Just like Johnny Cash

Paavo Järvi dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Brahms und Lutosławski

Von Sascha Krieger

Es gibt Dirigenten, bei denen es schwer ist, unter all der Show die Substanz zu entdecken. Es gibt die Sachlichen, Trockenen, die ernsthaften Partiturarbeiter, bei denen unter lauter Tiefenschürfen die Freude an der Musik zu verschwinden droht. Es gibt solche, die mit großer Gestik auf den maximalen Effekt zielen und jene, die tief schürfen, analysieren, die Partitur zum Forschungsobjekt machen und den Konzertsaal zum Labor. Und dann gibt es Paavo Järvi. Der Este ist einer, der zum Punkt kommt, nicht lange fackelt, für den Effekt und Analyse einander bedingen, ein Wirkungsdirigent, der in der Partitur gräbt, und für den es nur eines nicht gibt: alles, was keine musikalische Funktion erfüllt. Ein „no-bullshit conductor“, könnte man im für solche nicht beleidigende Direktheit besser geeigneten Englisch sagen. Und nein, „Bullshit“ gibt es an diesem Abend mit den Berliner Philharmonikern nicht zu hören. Keine zwei Stunden, das mittlerweile fast obligatorische Limit, dauert er. Dann ist alles gesagt. „When my song’s done, it’s done“, hat Johnny Cash einmal gesagt. Paavo Järvi, der Johnny Cash unter den Dirigenten? Ja, vielleicht auch das.

Paavo Järvi (Bild: Julia Bayer)

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Because They Got High…

Bonn Park und Ben Roessler: Drei Milliarden Schwestern, Volksbühne Berlin (Regie: Bonn Park)

Von Sascha Krieger

Jetzt sind sie endlich hier: unten, im Parterre, auf der großen Bühne. Seit 25 Jahren gibt es sie jetzt, die, die jetzt auf der Bühne stehen, waren damals noch gar nicht geboren. Wer über den „Geist der Castorfschen Volksbühne“ spricht, wer ihn sucht, wer sich für seine Langlebigkleit und seine störrische Beharrlichkeit interessiert, der geht normalerweise in den 3. Stock des Hauses. Dort hat sich P14 eingenistet, der „Jugendklub“ des Hauses. Nein, viel mehr: eine autonome, anarchische, gern auch ein wenig sperrige Theatercommunity, bestehend aus jungen Bühnentieren, die auf eines keine Lust haben: sich vorschreiben zu lassen, wie das mit diesem Theatermachen zu gehen hat. Die es selber tun, die jeden Monat eine neue Produktion in den engen Bühnenraum bringen, der auch ein Rückzugsort ist, das Gallische Dorf der Castorf-Bühne. Wo Pollesch und Castorf und vielleicht auch Herbert Fritsch nach wie vor die Fixsterne sind. Ein Ort, der sich gehalten hat, unantastbar blieb, ein Platz des Bewahrens wie der ständigen Erneuerung. Castorf ist weg, Dercon ist weg, Dörr auf Abruf. P14, da muss man kein Prophet sein, wird bleiben. Jetzt also sind die jungen Rebell*innen auf der ganz großen Bühne gelandet. Kurzzeit-Intendant Chris Dercon soll das Projekt noch beauftragt haben – dass ausgerechnet dieses Widerstandsnest Teil seines Erbes würde, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Bild: Thomas Aurin

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Feministisches Doppel

Alice Birch: Revolt. She said. Revolt again. / Marlene Streeruwitz: Mar-a-Lago, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Christina Tscharyiski)

