Im Bunde mit der Musik

Das Konzerthausorchester Berlin unter Christoph Eschenbach spielt Beethovens fünfte Symphonie auf dem Gendamrmenmarkt

Von Sascha Krieger

„Endlich wieder live“ steht auf den Transparenten links und rechts der großen Freitreppe, die ins Konzerthaus auf dem Gendarmenmarkt führt. Oder eben nicht, denn der weg zu den verschlossenen Türen ist versperrt – von einer großen Open-Air-Bühne. Die Kunst muss draußen bleiben in Zeiten der Pandemie, also findet sie hier statt. Draußen, fast im Vorübergehen. Mit dem nötigen abstand versehen, auf markierte Kreise aufgeteilt oder auf Campingstühlen hinter der Absperrung auf den Treppen der benachbarten Dome oder an Cafétischen, stehen und sitzen die Kultur-, die Musikhungrigen oder auch die, die zufällig da sind und sich wundern mögen, dass hier gespielt wird und wie viel das bedeutet. Den Ausführenden, den Hörenden, dieser Stadt. Es ist Kunst im Vorübergehen, eine gute halbe Stunde Musik, dann ist diese kurze Auszeit von der Normalität, die keine ist, fast vergessen. Und klingt doch nach. Denn wer hier ist, absichtlich, freiwillig, erwartungsfroh, hat es vermisst, dieses andere Normale, dieses nie nur Nützliche, dieses nicht mit einem bezifferbaren Wert zu Belegende. Kunst, Kultur, Luft zum Denken, Fühlen, Atmen. Die, die hier stehen – im Regen am ersten, in der Sonne am zweiten Abend, sind dankbar für diesen Augenblick des gemeinsamen Erlebens, Hörens, Fallenlassens. Dies hat gefehlt und es fehlt noch immer.

Bild: Sascha Krieger

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Das Licht brennt noch

Theater geht / Audio-Walk, Brotfabrik, Berlin (Konzept + Regie: Nils Foerster)

Von Sascha Krieger

Und dann stehst du da. Auf der leeren Bühne. Vor dir ein Mikro, im Ohr die Stimme von Michael alias Daisy Orkan, der dir die Bewegungen seiner Goldfinger-Performance beibringt, mit der er eins in Romy Haags Travestie-Club reüssierte. Und du merkst, wie du erst scheu und dann mit immer mehr Leidenschaft bis hin zur Selbstvergessenheit den Arm in die Höhe streckst und ihn in weitem Bogen zurück zur Hüfte führst, wie du vorsichtig beginnst, die Bühne zu füllen, die ohne dich leer bliebe, weil sie derzeit nicht bespielt werden darf. Da bist du Publikum und Spieler*in und Rolle, du bist das A, das B vor C spielt, wie Nils Foerster, Leiter der Brotfabrik-Bühne und Autor des Abends, zuvor das Grundprinzip des Theaters zusammenfasste. Sie alle fehlen jetzt, mindestens bis zu Beginn der kommenden Spielzeit. Du, der Eindringling, der diesen verlassenen Raum betritt, ersetzt sie, für einen Moment nur, nie ihr Fehlen vergessend. Der, dessen Nummer das ist, kann dir nur per Audio-Konserve Anweisungen geben. Das Theater muss sich nun, dem es fehlt, selbst ersetzen.

Bild: Sascha Krieger

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Die Leere ertragen

Nach dem Roman von Albert Camus: Die Pest (Open Air), Deutsches Theater (Vorplatz), Berlin (Regie: András Dömötör)

