“Ich hoffe, die Wurst schwitzt nicht”

Alexander Vaassen: Bessere Zeiten, Theater O-Tonart, Berlin (Regie: Alexander Vaassen)

Von Sascha Krieger

Was machen Schauspielstudent*innen in den Sommerferien? Klar: Sie spielen Theater. Zumindest gilt das für vier von ihnen, die gerade ihr zweites Jahr an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst “Ernst Busch” hinter sich haben. Alexander Vaassen gehört zu diesem Jahrgang, er hat Bessere Zeiten geschrieben und inszeniert, drei seiner Kommiliton*innen als Darsteller*innen gewonnen, dazu kommt eine Studentin des Fachbereichs Puppenspiel, die bereits eine Schauspielausbildung hinter sich hat. Ein kleines Sommerprojekt, bei dem man sich ausprobieren und, was man im Fußball Spielpraxis nennen würde, sammeln kann? Nein, das wäre viel zu einfach. Stattdessen überrrascht Vaassen im Programmheft mit einem Appell für ein neues Theater, ein Theater der Verständlichkeit, das die gesellschaftlichen Zusammenhänge aufdeckt, die kapitalistische Konsummaschinerie, die längst auch die Kunst in ihrem Würgegriff habe, entlarvt und aufdeckt, an welchen Schnüren wir alle zappeln. Das ist nahe an Bernd Stegemanns Realismusbegriff, der denn auch im Programmheft nicht fehlen darf. Mehr Ambition geht kaum.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Tränen mit Überbiss

Filmkritik: Toni Erdmann (Regie: Maren Ade)

Von Sascha Krieger

Fangen wir am Anfang an. Ein stinknormales Häuschen irgendwo in Deutschland. Ein Paketbote klingelt. Ein reichlich hemdsärmeliger älterer Mann öffnet, behauptet, das Paket sei für seinen Bruder. Dieser erscheint, mit offenem Hemd und Sonnenbrille. Behauptet, es sei eine Paketbombe zum Entschärfen drin. Die beiden “Brüder” sind natürlich ein und dieselbe Person: Winfried Conradi, Musiklehrer und Freund nicht selten grenzwertiger Scherze. Unspektakulär, wie beiläufig hebt dieser Film an, die Handkamera (Patrick Orth) immer nahe dran. Fast dokumentarisch wirkt das, als wären wir zufällig Zeuge dieser und der nachfolgenden Szenen, die sich nie nur für die Kamera zu ereignen scheinen. Wenig später lernen wir Ines kennen, Winfrieds Tochter. Eine taffe Unternehmensberaterin, stets das Handy am Ohr, selbst wenn am anderen Ende keiner ist. Wo ihr Vater das Überflüssige, das Nicht-Effiziente pflegt, ist sie Pragmatismus und Effektivität in Person. Immer auf der Hut, immer im Dienst, jede Sekunde zielführend verplant. Sie ist immer kurz vorm Zerreißen, die Panikattacke nur Sekunden entfernt und doch stets alles unter Kontrolle. Doch so entspannt, wie er tut, ist auch der Vater nicht. Der alte Hund Willi ist alles, was er hat, selbst seine Schüler kommen ihm langsam abhanden. Als Willi stirbt, bleibt ihm nichts. Außer der Tochter.

Bild: Komplizen Film

Bild: Komplizen Film

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Steppende Gorillas und fluchende Bäume

Foreign Affairs 2016 – Forced Entertainment: From the Dark (Leitung: Tim Etchells)

Von Sascha Krieger

“The night is dark and full of terrors”: Fans der Kultserie “Game of Thrones” wird dieser satz bekannt sein. Er dienst dort einer Religion als Motto, die der Dunkelheit mit dem vernichtenden Licht des Feuers zu entgegnen sucht. Ein Satz, der sich einnistet, im mit dem Schlaf ringenden Hirn des Rezensenten, als er “Foreign” Affairs, das Performing-Arts-Festival der Berliner Festspiele durch seine letzte Nacht geleitet, bis zum Licht des Morgens, in dem es bereits Geschichte sein wird. Was vor vier Jahren in Kyohei Sakaguchis “Mobile House” begann, endet hier, in einer dunklen, langen, langsamen kollektiven Geisteraustreibung von Forced Entertainment. Gemeinsam geht man durch die Nacht, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang und stellt sich der Dunkelheit. Im Mittelpunkt der fast acht Stunden stehen Beichten der Darsteller*innen. Sie sitzen in der Mitte des kleinen Bühnenquadrats und erzählen von ihren Ängsten oder besser: Sie zählen sie auf. Banales mischt sich mit Existenziellem, mal ertönt Gelächter aus dem zunehmend vom regelmäßgen Atmen Schlafender erfüllten Zuschauerraum, mal ist es ganz still. Die Angst nichts zu bedeuten, kehrt immer wieder, die Angst vor einer als immer bedrohlicher empfundenen Welt und jene um die liebsten, vor allem die eignen Kinder. Auch Banales gibt es – die postmoderne Angst ist vielgestaltig, nistet sich in jedem Lebensbereich ein und ist abendfüllend.