Von Sascha Krieger

#MeToo wurde gerade ein Jahr alt. Allerorten wurde Bilanz gezogen, gefragt, was sich seitdem geändert hatte. Angesichts von Trump, Kavanaugh oder Ronaldo fiel die Antwort meist nicht übermäßig positiv aus. Das wird auch das im Weltmaßstab kleine Berliner Ensemble nicht ändern. Aber versuchen, so mag sich Hausherr (!) Oliver Reese gedacht haben, könne man es ja trotzdem. Also gibt es im Oktober einen feministischen Schwerpunkt mit allerlei Sonderveranstaltungen und zwei entsprechenden Premieren. Die etwas gemeinsam haben: Beide verlassen sich auf mehr als eine Grundlage. Vielleicht ist es ein passendes Symbol für die Position der Frau in der (dramatischen) Literatur, dass Regisseur*innen einem einzelnen Text nicht zutrauen, Emanzipationsgeschichten wirkungsvoll auf die Bühne zubringen. Sonst verbindet Simon Stones weitgehend autarke und sehr männliche Antiken-Namedropping und Christina Tscharyiskis Doppelpremiere wenig. Die junge Regisseurin verknüpft zwei unterschiedliche feministische Sichtweisen und Generationen: hier die aktivistische Wut der 32-jährigen Britin Alice Birch, dort die distanziertere, von Bitterkeit und Resignation nicht freie Perspektive der 68-jährigen Österreicherin Marlene Streeruwitz. Hier der Aufruf, die Welt aus den Angeln zu heben, dort der aus Erfahrung gespeiste Zweifel, dass das möglich sei.

Bild: Julian Röder

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Heiter in die Mottenkiste

andcompany&Co.: Invisible Republic: #stilllovingtherevolution, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin

Von Sascha Krieger

„Ich habe sie so geliebt, die Revolution“. 68er-Lichtgestalt und späterer Ur-Grüner Daniel Cohn-Bendit soll den Satz einst – das „Ich“ ersetzt durch ein leicht anmaßendes „Wir“ – gesagt haben. Im revolutionären Jubiläumsjahr 2018 – 200 Jahre Karl Marx, 100 Jahre Novemberrevolution, 50 Jahre 1968 – nimmt das Berliner Performancekollektiv andcompany&Co. diese Aussage zum Ausgangspunkt, sich mit dem gegenwärtigen Blick auf das Thema Revolution zu befassen. Dazu stellt er vier Darstellerinnen in einen an Pollesch erinnerntden Diskursraum und lässt sie durch historische Schnipsel, theoretische Schriften und allerlei Pop-Kultur waten im Versuch, der“ postrevolutionären Depression“ zu entkommen, den „Winter unseres Missvergnügens“ (ohne Shakespeare geht es nicht) zu verlassen, die diversen Prager und sonstigen Frühlingen zu überspringen und endlich im nie erreichten revolutionären Sommer zu landen. Dazu muss der Begriff erst einmal entstaubt und aus den Fängen konsumistischer Werbesprache befreit werden. Was also ist diese Revolution, von der die Cohn-Bendits dieser Welt schwärmen und was hat sie uns zu sagen?

Bild: Sascha Krieger

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Theater mit eingezogenem Schwanz

Simon Stone: Eine griechische Trilogie, Berliner Ensemble (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Ein bisschen fühlt sich der Zuschauer beim Weg zu seinem Platz an die letzte große Premiere am Berliner Ensemble erinnert, Kay Voges‘ Die Parallelwelt. Wie dort schaut er zunächst in einen Zuschauerraum. Doch wo Voges den Theaterraum weitete und neue Dimensionen suchte, wird der Blick hier nur zurückgeworfen: Eine Glaswand spiegelt den BE-Raum. Symbol auch für die Aufgabe, die sich der Abend gestellt hat: uns zu reflektieren, den Umgang der Geschlechter miteinander, widerstreitende Konzepte und Bilder von Gender und Sex und Rollenmustern hervortreten zu lassen. Parallelwelten auch hier: Auf der einen Seite die Frauen, vermeintlich selbstbestimmt und doch jede von einer spezifischen Missbrauchs- und Unterdruckungserfahrung gezeichnet, dort die Männer, herrschsüchtig, dominant und gewalttätig oder weinerlich, unsicher, passiv-aggressiv. und noch mehr parallele Welten: Dort die Antike, der Nährboden moderner Zivilisation, das athenische Ideal, das heldenhafte Frauengestalten hervorgebracht hat, in Komödie wie Tragödie, und das in einer zutiefst patriarchalen Gesellschaft. Und hier die Gegenwart emanzipatorischer Geschlechterbeziehungen, in der es einen weltweiten Riesenjubel auslöst, wenn ein Superheldenfilm eine weibliche Hauptfigur hat.