Von Sascha Krieger

Als András Dömötörs Adaption von Albert Camus‘ Roman Die Pest im vergangenen November Premiere in der Box des Deutschen Theaters hatte, war nicht abzusehen, dass der Stoff ein halbes Jahr später plötzlich vor Tagesaktualität triefen würde. Camus‘ existenzialistische Umkreisung des Bösen, von Dömötör auf die Thematik des menschlichen Drangs zu töten zugespitzt, sieht sich plötzlich zurückgeworfen auf ihr Setting, eine Pestepidemie in einer nordafrikanischen Stadt, die zwischen politschen Intrigenspielen, taktischer Handlungsverweigerung und populistischem Aktionismus eine tödliche Dynamik entfaltet, die weit über das Sterben am unbahrmherzigen Bazillus hinausgeht. Und die gleichzeitig doch genau dieses leiden, ein persönliches, hilfloses, herzbrechendes wieder in den Mittelpunkt rückt. Wenn die Inszenierung nun auf schwarzer Bühne auf dem DT-Vorplatz gespielt wird, ist sie eine andere geworden, weil nicht nur ihr physisches Umfeld sich verändert hat, sondern auch die Wirklichkeit, in der sie gelandet ist. Zum zweiten Mal: Bereits vor einigen Wochen, mitten im Lockdown, war sie adaptiert worden, als auf unter eine Stunde zusammengeschnurrte Online-Variante im leeren theater. Jetzt also Open Air. Mit Publikum, luftig verteilt, die Abstandsregeln wahrend.

Thater in Zeiten von Corona: Der DT-Vorplatz wird zur Bühne (Bild: Sascha Krieger)

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Das Echo des Abwesenden

Friedrich Schiller: Maria Stuart (Open Air), Theater an der Parkaue, Berlin (Regie: Albrecht Hirche)

Die eindringlichsten, die vielleicht wichtigsten Momente dieses Abends ereignen womöglich sich nicht während, sondern vor und nach der Vorstellung. Da ist der Weg, den die Zuschauer*innen, Masken tragend, durch die Bühne 2 des theaters an der Parakauer nehmen. Da, wo Maria Stuart im Februar Premiere hatte, herrscht gähnende Leere auf der Bühne. Die Sitzreihen verlassen, die Stühle dicht an dicht, der Publikumsstrom wie eine Führung durch eine Ruinenstätte, ein Relikt einer anderen, nur noch kaum erinnerten Zeit. Und dann das Ende, der Schlussapplaus, leise, ankämpfend gegen die Stille, die Distanz, ein akustisches Monument der Abwesenheit, aber auch des aufbegehrens, des schüchternen Wiedereinforderns des Gemeinschaftserlebnisses, das Theater, des geistig-emotionalen Korrektivs, das Kunst und Kultur sind. Da droht das klatschen im sanften abendwind zu verwehen, zu verschwinden, wie das, was wir da gerade erfuhren, verschwinden war, für viel zu viele viel zu spurlos, wie es jetzt wie von fern heranwinkt, leise rufend „Ich bin noch da“, nicht sicher, ob das denn auch stimmt. Das Echo des Abwesenden hallt dröhnend.

Unter freiem Himmel und mit Abstand: An der Parkaue wird der Innenhof zum Theater (Bild: Theater an der Parkaue)

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Liebe als Flickwerk

Kirill Serebrennikov nach Motiven von Giovanni Boccaccio: Decamerone, Deutsches Theater, Berlin / Gogol-Center, Moskau (Regie: Kirill Serebrennikov)

Von Sascha Krieger

Am Ende stehen sie wieder da, Ensemble, Crew, alle in den weißen „Free Kirill“ T-Shirts, die man von jeder Premiere des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikov außerhalb seines Heimatlandes in den letzten Jahren kennt. Auch wenn der Hausarrest, des – wohl zweifellos zu Unrecht – wegen Veruntreuung von Geldern seines Moskauer Theaters Gogol-Center vor Gericht stehenden Künstlers aufgehoben ist, das Land darf er nach wie vor nicht verlassen. Und so fand ein Großteil der Proben seines lang erwarteten und bereits mehrfach verschobenen DT-Debüts in Moskau statt, besorgten Assistent*innen die Einrichtung auf der Berliner Premierenbühne. Natürlich schwingt die Entstehungssituation mist und beeinflusst die berechtigte Sympathie für den seit Jahren Repressalien ausgesetzten Theatermachers auch seine Rezeption in Deutschland und trägt sicher zum lang anhaltenden Applaus an diesem Abend bei. Zumal das Sujet, Giovanni Boccaccios Zyklus um 10 junge Menschen, die sich (freiwillig) in einem Haus verbarrikadiert haben, um der grassierenden Pest zu entgehen, nicht ohne Berührungspunkte zum (nicht freiwilligen) Eingeschlossensein des Regisseurs ist. Die „Pest“ im Sinne eingeschränkter Kunst- und Meinungsfreiheit, eines Systems, das eingrenzt, beschränkt, mundtot machen will, bestimmt auch Serebrennikovs Leben. In seiner Inszenierung findet sich davon jedoch nichts.

