Weltumfassend

Andris Nelsons dirigiert Mahlers Zweite Symphonie bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Gut, beginnen wir mit Gustav Mahlers berühmtester und, ja, viel zu oft zitierter Aussage: „Aber Symphonie heißt mir eben: mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen.“ Über die Zweite, dieses 90-minütige Monumentalwerk mit zwei (!) Vokalsätzen, zu sprechen, ohne dieses Diktum im Ohr zu haben, scheint unmöglich. Und für Andris Nelsons gilt das auch auch, wenn es darum geht, es zu dirigieren. Kaum ein anderes Werk gibt sich so weltumfassend, so kosmisch, so alle Fragen menschlicher Existenz stellend wie die c-Moll-Symphonie, die man auch „Auferstehung“ nennt, inspiriert von den von Mahler ergänzten Klopstock-Versen am Ende des mehr als halbstündigen Finalsatzes. Zu Gott geht es da, zu einer Vision von Urgrund, von Quelle, von Fundament, von Sinngebung – nach einem langen, hartem, schmerzvollen Kampf mit den Untiefen von Schmerz, Sehnsucht, Tod, Vergänglichkeit.

Andris Nelsons dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

Weiterlesen

Advertisements

Tanke schön

Luis Krummenacher, David Thibaut, Emma Charlott Ulrich, Magdalena Weber: Tankstelle, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Luis Krummenacher, Emma Charlott Ulrich, Magdalena Weber)

Von Sascha Krieger

Der Traum von der unbegrenzten Mobilität des Einzelnen gehört zu den Urmythen kapitalistischer Fortschrittsideologie. Das Auto ist bis heute dessen wirkmächtigstes Symbol, die Tankstelle einen mythenumränkter Ort unendlicher Möglichkeiten. Zu Beginn des gleichnamigen neuen Abends von P14, dem Jugendtheater der Volksbühne, ist selbige Mobilität längst zum bedeutungsleeren Selbstzweck geworden: Drei junge Frauen in angedeuteten Mechanikerinnen-Outfits bewegen sich liegend auf wie Rucksäcke angeschnallten Rollbrettern ziellos durch den Raum und kreieren gemeinsam mit den sich ähnlich gerierenden Kulissenteilen ein Ballett sinnfreier Bewegung. Überhaupt ist hier wenig Mobil zwischen Tresen, Holzlamellen-behangener Fensterfront und einer Zapfsäule, die eher nach Schrankwand-Element aussieht. Der Traum von der grenzenlosen Freiheit ist ausgeträumt. Wer hier landet, kommt nicht mehr weg. Draußen – und auf Wänden und Fernsehbildschirm – peitscht unaufhörlich der Regen, eine Art Sintflut, die am Ende das Meer bis an die Tankstelle bringen wird. Die Geister, die der Traum rücksichtsloser Mobilität rief, kommen als entfesselte Natur zurück. Das aufgeheizte Klima nimmt sich, was es kriegen kann.

Bild: Ella Krummenacher

Weiterlesen

We Won’t Rock You

Film review: Bohemian Rhapsody (Director: Bryan Singer)

By Sascha Krieger

Musicians‘ biopics are not among the least popular fares of cinema but they aren’t without risks either. While the fanbase can usually be counted on to run to the theatres in flocks and – depending on the notoriety of the subjects – the celebrity-curious masses will as well, depictions of beloved stars‘ lives will invariably meet with a long litany of criticisms especially from devoted fans who are bound to find the portrayal of their darlings inadequate. However, as this usually does not to affects at least the initial box office numbers significantly, it was only a matter of time until Freddie Mercury’s life would make its way to the big screen. Mercury, lead singer of the legendary hit factory of bombastic rock anthems that was Queen, is one of the most intriguing figures in the history of popular music: a flamboyant and mesmerising performer with an unmatched voice and unbelievable vocal range, an eccentric and hedonist capturing the desires of many, the curiosity of almost all and the fear of some. And, following his untimely death at the age of 45, an icon in the fight against HIV and AIDS and by proxy against discrimination and for tolerance and diversity.

Image: © 2017 Twentieth Century Fox

Weiterlesen

Look Back in Awe

Film review: A Star Is Born (Director: Bradley Cooper)

By Sascha Krieger

A Star Is Born is Hollywood’s own rising from the ashes Cinderella story. The seemingly plain, unrecognized young girl discovered by  a successful yet somewhat desperate man, benevolently lifted by him into the spotlight where the duckling turns into a swan and blossoms and blooms and fullfils all her potential because, well, there was a man to recognize it, help her, make her, while he himself goes down. The films had three incarnations already, the first in the 1930s, the last it the mid-70s, before it was remade again, curiously in year one of the #MeToo era. A chance, of course, to retell the story as an emancipatory tale, focus on the female perspective, level the playing field, re-invent the central couple as partners. There’s just one problem: not only is the director male, he also plays the male protagonist, setting the film up for a level of lopsidedness not easy to overcome. Spoiler alert: it doesn’t.

