Der Schatten, der bleibt

Nach Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän, Deutsches Theater, Berlin / Theater Basel (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

Es ist eine Spielzeit der Abschiede in Berlin: Sowohl an der Volksbühne als auch am Berliner Ensemble geht zu Ende, was das Feuilleton gemeinhin eine Ära nennt. Auch wenn beide dereinst – oder auch schon jetzt – sehr unterschiedlich bewertet werden mögen, klar scheint: Hier endet etwas, das nicht ohne Spuren geblieben ist, das das Theater verändert hat, vielleicht auch ein wenig sein Publikum und seinen, unseren Blick auf und in die Welt. Im Guten und womöglich auch im Schlechten. Am Deutschen Theater dagegen bleibt alles beim alten. Intendant Ulrich Khuon schein nicht daran zu denken weiterzuziehen und die Berliner Kulturpolitik macht keine Anzeichen, diese Baustelle auch noch zu öffnen. Und doch beginnt die neue Spielzeit hier wie dort mit einem Abschiedsabend. Max Frischs Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän bildet die Vorlage, ein Kleinod, das vom Verschwinden erzählt, des Lebens, des Menschen, der Welt, und vom Versuch des Bewahrens, von Wissen, Weisheit, Einsichten. Thom Luz hat sie in Szene gesetzt, Schweizer, Theaterpoet, Schattenmaler. Ein Spielzeit beginn so flüchtig, so still, so geisterhaft wie das Leben. Und so groß.

Das Deutsche Theater (Bild: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater (Bild: Sascha Krieger)

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Aus der Ferne

Daniele Gatti dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Honegger, Dutilleux und Debussy

Von Sascha Krieger

Erschütternd, vom Entsetzen gepackt brechen die Fanfarenrufe der Trompeten in die Stille, die Apokalypse, die die Welt gerade erst  erlebte noch so unmittelbar präsent, als bräche gleich ein realer Feuersturm los. So beginnt Arthur Honeggers 1945 nur kurz nach dem Ende des 2. Weltkriegs begonnene Symphonie liturgique. Wenn Daniele Gatti das Werk jetzt bei den Berliner Philharmonikern dirigiert, ist vom Schrecken des Weltenbrands und der Erwatung des Weltendes wenig übrig. Wie aus der Ferne wehen die Trompetenrufe heran, ungewöhnlich gedämpft das dunkel eingefärbte Klangbild. Die Schärfe wird zunehmen, die Härte bleibt weitgehend im Hintergrund, doch der Beginn sagt klar: Hier geht es nicht um Unmittelbarkeit, um eine klaffende Wunde im Dauerexperiment Menschheit. Die Abgründe, die Honegger in Musik gesetzt hat, sie sind und bleiben Erinnerung, schreiten als Gespenster zum Geistertanz. Überraschend fahl klingen die Philharmoniker nicht nur im Kopfsatz des halbstündigen Werks. Fast mechanisch bewegt sich die Musik vorwärts, das Leben ist ihr von Beginn an entwichen. Reduziert ist das Klangbild, karg beinahe, den fahlen Ton der Geisterstunde legt das Werk auch im Mittelsatz nicht ab.

Die Berliner Philharmoniker (Bild: Stefan Höderath)

Die Berliner Philharmoniker (Bild: Stefan Höderath)

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Achilles-Verse mit Troika

Volker Braun: Die Griechen, Berliner Ensemble (Probebühne), Berlin (Regie: Manfred Karge)

Von Sascha Krieger

Zunächst ist alles in schönster Ordnung: Fünfzehn Stühle stehen aufgereiht auf und vor dem makellosen Weiß von Beatrix von Pilgrims Bühne. Auf den Stühlen würdige, weißbehandschuhte Herren im Frack und Damen in Abendgarderobe. Alles sehr gediegen, edel, respektabel. Das bleibt nicht lange so, wenn Volker Braun und Manfred Karge von der fast vergessenen und doch noch längst nicht ausgestandenen Krise des Landes erzählen, das sich nicht nur selbst als Wiege der Demokratie und Geburtsort Europas sieht. Die Erzählung beginnt in der Spätphase der Regierung Papandreou, der letzten eines Systems, das sich über Jahrzehnte durchgewurschtelt hat. Jochen Nimtz versucht sich als Held, doch sieht sich bald gelähmt und aufgehalten – im Wortsinn – von den Monstern, die er schuf. Bald steht er da, entblößt und machtlos. Schon kommt ein nächster, mit Motorradhelm, offenem Hemd und Stinkefinger. Auch ihn hindert man am Fortschreiten, auch er endet abgerissen, ohne Hemd – nicht bevor er es noch mit der verhassten Krawatte versucht hat– ein Bettler, wie sein Land.