Bild: Thomas Aurin

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Die schamlosen Sieben

She She Pop: Geburtstagsgala im Rahmen von „Shame, Shame, Shame! 25 Jahre She She Pop“, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin

Von Sascha Krieger

Vielleicht sei es ja gar kein Geburtstag, sondern eine Silberhochzeit, regt eine der vielen Gastlaudator*innen im Laufe des Abends an. Doch wenn das so ist, wer feiert hier eigentlich 25 Jahre Beziehung? Das feministische Performancekollektiv She She Pop klar, aber mit wem? Miteinander? Oder mit dem Publikum? Der Freien Szene und dem Kunstbetrieb als Ganzem? Den Mitstreiter*innen und Kontrahent*innen, den Kritiker*innen und Partner*innen? Der Gesellschaft? Von allem ein bisschen wäre die langweiligste und feigste Antwort und damit alles andere als im Sinne der heute sechs Frauen und des einen Quotenmanns. Aber sie wäre auch ehrlich, denn ohne eine einzige von all diesen Beziehungen gäbe es all die anderen nicht. Und alle nicht ohne die vielleicht wichtigste, grundlegende: die zu einem menschlichen Kerngefühl – der Scham. „Shame, Shame, Shame!“ haben sie ihre Jubiläumsfeierlichkeiten im Berliner HAU genannt, 50 Grades of Shame hieß eine ihrer letzten Arbeiten, die Überwindung der Scham als kollektives Erlebnis, als Moment der Befreiung und der Erkenntnis von Rollenmustern, Geschlechterverhältnissen und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Machtmechanismen treibt die 1993 am berühmt berüchtigten Institut für Angewandte Theaterwissenschaften der Uni Gießen, dem Urschlamm des deutschsprachigen Performancetheaters, gegründete Gruppe von Beginn an um.

Schon im HAU2-Foyer wurden die Gäste mit Collagen, Bildern und Videos aus 25 Jahren She She Pop begrüßt (Bild: Sascha Krieger)

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Test bestanden

Marta Górnicka: Grundgesetz. Ein chorischer Stresstest am Brandenburger Tor im Rahmen des Tages der Deutschen Einheit 2018, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Marta Górnicka)

Von Sascha Krieger

Das Wort „Stresstest“ ist ein relativ neuer Eintrag im kollektiven Wörterbuch. Es trat in der Folge der Finanzkrise von 2008 ins öffentliche Bewusstsein und bezeichnete die intensive Überprüfung der Fähigkeit von Finanzinstituten, zukünftige Krisen zu überstehen. Einem solchen wollte das Gorki Theater nun auch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland unterziehen, ein Dokument, das zuletzt wohl stärker hinterfragt wurde als jemals zuvor in seiner Geschichte – mit der möglichen Ausnahme der Zeit um die deutsche Wiedervereinigung herum, als es starke Bestrebungen gab, das einst als Provisorium gedachte Dokument durch eine neue, gemeinsam erarbeitete deutsche Verfassung zu ersetzen. Es hat diese Herausforderung überstanden. Unbeschadet? Die polnische Regisseurin Marta Górnicka, die für ihre intensiven chorischen Arbeiten bekannt ist, nimmt sich das Büchlein mit seinen 202 Artikeln nun vor. Nicht irgendwann, sondern am Tag der deutschen Einheit. Und nicht irgendwo, sondern am Brandenburger Tor, Symbolort von Teilung und Mauerfall, derzeit teilweise bedeckt von einer Installation des Street-Art-Künstlers JR mit Bildern von 1989.

Bild: Sascha Krieger

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Die Fragen, mein Freund, kennt nicht einmal der Nebel

Albert Camus: Die Gerechten, Maxim Gorki Theater (Regie: Sebastian Baumgarten)