Weiterlesen

Singend in die Welt

Teodor Currentzis und Orchestra MusicAeterna mit einem Mahler-Abend zu Gast in Berlin

Von Sascha Krieger

Die größte Überraschung an diesem Abend ist, wie wenig ungewöhnlich er beginnt: keine rituelle Aufstellung, sitzende Musiker, fast könnte man meinen, man säße in einem ganz normalen Symphoniekonzert. Aber nein, da sind wenigstens sie: die Stiegfel mit den roten Scxhnürsenkeln, Markenzeichen des griechischen Dirigenten Teodor Currentzis, der von manchen als Messias gefeiert, von anderen als Scharlatan verunglimpft wird. Wenn dieser Abend in der Berliner Philharmonie mit dem von ihm in seiner Wahlheimant im russischen Perm gegründeten Orchestra MusicAeterna zu Ende ist, scheint vor allem eines klar: Der 46-Jährige ist ein sehr interessanter, hochtalentierter, äußerst intelligenter und überaus talentierter Dirigent, Interpret und Analytiker vermeintlich längst bekannter Musik. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Dass die Stringenz, mit der er seine Konzerte programmiert, zuweilen das Plakative streift, ist nichts Neues. Er stellt gern ein Werk in den Mittelpunkt und nutzt die Zeit vor der Pause dazu, zu diesem hinzuleiten. Das ist auch hier nicht anders. Gustav Mahlers vierte Symphonie steht auf dem Programm, die letzte seiner so genannten „Wunderhorn“-Symphonien, kulminierend in einem Vokalsatz über ein Lied aus von Arnims und Brentanos berühmter Sammlung. Also gibt es vor der Pause was zu hören: elf Lieder aus Mahlers „Wunderhortn“-Zyklus natürlich. Was auch sonst?

Teodor Currentzis (Bild: Anton Zavjyalov)

Weiterlesen

Die Magie des Lebendigen

Jan Lisiecki und die Academy of St Martin in the Fields spielen die Klavierkonzerte Nr. 2 und 4 von Beethoven im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

Das Wort „Magie“ verwenden Kritiker gern, wenn sie nicht weiter wissen, wenn sie einen besonderen Moment vermitteln möchten, aber nicht recht wissen wie. Taucht es in einer Rezension auf, spricht es nicht selten vom zumindest temporären Unvermögen des schreibenden zu analysieren, einzuordnen, zu bewerten. Und womöglich ist auch diese Rezension Zeugnis selbigen Versagens, denn sie wird ohne dieses Wort nicht auskommen können. Denn es schleicht sich ein, beißt sich fest, will nach außen dringen, wenn immer zumindest dieser Zuhörende dem Spiel des kanadischen Pianisten Jan Lisiecki begegnet. Das ist in diesem seinem zweiten Abend eines Zyklus aller fünf Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens im Berliner Konzerthaus (dessen dritten und letzten Teil am Donnerstag, dem 6.12. der Rezensent leider verpassen muss) nicht anders. Es gibt keinen Beitrag über Lisiecki, der nicht darauf hinweist, dass der durchaus noch jünger wirkende Mann gerade 23 Jahre alt ist. Der Zusatz „für sein Alter“ ist bei Aussagen über seine Fähigkeiten trotzdem schon lange unaangebracht. Wenn dieser Zyklus eines klar stellt, dann, dass dieser freundlich lächelnde Schlaks einer der besten Pianisten unserer Zeit ist. Egal welchen Alters.

Jan Lisiecki (Bild: Holger Hage / DG)

Weiterlesen

Bonbons der Selbstabschaffung

Thomaspeter Goergen nach Oscar Wilde (mit Texten von Orit Nahmias): Salome, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

So genannte abendländische Kultur, wir müssen reden. dein Frauenbild, weißt du. Das geht ja schon da los, wo wir immer vermuten, dass du deinen Ausgang hättest, geschichtsvergessen, wie wir in die Welt, die du schufst, Hinterhergeworfenen sind. Dieses Werk ohne Autor, dieses Buch mit den zwei Testamenten. Adam und Eva und so. Die Frau als Ursünderin, als Instinkt und Irrationales und zu bezwingende Natur. Ja, deine konstituierenden Frauengestalten gehen nicht mehr so recht. Es wird höchste Zeit, dass du und dein großes schwarzes Buch mal ihren #MeToo-Moment bekommen. Nehmen wir Salome. Stieftochter des Herodes, Mörderin des Täufers. Die verschmähte Liebende, die irrational impulsive Rächerin, die Verführerin, destruktive „Natur“ durch und durch. Gut gehalten hat sie sich, auch wenn die Oscar Wildes und Richard Strauss‘ dieser Welt die Geschichte neu interpretieren – die Titelfigur blieb, was ihr von Beginn an unterstellt wurde. Dabei hätte sie ihre eigenen #MeToo-Geschichten zu erzählen, ist sie doch Spielball, Opfer, Sündenbock widerstreitender Mächte, männlicher ideengeschichtlicher Blöcke, Opfer sexuellen Missbrauchs und seelischer Demütigung, eine Benutzte und Weggeworfene, vom männlichen Blick Definierte und aller eigenen Wertigkeit Beraubte.

