Krabbelgruppe des Erwachsenwerdens

Nach dem Roman von Bov Bjerg. Auerhaus, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Nora Schlocker)

Von Sascha Krieger

Birth – school – work – death. Mehr ist nicht. Zumindest erscheint ihnen das so, diesen sechs 18-Jährigen, die sich irgendwann in den 1980er-Jahren zu einer mehr oder weniger spontanen WG versammeln. Frieder, der einen Selbstmordversuch hinter sich hat und nicht nach Hause will. Höppner, der freund, der dazu kommt, weil Frieders Eltern den Sohn nicht allein wohnen lassen wollen und der die Gelegenheit wahrnimmt, dem verhassten Stiefvater zu entkommen. Vera kommt hinzu, Höppners Freundin, und Schulfreundin Cäcilia, die wenig Lust hat, einfach nur als reiche Erbin aufzuwachen. Später stoßen noch zwei weitere zur Gruppe: Harry, Schwuler, Stricher, Dealer, und Pauline, eine Brandstifterin, die Frieder aus der Psychiatrie kennt. Eine Zweckgemeinschaft, die nur eines eint: dem eingangs beschriebenen Teufelskreis zu entkommen. Sie alle leben im „Auerhaus“, benannt nach dem Song „Our House“ der Band Madness. „Auerhahn, Auerochse, Auerhaus“, meint ein älterer Nachbar. Eine neue Spezies im Dorf, eine, die aussterben wird. Aber zunächst lebt sie – in Bov Bjergs 2015 erschienenem Bestseller und nun auch auf der Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters.

Bild: Arno Declair

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Erzählen ist Leben

Necati Öziri: Get deutsch or die tryin‘, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Eine zusammengestückelte Welt, Räume, die sich zu neuen öffnen und gleichzeitig verengen, jedes Zimmer hat ein Hinterzimmer, kleiner, niedriger, enger. Pastellfarben „zieren“ die Wände, ausgebleicht, wie ein Patchwork versuchter Leben, ein bisschen Seidentapetenimitat ist auch dabei. Ein Heim, eine Heimat? Nein. Eher eine Abfolge von Versuchen des Ankommens, eine Serie des Scheiterns. Unspektakulär ist Magda Willis Bühne, banal, normal, und doch von berührender Gespächigkeitr. Im Hintergrund ein (Kunst-?)Ledersessel, vorn ein Köhlschrank, ein Heizkörper, ein Spiegel steht waagerecht auf dem Boden. Das eigene Leben einrichten? Abgebrochen. Darin Arda, ein 18-jähriges Exemplar der Bevölkerungsgruppe, die wir „Deutschtürken“ nennen, eine Identität des ewigen Dazwischen. Ein Beobachter zunächst. Stumme gestalten huschen über die Bühne, in fein choreografierten und in einer Art Dauerschleife wiederholten Miniaturen von hedonistischer Jugendlichkeit, wütend-frustrierterer Gewalt, verzweifelten Alkoholismus. Ardas Welt, Ardas Geschichte. Eine Schlagzeugerin (Almut Lustig) gibt einen treibenden Rhythmus vor, der nach Unplugged-Techno klingt, irgendwo zwischen fordernder Lebenssehnsucht und panischem Getriebensein, zwischen eigenständigem Handeln und dem vom unkontrollierbaren Außen Hin-und-hergeworfensein.

