Das Taxi kommt nicht

Theatertreffen 2022 – Toshiki Okada: Doughnuts, Thalia Theater, Hamburg (Regie: Toshiki Okada)

Von Sascha Krieger

Nein, das Taxi wird nicht kommen. In Toshiki Okadas Doughnuts hat es den abwesenden Heilsbringer Godot ersetzt, wie anstelle von Tramps nun fünf Business-Typen warten auf das nie Eintreffende. Hier verdorrt nicht einmal mehr ein Baum, hier ist die Außenwelt im kalten komfort einer Hotellobby im 21. oder 22. Stock kaum mehr denkbar. Ein Ort im Nirgendwo, nicht auf dem Boden der Tatsachen, das Außen verschwindend wie als Referenz an eine andere Beckettsche Endzeitvision, Fin de partie. Ein Nebel, so hören wir, immer dichter werdend und letztlich alles verschluckend, hat die Illusion der Realität aufgesogen. Doch wo der Blick nach draußen zumindest versucht werden könnte, starren die Spielenden auf Dominic Hubers Bühne auf einen weißen Vorhang, bleibt der Blick hier drinnen, im Wartebereich, wagt sich selbst er nicht weg von hier, ganz zu schweigen die Wartenden.

Doughnuts

Bild: Fabian Hammerl

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„mein schön deutsch sprach“

Theatertreffen 2022 – Nach Ernst Jandl: humanistää! eine abschaffung der sparten, Volkstheater Wien (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

Bevor das erste Wort gesprochen wird, ist, wenn nicht alles, so doch vieles bereits gesagt. In einem kleinen kalten wartezimmerartigen Raum inmitten einer grauen Wand ergeht sich ein Paar in einem Abendessen-Crescendo. Angetrieben von langsam anschwellender, rhythmusdurchpulster minimalistischer Musikbegleitung aus dem kleinen Orchestergraben steigert sich das Ballett des Brotschmierens und Anstoßens in immer groteskere Überzeichnungen, in zunehmend bizarrere ekstatische Bewegungsorgien bis zur totalen Eskalation und vollständigen Erschöpfung. Gespielt von wechselnden Darsteller*innen zeichnet die mehrminütige Sequenz die körpersprachliche Miniatur einer Beziehung am Abgrund, die as dem Ruder läuft, bis jede Fiktion eines alltäglichen Miteinanders vollständig ad absurdum geführt ist.  Ein atemlos absurdes Körpertheater, das kein Auge trocken und keine Eskalationsstufe ungesagt lässt.

Bild: Nikolaus Ostermann/Volkstheater

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„Everything I touch turns into shit“

Theatertreffen 2022 – Yael Ronen, Shlomi Shaban, Riah Knight und Itai Reicher: Slippery Slope. Almost a Musical, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Woher kommt es, dieses Unbehagen, das den Rezensenten während dieser 100 Minuten befällt und auch danach nur noch stärker zu werden scheint? Das ihn ungläubig auf die jubelnden Zuschauenden beim Schlussapplaus blicken lässt und mit wachsendem Erstaunen auf die fast durchgängig ebenso positiven Rezensionen? Hat die lange theaterfreie Coronazeit doch ihre Spuren hinterlassen oder ist da wirklich etwas faul an diesem Abend, der ja, so die Theatertreffen-Jury, zu den bemerkenswertesten der letzten zwölf Monate gehören soll? In der Nachtkritik.de-Rezension nannte Georg Kasch das Stück ein „Debatten-Musical“. Um Debatten, brisante gesellschaftliche, geht es in der Tat, aber auf eine Art, dass der Abend eher zum Debatten-Verhinderungs-Musical mutiert. Oder schlimmer noch: zum theatran Gegenstück des perfidesten aller Diskursblockierungsoutinen: der falschen Äquivalenz.

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Bild: Esra Rotthoff

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Die Liebe erzählen

Theatertreffen 2022 – Frei nach Dante Alighieri, Meat Loaf und Britney Spears: Das neue Leben. where do we go from here, Schauspielhaus Bochum (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

Eine gute Nachricht. So heißt das Lied von Danger Dan, mit de der Abend endet. Nach und nach bewegen sich die fünf Spielenden an die Rampe, stimmen ein oder lächelskeptisch hoffnungsvoll ins Publikum. Alles wir enden, erzählt das Lied, doch die gute Nachricht sei: „Heute nicht. Es bleibt noch Zeit für dich und mich.“ Für die Liebe. Oder ihren Versuch, Oder den Traum von ihr. „Ich will nicht, dass es echt wird“, sagt Damian Rebgetz einmal, „Ich will, dass es vollkommen bleibt.“ Man muss nicht, wie dieser Rezensent, eine längere Corona-bedingte Theaterpause eingelegt haben, um die Zeit, aus der wir vielleicht gerade herauszufinden versuchen, stets mitzudenken in diesen gut zwei Stunden. Theater als Neuanfang, als neues Leben, als Wiederfunden und doch nicht recht greifen Können der Liebe. Zu Menschen, zum Leben, zu Welt, zu sich selbst.