Bild: Thomas Eichhorn

Bild: Thomas Eichhorn

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Das zerschnittene Ich

Yael Ronen & Ensemble: Denial, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

“Ich hatte eine glückliche Kindheit”. So lautet das erste Kapitel von Yael Ronens neuem Abend am Maxim Gorki Theater. Wir sehen: Fünf Darstellerinnen, die in lächerlichen Pseudo-Kinderklamotten zu “Billie Jean” tanzen und dann versuchen, das Statement mit Geschichten aus den eigenen Kindertagen zu unterfüttern. Und kläglich scheitern: Denn egal wie sehr sie versuchen, das Erinnerte schönzureden und ins Positive zu verkehren – die Geschichten von Vernachlässigung und Gewalt lassen sich eben nie ganz in Narrative von Freiheit und Liebe umdeuten. Spielerisch beginnt Denial, eine knapp zweistündige auseinandersetzung mit dem Verdrängten und dem Verdrängen, heruntergebrochen auf die ganz persönliche, private Ebene. Der Beginn ist eine schöne, satirische Comedynummer, die nicht verhehlen kann, dass es schon bald düsterer wird, ja, werden muss. Ronen verzichtet diesmal auf eine Rahmenhandlung, welche die Wahrheits- und Identitätssuche der Figuren und Spieler*innen motivieren könnte. Das ist keine schlechte Wahl, erhöht die Unmittelbarkeit des Erzählten, reißt ein paar Barrieren zwischen Bühne und Publikum ein. Zu behaupten, das ginge uns nicht an, ist an diesem Abend nicht so leicht.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

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Auf der Suche

Musikfest Berlin 2016: John Adams dirigiert eigene Werke bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist ja Peter Sellars Schuld. Der war bekanntlich im vergangenen Jahr “Artist in Residence” bei den Berliner Philharmonikern. Mit dem US-amerikanischen Komponisten John Adams verbindet ihn eine jahrzehntelange Zusammenarbeit – sämtliche Musiktheaterwerke Adams’ entstanden gemeinsam mit Sellars. Ob dieser dem Orchester die Anregung gab, den 69-Jährigen zu seinem ersten “Composer in Residence” zu machen, ist nicht bekannt. In jedem Fall wird Adams den Philharmonikern in dieser Spielzeit eng verbunden sein – und beschert dem Berliner Publikum zum Start gleich eine dreifache Premiere: Zu seinem eigenen Debüt als Dirigent des Orchesters gesellen sich das der amerikanisch-kanadischen Geigerin Leila Josefowicz und die deutsche Erstaufführung des für sie – und mit ihr – verfassen Werks Scheherazade.2, einer “dramatischen Symphonie”, wie der Komponist vor der Aufführung sagt. Er hat die Geschichte der ums Überleben geschichten erzählenden Frau weitergesponnen. Seine Scheherazade, so sagt er, ist nicht mehr nur ihre eigene Frau, die der Gewalt einer männlich dominierten Welt widersteht, sondern eine, die zurückschlägt.

John Adams (Bild: Christine Alicino, Boosey & Hawkes Inc.)

John Adams (Bild: Christine Alicino, Boosey & Hawkes Inc.)

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Hinaus in die Welt

Musikfest Berlin 2016: Kirill Petrenko, Frank Peter Zimmermann und das Bayerische Staatsorchester mit Werken von Ligeti, Bartók und Strauss

