, im Schlussstück nach historischem Vorbild von brüchiger Feierlichkeit, nervös angespannt, gegen Ende tänzelnd irrlichternd, zum Schluss düster schroff. Kantik träumende Fragmente aus einer Zeit am Abgrund. 

Kent Nagano dirigiert das WDR Sinfonieorchester bei der Uraufführung von La Sainte Face (Bild: Fabian Schellhorn)

Mehr

Wir Komplizen

Theatertreffen 2026 – Frei nach Arthur Schnitzler: Fräulein Else, Volkstheater Wien (Regie: Leonie Böhm)

Von Sascha Krieger

Eine junge Frau wird von ihrem Vater aufgefordert, einen mit der Familie befreundeten Kunsthändler um eine höhere Geldsumme zu bitten, da der Vater sonst ins Gefängnis muss. Der Gefragte sagt zu, aber nur unter der Bedingung, die junge Frau 15 Minuten lang nackt zu sehen. Das ist die Prämisse von Arthur Schnitzlers berühmter Novelle und passt perfekt in eine Zeit, in der Jahre nach der MeToo-Bewegung sexualisierte Gewalt gegen Frauen nicht nur an der Tagesordning ist, sondern auch immer wieder sich in Skandalen entlädt, nach denen sich nichts zu ändern scheint. Nach #MeToo kam Gisèle Pelicot, nach Gisèle Pelicot Collien Fernandes und während all dessen Jeffrey Epstein. Und doch haben weder Macht noch Scham, wie von Gisèle Pelicot gefordert, die Seiten gewechselt. Vielleicht braucht es den gesellschaftlichen Experimentierort Theater, um auszuprobieren, wie das gehen könnte. Und genau hier kommen Regisseurin Leonie Böhm und Schauspielerin Julia Riedler ins Spielt, die in ihrer Bearbeitung des Schnitzler-Stoffs genau das versuchen. Und dabei einen Abend schaffen, der in Erinnerung bleibt, weil ihm genau das gelingt und zwar auch die unterhaltsamte, hinterlistigste und genau deshalb so effiziente Weise.

Bild: Marcel Urlaub

Mehr

Ziellos desillusioniert

Theatertreffen 2026 – Tennessee Williams: Die Glasmenagerie, Theater Basel (Regie: Jaz Woodcock-Stewart)

Von Sascha Krieger

Die Glasmenagerie, die Geschichte über eine kleinbürgerliche Familie im krisengeschüttelten Amerika kurz vor der Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, die gegen den längst unvermeidbaren gesellschaftlichen Abstieg kämpft und in der sich auch die Ungleichheit der Geschlechter auf unerbittliche Weise spiegelt, gehört hierzulande zu den populärsten und meistinszenierten Stücken von Tennessee Williams, dem Seismografen jener Periode der Geschichte eines Landes, das nur wenig später eine wesentliche Rolle in einer neu entstehenden Weltordnung spielen würde. Doch warum eigentlich? Was fasziniert deutschsprachige Bühnen so sehr an dieser Familienanordnung, die noch klar auf der anderen Seite einer Modernisierung gesellschaftlicher Rollen- und Familienbilder sowie Strukturen verortet ist, von der wie heute noch zehren? Eine Frage, die sich bei jeder neuen Inszenierung stellt und sich nur selten beantworten lässt. Das ist auch bei dieser Arbeit der britischen Newcomerin Jaz Woodcock-Stewart ist (wobei auch die Frage, warum es so viele britische Theatermacher*innen in den deutschsprachigen Raum zieht, eine tiefergehende Diskussion verdient, für die hier jedoch nicht der Platz ist). Warum wir drei Stunden lang in die Eskalationsspiralen dieser von purer Angst getriebenen Familie getrieben werden, ist auch danach weitgehend unklar.

