Reise ins Nichts

Post Theater / SubHuman Theatre (Sofia): Satellites, Ballhaus Ost, Berlin (Künstlerische Leitung: Max Schumacher / Venelin Shurelov)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist das nett gedacht: In Zeiten eines Europas, das an allen Ecken und enden droht auseinanderzufallen, das von viel zu vielen längst als überflüssig abgetan wurde, tun sich der Westen und der Osten in Form des Berliner Post Theater und des SubHuman Theatre Sofia ein (letztes?) Mal zusammen, um gemeinsam darüber nachzudenken, wo die einzigen Gegner im so genannten „kalten Krieg“ heute stehen, welche Welt dem „Gleichgewicht der Kräfte“ folgte und ob es noch irgendetwas gibt, das diese – ob „im Innersten“ oder auch nur an der Oberfläche – zusammenhält? Und weil das Weltall seit jeher Utopieraum, Science-Fiction Experimentierfeld für menschliche Möglichkeiten wie Limitierungen war, stellen Max Schumacher und Venelin Shurelov, die Köpfe der beiden Gruppen, eine semitransparente Halbkugel auf die Bühne, ein Raumschiff, seit 30 Jahren im Orbit um die Erde, einst in geheimer Mission in die Umlaufbahn befördert, um einen Atomkrieg zu verhindern. An Bord: ein (West-)Deutscher und eine Bulgarin (Alexander Schröder und Juliana Saiska), Ost und West vereint in einer kleinen Miniatur-Utopie, die jetzt, 30 Jahre später vergessen scheint. Niemand weiß mehr um die Mission, natürlich auch das ein Sinnbild für die Geschichtsvergessenheit unserer Zeit.

Bild: Hiroko Tanahashi

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Musik als Naturgewalt

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker zum ersten Mal seit seiner Wahl zum zukünftigen Chefdirigenten

Von Sascha Krieger

Natürlich ist es das am heißesten erwartete Konzertereignis des Jahres in Berlin. Erst drei Mal hat Kirill Petrenko die Berliner Philharmoniker dirigiert, zuletzt vor fünf Jahren. Mehrfach hatte er, auch kurzfristig, gemeinsame Auftritte abgesagt. Trotzdem wählte ihn das Orchester vor bald zwei Jahren zu ihrem nächsten Chefdirigenten – wie man hört, nicht ohne einige Überzeugungsarbeit bei ihm leisten zu müssen, auch dies ein Novum bei der Besetzung des begehrtesten Postens der Musikwelt. Und erst jetzt steht er hier endlich am Pult und auch dies nur für zwei statt der üblichen drei Konzerte. Interviews gibt er nicht und will das auch in Zukunft so halten. Nun weiß man: Was rar ist weckt Begehrlichkeiten und so ist die Erwartung mit Händen zu greifen, schon bevor der leicht schüchtern lächelnde Mann ans Pult tritt. Nicht weniger soll er, als in eineinhalb Stunden netto belegen, warum er genau hier hingehört, warum er Nachfolger sein darf von Bülows, Nikischs, Furtwänglers, Karajans, Abbados, Rattles. Symphonisches Kernrepertoire hat er dabei: Mozarts „Haffner“-Symphonie, Tschaikowskis „Pathétique“, dazu, auch dies sicher ein Statement, ein Werk des derzeitigen Composer in Residence des Orchesters, John Adams.

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Erinnerung als Geistertanz

Nach Peter Richter: 89/90, Schauspiel Leipzig (Regie: Claudia Bauer) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