Für From the Dark nutzen Forced Entertainment auch Material aus ihrer Arbeit "Who Can Sing a Sonfg to Unfrighten Me?" (Bild: Hugo Glendinning)

Bild: Hugo Glendinning

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Flüchtlinge und Kannibalen

Foreign Affairs 2016 – Jan Lauwers & Needcompany: The blind poet (Regie: Jan Lauwers)

Von Sascha Krieger

“Grace Ellen Barkey!”Immer und immer wieder ruft die Frau in den schwer definierbaren, aber irgendwie folkloristisch anmutendem Kleid und mit dem Kopfschmuck aus Blumen und Grünzeug ihren Namen. Es ist wie eine Beschwörung, ein Ritus, affirmativ, dann wieder komödiantisch, zuletzt still verzweifelt. Die anderen Spieler*innen, gewandet in Umhängen, wie man sie von Boxern kennt, feuern sie an, stimmen ein, zum Schluss vergessen sie die, deren Namen sie rufen, fasst. Mit diesem Akt der Selbstbehauptung, der Identitätvergewisserung und -erschaffung beginnt The blind poet, Needcomapany’s Abend über Identitäten, persönliche, kollektive, universelle. Zwei Schlüsselsätze gibt es, die eigentlich Satzanfänge sind: “Ich bin…” und “Es ist wichtig, dass…” Immer wieder hören wir sie in der Abfolge der sieben Porträts der Performer*innen, die den Abend auf der leeren Bühne strukturiert. Der erste setzt die gewählte Identität, der zweite definiert, was sie ausmacht. Grace Ellen Barkey etwa sucht ihr Ich in der Multikulturalität, bezeichnet sich als “multikulturelles Wunder”, Mohamed Toukabri dagegen ist das “monokulturelle Wunder”, Tunesier ohne bekannte andersweitige Wurzeln.

Bild: Maarten Vanden Abeele

Bild: Maarten Vanden Abeele

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Der Geier muss warten

Foreign Affairs 2016 – Handspring Puppet Company / William Kentridge / Jane Taylor: Ubu and the Truth Commision (Regie: William Kentridge)

Von Sascha Krieger

Der Geier ist schon da. Auf der linken Bühnenseite wartet er auf Beute. Aber nein, weder die geschäftige Hausfrau noch der abgehalfterte Mann im Unterhemd denken auch nur daran, sich zum Aasfresser-Futter machen zu lassen. William Kentridge verfrachtet Alfred Jarrys moderne – und um einiges blutigere – Wiedergänger des Ehepaars Macbeth ins Südafrika der jüngsten Vergangenheit. Er (David Minnaar)  ist ein Scherge des Apartheid-Systems, der unzähliche Menschen auf dem Gewissen hat, was ihn aber nur insofern stört, als man ihn womöglich dafür zur Verantwortung ziehen könnte. Sie – in einer spannenden Volte von der schwarzen Schauspielerin Busi Zukufa in traditionell anmutender Kleidung gespielt – verdächtigt ihn des Fremdgehens und nutzt die Wahrheit, als sie diese entdeckt, für ihre Zwecke aus. Am Ende segeln sie in eine glänzende Zukunft, nachdem er vor der Wahrheitskommission ausgesagt hat und ungeschoren davon gekommen ist. Der Geier geht leer aus, die Leichen sind schon längst entsorgt.

