Albtraum ohne Ausweg?

Ersan Mondtag (Text von Alexander Kerlin und Matthias Seier): Das Internat, Schauspiel Dortmund (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Das einzige leben kommt vom Band. Tierschreie, Rabenrufe in Dunkler Nacht. Irgendwo da draußen ist die Natur, ruft von fern und kann doch nicht hinein. Hier sind die Bäume verdorrt, verwandelt sie sich, gemalt an die Wußenwände in damönische Wesen mit glutroten Augen, so wie jene, die den Platz der Duschen eingenommen haben, in jenem gelbgekachtelten Raum der Reinigung derselben gedrillten Körper, die an gleicher Stelle gequält werden. Körpern, denen das Lebendigsein wohl abzusprechen ist. Ersan Mondtag ist ein düster-gothischer (in der Doppelbedeutung des Wortes) Schauerort, ein Raum der Entmenschlichung und De-Individualisierung, der Gewalt und mechanischen Machtausübung. Ein abweisender Ort, mehr Burg, Festung als Aufenthaltsort junger Menschen. Die Drehbühne bewegt sich fast unaufhörlich, lenkt den Blick auf Zinnen und gothische Gänge, einen unheimlich hohen Schlafsaal mit Vierfachstockbetten, einen Speisesaal, besagten Duschraum. Ein dunkler Albtraumort mit schiefen Konturen, in gemaltem Blau-Schwarz gehalten mit gelegentlichen blutroten Einsprengseln. Genauso die Uniformen der Figuren, Schüler, nein, Insassen eines Internats ohne Erwachsene. Die Gesichter zu austauschbaren Untoten geschminkt, die Körper, in Mondtag-typischen Bodysuits steckend, ebenso.

Bild: Sascha Krieger

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Europa im Schlussverkauf

Autorentheatertage 2018 – Miroslava Svolikova: europa flieht nach europa, Burgtheater Wien / Deutsches Theater (Box) Berlin (Regie: Franz-Xaver Mayr)

Von Sascha Krieger

Die Geburt Europas aus dem Widerspruch: So hebt Franz-Xaver Mayrs Uraufführung des Stücks von Miroslava Svolikova an: Die Titelfigur, verkörpert von der großäugigen, von zur Eingeschnapptheit neigendem Pathos erfüllten Dorothee Hartinger, erscheint im Hof eines abstrakten und sich in alles zu verwandeln fähigen griechischen Tempels, komplett in Toga und erzählt ihre Geschichte. Ja, die von der Entführung durch den in einen Stier verwandelten Zeus. Aber mit einer Wendung: Nicht gewillt sich dem patriarchalen Recht des Stärkeren zu unterwerfen, tötet sie den Entführer und entwirft die Vision eines neuen Landes, eines neuen Kontinents, die zu erschaffen sie jetzt antritt. Mit glutvoller Stimme beschwört sie den Gegenentwurf einer harmonischen Gesellschaftsutopie, für die sie „instantan mit meiner Liebe sorgen“ will. Das Problem: Ihre Toga ist blutverschmiert, in den Händen hält sie ein blutiges Bündel, womöglich Reste des erschlagenen. Die Idee Europa ist geboren aus einem Akt der Gewalt, das Blut bleibt an ihr kleben.

Ort der Uraufführung im Rahmen der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Ende der Geschichte(n)

Autorentheatertage 2018 – Simone Kucher: Eine Version der Geschichte, Schauspielhaus Zürich / Deutsches Theater (Box) Berlin (Regie: Marco Milling)