„Hätte man damals schon sagen können, wer dort eines Tages wem einen Baseballschläger über den Kopf hauen würde?“ Oder wer Karriere machen würde und wer an seiner Drogensucht krepieren? Ein verkramtes Hinterzimmer ist in Claudia Bauers Adaption von Peter Richters Wenderoman 89/90 Schauplatz dieser Fragen. Inmitten von alten Fotos und Erinnerungsstücke wühlen sich zwei heutige Mittvierziger hinein in diese Zeit, in der alles zusammenbrach und neu entstand, in der für einen kurzen historischen Moment alles möglich schien – auch und gerade das Unmöglich. Die üblichen DDR-Utensilien, sie liegen verstreut herum, ein paar Karo-Zigaretten, eine Flasche Altenburger Korn. Aber um sie geht es hier nicht, sie spielen keine Rolle. FDJ-Hemden sucht man vergeblich, kein Trabi rattert. Nein, die Bebilderung mit dem Altbekannten, dem klischeehaft Erwarteten, die Bedienung des (n)ostalgischen Wiedererkennungseffekts, sie findet hier nicht statt. Die realistische Darstellung der DDR-Vergangenheit – oder zumindest unserer (verklärten?) kollektive Erinnerung daran – ist oft genug versucht worden, Claudia Bauer interessiert sie nicht. Nein, ihr geht es um den Erinnerungsprozess selbst und um die Annäherung an eine Zeit – erinnert, real, irgendetwas dazwischen? – die denen, die nicht dabei waren, zuweilen so fremd wie ein Science-Fiction film erscheint.

Bild: Rolf Arnold

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Ich ist (k)ein anderer

Zachary Oberzan: The Great Pretender, Hebbel am Ufer (HAU3), Berlin

Von Sascha Krieger

Der Mensch und der Künstler – wie passen die eigentlich zusammen? Wahres Gesicht und Maske, Kunst und Leben, wer saugt hier wen aus, bedingt das eine das andere und wenn ja, warum? Gibt es den Menschen hinter der Maske oder nur ein Matrjoschka-artiges Ineinanderstülpen immer neuer Alter Egos? Und wo in diesem ganzen Durcheinander – falscher, wahrer? – Identitäten ist Wahrheit? Oder gibt es die nur im Spiel der Zusammenfälschungen? Zachary Oberzan, einst Gründungsmitglied des Nature Theater of Oklahoma, sucht in seinem Werk nach der Beziehung zwischen Leben und Kunst, sucht sich darin, fragt nach Natur und Möglichkeit menschlicher wie künstlerischer Identität. Mal beginnt er dabei beim (eigenen) Leben wie in Tell Me Love Is Real, in dem er einen eigenen Selbstmordversuch thematisiert, mal startet er mit der Kunst. Letzteres ist in seiner neuen Arbeit The Great Pretender der Fall, wie meist bei Oberzan ein Theater-Film-Hybrid, das diesmal sehr stark in die Film-Richtung ausschlägt.

Bild: Sascha Krieger

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Lasst die Körper sprechen!

Sasha Marianna Salzmann: Zucken, Maxim Gorki Theater, Berlin / junges theater basel, Basel (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Ein junges Mädchen chattet. Der Kommunikationspartner scheint ein junger Mann zu sein. Nur langsam wird klar, dass er anderes im Sinn hat als einen harmlosen Flirt. Er schickt dem Mädchen Songs, arabische, in denen es um Allah geht, kritisiert ihre Smiley-Flut, lenkt die Konversation in ernsthaftere Bahnen. Sie kotzt sich aus über die Eltern, darüber, nicht wahr und ernst genommen zu werden, keine Perspektive zu sehen, kein Ich, das ihr zusagt. er, so glaubt sie, hat die Antwort. „Das gefällt mir, dass du klare Antworten gibst“, sagt sie. „Ja und nein.“ Sie legt ihr Standard-Teenahger-Outfit ab, kleidet sich in Schwarz. Und will zu ihm. In den Dschihad. Als sie gestoppt wird und der Whatsapp-Chat-Partner nicht mehr antwortet, nimmt sie sich ein Messer und geht zum Bahnhof. Eine Radikalisierungsstory im Zeitraffer. Nüchtern, schnörkellos, einfach. Und kaum will sich der Zuschauer ein ganz klein wenig über die Simplizität dieser Verknappung einer solchen ins Radikalste führenden Sinnsuche ärgern, interveniert einer der Darsteller. „Das ist doch unterkomplex!“, ruft er und fordert einen Neustart. Ein schöner Kniff, der jetzt Multiperspektivik erwarten lässt, vielleicht auch eine Hinterfragung, warum die Simplizität der gerade gesehenen Geschichte uns westlichen Augen so plausibel erscheint.