Bild: Luke Younge

Bild: Luke Younge

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Durch die Dunkelheit

Foreign Affairs 2016 – Franz Schubert/ William Kentridge: Winterreise, Festival d’Aix-en-Provence / Wiener Festwochen (Regie: William Kentridge)

Von Sascha Krieger

Beginnen wir mit dem vielleicht wesentlichsten: Matthias Goerne ist der vielleicht beste Liedsänger unserer Zeit. Die Kombination von stimmlicher Kraft, klanglicher Wärme und variabelster Ausdrucksfähigkeit erlaubt ihm, auch (vermeintlich viel zu) oft gehörtes immer neu erscheinen zu lassen, so als entstünde es just im Moment des Vortrags. Franz Schuberts “Winterreise” hat er oft gesungen und schon zweimal aufgenommen – mit dem großen Alfred Brendel und dem nicht minder talentierten Christoph Eschenbach. Und doch gibt es wohl keinen Sänger, der die Dunkelheit, die Schuberts Zyklus so erschütternd macht, so farbenreich zum Leben erweckt wie Goerne. wenn er die “Winterreise” singt, lebt er jede Zeile – das Liebessehnen, die Verzweiflung, die Sehnsucht nach dem Tode. Seine Stimme formt den Schmerz, die Wut, die Resignation, die Verzweiflung – mal kraftvoll, fast dröhnend, dann wieder berührend zart, innig, an der Grenze zur Stille. Markus Hinterhäuser begleitet ihn schnörkellos, reduziert, schlicht. Das wirkt zuweilen etwas blutleer, vor allem zu Beginn ein wenig schleppend und gibt Goerne doch ein solides Fundament für seine Wanderung durch das menschliche Dunkel.

Bild: Patrick Berger / Artcomat

Bild: Patrick Berger / Artcomat

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Der Nachtwanderer

Foreign Affairs 2016 – Jarvis Cocker & Junges Sinfonieorchester Berlin: Sleepless Nights

Von Sascha Krieger

Wenn US-Präsident Richard Nixon, ja, der mit dem Watergate-Skandal, nicht schlafen konnte, hörte er Musik, meist in ohrenbetäubender Lautstärke. Der russische Diplomat Graf Keyserlingk soll bei Johann Sebastian Bach Musikstücke bestellt haben, um ihn durch schlaflose Nächte zu bringen. Gespielt wurden sie von einem Pianisten namens Goldberg, unter dessen Namen die Variationen über eine Aria bis heute bekannt sind. Die Nacht als Ort der Ängste, der Einsamkeit, an dem der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen ist und die Musik als Tröster, als Licht der Hoffnung, als Stimme einer Welt, die auch in der tiefsten Schwärze das Helle, das schöne, das Gute nie vergisst: Jarvis Cocker, einst Kopf von Pulp, der Britpop-Band, auf sie sich selbst Blur- und Oasis-anhänger einigen konnten, ist ein Nachtwanderer. Seit 2012 begibt er sich für BBC Radio 4 allwöchentlich auf die dunkle Seite der menschlischen Natur. “Wireless Nights” heißt seine Sendung, “Sleepless Nights” ihre Live-Variante, mit der er jetzt in Berlin gastierte. Auch das passt: Denn es ist der Schwanengesang des Festivals Foreign Affairs, das sich mit der fünften Ausgabe verabschiedet in die Nacht. Und so ist die Kehrseite des Tages auch eines der Leitmotive dieses letzten Festivals: Es gibt eine Nachtausstellung, nächtliche Installationen und am letzten Wochenende werden Forced Entertainment das Publikum vom Sonnenauf- zum Sonnenuntergang begleiten.

Bild: Emma Russell

Bild: Emma Russell

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“Truth is beauty.” Oder nicht?