Von Sascha Krieger

Eigentlich kommt die Uraufführung von Simone Kuchers Text etwa drei Jahre zu spät. 2015 jährte sich der Völkermord an den im Osmanischen reich lebenden Armeniern zum 100. Mal. Zahlreiche Theaterarbeiten befassten sich damals mit dem Thema und nicht zuletzt mit der alles andere als unproblematischen Rolle des Deutschen Reichs, das bei seinem verbündeten nur zu gern mehr als  nur ein Auge zudrückte. Jetzt legen Kucher und ihr Uraufführungsregisseur Marco Milling eine Arbeit nach, die sich mit Verdrängungsmechanismen und der Kraft der Erinnerung befassen will – im privaten wie im öffentlichen Raum. Also konstruieren sie eine Familie armenischer Herkunft, in der über den Genozid nur abstrakt gesprochen und verheimlicht wurde, wie  sehr er sie selbst betraf. Es gibt eine erfolgreiche Geigerin und ihren Bruder – sie macht das Verdrängungsspiel nur zu gern mit, während er obsessiv nach Spuren sucht. Die Mutter schweigt und ist doch empört, wenn sich die Tochter als Amerikanerin definiert. Die Wurzeln werden nicht anerkannt, sind aber doch irgendwie wichtig. Natürlich ist es in der Folge die Tochter, die nicht mehr loslässt und Geheimnisse aufsürtr, die sich dann doch erstaunlich schnell und leicht ausgraben lassen.

Ort der Uraufführung im Rahmen der Autorentheatertage: Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

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Weit, weit weg

Autorentheatertage 2018 – Yael Ronen & Ensemble: Gutmenschen, Volkstheater Wien (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

„Du bist so weit, weit rechts von mir“, singt Katharina Klar über die Melodie von Hubert von Goiserns – darf man es sagen? – göttlichen „Weit, weit weg“ und zeigt ganz weit nach rechts, dort wo es wohl liegen mag, das neue, alte, sehr reale Österreich. Auch wenn sie das beim Gastspiel im Deutschen Theater Berlin tut, geht der Blick nicht mehr ins Leere. Der „rechte Rand“, er hat sich gefüllt und sitzt, man kann es nach den letzten Wochen nicht bestreiten, auch hierzulande längst in der Regierung. Verloren geht der Blick ins nicht Fassbare, hinaus, aus dem, was bis vor kurzem noch als „Mitte der Gesellschaft“ galt, als moralischer Wertekonsens einer offenen, aufgeklärten Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die dort, wo sie war, ein Loch hinterließ. Ein Loch, das dieser Abend am Ende sichtbar macht. Da geht in der Wiener Aufführung Yousif Ahmad über die Bühne. 30 Sekunden hat er, darf nichts tun oder sagen, denn er hat keine Arbeitserlaubnis. Um ihn, besser um seine Figur des Yousef, geht es in diesen etwa 80 Minuten, doch er selbst muss stumm bleiben. Beim Berliner Gastspiel dreht sich die Schraube noch ein bisschen weiter: Auch hier werden die 30 Sekunden heruntergezählt, doch die Bühne bleibt leer. Yousif Ahmad darf aufgrund seines laufenden Asylverfahrens Österreich nicht verlassen. Er hinterlässt eine halbminütige Leerstelle, mit der alles gesagt wäre.

Bild: © http://www.lupispuma.com / Volkstheater

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Der Kreis schließt sich

Sir Simon Rattle dirigiert sein letztes Konzertprogramm als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker in der Philharmonie

Von Sascha Krieger

Am Ende stellt er sich noch einmal. Das Orchester hat die Bühne verlassen, einige stehen noch an den Ausgängen herum, um ihren „Chef“ nicht ganz allein zu lassen. Das Publikum ist auf den Füßen, ein letztes Mal. Der weißhaarige Lockenkopf greift zum Mikrofon, bedankt sich bei „meinem Berliner Publikum“ und geht. Das letzte Konzertprogramm als Chefdirigent in dem Haus, das 16 Jahre lang „seines“ war, ist dirigiert. Jetzt folgt noch das Waldbühnenkonzert samt öffentlicher Generalprobe am Vortag, dann ist es vorbei, der Marathon zum Abschluss samt letzter Tournee – fast schien es, als wollte er nicht loslassen – geschafft. Andere sollen Bilanz ziehen, was von der Ära Rattle – immerhin die viertlängste der Orchestergeschichte – bleiben wird. Der geschätzte Kollege Frederik Hanssen etwa hat das in einem lesenswerten Essay, abgedruckt in den letzten zwei Programmheften, getan. Rattle selbst lässt noch einmal die Musik sprechen.

