„Forever Raupe“

Junges DT / Jugendclub 2 – Wölfe, Deutsches Theatewr (Box), Berlin (Leitung: Lasse Scheiba)

Von Sascha Krieger

Mit dem Ende der Autorentheatertage befindet sich die Spielzeit am Deutschen Theater eigentlich in ihrer Auslaufphase. Ein paar Vorstellungen werden noch gespielt, aber eigentlich denken alle schon an die Theaterferien – und die neue Spielzeit. Alle? Nein! Der Jugendclub 2 im Jungen DT hat noch etwas vor: Er will raus aus den eingefahrenen Bahnen, runter von den ausgetretenen Pfaden, er nimmt sich die Freiheit, das ruhige Auslaufenlassen der Theatersaison zu unterbrechen. Und genau darum geht es auch in Wölfe – nicht zufällig die letzte Premiere der DT-Spielzeit 2018/19. Denn darin geht es um zehn Jugendliche, die ausbrechen, die die Schnauze voll haben von den vorgezeichneten Lebensbahnen, von den Eltern, den Rollen- und Genderzuweisungen, den Erwartungen der Gesellschaft, vom Nichtbeachtet werden, von der binären Wahl zwischen Kind und Erwachsener. Also hauen sie ab – nicht spontan, sondern geplant. Nehmen sich Zelte mit und reichlich Proviant, verschwinden in die undurchdringlichen Wälder Brandenburgs – oder ist es schon Polen? – und versuchen einen Neuanfang, eine Gemeinschaftsbildung nach ihren Vorgaben. Das geht natürlich schief: Irgendwann sind die Vorräte plötzlich verschwunden, Gruppen bilden sich, Mitglieder*innen fallen ab, die unterschiedlichen Motivationen treten zunehmend unversöhnlich hervor, die Frage, ob eine radikale Neuerfindung menschlicher gemeinschaft möglich oder gar sinnvoll ist, stellt sich mit existenzieller Vehemenz.

Bild: Arno Declair

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Der letzte Schritt

Ersan Mondtag: De Living, NTGent / Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Wäre Samuel Beckett Küchenarchitekt gewesen, hätten seine Kreationen vielleicht nicht so ausgesehen, aber sie hätten sich so angefühlt. In Ersan Mondtags neuer Arbeit, entstanden an Milo Raus NTGent, ist die Küche eine Art Vorhölle, der letzte Warteraum vor der Auslöschung. Die Wände mit einer Tapete voller fröhlicher Blumen und singender Vögel, der Boden ein strenges Schachbrettmuster, der Rest der Ausstattung geprägt von der die eigene Nichtpräsenz anstrebenden Sachlichkeit schwedischer Möbelhäuser. Eine bleierne Schwere liegt in der Luft, wie bei Beckett ist unklar, ob es eine Welt da draußen noch gibt, das laute Vogelgezwitscher kommt von drinnen, aus dem Vogelkäfig in der Ecke – oder vom Band. Und wenn es sie gibt, wäre sie relevant? Nicht für die Frau, die zunächst am Küchentisch sitzt . Minutenlang ohne jede Regung, bevor sie, kaum merklich zunächst, zu zittern beginnt, langsam aufsteht, zu Boden sinkt, immer wieder für längere Zeit wie einfrierend, am Ende den Gasherd anschaltet und den Kopf hineinschiebt, bis ihre Arme schlaff herunterfallen. „Die Frau mit dem Kopf im Gasherd“ – auch Heiner Müller ist in dieser Küchenzeilen-Apokalypse nicht weit.

Bild: Birgit Hupfeld

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Fading

Film review: Burning (Director: Lee Chang-dong)

By Sascha Krieger

If nothing else remains from the almost two and a half hours of this film remains, some small, easy-to-miss images will: the flicker of light on the wall, the only fleeting moment of sunlight in the tiny one room apartment, the protagonist focuses on during the sex with a childhood acquaintance; the closeness, breathing distance, of the young man crouching behind a car, to the object of his observation, watched across the distance that separates their lives; the very ending, a panicked confused face on a naked body driving through the pale semi-darkness, observed through a dirty windscreen. Lee Jongsu is an observer. An observer of life. An aspiring writer who we only see writing in the film’s last few minutes, a man working odd jobs who we only see doing so in the opening, a city dweller hiding away at his father’s defunct farm where the only remnant of farm life is a sole calf that gets picked up at some point. Lee, a university graduate, is waiting for a life that is not likely to come. Early on, director Lee Chang-dong inserts news snippets reporting on the scourge of youth unemployment in South Korea. His protagonist is a member as well as a symbol of a lost generation, a by-product of Korea’s fiercely competitive turbo capitalism, but also a universal lost young man, played by Yoo Ah-in with an open-mouthed emptiness that half conceals a longing slowly dying as all objects it can hang on to slip away or are revealed as meaningless right away.