Bild: Lucia Hunziker

Mehr

Theater im Suchscheinwerfer

Theatertreffen 2026 – Nach Klaus Mann: Mephisto, Münchner Kammerspiele (Regie: Jette Steckel)

Von Sascha Krieger

Zu Beginn wendet sich Henrik Höfgen – oder ist es Schauspieler Thomas Schmauser? – vor dem geschlossenen roten Vorhang ans Publikum, begrüßt es zu dieser „Feierlichkeit“ und dankt ausdrücklich dem Ministerpräsidenten. Moment, wem? Kenner von Klaus Manns Romanvorlage oder István Szabós Verfilmung wissen natürlich Bescheid: Der Ministerpräsident ist hier der Repräsentant und Vollstrecker autoritärer Macht, zu der sich die Hauptfigur positionieren muss. Und es weiß natürlich, dass er sein historisches Vorbild in Hermann Göring hat, sowie Höfgen in Starschauspieler und -intendant Gustaf Gründgens, Manns ehemaligem Freund und Schwager. Und doch deutet sich hier schon eine weitere Ebene an, die den mehr als dreieinhalbstündigen Abend als beunruhigender Subtext durchziehen wird. Denn so manche*r Zuschauende mag daran denken, dass in wenigen Monaten erstmals nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur ein Rechtsextremist auf dem Sessel eines deutschen Ministerpräsidenten sitzen könnten. Und so wird aus dem „Roman einer Karriere“ auch eine Warnung – und die (womöglich seit Jahrzehnten nicht mehr so) dringliche Frage an Kunst und Künstler, wie sie’s wohl mit dem Faschismus, mit totalitärer Gewaltherrschaft und ja, auch mit der Freiheit der eigenen Kunst halten.

Bild: Armin Smailovic

Mehr

Gespenster im Leerlauf

Theatertreffen 2026 – Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Il Gattopardo, Schauspielhaus Zürich (Regie: Pınar Karabulut)

Von Sascha Krieger

Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman Il Gattopardi, vielen bekannt durch Lucchino Viscontis Verfilmung, ist eine Geschichte des Vergehens. Sie erzählt vom Verschwinden einer alten Ordnung anhand eines sizilianischen Adelsgeschlechts, das vom Wandel der Zeiten und seiner eigenen Unentschlossenheit, mit diesem umzugehen, hinweggespült wird. In der Bearbeitung von Pınar Karabulut und hannah Schünemann wird daraus eine Geschichte des längst Vergangenen, dem sie mit liebevoll ironischem Blick und unentschlossener Haltung begegnet. Der prachtvolle Palazzo, den Michaela Flück in modularer Wandelbarkeit auf die Bühne stellt, ist längst Museum, durch welches das Publikum zu Beginn und nach der Pause wandelt, voller Neugier ob der – im Falle der Fresken wortwörtlich – verblassenden und – versinnbildlicht durch ein Baugerüst – bröckelnden Pracht, in der die Schauspieler*innen kaum mehr sind als pseudohistorische Komparsen. Da staunt man ob der dekadenten Opulenz und weiß sich in der sicheren Distanz eines Historienspektakels.

Bild: Krafft Angerer

Mehr

Berlinale 2026: Day 11

By Sascha Krieger

Truly Naked (Perspectives / Netherlands, Belgium, France / Director: Muriel d’Ansembourg)

Alec is a teenager with an unusual side job: after school, he films porn for his father, an activity he’d prefer to keep secret as they’ve just moved and he’s started at a new school. While his father’s business declines, Alec and his outspokenly feminist classmate Nina start getting interested in each other through a school project that is not entirely unconnected to his activities. When they get closer, his porn-influenced view on sex and intimacy gets in his way. What ensues, is a coming-of-age and teenage love story with several twists, in fact it might be at least one too many. The story feels occasionally rushed, particularly character development, a certain penchant for the sensational, even shock effects, can at times distract from a story with enough substance and relevant questions to carry itself. As Alec learns what intimacy is beyond the expectations propagated by the porn industry, Nina discovers that emancipated women and being sex workers do not exclude each other. All major characters are allowed dignity and a learning curve in a flawed, often too simplistic, occasionally clichéd but never uninteresting film.