Bild: Ira Polyarnaya

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Am Rand

Sir Simon Rattle, Jonathan Kelly und die Berliner Philharmoniker mit Werken von Richard Strauss und Ludwig van Beethoven

Von Sascha Krieger

Das Schöne an Jubiläumsjahren ist, dass man auch einmal Werke zu Gehör bekommt, um die Dirigent*innen wie Orchester meist einen Bogen machen. Ludwig van Beethovens Oratorium Christus am Ölberge ist eines dieser Werke, das nun im Beethoven-Jahr mal wieder auf Spielplänen auftaucht. Die Berliner Philharminiker haben es in ihrer Geschichte nur einmal gespielt, im Jahr 1970. Nun erbarmt sich Ex-Chefdirigent Sir Simon Rattle und führt das frühe Werk gemeinsam mit dem Rundfunkchor Berlin auf. Und siehe da: es langweilt nicht. Das liegt vor allem am Einsatz der Beteiligten: Rattle pumpt sein Ex-Orchester voll mit Energie. Jede dynamische Wendung, jeder Tempiwechsel, jede rhythmische Nuance ist klar ausgestellt, ohne effekthascherisch zu wirken, vielmehr arbeitet Rattle das Grundprinzip des auf dramatischen Kontrasten aufgebauten werkes klar heraus. Das gibt ihm Lebendigkeit und betont seine Anklänge an die Oper (theamatisch und motivisch bedient sich Beethoven ja auch vor allem bei Mozarts Musikdramatik).

Jonathan Kelly, Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker (Bild. Monika Rittershaus)

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Am Haken

Florentina Holzinger: TANZ. Eine sylphidische Performance in Stunts, Tanzquartier Wien / Sophiensaele, Berlin / Münchner Kammerspiele / Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main u.a. (Konzept, Performance, Choreografie: Florentina Holzinger) – eingeladen zum Theatertreffen 2020

Von Sascha Krieger

Nein, leicht fällt es nicht hinzuschauen, wenn einer Performerin, dokumentiert in nichts verzeihender Nahaufnahme, drei Haken in den Rücken implantiert werden, das Blut fließt und sie sich später an selbigen in die Höhe ziehen lässt, lächelnd Pirouetten und Ballettfiguren vollführt, den Schmerz in erster Linie in der Vorstellung der Zuschauer*in platzierend. Es ist der drastische Höhepunkt dieses Abschlusses von Florentina Holzingers Körpertrilogie, in dem es um die Disziplinierung, die Abrichtung des menschlichen Körpers, ausgehend von jener Dressur-Tortur namens klassisches Ballett geht. Weit ist der Abend an diesem Punkt bereits gekommen, dessen erster Akt – wir erfahren später, dass hier die Struktur des romantischen Balletts mit einem ersten Akt in der Realität und einem zweiten in einer Fantasiewelt widerspiegelt – in einem Ballettstudio zu spielen scheint. Die legendäre Tänzerin Beatrice Cordua leitet eine Reihe jüngerer Kolleginnen an, freundlich streng, mit wachsender Begeisterung über die Dressur- und Leistungsfähigkeit des Körpers aber auch zunehmend übergriffig, bis hin zu sexueller Belästigung, wenn das Training der Ballettfiguren ansatzlos in „Vaginainspektionen“ übergeht.

Bild: Eva Würdinger

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Berlinale 2020: Day 11

By Sascha Krieger

Nackte Tiere (Encounters / Germany / Director: Melanie Waelde)