Von Sascha Krieger

Nein, ein ganz normaler Abend im Rahmen des Musikfest Berlin ist das nicht. Das liegt an dem stillen, freundlich lächelnden Mann, der da am Dirigentenpult steht. Kirill Petrenke, ehemalischer musikalischer Leiter der Komischen Oper Berlin, hat sich rar gemacht in Berlin in den vergangenen Jahren. Und ist doch in aller Munde, nach dem ihn die Berliner Philharmoniker im Juni vergangenen Jahres zu ihrem nächsten Chefdirigenten gewählt haben – und das nach gerade einmal drei Auftritten mit dem Orchester und mindestens nochmals so vielen Absagen. Er hat in der darauf folgenden Spielzeit hier nicht gastiert und lässt die Philharmoniker und ihr Publikum noch bis kommenden Frühjahr auf seinen Antrittsbesuch als designierter Chefdirigent warten. Und so ist sein Gastspiel mit dem Bayerischen Staatsorchester, dem der gebürtige Russe seit drei Jahren vorsteht, die erste Begegnung des Berliner Publikums mit ihm seit seiner Wahl. Es ist eine, das darf man nach zwei Stunden in der Philharmonie sagen, vielversprechende. Und auch das ist eigentlich eine Untertreibung.

Kirill Petrenko dirigiert das Bayerische Staatsorchester beim Musikfest Berlin 2016 (Bild: Monika Rittershaus)

Kirill Petrenko dirigiert das Bayerische Staatsorchester beim Musikfest Berlin 2016 (Bild: Monika Rittershaus)

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Reibungsenergie

Musikfest Berlin 2016: Gustavo Dudamel dirigiert das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar de Venezuela mit Werken von Villa-Lobos und Messiaen

Von Sascha Krieger

Über El Sistema, das weltweit bewunderte Programm, mit dem in Venezuela Musikerziehung und -ausbildung genutzt werden, um Kindern und Jugendlichen Perspektiven im Leben zu schaffen, ist genug geschrieben worden. Auch darüber, dass das in erster Linie für soziale Ziele konzipierte System längst auch Musiker von höchster Qualität hervorgebracht hat. Aushängeschild von El Sistema ist das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar de Venezuela, ein ehemaliges Jugendorchester, das mittlerweile nicht nur aufgrund seiner Herkunft auf den Bühnen dieser Welt gefeiert wird. Sein Leiter ist das berühmteste Produkt von El Sistema, Gustavo Dudamel, einer der begehrtesten Dirigenten seiner Generation. Dem man gern nachsagt, seine Interpretationen strotzten nur so von Energie und Leidenschaft, wären aber oft strukturell unklar und analytisch unscharf. Wer seinen Auftritt beim diesjährigen Musikfest Berlin miterleben konnte, mag darüber nachdenken, diese Ansicht ein wenig zu modifizieren. So viel Energie dieser Konzertabend erzeugt, so klar und konzeptionell stringent ist  auch der Zugriff Dudamels auf die beiden so unterschiedlichen Werke, die er dirigiert.

Gustavo Dudamel dirigiert das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar de Venezuela (Bild: Gerardo Gómez)

Gustavo Dudamel dirigiert das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar de Venezuela (Bild: Gerardo Gómez)

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Musik zum (Be)Greifen nah

Musikfest Berlin 2016 – Andris Nelsons dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Debussy, Varèse und Berlioz

Von Sascha Krieger

So ist das mit Altbekanntem: Irgendwann glaubt man, alles darüber zu wissen und nimmt doch nichts mehr wirklich wahr. Das ist mit bekannten, populären Musikstücken, die oft gespielt und oft gehört wurden, nicht anders und gilt für Zuhörende wie Ausführende. Andris Nelsons ist sich dieser Gefahr durchaus bewusst. Und so ist sein Zugang von großer Vorsicht geprägt, lässt er die Berliner Philharmoniker sich ganz behutsam hinein- und herantasten, wenn er mit ihnen zwei der meist gespielten Werke der Musikgeschichte angeht: Claude Debussys Prélude a l’après-midi d’un faune und Hector Berlioz’ Symphonie fantastique, die man getrost zu Nelsons’ Lieblingswerken zählen kann. Um es vorweg zu sagen: Letzterem Werk bekommt der Ansatz um einiges besser als ersterem. Debussys Zehnminten-stück lebt vom klanglichen Farbenspiel, von seinem unvergleichlichen Atem. Der hier stottert: Solo-Flötist Mathieu Dufour geht das berühmte Solo sehr reduziert, beinahe brüchig an, hält es im Zwielicht, erlaubt ihm nicht zu strahlen. Dabei spielt das Orchester nicht nur hellwach, sondern auch mit höchster Transparent. Da ist viel Licht, aber wenig funkeln. Kein Präludium, eher ein Nachgedanke, der schnell wieder verschwindet. Wenngleich in  sehr berührender Weise: Der zarte, verloren suchende Schluss ist eindringlich in seiner Annäherung an die Stille.

