Die Sehnsucht, ein Tier zu sein

Sivan Ben Yishai: Oder: Du verdienst deinen Krieg (Eight Soldiers Moonsick), Maxim Gorki Theater (Studio Я), Berlin (Regie: Sasha Marianna Salzmann)

Von Sascha Krieger

Das Schlüsselwort in Sivan Ben Yishais neuem, von Autor*innen-Kollegin Sasha Marianna Salzmann, auf die Studio-Bühne des Maxim Gorki Theaters gebrachten Stück, zählt gerade vier Buchstaben und steht im Titel: Oder. An diesem Kürzel der Alternativen, der Widersprüche, der (Un)Möglichkeiten hangelt, streckt, tatstet sich die Geschichte empor, welche die in Berlin lebende israelische Autorin als Bewegung einer sprachlichen Selbstermächtigung, einer Suche nach Sprachlichkeit, nach Stimme und Ausdruck, sich in die (Theater-)Welt hineinkriecht, wie die Realität, die sie beschreibt, eine verdrängte, unmögliche, nicht sagbare. Um acht Soldatinnen geht es, acht namenlose 18-Jährige, sich zusammenkauernd in einem Tarnzelt, verschmelzend miteinander und den ihnen anvertrauten Waffen, ein ununterscheidbares Knäuel der verzweifelten Widerständigkeit gegen eine toxisch männliche Welt, die sie ausnutzt, negiert, missbraucht, wegwirft. In Träumen entladen sich die unaussprechlichen Erfahrungen von Ohnmacht und Auslöschung, Albträumen, die immer wieder mit Toden enden: der Hinrichtung einer Soldatin, die das Gewehr vergaß, die Ermordung einer anderen nach erfolgter Vergewaltigung durch einen Kameraden, die unbeabsichtigte (?) Selbsttötung beim Versuch, die Waffe zu reinigen. Die Frauen sind Opfer, das ist ihre Funktion im System menschlicher Macht.

Bild: Esra Rotthoff

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Puppen des Patriarchats

Euripides: Medea, Slowenisches Nationaltheater Maribor / Gastspiel im Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Oliver Frljić)

Von Sascha Krieger

Gutbürgerlich ist dieser griechische Königshof, habe das Mobiliar ist in Folien verpackt, eine ebensolche Rückwand kann die Abgrenzung zur Außenwelt bestenfalls andeuten. Die Fassade trügt nicht nur, sie ist gar nicht wirklich vorhanden. Schmerzverzerrte Gesichter werden diabolisch von Scheinwerfern beleuchtet, die die Schauspieler*innen in den Händen halten, später gruppieren sie sich hasserfüllt um eine Frau, Medeas Dienerin, sie anzischend, ansabbernd in farcenhafter Verzerrung. Eine feministische Sicht versucht Regisseur Oliver Frljić auf die Geschichte von der verlassenen Ehefrau, die zur Mörderin ihrer Kinder wird. Seine Medea ist eine, die sich von den dämonischen Fratzen des Patriarchats umringt sieht, die sie angeifern, zu erdrücken suchen und auf die sie mit deren Waffen antwortet. Nataša Matjašec Rošker spielt sie als wandelbare Rollenspielerin, die stets die ist, die sie sein muss, soll, als die sie erwartet wird oder die ihren Interessen Vorschub leistet. Von der Seite tritt sie an die Hass-Gruppe heran, deutlich machend, dass sie nicht bereit ist, Opfer zu sein und bereit ist, Täterin zu werden.

Das Maxim Gorki Theater während des 4. Berliner Herbstsalons (Bild: Sascha Krieger)

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Keine Ruhe

Zubin Mehta dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Bruckners achter Symphonie