Truly Naked (© Kris Dewitte)

Mehr

Berlinale 2026: Day 10

By Sascha Krieger

The Ballad of Judas Priest (Berlinale Special Midnight / United States / Directors: Sam Dunn, Tom Morello)

Sam Dunn, one of heavy metal‘s eminent documentarians, and Rage against the Machine founder Tom Morello chart the history of Judas Priest, one of the most influential rock’n roll bands of all time. They talk to band members, collaborators, and prominent fans, dilm the band in carefully selected situations and unearth a wealth of historical footage which they string together for a chronological retelling of the band’s many ups and momentous downs. In it they focus on the uniqueness of the heavy metal community and the role Judas Priest ist played in forming and growing it, with a particular focus on its working class background and the cultural warfare the band gad to endure because of it. It also shines a light on singer Rob Halford’s homosexuality and his fans’ acceptance of it, painting the community as more inclusive than it probably is. Occasionally, the film turns into a Tom Morello vanity project but most of the time it’s an entertaining look at a band that has played an important part in rock history. When Halford and his bandmates talk we listen and when the volume is cranked up for those legendary songs, we move in our seats. Their music is Judas Priest’s best advocate and the film takes plenty of advantage of this.

Geunyeoga doraon nal (© Jeonwonsa Film)

Mehr

Berlinale 2026: Day 9

By Sascha Krieger

Josephine (Competition / United States / Director: Beth de Araújo)

After 8-year-old Josephine witnesses a crime in the park, her family’s life gets unravelled as her parents fight about how to deal with the situation while hardly noticing the trauma Josephine is having to endure. The film closely and intensely follows and observe the various stages of coping and dealing with fear, guilt and hatred. The parents‘ (Gemma Chan and Channing Tatum) struggles with each other and themselves are a strength of the film. How they search for answers and ways out, how their different paths clash and hurt their daughter even further, how they face their growing helplessness, is well acted and precisely observed. So are the child’s increasing descent into fear and quiet rage. However, the film takes two wrong turns: One, it feels the need to externalise Josephine’s struggle instead of trusting Mason Reeves‘ strong performance, thus making it more banal and far less intense. Secondly, it takes the easy road of making this mainly about fear, falling into the trap of trying out different ways of dealing with it, often getting caught in the traps of cliché. This way, the film becomes more and more simplistic as it progresses, softening its edges and betraying the bigger issues of trauma, its consequences and ways of facing it. A heavy-handed score and a penchant for emotionally charged close-up somewhat suffocate this devastating story.

Josephine (© Josephine Film Holdings LLC)

Mehr

Berlinale 2026: Day 8

By Sascha Krieger

Soumsoum, la nuit des astres (Competition / France, Chad / Director: Mahamat-Saleh Haroun)

There is an invisible world next to and intertwined with ours, a world of the dead, the past, of nature and landscape, a world we have forgotten, a world only seen by few who have not cut all ties to it. This is the premise of Soumsoum, la nuit des astres which centers around two women with the gift – or curse? – of seeing the past and the future. One, Aya, is ostracised by a community which blames her for various deaths, the other, Kellou, is a teenage girl blamed for her mother’s death in childbirth. Religion, superstition and patriarchy interact to form a repressive society in which women are not allowed to be heard. Thus, Aya and Kellou’s quiet rebellion is an act of emancipation but also a return to a murky natural religion which counteracts the film’s emancipatory message. The slow and repetitive storytelling, the flat characters, the direction and photography which rely almost entirety on the impressive landscape between rocks and desert and it warm bright colours: they all combine to create a film that lacks energy and urgency, that trods along lazily and whose progressive message is drowned in the esoteric.

Soumsoum, la nuit des astres (© Pili Films)

Mehr