Sir Simon Rattle (Bild: Stephan Rabold)

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„Game over“? Game on!

Autorentheatertage 2018 – Thomas Köck: die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!), Schauspielhaus Wien (Regie: Thomas Köck, Elsa-Sophie Jach)

Von Sascha Krieger

Düster fallen die elegischen Klaviertropfen auf das Weiß einer Bühne (Stephan Weber), die andeutet, das sie vielleicht einmal ein antiker Tempel  hätte sein wollen (die Grundform und die breite Treppe sind hinweise), sich aber für für die postmoderne Unentschiedenheit und Nichtpositionierung entschieden hat. Eine Bühne, die sich sich im Ungefähren gefällt, die alles, was Stellung bezieht, was Änderung will oder gar „Fortschritt“ mit einem Generalverdacht belegt, weil ja alle Utopien widerlegt, alle Ideologien entzaubert seinen. Der Bühne gewordene feige Zynismus unserer Zeit. Hierhin passt sie nicht, die Frau im langen blauen Kleid (Sophia Löffler), die einen – wenn auch mechanischen – Vogel fliegen lässt, mit entrücktem Blick, und anschließend ein affirmatives Pathos auf die Bühne zimmert, dass es dem postheroischen Publikum schaudert. Eine aus der Zeit gefallene ist sie, diese Seherin, die sich sogleich daran macht, die zeit aus sich selbst fallen zu lassen, sie in Frage zu stellen, sie und mit ihr die Welt neu zu ordnen.

Bild: Matthias Heschl

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Musik der Gegenwart – Gegenwart der Musik

Sir Simon Rattle, Krystian Zimerman und die Berliner Philharmoniker mit einem Reigen zeitgenössischer Musik

Von Sascha Krieger

Wenn im Programmheft eines „normalen“ Symphoniekonzerts neben dem üblichen Text zur Musik des Abends ein Essay zu Bilanz einer Chefdirigenten-Dienstzeit abgedruckt ist, dann weiß der geneigte Konzertbesucher: das ende ist nah. Die Ära Sir Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern befindet sich nicht mehr nur auf der Zielgeraden, der finale Zielsprint hat längst begonnen. Allerorten wird Bilanz gezogen und so gibt es nach dem letzten Konzert von Rattles vorletztem Programm noch eine besondere seiner „Late Nights“, ein Dankeschön vieler Mitstreiter*innen. Und auch seine Programme zum Abschied haben Bilanzcharakter: Zuletzt verschränkte er Kernrepertoire (Bruckner, Brahms) mit Musik des 20. Jahrhunderts und Uraufführungen – Miniaturversionen seines Schwerpunkts als Chefdirigent. Und für alle, für die sein Fokus auf zeitgenössischer Musik vielleicht immer noch nicht klar genug war, widmet er ihr jetzt noch einen eigenen Abend, der sich klar auf die noch nicht überall kanonisierte Phase ab der Hälfte des letzten Jahrhunderts konzentrierte – das älteste Werk stammt von 1949. Und noch etwas Rattle-Typisches betont der Abend: Der längst zum Ritter geschlagene hatte nie Scheu vor der „Massenkultur“, dem Populären.

Die Berliner Philharmoniker und sir Simon Rattle in der Philharmonie (Bild: Stephan Rabold)

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Der Geist auf der Schrankwand

Autorentheatertage 2018 – Tom Lanoye: GAS. Plädoyer einer verurteilten Mutter, Theater Bremen (Regie: Alize Zandwijk)