Von Sascha Krieger

Allein physisch ist dieser Abend ein Kraftakt: 85 Minuten ist Bruckners Achte lang, übertroffen in der Gattungsgeschichte nur durch ein paar von Gustav Mahlers Werken. 83 Jahre alt ist Zubin Mehta mittlerweile, benötigt einen Stuhl zur Unterstützung, und doch lässt ihn die Liebe zu diesem Werk nicht los. Auch als das Orchester es vor sieben Jahren zum letzten Mal spielte, dirigierte das Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker. Es ist ein Liebes-, ein Seelenwerk für den in Bombay geborenen und das spürt man auch an diesem Abend in fast jedem Moment. Mehta dirigiert ohne Partitur, doch von Routine oder abgeklärter Glättung keine Spur. Stattdessen stürzt er sich mit einer Neugier in diesen musikalischen Ozean, die sein Alter Lügen zu strafen scheint. Erdig klingt das, die Füße ganz auf dem Boden verhaftet, die durchaus ins Universelle strebende Musik des gläubigen Katholiken Bruckner tief im Irdischen wurzelnd. Überraschend der raue Klang, der sich über die fast eineinhalb Stunden hält und der die vielen Verschiebungen von Registern, Klangbild und Ausdruck zusammenhält.

Zubin Mehta und die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Spiel mit Grenzen

Ein Projekt von Lola Arias: Futureland, Maxim Gorki Theater (Container), Berlin (Regie: Lola Arias)

Von Sascha Krieger

Da wollen sie hin: Futureland, eine Sehnsuchtskulisse voller Hochhäuser und Magnetschwebebahnen, ein Ort der Verheißung, der in bewährter Videospieloptik mittels der ausgefeilten 3D-Grafiken von Luis August Krawen über den Vorgang des Bühnenkastens flimmert . Sie, das sind acht minderjährige Geflüchtete, die ohne ihre Familien nach Deutschland gekommen sind, hier bleiben dürfen, bis sie 18 sind. Danach? Unsicherheit. Sie wollen mitspielen, hinein in die Kulisse, laufen los in Form ihrer schwarz gekleideten Avatare, abgesetzt aus einem Flugzeug – und treffen schnell auf Hindernisse. Diese haben die Form überlebensgroßer Computergesichter, die für die Autoritäten ihren Ankunftslandes stehen. Für Asylbehörden, Lehrer*innen, die Bürokratie, die aufnimmt, Bedingungen stellt, abweist. Fragen müssen sie beantworten, den Namen nennen. Erst dann gibt es ein roboterhaftes „Willkommen“. Das nicht lang anhält. Sie müssen sich fotografieren lassen, bekommen ihr Alter willkürlich festgelegt, werden gezwungen zum Spracherwerb, untergehen Anhörungen, begegnen Misstrauen. Immer und immer wieder.

Bild: Esra Rotthoff

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Ein Fall fürs Archiv

Nach dem Roman von Brigitte Reimann: Franziska Linkerhand, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Daniela Löffner)

Von Sascha Krieger

In ikonischem Schwarz-weiß erzählt, schreibt, erinnert sich Kathleen Morgeneyer in den Abend hinein. Gerade hat sie die riesige Papierrolle, einziger permanenter Teil von Wolfgang Menardis Bühnenbild, ausgerollt, und beginnt sie, mit der Projektion ihres Videobildes, sinnierend in die Ferne schauend, die Zigarette in der Hand, zu beschreiben. Morgeneyer spielt Franziska Linkerhand, Titelfigur von Brigitte Reimanns posthum erschienenem kritischen DDR-Roman, eine junge Frau, die gegen die Familie rebelliert und später gegen die ideologische Verengung des Freiheitsraums im halben Deutschlad, als Mensch, Frau und Architektin. Eine, die außerhalb der Normen denkt, die das Mögliche erweitern will, Tabus bricht und daran scheitert. Eine Geschichte, lang her, weit weg, wie das sorgfältig konstruierte Schwarz-Weiß der Videobilder. Die Franziska zeigen oder ganz am Ende ihre große Liebe Ben. Wie ein Zeitzeuge einer lange vergessenen Dokumentation berichtet Felix Goeser da über einen Lebensweg, der von derUnterstützung zur Hinterfragung des Bestehenden ins Gefägnis und in die Resignation führt, die angestaute Wut hinter der ruhigen, fast versteinerten Fassade hör- und spürbar. Der Theaterraum wird zum Papier des Romans und in ihm entsteht eine vergessene, verlorene, ersonnene Welt.