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Kein weites Feld

René Pollesch stellt sich als künftiger Intendant der Berliner Volksbühne vor

Von Sascha Krieger

Update: Das im Artiel zitierte und bei der Pressekonferenz in Teilen verlesene programmatische Bewerbungsschreiben René Polleschs ist hier dokumentiert und vollständig nachzulesen.

„Es ist nicht mein Lebenstraum gewesen, Intendant zu werden.“ Ungewöhnliche Worte für einen, der in den Augen mancher, wohl auch des neben ihm sitzenden Berliner Kultursenators Klaus Lederer,  nicht weniger sein soll als der Retter jenes ins Schlingern geratenen Theaterdampfers Volksbühne. Und nein, wie ein solcher, sieht der Mittfünfziger, der da auf dem Podium im Roten Salon sitzt, nicht aus. Sichtlich unwohl ob der ungeliebten Aufmerksamkeit hält er sich an den zuvor an die Journalist*innen ausgeteilten fünf Schreibmaschinenseiten fest, die er als sein Bewerbungsschreiben für den Posten bezeichnet und aus denen er Auszüge vorliest. Es ist ihm wichtig sich zu erklären, auch weil mit seinem Namen naturgemäß so manches verbunden ist, was für die einen Versprechen ist und für die anderen Last, immer jedoch eines: ein Rückgriff auf die Ära Frank Castorf, die vermeintlich so goldene jüngere Vergangenheit des Hauses. Mit der bleibt René Pollesch, Castorfs designierter Nach-Nach-Nachfolger verbunden. Fast zwanzig Jahre hat er hier gearbeitet, er gilt als eine der prägenden Gestalten dieser Zeit. Eine Entscheidung für ihn ist eine für die „alte Volksbühne“, ein logischer Schritt für einen Kultursenator, der im Wahlkampf aus seiner Ablehnung des Museumsfachmanns Chris Dercon, den der ob seiner Vergangenheit als Popmusik-Label-Manager ehemalige Kulturstaatssekretär in der Stadt stets verachtete Tim Renner als neuen Intendanten geholt hatte, nie einen Hehl machte. Auch in der Folge verweigerte Leder dem unglücklich agierenden und einer regelrechten Hasskampagne ausgesetzten Dercon die Rückendeckung.

René Pollesch bei der Vorstellung im Roten Salon (Bild: Christian Rakow / nachtkritik.de)

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Risse im Netz

Autorentheatertage 2019 – Die lange Nacht der Autorinnen am Deutschen Theater, Berlin

Von Sascha Krieger

Wer das Interview mit Steffi Kühnert, Schauspielerin, Regisseurin und in diesem Jahr Jurymitglied für die Lang Nacht der Autorinnen, traditionell Schlusspunkt der von Ulrich Khuons einst in Hannover gegründeten und mit ihm über Hamburg nach Berlin gewanderten Autorentheatertage, in der Berliner Zeitung gelesen hat, dem konnte Angst uns bange werden. Trotz aller Diplomatie war ihre Verdikt zur deutschsprachigen Gegenwartsdramatik eher niederschmetternd. „Auffällig für mich ist“, sagt sie da, „dass neue Stücke partout keine Dialoge mehr haben, dafür seitenlange Statements abgeben: Monologisieren.“ Keine ganz neue Erkenntnis, zugegeben, aber ein Statement, dass eine Eintönigkeit und Spielfeindlichkeit, eine Entdramatisierung behauptet, der häufige Zuschauer*innen und Leser*innen deutschsprachiger Theatertexte nicht leichtfertig widersprechen können. Zwischen Romanadaptionen und dialogfernen Textflächen scheint die deutschsprachige Dramatik in der Krise, ein Eindruck, den auch einschlägige Festivals von Mülheim bis Heidelberg nicht auszuräumen vermögen.

zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden (Bild: Arno Declair)

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Das „Just-right-Gefühl“

Rimini Protokoll (Helgard Haug): Chinchilla Arschloch, waswas, Künstlerhaus Mousonturm / Schauspiel Frankfurt / HAU Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Regie: Rimini Protokoll/Helgard Haug)

Von Sascha Krieger

Dass das Theater seit jeher ein Ort der Kontrolle, der einstudierten Wiederholung, der puren Absicht ist, fiel nicht erst in jüngerer Zeit so manchem (Post)Dramatiker auf. Auch, dass es darauf basiert, dass jeden Abend exakt das Gleiche passiert – und sich dies immer in einem Spannungsfeld mit der Unmöglichkeit dieses Ansinnens befindet, weil Theater es eben auch bedingt, sich in jeder Vorstellung neu zu erschaffen und präzise, vollständige, deckungsgleiche Wiederholung dem Menschen eben nicht gegeben ist. Versuche, dies zu hinterfragen, zu thematisieren oder auszunutzen, gab es so manche. Ein Großteil der Postdramatik – etwa die Arbeiten Nicolas Stemanns – basiert darauf, auch theatermacher wie Frank Castorf spielen immer wieder mit der Durchbrechung des Planbaren, Kay Voges etwa zielt in Arbeiten wie seiner Borderline-Prozession darauf ab, einmalige Theaterabende zu schaffen, die auf gemeinsamer Basis jedes Mal anders und neu sind. Rimini Protokoll’s Helgard Haug, seit jeher interessiert am Spannungsverhältnis zwischen Theater und Realität, stellt sich nun die Frage, was mit dem Theater passiert, wenn es einer absichtslosigkeit ausgesetzt ist, die eben nicht konzeptionell aufgestellt ist und tatsächlichen Kontrollverlust – der bei Stemann, Castorf oder Voges nie vollständig und mehr behauptet als wirklich ist, kontrollierter Zufall eben.

Bild: Robert Schittko

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„Studieren oder frittieren“

Autorentheatertage 2019 – Nora Abdel-Maksoud: Café Populaire, Theater am Neumarkt, Zürich (Regie: Nora Abdel-Maksoud)

Von Sascha Krieger

Besucher*innen des Berliner Maxim Gorki Theaters kennen Nora Abdel-Maksoud spätestens seit The Making-of als ebenso scharfzüngige wie unbarmherzige Entlarverin (post)moderner bürgerlicher Pseudo-Aufgeklärtheit und der Durchlässigkeit zwischen vermeintlich linker Toleranz und real rechtem Populismus. Dabei paart sie beste Unterhaltung mit schmerzenden Nadelstichen gegen ihr Publikum, heiter serviert, schonungslos ausgeführt. Das funktioniert nicht nur im politisch heißen Berlin, sondern auch im beschaulicheren Zürich, wie Café Populaire eindrucksvoll vorführt. Diesmal nimmt sich Abdel-Maksoud das Phänomen des Klassismus vor, der Abwertung vermeintlich „unterer“ Gesellschaftsschichten durch die, die sich für gebildet, zivilisiert und tolerant halten. Und natürlich der Meinung sind, Klassismus gäbe es zumindest bei ihnen überhaupt gar nicht. In kitschiges Rosa getaucht ist die Bühne, ein rechteckiger Kasten von so widerwärtiger Harmonieseligkeit, dass es gar nicht anders kann, als hier zu krachen. Das Rechteck ist YouTube-Screen und Varietébühne, ein Schlachtfeld der Deutungshoheiten, die schnell sehr viel düsterer werden als ihr bonbonfriedliches Umfeld.