Bild: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Der Tast(en)künstler

Jan Lisiecki und die Academy of St Martin in the Fields spielen die Klavierkonzerte Nr. 1 und 3 von Beethoven im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

Und plötzlich ist da diese Kadenz: ewig lang, durch unzählige musikalischen Welten und Modi wandernd, ohne Netz und doppelten Boden. Und Jan Lisiecki, dieser schlaksige, hoch aufgeschossene Blondschopf, dem man noch nicht einmal seine unfassbar jungen 23 Jahre ansieht, wandelt und rast und schwebt und taumelt und fliegt durch das Dickicht mit einer Unaufhaltsamkeit, einer Unbedingtheit und einer Bereitschaft, alles und sich selbst in Frage zu stellen, die den Zuschauer den Atem anhalten lässt. es hat ein wenig gedauert, bis tief in die zweite Hälfte des Kopfsatzes von Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 (das eigentlich sein zweites ist), bis Jan Lisiecki wirklich angekommen ist. Leicht und perlend sein Einstieg, bevor er sich ein wenig verlor im Beethovenschen Zwielicht, Schwierigkeiten hatte, die Spannung zu halten, seinen Weg zu finden durch das Labyrinth dieses hochkomplexen Gebildes. Und wenig Hilfe hatte: Die Academy of St. Martin in the Fields, dirigentenlos, offiziell geleitet vom Konzertmeister Tomo Keller, bietet Lisiecki wenig Spielraum und macht ihm kaum Gesprächsangebote. Der dramatische Grundgestus der Ouvertüre zu Die Geschöpfe des Prometheus, das kompakte, farbarme Klangbild, der Hang zur muskulösen Massierung und zur Überbetonung dynamischer Kontraste und die Tendenz, sich im Zweifel für das viel zu Viel zu entscheiden, lassen den Solisten über weite Strecken allein, seine Dialogversuche unbeantwortet.

Jan Lisiecki (Bild: Holger Hage / DG)

Weiterlesen

Festival: Around the World in 14 Films 2018 (part 3)

Short reviews of selected films from this year’s festival

By Sascha Krieger

Manbiki kazoku / Shoplifters (Japan / Director: Hirokazu Kore-eda) – Cannes Film Festival

Celebrated Japanese film-maker Hirokazu Kore-eda has made himself a name for tender, subtle, highly observant and quiet family stories, a seismograph for the most essential of social units. Shoplifters, the surprise but wholly deserving winner of the Golden Palm at this year’s Cannes film festival, is no exception. except that the family is highly exceptional. Firstly, it engages in rather unusual behaviour: in a the opening scene, what seems to be a father-son duo expertly and quite poetically steals from a supermarket before they lift a lonely little girl on their way home. Subsequently, it is gradually revealed that the family ties are not exactly what they seem. When something goes wrong and finally the agents of a hitherto almost completely absent outside world enter, efficient and benevolent society does a thorough job in unravelling a family unit that is all their members have, leading to a haunting series of quietly moving final scenes, images mostly, hovering uncertainly between faint hope and shattering desolation.

Image: © 2018 FUJI TELEVISION NETWORK/GAGA CORPORATION/AOI Pro. Inc. All rights reserved.

Weiterlesen

Festival: Around the World in 14 Films 2018 (part 2)

Short reviews of selected films from this year’s festival

By Sascha Krieger

The Favourite (UK, Ireland, United States / Director: Yorgos Lanthimos) – Venice Film Festival

Yorgos Lanthimos, the creator of bitter, biting, often very cold allegories on the perversion of (post)modern humanity, has made a costume drama. Two hours later, the most conservative, rule-ridden, comfort-zone-seeking genre will never be the same. The celebrated and much hated Greek film maker tackles it with the force of a hurricane, leaving no stone unturned. On the surface, everything is fine: the sets are as elaborate and injected with a great love of detail as are the costume, the atmosphere of the claustrophobic powder and wig-heavy indoor society that is Baroque England so expertly covered one can almost smell the sweet stench of decay. The story is fictional, some of the characters are not. It takes place in the court of Queen Anne, the forgotten queen between the first Elizabeth and the only Victoria. In the film, she builds around herself a circle of female friends and confidantes: first the resolute, tactically relentless uber-politician Lady Sarah (with biting force: Rachel Weisz), later the fallen former Aristocrate and now servant (though not for long) Abigail (quickly turning from innocent to witty to coldly scheming: Emma Stone). Together they fight the patriarchy by mirroring it: they’re tougher, more ruthless, less scrupulous and a lot more radical than their male counterparts. So much so that ultimately they turn against each other in one of the more epic and brutal battle of wits, minds and bodies you’ve ever seen in film.

Image: © 2018 Twentieth Century Fox

Weiterlesen

Advertisements