Das neue Leben. Where do we go from here

Bild: Joerg Brueggemann / Ostkreuz

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Schreiben, spielen, lesen

Édouard Louis: Qui a tué mon père (Wer hat meinen Vater umgebracht), Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Am Ende, da geht der Schlussapplaus schon in die vierte oder fünfte Runde, kämpft er dann doch sichtbar mit den Tränen. Ein ganz „normaler“ Theaterabend ist das eben nicht, wenn ein Autor seinen eigenen Text, sein eigenes Leben sich selbst spielt. Édouard Louis ist so etwas wie der neue Superstar einer soziologisch-literarischen Mischform, einer autobiographischen Literatur, die sich als gesellschaftliches Analyseinstrument ebenso versteht wie als politische Waffe und die ihren Antrieb ganz aus der eigenen Erfahrung, die stets auch die Erfahrung einer ganzen vergessenen Schicht sein will, zieht. Der schwule Arbeiterschichtjunge, der seinem queerfeindlichen Umfeld entkommen ist und doch immer wieder zurück muss – zunächst zu seinen Traumata, später zu jenen seiner Eltern. Darum geht es in Qui a tué mon père, nach En finir avec Eddy Bellegueuil der dem Vater gewidmete zweite Teil seiner Familientrilogie (ein Buch über die Mutter erscheint im November). Es ist eine Annäherung an den Gegner, den vermeintlich Verhassten, das Angstobjekt, rassistisch, queerfeindlich, empathielos. Wenn Louis nun hier an der Schaubühne zu jener aussage gelangt, er hätte seinen Vater immer geliebt, ist die Verwunderung, das fast kindliche Erstaunen noch immer spür- und sichtbar, Spiel, performance, ja, aber durchlässig, hin zu dem, der diese Auseinandersetzung gewagt hat.

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Bild: Jean-Louis Fernandez

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Musik für diese Welt

Musikfest Berlin 2021 – Sir Eliot Gardiner, English Baroque Soloists und Monteverdi Choir mit Kantaten von Bach und Händel

Von Sascha Krieger

Nein, keine Zugabe. Ganz am Schluss, da steht das Publikum im alles andere als vollen großen Saal der Philharmonie bereits, wird es noch einmal ganz still. John Eliot Gardner hebt die taktstocklose Hand und erneut ertönt das ergreifend schlichte, andersweltlich und doch ganz hiesig schwebende „De torrente in via bibet“, der vorletzte Satz von Georg Friedrich Händels Kantate Dixit Dominus, geschrieben vom gerade einmal 21-Jährigen während seiner Italienreise. Ein mediativer Hoffnungsgesang, schlicht, still, von fragiler Kraft. Orchester und sitzender Chor geben dem Gesang eine unsichere Hand, fast brüchig, trocken die Streicher. Ein Gebet, ein wiederholtes, am Abgrund. Es ist das perfekte Ende eines großen Abends – das muss kaum dazugesagt werden bei einem Auftritt des Briten mit den von ihm gegründeten Ensembles, die seit jeher den Olymp der historisch informierten Aufführungspraxis bilden. Der manche bis heute eine gewisse akademisch museale Kälte vorwerfen. Eine Behauptung, die jede*r zurückweisen wird, die*der jemals das große Glück hatte, einer solchen Aufführung beiwohnen zu dürfen.

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Sir John Eliot Gardiner (Bild: Sim Canetty-Clarke)

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Die Wirklichkeit umkreisen

Édouard Louis: Das Ende von Eddy oder Wer hat meinen Vater umgebracht (Das Eddy-Projekt), WABE, Berlin (Regie: Alexander Weise)

Von Sascha Krieger

„Was es jetzt bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution“. Jonathan Berlin* hat das zentrale Oktagon, das an diesem Abend als Bühne dient, bereits verlassen, den Rucksack übergeworfen, hält er vor der Ausgangstür noch einmal inne und spricht den Schlusssatz. Er formt jedes Wort für sich, stellt es skulpturengleich in den Raum, lässt es nachklingen, wirken, in die Zusehenden einsinken. Ein ungeheuerlicher Satz, mit kältester Ruhe vorgetragen. Ein Fazit, eine Schlussfolgerung, die einzig mögliche. In zwei Teilen widmet sich dieser dreieinhalbstündige Abend der Geschichte des Eddy und seines Vaters, basierend auf den autobiografischen Werken von Édouard Louis, seiner Auseinandersetzung mit Kindheit und Jugend als schwuler Junge in einer Arbeiterklassefamilie, mit der systematischen Verdrängung Armutsbetroffener aus der Gesellschaft, mit einer Familie zwischen toxischen Männlichkeitsidealen, politischer Manipulation und Überlebenswillen. Der Abrechnung seines Erstlings Das Ende von Eddy folgte die Versöhnung mit dem Vater, das Eingeständnis, dass der wahre Feind ein gemeinsamer ist, litaneihaft aufgezählt in den Namen französischer Politiker aller vermeintlichen Richtungen.