Bild: Esra Rotthoff

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Hundewelpen im Paradies

Theatertreffen 2017 – Olga Bach: Die Vernichtung, Konzert Theater Bern (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Das Paradies ist verloren, schon bevor wir den ersten Blick darauf werfen konnten. Dunkel bleibt die Bühne, nur zaghaft kämpft sich fahles Licht durch den Neben, während Johannes Brahms‘ Ein deutsches Requiem ertönt. „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“. So erschütternd klar hat wohl kaum einer die Erkenntnis der menschlichen Vergänglichkeit jemals in Töne gesetzt. Bei Ersan Mondtag werden diese nun zum Soundtrack des Zuendegehens. Noch bewegt sich die Schaukel in Erinnerung an gerade noch präsentes – oder imaginiertes? – Leben, doch ansonsten bleibt es leer, das Paradies, mit seinem schilfumrandeten Teich, den antiken Statuen – darunter eine Büste des Regisseurs, der gern mit seiner Eitelkeit kokettiert – den Bäumen und Blumen und der schwingenden Schaukel ist leer. Und künstlich. Der aufgemalte Himmel entpuppt sich als abstrakte Farbflächen, alles ist ein wenig zu perfekt, zu bunt, zu schön zu lebendig. Nein, Leben ist hier keines, auch nicht nachdem wie in einem Schöpfungsakt ein kuppelartiges Eingangstor vier nackte Menschenwesen in den Garten spuckt. Nackt? Ja und nein. Denn die Haut, die baumelnden Genitalien sind hauchdünne Anzüge, grell bemalt wie die Gesichter. Expressionistische Zerrbilder unschuldiger Menschenwesen.

Bild: Birgit Hupfeld

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Träumend in die Nacht

Theatertreffen 2017 – Thom Luz: Traurige Zauberer, Staatstheater Mainz (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

Sie ist längst Erinnerung, die letzte Performance, der letzte Trick, die letzte Illusion. Gähnend leer ist der Zuschauerraum, seltsam klein wirkt er aus der Distanz, die hier, wie so oft bei Thom Luz, auch eine zeitliche ist. Ein Mitarbeiter, Mitarbeiter langweilen sich am Regiepult, einer besteigt die Leitern, auf denen Tonbandgeräte befestigt sind. Publikumsgeräusche, blechern, verzerrt tönen aus ihnen, Beifall, Ausrufe des Erstaunens. Zeugnisse einer Welt der Fantasie, die längst vergangen ist. Eine Frau führt unsichtbare Besuchergruppen durch ein imaginiertes Theater, beschreibt unsichtbare Plakate. Später werden die berühmtesten Tricks großer Zauberkünstler genannt, nur mit ihren Namen, sie sich vorzustellen, obliegt dem Publikum. Es ist ein Abend der Imagination, der den Schweizer Regisseur zum zweiten Mal zum Theatertreffen geführt hat. Der Zuschauer ist Zaungast, auf der Hinterbühne sitzend ist er eingeladen, sich die große Illusionsmaschine vorzustellen, die einst die Welt in Atem gehalten hat. Die Bühne, auf der einst der Welt größte Magier standen – sie ist natürlich die des Theaters, jenem Ort der Erschaffung und Aufhebung von Illusion, der Erweiterung der Vorstellungskraft, der Einladung, die Möglichkeit, andere Welten, andere Varianten dieser Welt zu denken.

Bild: Andreas Etter

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Der Pass, der nicht passt

Junges DT – Turbo Pascal: Die Welt in uns, Deutsches Theater/Box, Berlin (Regie: Turbo Pascal)

Von Sascha Krieger

Gary Davis – wer ist das? Diese Frage steht am Beginn von Die Welt in uns, der ersten Arbeit des freien Kollektivs Turbo Pascal im Rahmen des Jungen DT. Eine fast vergessene Gestalt ist dieser Gary Davis, Schauspieler, Bomberpilot, Weltbürger Nummer eins. Einer, der nach den Schrecken des bislang letzten Weltkriegs zu der Schlussfolgerung kam, das Übel der Welt läge in ihrer Trennung, der Aufspaltung in so genannte Nationalstaaten. Ja, genau denen, die gerade von links wie rechts als Bollwerke einer von vielen als dauernde Überforderung empfundenen Welt hochgehalten werden. Davis hingegen wollte die Welt einen. Er gab seinen amerikanischen Pass ab und scharte Gleichgesinnte um sich, mit denen gemeinsam er die Einführung von Weltregierung, Weltparlament und Weltbürgertum forderte. Den Weltbürgerpass, den Davis auszugeben begann, gibt es auch heute noch (zuweilen sogar im DT-Publikum). Kriege, so dachte Davis, kommen von Trennung, von Gegeneinander, von der Unterteilung in „Wir“ und „Die“. Hebt man diese auf – wer würde, wollte, könnte da noch Krieg führen. Wie wir wissen, setzte sich das zugegeben etwas naive Konzept durch. Und doch: Ließe sich davon nicht einiges lernen?