Von Sascha Krieger

In Albert Camus‘ Drama Die Gerechten stellt der Autor unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg, ein „gerechter“ aus Sicht der Alliierten, die Frage nach der Rechtfertigung politischer Gewalt bis hin zum Attentat und Tyrannenmord. Ist die Tötung von Menschen gerechtfertigt, wenn sie der Idee einer besseren Welt folgt und womöglich den Weg zu ihr ebnet? Eine Frage, die in Zeiten von Selbstmordattentaten und weltweitem Terror längst beantwortet scheint. Und die doch ungemein relevant ist, denn entsprechen die Gründe, welche Camus‘ Protagonisten – das Stück ist im vorrevolutionären Russland des Jahrs 1905 angesiedelt – für ihre Taten vorbringen, nicht weitgehend den Selbstrechtfertigungen von Al-Qaida, IS und Co.? Und stellt sich angesichts einer zunehmenden Gefahr für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte selbst im Herzen Europas nicht auch perspektivisch wieder die Frage, wie weit man gehen dürfe, um höher stehende Werte zu verteidigen? Was muss passieren, damit die friedlichen Freiheits- und Demokratieverteidiger, die Kämpfer gegen Rassismus und Diskrimieriung zu militanteren Mitteln greifen? Kann das und vor allem darf das geschehen?

Bild: Esra Rotthoff

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Maskierte Wahrheit

Mohammad Al Attar: The Factory, Ruhrtriennale / Volksbühne Berlin (Regie: Omar Abusaada)

Von Sascha Krieger

„Die ganze Weltsoll erfahren, was sie uns angetan haben. Die Welt soll erfahren, dass die Fabrik eine Miniatur war: von Syrien und allem, was dort geschieht.“ So steht es in einer Email, die Ahmad, Arbeiter in der riesigen Zementfabrik des französischen Konzerns Lafarge im Norden Syriens, schickt und die bei der französischen Journalistin Maryam landet, wahrscheinlich, weil sie als Tochter eines Algeriers des arabischen mächtig ist. The Factory, nach Iphigenie  die zweite gemeinsame Arbeit von Autor Mohammad al Attar und Regisseur Omar Abusaada an der Volksbühne, will die Geschichte dieser Fabriuk und in ihr von diesem Syrien erzählen, dass wir als Diktatur und Bürgerkriegsland aus den Nachrichten kennen – und von der Verstrickung auch der westlichen Welt in diesem Konflikt. Denn als die westliche Gemeinschaft das Assad-Regime verurteilte, als sich fast alle westlichen Unternehmen, die zuvor mit der Gewaltherrschaft des jungen wie des älteren Assad kaum Probleme hatten, blieb der französische Baustoffkonzern Lafarge. Wie er sich zuvor – und weiterhin – mit den Assads arrangiert hatte,  tut er es nun auch mit allen anderen bei denen es nötig erscheint. So erhält selbst der IS Millionen an Schutzgeldern aus Frankreich.

Bild: David Baltzer

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No Future

Andreas Veiel in Zusammenarbeit mit Jutta Doberstein: Let Them Eat Money. Welche Zukunft?!, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Andreas Veiel)

Von Sascha Krieger

„Welche Zukunft?!“ So heißt nicht einfach nur ein Theaterabend, sondern gleich ein mehrjähriges Projekt, angestoßen von Regisseur und Dokumentarfilmer Andreas Veiel und Autorin Jutta Doberstein. Das sich Fragen widmet wie: Wohin geht die Reise unserer in letzter zeit so krisenfreudig erscheinenden Gesellschaft, was macht sie mit der Welt als ganzer und wie lässt sie die Katastrrophe, auf die wir vielleicht zusteuern, verhindern? Alles begann mit einem Dialog von Bürgern und Wissenschaftlern, das ein Zukunftsszenario für die kommenden zehn Jahre entwickelte, welches in einem Symposium weiter vertieft wurde. Der Theaterabend, Teil drei des 2010 endenden Projekts, blickt nun zurück. Es ist 2018, die EU ist zerfallen, Menschen tragen Chips, die eine rätselhafte Krankheit bekämpfen sollen und nebenbei all ihre Erinnerungen und Gedanken auslösen. Der Staat ist gescheitert und durch privatwirtschaftlich organisierte Gesellschaftsformen, in denen Shareholder die neuen Bürger sind, abgelöst. Siris und Alexas der übernächsten Generation organisieren das Leben, der wenigen, die über ein solches noch verfügen, während zu Hunderttausende Noprdeuropäer auf künstliche Inseln zu fliehen suchen, nur um beim Versuch abgeknallt zu werden. Eine Menge Dystopie, ein bisschen Science Fiction und ganz viel Pessimismus.

Bild: Arno Declair

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