Bild: Esra Rotthoff

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Black and Blue

Film review: Moonlight (Director: Barry Jenkins)

By Sascha Krieger

In the moonlight, all black boys look blue. A drug dealer repeats this sentence, heard as a child from an old lady, to a young, shy, bullied boy. At the end of the film, we see the boy, in the moonlight at the beach, looking back at us, shining blue. Between this unfolds what was rightly – though clumsily – named the year’s best film at the 2017 Academy Awards. Moonlight tells the story of a black boy who starts out as „Little“, a tiny, shy, silent, soft-seeming boy bullied by his peers. Hiding in a drug hole, he is discovered by a dealer, Juan, who becomes an unlikely surrogate father while the drugs he sells the boy’s mother begin to destroy any home the boy has had. This is part one. Part two is called „Chiron“, the boy’s real name. Now a teenager but more an outsider than ever he experiences the pangs of being different, struggles with a broken home and his blossoming sexuality which only confirms to him that he’s not like the rest. At the end he makes a choice that brings him to part three, „Black“, the name he once rejected and now adopts. It’s the name of a tough drug dealer with a drug dealer’s muscle, a drug dealer’s style, a drug dealer’s car. A man who’s conforming to role models he sees around him, to a dominating interpretation of masculinity, to what he has learned is what a man is supposed to be like. A man who’s become what he thinks the world wants him to be. A man who seems to have forgotten who he is.

Bild: © A24 / DCM

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Nicht alles Gold, was glänzt

Friedrich Schiller: Die Räuber, Theater an der Parkaue (Prater), Berlin (Regie: Kay Wuschek)

Von Sascha Krieger

Das Überraschendste an diesem Abend: es wird viel gelacht und das ist auch gewollt. Das klingt zunächst seltsam, schließlich sind Friedrich Schillers Die Räuber, das Duell zweier Brüder, das in erster Linie auch eine Auseinandersetzung zwischen Freiheit und Despotie ist, nicht als Komödie angelegt. Bei Kay Wuschek, Intendant des Theaters an der Parkaue, Deutschlands einzigem Staatstheater für Kinder- und Jugendtheater, schon. Bereits Bühnenbild und Kostüme von Dorothee Curio haben eine dezidiert satirische Note. Gold dominiert: im Mobiliar, dem Kühlschrank, der Kleidung, dem eisernen Vorhang, sogar eine güldene Toilettenschüssel gibt es. Ein goldener Käfig, dessen Oberflächenglanz brüchig ist. Das herrschaftliche Haus der Moors ähnelt von der Einrichtung jenseits der Farbe eher einer abgeranzten Single-Wohnung, wobei die blätternde Farbe des alten Prater-Saals ein Übriges tut. Hier ist nicht nur alles, sondern nichts Gold, was glänzt. Keine Herrlichkeit, sondern Ego-Spiele. Da ist der intrigante Manipulator Franz, sein nicht minder narzisstischer, aus Kränkung zum Rebellen mutierender Bruder Karl, und der von Dennis Pöpping als egomanischer Choleriker gegebene Vater Moor. Ich-AGs in mehrfacher Potenz.

Bild: Christian Brachwitz

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Vorbei? Nicht solange das Dreirad quietscht

Nach Johann Wolfgang von Goethe: Faust, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

„Gerichtet?“ Eigentlich nicht. „Gerettet“? Schon gar nicht. Wenn die berühmten Worte erklingen, ist Marc Hosemanns Mephisto gerade dabei, Martin Wuttkes Faust zu vergewaltigen. Und wenn ganz am Schluss Valery Tscheplanowa als Margarethe Faust Erlösung ankündigt, quietscht dieser infantil auf einem Dreirad über die Bühne, währen Hosemann ihm hin und wieder eines mit einer Algerien-Fahne über. Gerade erst hatte Wuttke-Faust, blind und siech und halluzinierend, von der „Weisheit letztem Schluss“ gefaselt, während Hosemann-Mephisto um ihn herum Dreirad fuhr. Da bleibt eigentlich nur noch, sich, bewaffnet mit 200 Jahren Faust-Interpretation, irgendwo zwischen Pollesch und Sandkasten zu streiten, wer die Wette eigentlich gewonnen habe. Wichtig ist das nicht. Entscheidend ist, wer sie verliert und darum geht es in Frank Castorfs knapp siebenstündigem Volksbühnen-Abschied. Das Stück der Deutschen, das Nationaldrama schlechthin. Darunter geht es nicht.