Bild: Arno Declair

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Whitney Houston auf der Abraumhalde

Falk Richter: Verräter. Die letzten Tage, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

Es gab mal eine Zeit, da glaubte man an gesellschaftlichen Fortschritt. Daran, dass alles mehr oder weniger linear voranschreite, die Menschheit, wenn sie sich auch nicht stets zum Besseren weiterentwickelte, zumindest aus ihren Fehlern lernte und von Um- und Abwegen wieder auf die Straße ins morgen zurückkehrte. So funktionierten Ideologien wie jene des untergegangenen „real existierenden Sozialismus'“ und eigentlich funktionieren auch Wahlversprechen auf diese Weise – bis heute. Damit verbunden war auch die Überzeugung, dass bestimmte Konzepte und Begrifflichkeiten, einmal obsolet geworden, nicht wiederkehrten. Und dann kommen wir an im Hier und Jetzt, in einer Zeit, in der das Gestern, das Überwundengeglaubte mit vollster Kraft zurückschlägt, alte Antworten und Lösungen alles andere als fröhliche Urständ feiern, Feindbilder wieder aktiv werden, sich den dominierenden gesellschaftlichen Strömungen plötzlich machtvolle Gegenbewegungen in den Weg stellen, die zurück streben, ungeschehen machen wollen, darauf aus sind, Räder zurück zu drehen. Gerade hat dieser Gegendrang eine Wahl im mächtigsten Land der Erde gewonnen, in anderen war er nicht weit entfernt davon. Wo kommt das her und wie kommen wir aus der Nummer wieder heraus?

Bild: Esra Rotthoff

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Gegen die Wand

Jean Racine: Phädra, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Linn Reusse rennt gegen Wände, Corinna Harfouch wirft sich gegen selbige, nachdem sie sich gegen zwei ihrer männlichen Kollegen geschleudert hat, Bernd Stempel kriecht mit letzter Kraft in Richtung einer solchen, dem Arm ausgestreckt nach dem rettenden Strohhalm, der ihm verwehrt bleibt. Es sind Momente, in denen sich dieser Rezensent denkt: Ich verstehe, was ihr fühlt. Ich teile euren Schmerz. Stephan Kimmig inszeniert Jean Racine. Phädra, die Geschichte einer Frau, die ihren Stiefsohn liebt. Die Geschichte auch einer Selbstermächtigung, einer Frau, die wagt, die schuldig wird, um jene Schuld zu tilgen, von der ihr die „Moral“, die Gesellschaft einreden, sie hätte sie bereits auf sich geladen, indem sie liebte, indem sie die überkommenen Normen, wen sie lieben dürfe, über Bord warf, um sich eigene zu schaffen. Es ist eine ambivalente Figur, die hier im Mittelpunkt steht, eine, die einlädt zu unterschiedlichsten Lesarten, Interpretationen, Neuschreibungen. Eine, die den oder die, der oder die sie inszeniert, herausfordert, von ihr oder ihm eine Haltung verlangt. Stephan Kimmig braucht keine Haltung, er hat Corinna Harfouch.

Bild: Arno Declair

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Wenn Beckett plappert

Samuel Beckett: Glückliche Tage, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Christian Schwochow)

Von Sascha Krieger

Wer Samuel Becketts Stücke zu Gruppen zusammenfassen will, hätte einige Argumente dafür, in Fin de Partie (Endspiel) und Happy Days (Glückliche Tage) ein Doppel zu erkennen. Das letzte in französisch und das erste in englisch verfasste Stück des Iren sind beides Endspiele, Miniaturen des Zu-Ende-Gehens, halb gefürchtet, halb ersehnt. Letzte Paare in einer verlassenen Welt, die es jenseits ihrer kleinen Existenz-Insel womöglich gar nicht mehr gibt. Ikonen der existenziellen Absurdität menschlichen Lebens, seiner grotesken Sinnbehauptung wider besseren Wissens. Wo in Waiting for Godot sich das Absurde noch im ewigen Weiter-so zeigt, gehen seine beiden Nachfolger sehenden Auges dem Ende entgegen, das längst schon da ist. Auf unterschiedliche Weise: Eines ist ein „Endspiel“, ein Dauerdiskurs über das Zu-Ende-Gehen, das Endenwollen, das Ersehen besagten Endes. „Glückliche Tage“ dagegen, das deutet schon der Titel an, ist in Teilen eine Gegenbewegung, ein Sich-Dagegen-Stemmen, ein letztes Behaupten des „alten Stils“ – in vollem Wissen, dass keine Hoffnung besteht. Das macht dieses Zwei-Personen-Stück, das eigentlich ein Monolog ist, ambivalenter und womöglich noch absurder, schmerzhafter.