Von Sascha Krieger

Fast 200 Menschen hat er auf dem Gewissen, Kinder, Jugendliche, am Ende sich selbst. Ein Giftgasanschlag in einer U-Bahn, ein enthaupteter Jugendlicher. Und sie, die hier spricht, ist, war seine Mutter, hat ihn per Kaiserschnitt ins Leben gezwungen, durchs Leben getragen, losgelassen und lebt nun mit einer schuld, von der sie nicht weiß, ob sie die ihre ist. Der belgische Autor Tom Lanoye lenkt in seinem Stück den Blick auf einen Aspekt des Terrorismus, der, und auch dies thematisiert er, wenn überhaupt mit küchenpsychologischen Floskeln, Unterstellungen und Pauschalisierungen abgehakt wird: dem persönlichen Umfeld des Täters, seiner Familie, ihrem Leiden, und er stellt über diesen Weg auch die Frage, wer so etwas tut, wie jemand zu einem „Monster“ wird, das sich anschließend von Medien und Empörungsindustrie ausschlachten lässt. Und er ruft die Zeugin auf, die am nächsten dran war, den genauesten Einblick hatte, die erklären könnte, wenn es etwas zu erklären gäbe. Fragen stellt sein Text und findet keine Antworten. Anders als der Boulevard, die Politik, das Wutbürgertum. Das ist schmerzhaft, unbefriedigend und ungeheuer ehrlich.

Ort des Gastspiels bei den Autorentheatertagen: Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

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Die zappelnde Hoffnung

Lukas T. Sperber: Penthesilea ist mager, Theater unterm Dach, Berlin (Regie: Lukas T. Sperber)

Von Sascha Krieger

Tiresias hat seine besten Tage lang hinter sich. Der große Seher antiker Tragödien wurde zur Reinigungskraft degradiert. Im Bühnenarbeiter-Outfit fegt er ihn hinweg, den Dreck der Vergangenheit. Über die Kanten, in die Ritzen der Welt bedeutenden Bretter. Dass er nicht verschwindet, dass er nur in seinen Löchern wartet, bis er Verstärkung findet, weiß er. Das ist egal, denn er wird es nicht mehr sehen. Der graue Star hat ihn im Griff, bald wird er ganz blind sein, das soziale Netz fängt ihn nicht auf. Egal, die Zeit für Seher ist lange vorbei, jene, in der wichtig schien, was die Zukunft bringen würde. Jetzt herrscht allein die Vergangenheit. Und so bleibt er, der abgeranzte alte Zyniker, gespielt von Tom Gramenz, spätestens seit Das schweigende Klassenzimmer, ein Hoffnungsträger der jüngeren Schauspielergeneration, Fußnote, wie die Gegenwart, die er repräsentiert, ein albernes Stückchen Zeit im Wartezustand, das nichts mehr zu bieten hat als ein bisschen Mitleid und die Hoffnung aufs Ende.

Das Theater unterm Dach (Bild: Sascha Krieger)

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Jedermann lebt

Autorentheatertage 2018 – Ferdinand Schmalz: jedermann (stirbt), Burgtheater, Wien (Regie: Stefan Bachmann)

Von Sascha Krieger

Breitbeining steht er da, fleischgewordene Selbstsicherheit, ein Lächeln im Gesicht das sagt: Mir gehört die Welt, meinem Fingerschnipsen folgt sie. Doch dann beginnt sie zu rotieren, die Rühre, in der er steht, seine Welt. Unsicherheit schleicht sich ein in seinen Blick, die Frage, wie umgehen mit dem auf einmal nicht mehr verlässlichen Boden. Er fällt stabilisiert sich mühsam auf allen Vieren, versucht sich langsam wieder aufzurichten, schafft das, badet kurz im Triumph. Doch immer schneller dreht sich das Rad, in dem er steckt, immer schneller muss er mitrennen, schafft es nicht, fällt wieder erschöpft. Es ist die Schlüsselszene dieses Abends und eine durch und durch paradoxe noch dazu. Ferdinand Schmalz, aktueller Bachmann-Preisträger, hat den Jedermann-Stoff überschrieben, ins Heute geholt,  seine Gewissheiten, die vor allem auf der Hoffmannsthalöschen Version, selbst eine Überschreibung, stammen, hinterfragt. Und Regisseur Stefan Bachmann gelingt es in seiner Uraufführung, die Essenz menschlicher Hybris und des (post)modernen Lebens als Versuch, auf den Füßen zu bleiben, ein Versuch, der immer und in jedem Fall scheitern muss, in ein Bild zu packen, dem nur das fehlt, was Schmalz‘ Theater in seinem Wesen ausmacht: die Sprache.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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