Foreign Affairs 2016 – William Kentridge: Refuse The Hour

Von Sascha Krieger

“Thinking Aloud in Eight Movements”: Der Untertitel von William Kentridges trans- und multimedialer Performance ist Programm. Der etwa eineinhalbstündige Abend ist zum einen die Fortsetzung seiner “Drawing Lessons”, in denen er performativ wie theoretisch über Kunst sprach, zum anderen entspringt er seiner Documenta-Installation “The Refusal of Time”. Um die Zeit geht es und ihr Gegenstück, ihren Mitstreiter, ihr Alter Ego, den Raum. Zeit als Grundsubstanz des Kosmos, des Universums, des Lebens – und Zeit als Machtmittel des Menschen, als Instrument und Objekt seines Drangs nach Ordnung, nach Kontrolle, nach Unterwerfung. Kentridges Gegenprinzip ist die Unsicherheit, die “uncertainty”, der Zufall, das Zerfallen und Neuzusammensetzen. Darauf basiert Refuse The Hour, eine Mischung aus Geschichtenerzählen, Musik, Klanginstallationen, kinestischen Skulpturen, Tanz, Zeichnung und Videokunst. Vom Perseus, der die Hydra tötete, und ähnlich Odysseus, beim Versuch, der Prophezeihung des Orakels zu entgehen, diese erfüllte, erzählt Kentridge, von der Theorie des Raums als Archiv der Zeit – 500 Lichtjahre entfernt von uns schreibt Luther seine Thesen, aus 2000 Lichtjahren könnte man Jesus’ Kreuzigung beobachten – aber auch von der Regulierung und Vereinheitlich der Zeit als Unterdrückungsmittel des Kolonialismus. “Give us back our sun”, singt Ann Masina. Die Ketten einer geordneten, diktatorischen Zeit gilt es zu sprengen – Refuse The Hour ist dieser Idee Experimentierfeld.

Bild: Jac de Villiers

Bild: Jac de Villiers

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“Nicht aufhören zu spielen”

Foreign Affairs 2016 – Frank Van Laecke, Alain Platel, Steven Prengels: En avant, marche!, NT Gent / les ballets C de la B (Regie: Frank Van Laecke, Alain Platel)

Von Sascha Krieger

Ein alter, bärtiger Mann schleppt sich auf die leere Bühne. Er setzt sich auf einen hölzernen Klappstuhl und schaltet einen CD-Player ein. Leise erklingt das sehnsuchtsvolle Lohengrin-Vorspoiel von Richard Wagner. Der Mann hat die Augen geschlossen, scheint versunken in die Musik. Bevor er plötzlich erwacht, ungeduldig vorspult bis nahe ans Ende. Denn da kommt, worauf er wartet: drei Beckenschläge, die einzigen des Stücks. Der Mann erhebt sich und betätigt sein Instrument, ernsthaft, ein wenig traurig. Welch ein Beginn, den Alain Platel für sein neues “Ritual” – als solche sieht er seine Arbeiten bekanntlich – gewählt hat. Ganz beiläufig, wie improvisiert entsteht hier der Abend in nuce: eine ironische, spielerische Feier der Musik, der Kunst, des Lebens – in einem Moment tieftraurig und berührend, im nächsten hochkomisch, verschmitzt, ein fortwährendes Augenzwinkern. Wim Opbrouck ist dieser einsame Spieler, ein Bär von einem Mann und zugleich ein verspieltes, lebenshungriges Kind. Sein namenloser “Held” ist eigentlich Posaunist, doch lässt ihn eine nicht näher spezifizierte Krankheit sein Instrument nicht mehr spielen. Sein Leben ist so rostig und todesnah wie die Kulissenwand mit ihren leeren Fensterhöhlen.

Bild: Phile Deprez

Bild: Phile Deprez

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Was Theater kann – und was es darf

Milo Rau: Five Easy Pieces, IIPM – International Institute of Political Murder / CAMPO Gent / Sophiensaele, Berlin (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

Natürlich dürfe man das nicht machen – da waren sich belgische Medien und die deutsche Bild-Zeitung schnell einig, als Näheres zu Milo Raus erstem Projekt mit Kindern bekannt wurde. Eine Theaterarbeit zu Marc Dutroux, dem berüchtigten belgischen Kindermörder, der sechs Mädchen entführte, gefangen hielt, missbrauchte und vier von ihnen ermordete, bestritten von sieben Mädchen und Jungen zwischen acht und 13 Jahren. Milo Rau, gefeierter Star des Dokumentartheaters, geht dahin, wo es weh tut: Er hat Abende über Bürgerkrieg gemacht, über Genozid, die dunkle Rolle der westlichen in der so genannten dritten Welt, über die Menschenrechte in Russland oder über den norwegischen Terroristen Anders Breivik. Dass seine erste Arbeit mit Kindern, kein harmloses Stück über das Erwachsenwerden sein würde, werden die Verantwortlichen von CAMPO Gent, spezialisiert auf Theaterprojekte mit Kindern, gewusst haben, als sie Rau zur Zusammenarbeit einluden. Aber ausgerechnet Dutroux? Wie kann man Kindern ein solches Thema zumuten? Darf Theater das?

Bild: Phile Deprez

Bild: Phile Deprez

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