Bild: Arno Declair

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Abschied in den Nebel

Leander Haußmann und Sven Regener: Die Danksager, Berliner Ensemble (Regie: Leander Haußmann, Sven Regener)

Von Sascha Krieger

Die Luft ist raus. Das ist nicht erst zu Beginn dieses letzten Abends der Ära Claus Peymann am Berliner Ensemble zu spüren. Da sitzen Norbert Stöß und Karla Sengteller vor dem schweren roten Vorhang und langweilen sich. Sie sind Assistent*innen einer Einrichtung der darstellenden Künste – der Begriff Theater fällt nie – und halten die Maschine am Laufen, wohl wissend, dass das nicht mehr allzuviel bringt, weil das Haus dem Untergang geweiht ist. Man macht halt weiter, so lange die Lichter nicht aus sind. Natürlich ist das symbolisch gemeint, ist Die Danksager ein letzter, nachgeschobener Abschied auf das Haus, das seine bisherigen Protagonist*innen und wohl auch so mancher langjähriger Besucher – Achtung: Parallele zu einem anderen Theater gar nicht so weit entfernt – im Sommer untergehen sieht. Das Ende der Geschichte ist gekommen, was folgt, sind traditionslose Gesellen, Vertreter*innen einer charakter- und gesichtslosen, leicht verpflanzbaren Konsenskunst ohne Wurzeln. Man kennt die Diskussion. Doch so sehr Peymann und Team versuchen, diese dystopische Botschaft zu vermitteln, so wenig verfängt sie doch. Das liegt zum einen daran, dass jenes andere Haus dieses Thema so meisterlich für sich zu reklamieren vermocht hat, zum anderen daran, dass hier, wo Brecht bronzen-stumm vor dem Eingang sitzt, eben doch schon länger, nun ja, die Luft eben raus ist.

Bild: Marcus Lieberenz

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Hexensabbat in Hochglanz

Theatertreffen 2017 – Simon Stone nach Anton Tschechow: Drei Schwestern, Theater Basel (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Nein, nach Moskau will hier niemand. Mascha zieht es nach New York, Irina erst nach Berlin, später nach Nepal oder einfach nur weg, Andrej nach San Francisco. Nur Olga will nirgendwo hin, sondern einfach nur glücklich sein – natürlich in einer lesbischen Beziehung. Wenn Simon Stone Tschechow „inszeniert“, ist vor allem eines drin: Simon Stone. Er hat die Drei Schwestern in das, was er für das Heute hält, geholt und den Text vollständig überschrieben. Den Geschwistern hat er immerhin den Namen gelassen, ansonsten könnte die Szenerie nicht weiter weg sein von der kleinen russischen Garnisonssiedlung um die vorletzte Jahrhundertwende. Das beginnt schon damit, dass den Geschwistern gar kein Heim mehr zu nehmen ist. Das Haus, um das es (auch geht), ist ein Feriendomizil, das Werk eines Berühmten Architekten, Paradebeispiel „für seine frühen Hüttenarbeiten“, wie es an einer Stelle heißt. Die Bewohner sind Gäste, Vorbeikommende. Familie, Heim, Beziehung: Bindung ist out bei dieser Hipster-Generation, die Stone hier in die Schweizer Berge verfrachtet hat. So glatt und kalt wir Lizzie Clachans zweieinhalbstöckiges modernistisches Bühnen-Haus ist auch die Lebenswirklichkeit, derer, die hier ein- und – viel wichtiger – ausgehen.

Bild: Sandra Then

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