When Benni and Katja finally embrace, after many fights, misunderstandings, accusation, we hear, faintly at first, then more pronounced, a heartbeat. Hers, his, theirs? We don’t know. But the entire film lies in this brief moment. The two are part of a group of teenagers in their final yer of school who form the core of Nackte Tiere, all of them with – mostly unexplained – parent issues, drifting, struggling through life on their own. Katja is a fighter, aggressive, unforgiving, a loner not easily compatible with others. Her on-off boyfriend Sascha is similar which is why they fit so well – and so badly. Schöller is the only one with what seems to be a more or less working family life, one who seeks warmth and closeness wherever it can be found. Laila, his girlfriend, has an abusive mother, and is still protective of her, while Benni is the one they all try to take care of, a lost soul sometimes wandering off on his own, one to be rescued but just might not want to be. The camera is close, moving with them, in an almost documentary-like naturalist fashion, it intrudes, doesn’t let go, stays too close for comfort as they fight, stick together, fall apart, go away on their own but always return to each other – until one of them doesn’t. The film does anything but romanticise friendship as it shows selfishness and the need for one another being constantly at war. And balancing each other out eventually as the desire to be independent and the care for the other remain both strong. Especially as grown-ups are hostile, ineffectual or simply absent. So they cling to each other because they’re all they have. Mentally, emotionally, physically. This fight to stay human, empathetic, committed can be found in every fibre of this energetic, often funny, at other times harrowing and always moving feverishly alive film.

Nackte Tiere (Image: © Czar Film)

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Berlinale 2020: Day 10

By Sascha Krieger

Futur Drei (Panorama / Germany / Director: Faraz Shariat)

The freshly crowned winner of this year’s Teddy Award as the Berlinale’s best queer film, Futur Drei follows Parvis, a son of Iranian immigrants living somewhere in a German small town, having to work at a refugee shelter due to some unnamed offense. There he meets Bana snd Amon, brother snd sister, the latter of which he falls in love with. Far from being a problem or even culture clash film, Futur Drei observes the developing relationships up close with a mixture of realism and impressionist tableaux, collages and slowmotion sequences bringing moments of happiness, of letting go, of sometimes illusionary hope to life. All three are wanderers between worlds and identities, leading to shifting, unstable relationships – between the three, Parvis and his doting family, Parvis snd his two „homes“. The film touches on heavy subjects with ease and the slightest of touches as well as some humour – from identity, national as well as sexual, to deportation, from coning out to sexual abuse. It dies so because it relies on the characters, it trusts them, their confusion, their struggles, their courage. Benjamin Radjaipour’s Parvis carries the film, a mercury-like seeker for his own path which leads him to understand that either-or is not the only kind of decision that can be made. As are they all. Without drama, without didactic fervour. After his mother expresses her fear that he feels he doesn’t belong, Parvis says that sometimes he feels he does, that he wants to scream „I am the future“. There or three of these futures here. We’d do well to accept them.

Futur Drei (Image: © Edition Salzgeber, Jünglinge Film)

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Berlinale 2020: Day 9

By Sascha Krieger

Sheytan vojud nadarad (Competition / Germany, Czech Republic, Iran / Director: Mohammad Rasoulouf)

A man drives down a winding ramp in a parking garage. Dreary, badly lit, like a maze he will not get out of. Near the end, he will drive it up again, no beginning, no end. At least not for him. In the first of the film’s four episodes, a man goes through his everyday life, stoically, without much emotion, not even when quarreling with his wife when she complaints about the many small instances of discrimination in today’s Iran. Small hints at a country in which all is not okay, but nothing (except maybe the moment when the man stays put at a green light on his way to work) to prepare the viewer for the brutal, abrupt, frighteningly matter-of-fact ending. Narrated in a naturalistic style, this unspectacular story suddenly opens up a universe of moral questions – and completely changes the look at the character and everything else we’ve seen. This first of four stories about the death penalty and the moral decisions to be made when having – presumably – no choice is the strongest as the film suffers somewhat from the problem of episode films. Having introduce the issue, it widens the conversation: episodes 2 and 3 deal with different choices when faced with the order to kill, the third opening the perspective on the consequences this has on a person’s life and those around them, with episode 4 looking at the long-term effects. This all makes sense, is well-observed and without simple answers. The quality of the episodes vary, however. Especially the second is rather heavy-handed with a way to easy outcome, episode 3 could do with a little less of the dramatics while episode 4 comes closest to resume the opening story’s serious tone, showing what the decision to kill or not to kill really does to those confronted with it. Overall, this is a film that gets under the audience’s skin, asking the right questions and mostly in the right ways. Not a lesson but a maze in which simple answers and clear ways out are impossible to come by. It ends with a standstill, a tiny car in the distance among a hostile wide landscape. Where to go? Nobody knows.

Sheytan vojud nadarad (Image: © Cosmopol Film)

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