Bild: BERTA PR

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Berlinale Summer Special 2021: Reviews Part 3

By Sascha Krieger

The Scary of Sixty-First (Encounters / United States / Director: Dasha Nekrasova)

Actor Dasha Nekrasova’s directorial debut is a wild ride. The story of two friends moving into an apartment on New York City’s Upper East Side and discovering the place’s dark history is a feast for fans of the horror genre. Mixing influences from, among others, occult horror, psychological thriller and the Italian „Giallo“ subgenre of the early 1970s, The Scary of Sixty-First is full of the various influences‘ esthetics, the restless camera, the distorted images, the unsettling soundtracks, the grainy fuzziness, a descent from clean day to the blood-red night, a rich palette of instruments straight from horror’s toolbox. The story dives right into politics, feminism, crimes against women and children. We learn that notorious Jeffrey Epstein was the apartment’s previous owner. As a young woman investigating Epstein’s death joins, mysterious things happen, signs are discovered, nightmares reign, conflicts arise, demonic possession and murder follow. The film is entirely over the top as the genre demands but it is efficient in marrying its conventions with the suppressive circle of power that is patriarchy. Constantly, notions just established are deconstructed, expectations thwarted, the film plays with conspiracy theories until they almost make sense leading to an ending as bitter as cynical, as sarcastically ironic as disturbing, as satisfying for genre fans ands it is unsettling for everyone else.

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The Scary of Sixty-First (Image: © Stag Pictures)

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Berlinale Summer Special 2021: Reviews Part 2

By Sascha Krieger

Okul Tıraşı (Panorama / Turkey, Romania / Director: Ferit Karahan)

A boarding school deep in the Kurdish region of Turkey. The atmosphere is rough, the tone harsh, the authoritarianism relentless. When a boy gets sick his friend has a hard time getting help. Later the events leading to this point are unraveled, exposing a web of carelessness, a totalitarian education system, suppression, corruption and selfishness in which, in the end, the weakest will be the ones to blame. The camera is almost always on young Yusuf, his face, his bent body, the regid fear in all his demeanor. The images are as cold as the atmosphere, the winter puts an icy layer on the screen. The world we see is stifling, harsh, brutal in its inhumaneness.  What starts as a social drama narrows into a micro detective story where everyone’s guilty, even the victims. The mechanisms of a system intent of suduing everyone are seen at work in the almost absurd failure to deal with an emergency but also in smal background scenes, glimpses of despair, miniatures of hopelessness. The brief moment of cheeky playfulness recede as everyone and everything, including family, is seen to be part of the system. As the focus narrows on the school’s cold sickroom, the world vbecomes smaller and amaller. A prison with no access to the outside world, a self-suppicient system of breaking souls. That end with devastating look, resign, accusing, defeated.

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Okul Tıraşı (Image: © Türksoy Gölebeyi / Asteros Film)

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Berlinale Summer Special 2021: Reviews Part 1

By Sascha Krieger

Herr Bachmann und seine Klasse (Competition / Germany / Director: Maria Speth)

Dieter Bachmann is a retiring teacher somewhere in the west of Germany. His class consists of a diverse mix of students with a broad variety of heritage, refugees, migrants, children and grandchildren of migrants. Everyone has a story to tell and Bachmann wants to hear them all. He gently coaxes and draws them out, encourages the pre- and early teens to reflect on their place in the world, prejudice, expectations, learned roles. He encourages community, helping each other, learning from each other. That doesn’t always work but his empowerment project, not entirely devoid of not completely modern teaching methods, has effect. In more than three and a half not at all long hours, director Maria Speth observes this collectiv learning process that always includes the teacher. Bachmann is the catalyst, the engine but he isn’t the main act. That can be found in his class, the young eople grasping for themselves, battling with each other, opening up to the reality of diversity. Surprising changes, perspectives and views come up, we witness learning, understanding, realising and accepting – not just with teacher and student but also within ourselves. And we see a miniature of society, an often denied one, multi-cultural, diverse, struggling and thriving, under pressure and willing to grow. A society with many problems the film acknowledges and never naively brushes away. An alternative, a way it could be, also a way education should and so often doen’t happen. This film is a lesson in the best sense, a lesson in, yes, of all things, life and living. Together, as it should be.

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Herr Bachmann und seine Klasse (Image: © Madonnen Film)

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