Bild: Sascha Krieger

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Das Chaos und das Nichts

Nach Bertolt Brecht: Dickicht, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Baumgarten)

Von Sascha Krieger

Das „Dickicht der Städte“: In Sebastian Baumgartens Inszenierung wirkt es kaum wie ein Ort, in dem man sich verlieren könnte, vor dem man Angst haben müsste. Robert Lippoks Bühne besteht aus ein paar Miniatur-Wohnblocks, wohlgeordnete Menschen-Silos, kein Dschungel, sondern die anonyme, gleichmachende Ordnung moderner Großstadt-Architektur. Hunderte Wohneinheiten, Lebensräume glitzern freundlich. Doch dann, aus der Dunkelheit, treten schwarzgekleidete Gestalten, urbane Überlebenskämpfer, die sich in Worten aus Bertolt-Brechts Städtebewohner-Handbuch zuflüsteren, die Spuren zu verwischen. Unsichtbarkeit ist das Überlebensgeheimnis. Und so bleiben sie über weitere Strecken unsichtbar, die acht Spielerinnen, die sich im Bühnenhintergrunsversammeln. Über ihnen beginnt eine Leinwand Brechts frühe, rätselhaft-expressionistische Kampfparabel – die gar keine Parabel sein mag – Im Dickicht der Städte zu erzählen. In greller Überzeichnung erinnern die Filmszenen mal an expressionistische Stummfilme, mal an Gangsterstreifen der Noir-Tradition, später kommt eine gehörige Prise Horrorgenre hinzu.

Dickicht_(c)Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

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Unter der Oberfläche

Pinchas Zukerman und Zubin Mehta zu Gast bei den Berliner Philharmonikern mit Werken von Edward Elgar und Peter Tschaikowski

Von Sascha Krieger

Die Zubin-Mehta-Festspiele in Berlin geht es weiter. Nach fremderen Klängen zum Auftakt seiner drei Programme (zwei mit den Berliner Philharmonikern, eines mit der Staatskapelle) geht es nun zurück in familiärere Gefilde. Romantisch geht es zu in der Berliner Philharmonie, zunächst mit Edward Elgars Violinkonzert, einer spätromantischen Modernitätsverweigerung, anschließend mit Peter Tschaikowskis oft gehörter fünfter Symphonie. Vor allem aber gibt es ein Wiedersehen und Wiederhören mit einem der größten Geigern der vergangenen Jahrzehnte. Dreizehn Jahre gastierte Pinchas Zukerman nicht mehr bei den Philharmonikern, jetzt hat er lange 50 Minuten Zeit, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Und die nutz der 68-Jährige. Nur wenige seiner Zunft sind in der Lage, ihr Instrument so konsequent und dauerhaft zum Singen zu bringen. Mühelos wirkt sein Spiel selbst in den schwierigsten Passagen, von denen das werk einige aufweist. Einen warmen, klaren Ton entlockt er seinem Instrument, lässt die romantische Melodik fließen, was auch das Orchester anspornt, auch wenn das dialogische Zusammenspiel erst im Schlusssatz so richtig zündet. Vor allem im ersten Abschnitt entspinnt sich eher ein Wechselspiel. Wenn die Violine schweigt, spielen die Philharmoniker lebendig auf, zeigen einen farbenreichen, wenn auch wenig transparenten Klang und gehen mit viel Zug zu Werke. Ist das Soloinstrument am Zug, zieht sich das Orchester ein Stück zu weit zu rück, ist mehr klangliche Unterlage als Partner.

Pinchas Zukerman und Zubin Mehta zu Gast bei den Berliner Philharmonikern (Bild: Monika Rittershaus)

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