Bild: Arno Declair

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Ohne Tampon zur Urmutter

Yael Ronen & Ensemble: Rewitching Europe, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Stückankündigungen mit einer Prise Skepsis zu begegnen, ist eigentlich immer eine gute Idee. An diesem Abend, Yael Ronens neuem am Gorki, ist es essenziell, die Erwartungshaltung schnell vom Text auf der Theater-Website wegzulenken. Denn da ist von einer Auseinandersetzung mit der europäischen Hexenverfolgung in Europa die Rede, die in dieser Inszenierung nur insofern vorkommt, als Lea Draeger die dadurch ausgelöste Erwartungshaltung als ihre eigene thematisiert, zu einer Erzählung über das Thema ansetzt und schnell in der Kakophonie paralleler Geschichten untergeht. Stattdessen beginnt der Abend mit dem, das, wie uns die Website sagt, durch die Hexenverbrennungen verloren gegangen sei: einem elaborierten Ritual samt Animationen mit Schlangen, die zu Frauen, die zu Bäumen, die abgeholzt werden, von Männern mit Äxten. Ein Endzeitszenario wird aufgebaut, die Verbindung zur Natur, zur Erde, der Mutter beklagt, die verloren gegangen sei. Am Ende wird diese Schleife rückwärts wiederholt, als Vision einer Rückkejr, eines Neuanfangs.

Bild: Esra Rotthoff

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Wider die Eindeutigkeit

Marta Górnicka unter Verwendung neuer Texte von Katja Brunner: Jedem das Seine, Maxim Gorki Theater, Berlin / Münchner Kammerspiele (Regie: Marta Górnicka)

Von Sascha Krieger

Natürlich, der Titel. Einst ein Motto, ein Aufruf, für Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Solidarität, lässt er sich heute nicht ohne Buchenwald denken, ohne die Perversion der zynischen Umdeutung durch die Nationalsozialisten, die ihn befleckten und umdrehten zu einem zynischen Slogan ihrer Vernichtungsideologie. Und selbstverständlich hängt diese Umdeutung wie ein Damoklesschwert über diesem Abend, ist sie seine Schwäche, auch weil sich Regisseurin Marta Górnicka weigert, den Diskurs über ihren Titel wirklich zu führen. Ja, der Name Dachau fällt, der Hinweis, dass das KZ ein Ort war, an dem Frauen nicht „nur“ eingesperrt und vernichtet, sondern auch sexuell ausgebeutet wurden, dass sexistische Unterdrückung eben auch ein Aspekt totalitärer Systeme und ausgrenzender Ideologien ist, doch es bleibt nur ein Exkurs, ein kurzer etwas erzwungen wirkender Ausflug – wie die Trump-Episode, in der Anne Ratte-Polle mit entsprechender Perücke die Freauenfeindlichkeit des US-Präsidenten mit ein wenig zu viel Unterhaltungswert parodiert. Je konkreter der Abend wird, desto eindeutiger ist er, und das tut ihm weniger gut.

Bild: David Baltzer

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Voneinander lernen

Junges DT – 30.nach.89. Talking About Your Generation, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Uta Plate)

Von Sascha Krieger

30 -jährige Jubiläen geschichtsträchtiger Ereignisse sind etwas Besonderes: Das Erinnerte ist weit genug weg, um es aus der Distanz betrachten und reflektieren, die Folgen ebenso abschätzen zu können wie die Ursachen – und gleichzeitig noch nahe genug, um lebendige Erinnerungen griffbereit zu haben, eigene oder die der Eltern, vielleicht auch schon der Großelterngeneration. Das dritte trinationale Projekt des Jungen DT hat gegenüber seinen Vorgängern diesen Vorteil der distanzierten Nähe: Befasste sich das erste mit dem zweiten Weltkrieg und bewegte sich damit bestenfalls noch am Rand lebendiger Zeitzeugenschaft, spannte das zweite einen weiten Bogen von Martin Luther zu gegenwärtigem Widerstand, ein Rahmen, der allein schon für ein gewisses Maß an Abstand und Abstraktion sorgt. Nun, bei der dritten Ausgabe, wird es konkret. Es geht um das Jahr 1989, in allen drei beteiligten Ländern ein Schlüsseldatum der jüngeren Geschichte: In Deutschland fiel die Mauer, in Polen ein ganzes System und im heutigen Russland zersetzte sich ein Weltreich. 1989 steht in allen drei Nationen für massive Umbrüche, für Geschichtswenden, für Eingriffe ins nationale wie individuelle Selbstverständnis, die bis heute nachwirken.