Andris Nelsons (Foto: Marco Borggreve)

Andris Nelsons (Foto: Marco Borggreve)

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“Dann beginnt die Tragödie”

Milo Rau: Empire, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin / International Institute of Political Murder (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

Wo findet Geschichte eigentlich statt? Auf den Schlachtfeldern, in den “Situation Rooms”, in den Trümmerlandschaften zerbombter Städte und den Schreckensbildern atemloser Nachrichtensender, in dem, was wir die Öffentlichkeit nennen? Wie schon in den ersten beiden Teilen seiner Europa-Trilogie, The Civil War und The Dark Ages, beginnt Milo Rau auch Empire in diesem Außen, das wir für die Welt halten. Eine ausgebrannte Hausfront ist es diesmal, die Rau in die Mitte der Bühne gestellt hat. Sie könnte aus Berlin stammen, anno 1945, oder dem Aleppo des Jahres 2016. Doch kaum geht das Licht an, machen sich schon vier Menschen daran, die Fassade umzudrehen und ihre Rückseite preiszugeben. Eine Küche sehen wir, den Nachbau jener der Mutter von Ramo Ali, syrisch-kurdischer Schauspieler, und einer der Protagonisten dieses Abends. Milo Raus Trilogie ist buchstäblich ein Blick hinter die Kulissen, hinter das, was wir sehen, wenn wir den Fernseher anmachen oder ein Geschichtsbuch aufschlagen. Er bringt uns dorthin, wo der Krieg wütet, wo die wunden geschlagen, die Toten beweint, die Gräber geschaufelt werden. Nach einem belgischen Wohnzimmer und dem Büro eines bosnischen Menschenrechtsaktivisten nun also eine selbst geschreinerte Küche im türkisch-irakisch-syrischen Grenzland, selbst eine wunde, zugefügt von dem “Empire”, das hier gemeint ist, Europa, das einst die Welt zerschnitt, um seine Macht zu festigen. Die kugeln, die es damals abschoss, fliegen noch heute.

Bild: Marc Stephan

Bild: Marc Stephan

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Der Riss, der bleibt

Musikfest Berlin 2016: Valery Gergiev dirigiert die Münchner Philharmoniker mit Werken von Schostakowitsch und Ustwolskaja

Von Sascha Krieger

Schon der Beginn des Abends ist passend: Als Dirigent Valery Gergiev und Schauspieler Alexei Petrenko die Bühne betreten, schallt ihnen erst einmal ein veritables Buh-Gewitter entgegen. Das liegt diesmal nicht an Gergievs durchaus umstrittene Nähe zu Wladimir Putin – die bekanntlich schon vor seinem Münchner Amtsantritt zu massiven Protesten geführt hatte – sondern daran, dass beide Publikum und Musiker etwa zehn Minuten warten lassen, ohne dass eine Erklärung gegeben wird (Anmerkung: In einem Statement gaben die Festspiele heute bekannt, es handelte sich um eine Indisponiertheit Petrenkos). Die Atmosphäre im Saal ist damit schon vor dem ersten Ton recht angespannt. Das ist dem Programm durchaus angemessen, schließlich führt Gergiev sein Publikum auf die Schattenseite der menschlichen Existenz. Den Anfang macht die dritte Symphonie der bis heute kaum bekannten Galina Ustwolskaja, einer ganz und gar eigenwilligen Stimme in der russischen Musik, ehemalige Schostakowitsch-Schülerin und eine der wenigen, von denen dieser einiges hielt. Dabei könnten ihre Klangwelten von denen ihres Lehrers kaum weiter entfernt sein. Ihre “Dritte” ist ein kompaktes Stück  von 15 Minuten länge, gebaut um ein kurzes Gebet eines Benediktiners aus dem 11. Jahrhundert. Petrenko trägt es mit stillem Pathos, leicht bebender Stimme, zunehmender Innigkeit vor, doch es bleibt intim, persönlich, seltsam fehl am Platze inmitten diesen großen Konzertsaals.

Valery Gergiev dirigiert die Münchner Philharmoniker beim Musikfest Berlin 2016 (Bild: Kai Bienert)

Valery Gergiev dirigiert die Münchner Philharmoniker beim Musikfest Berlin 2016 (Bild: Kai Bienert)

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