Bild: Barbara Braun

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Mein Freund, der Knacks

Autorentheatertage 2019 – René Pollesch: Ich weiß nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis (Manzini Studien), Schauspielhaus Zürich (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Die Zeit ist aus den Fugen in dieser Arbeit von Vielschreiber und -inszenierer René Pollesch. Haben die drei in rustikal theatraler Kostümierung  gerade eine Sechsstundenversion von Shakespeares Ein Sommernachtstraum hinter sich oder sind sie gerade erst auf die Bühne gekommen? Sie können sich nicht erinnern und wenn sie es könnten, vermochten sie sich ohnehin nicht darüber einigen woran. Denn waren es eigentlich „nur“ sechs Stunden oder gar 48? Je länger dieser, so weit der Rezensent das beurteilen kann, nicht zweistündige Abend fortschreitet, desto länger wird der, von dem er erzählt. Oder eben auch nicht, denn er lässt sich ja nicht erinnern, wenn es ihn denn gab. Die Kontingenz, die Gleichzeitigkeit und Gültigkeit des Gegensätzlichen, scheint derzeit Polleschs Kernthema zu sein, zusammen mit dem, das ihn ohnehin seit Jahren umtreibt: der Liebe. Auch sie ist in seinem Universum immer zugleich zwingend und unmöglich. Schrödingers Liebe sozusagen.

Bild: Sascha Krieger

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Eingebrannte Bilder

Nach dem Roman von José Saramago (Fassung von Kay Voges, Bastian Lomsché und Matthias Seier): Die Stadt der Blinden, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

Um das Sehen geht es in den Arbeiten des Regisseurs Kay Voges eigentlich immer. Um unseren Blick auf und in die Welt, seine Beschränktheit, seine Beliebigkeit, seine Konditioniertheit, seine Unmöglichkeit. Was sehen wir, wenn wir in die Welt blicken und vor allem was nicht. Was sich unserem Blick darbietet und was sich verbirgt. Und die Entscheidungen, die wir treffen, wenn wir unseren Blick auf etwas richten, um den Preis, anderes zu ignorieren. Spätestens seit der schon längst legendären Borderline Prozession stellen Voges’ Inszenierungen immer wieder solche Fragen nach der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der Welt, des Lebens, des Menschlichen. Da ist es vielleicht wenig überraschend, dass der Dortmunder Noch-Intendant irgendwann bei José Saramagos Roman Die Stadt der Blinden landen würde, jenem Buch, in dem eine rätselhafte Epidemie Menschen reihenweise mit Blindheit schlägt, die Welt also buchstäblich schrittweise und zunehmend unsichtbar wird. Dabei ist das Sehen und Nicht-Sehen nicht zuletzt Anlass für eine Untersuchung, die Literat*innen, Philosoph*innen und Leser*innen seit Jahrhunderten umtreibt: Was passiert, wenn gesellschaftliche Verabredungen plötzlich an Bedeutung verlieren, sich die Menschen auf sich und die Notwendigkeit bloßen Überlebens zurückgeworfen sehen? Oder anders gefragt: Wie kommt das Böse in die Welt und wie dünn ist der Firnis der Zivilisation. Und vor allem: Was liegt darunter?

Bild: Marcel Urlaub

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Unterkühlte Gespenster

Frank Wedekind: Lulu, Volksbühne Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Die Aufgabe, die sich Stefan Pucher gestellt hat, ist nicht gerade trivial: Frank Wedekinds Lulu, diese düster morbide Feier befreiter Sexualität mit der Frau als einer Art personifiziertem Lustprinzip bietet sich nicht unbedingt für eine emanzipatorische, gar feministische Lesart an. Zumal, wie das Programmheft zugibt, das Kernteam – inklusive längst totem Autor – vollständig männlich ist. Was also tun, um das Objekt Frau, das auch Wedekinds Lulu immer bleibt, aus ihrer Rolle, ihren Rollen zu befreien, oder diese zumindest als durchdring- und damit überwindbar deutlich zu machen? Puchers Antwort: Lulu muss sterben, um neu anfangen zu können. Also zwängt er sie zu Beginn in ein enges Rechteck in dem fünf Männer aufgereiht sind. Einer erwählt sie, das Objekt, und bringt sie um.Sie rutscht die gerade entstandene Treppe herunter, leblos, ausgenutzt, weggeworfen. Barabara Ehnes‘ Bühne besteht aus in einander geschobenen und verschiebbaren Rechtecken, eine Art Matrjoschka zunehmend engerer Einhegungen, die mal eine wand bilden, mal eine Treppe, mal bedrohlich gen Rampe drücken. Befreit werden kann die Frau aus diesem Gefängnis nur durch den Tod, wiederauferstehen als Gespenst, als Spuk, als Heimsuchung.

Bild: Julian Röder

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