Bild: Arno Declair

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Deutschland, eine Geisterbahn

Nach Heiner Müller: Germania, Volksbühne Berlin (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

„Der Mund entsteht mit dem Schrei“. Heiner Müllers Exkurs, der Edvard Munchs berühmtes Gemälde mit den Schrecken des diesem folgenden Jahrhunderts, bezogen auf und ausgehend auf des autors Heimatland Deutschland, assoziiert, steht, wie er sollte, am Ende dieses dreistündigen Abends, an dem Claudia Bauer nahezu Unmögliches versucht. Nicht nur will sie seine beiden monströsen Germania-Stücke, jenes frühere sich am Stalismus abarbeitende, und das aus der Nachwendezeit, das nochmal den Bogen ganz weit zurückschlägt in die in die Gegenwart wirkende deutsch-preußische Geschichte, zusammenbringen. Nein, ihr schwebt auch vor, das Müllersche Geschichtsverständnis, seine Ansichten zur Menschheit und ihrer vermeintlichen Entwicklung, die in diesen Arbeiten besonders am Werk sind und auch thematisiert werden, in Theater zu übersetzen. Das kann nur scheitern, die Frage ist nur, auf welchem Niveau. Der Aufwand den Bauer in ihrer ersten Volksbühnen-Regie betreibt, ist beträchtlich: Neben dem achtköpfigen Ensemble stehen ein Orchester, drei Sängerinnen, ein Chor und eine Hand voll Puppenspieler*innen auf der Bühne. Totaltheater nennt man das wohl, spartenübergreifend, allumfassend.

Bild: Julian Röder

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Leichtgewichtig

Molière: Amphitryon, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Herbert Fritsch)

Von Sascha Krieger

Sie trippeln und tänzeln wieder. Und hüpfen. Und grimassieren. Und fallen. Und gestikulieren wild, grotesk, überzogen. Herbert Fritschs Menagerie der aus der Welt gefallenen Menschenpuppen der Absurden ist zurück an der Schaubühne. Und sie hat nicht nur einen veritablem Klassiker im Gepäck, Molières Amphitryon, die Mutter aller Verwechslungskomödien (und damit so manchen missratenen Kindes), sondern auch einen echten (Theater-/Literatur-)Star: Joachim Meyerhoff ist neu im Ensemble – und gibt seinen Einstand ausgerechnet bei einem Regisseur, in dessen Arbeiten individuelle Virtuosität nur in den Grenzen seiner farcengeschulten clownesken Klamauk-Ästhetik gefragt ist. Um es vorwegzunehmen: Es ist ein grandioser Einsdtand. Und zwar weil Meyerhoff sich perfekt ins Ensemble einfügt und zugleich auf die richtige Weise heraussticht. Sein Diener Sosias verkörpert die Verlorenheit des seiner Identrität Beraubten auf eine so traurig-komische, von existenzieller Ratlosigkeit wie naiver Selbstsucht und intriganter Boshaftigkeit gesteuerte Weise, ein Schizophreniker der Ich-Besessenheit unserer Zeit, die die Austauschbarkeit des Individuum nicht vorsieht und zugleich ihrer bedarf. Und damit ist er ein kongenialer Partner von Fritsch-Dauerspieler Bastian Reiber, der den Sosias-Imitator Merkur mit rotzig dominanter Brutalität gibt, ein selbstbewusster Identitäts- und Machtspieler – mit Betonung auf „Spieler“ – dessen zwerchfellerschütternde Komik immer etwas Gewalttätiges hat und damit einen Abgrund hinter der Lustspielfassade spürbar macht, der ins Allgemeinmenschliche, ins Universelle, ins Existenzielle weist.

Bild: Thomas Aurin

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