Senftuben im Märchenwald

Autorentheatertage 2017 – Armin Petras und Ludwig Haugk nach dem Roman von Lutz Seiler: KRUSO, Schauspiel Leipzig (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Die Freiheit ist eine Insel. In Lutz Seilers gefeiertem Wenderoman (ist das eigentlich schon ein eigenes Subgenre?) KRUSO heißt sie Hiddensee. Das autofreie Refugium in der Ostsee, ein Ort der Gestrandeten, der „Schiffbrüchigen“, die, wie der Direktor des Ferienheims es ausdruckt, „vom Festland ausgespuckt wurden“, der Rastlosen, nicht Ankommenwollenden und nicht Anpassungswilligen, derer, die nicht hineinpassen in dieses System, das auf dem „Festland“ herrscht. Ein seltsamer Ort, vermeintlich abgeschnitten von der Realität, ein Fluchtpunkt, der Anderssein erlaubt und gutheißt. Aber eben ein abgegrenzter Raum, von dem man nicht wegkommt: auf einer Seite die tödliche Ostsee mit den schussbereiten „Grenzschützern“, auf der anderen Seite das „System“, das jede Tendenz zur Individualität misstrauisch beäugt. Die Freiheit ist ein sicherer Ort. Aber sie ist auch ein Gefängnis. Freiheit und Einengung, „Alles geht“ und „Es geht nirgendwohin“ sind eins an diesem paradoxen Ort in und außerhalb eines paradoxen Landes.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Jammern im Dreck

Autorentheatertage 2017 – Nino Haratischwili, Elfriede Jelinek, Terézia Mora, Sofi Oksanen: Ein europäisches Abendmahl, Burgtheater, Wien (Regie: Barbara Frey)

Von Sascha Krieger

Das Haus Europa ist unfertig. Leere Fensterhöhlen geben den Blick frei auf eine unverputzte Mauer, die Decke ist Gerüst geblieben. Erdhaufen bedecken den Fußboden, hineingeweht in einen Raum (Bühne: Martin Zehetgruber), der nie fertig wurde und jetzt Ruine sein mag. Schauplatz einer multiperspektivischen Bestandsaufnahme unserer Zeit und ihrer Werte. Solche Abende, Texte unterschiedlicher Auto*innen versammelnd, sind gerade en vogue – Jette Steckel hat sich kürzlich erst am Deutschen Theater den 10 Geboten gewidmet. Barbara Freys Kollektivabend ist kleiner dimensioniert und beim Berliner Gastspiel – schön mit der Bühne korrespondierend – unvollständig, unvollendet. Denn einer der fünf Texte fehlt: Jenny Erpenbeck hat für „Frau im Bikini“, in Wien die letzte Episode, die Aufführungsrechte für Berlin verweigert. Ganz unpassend erscheint das nicht, schließlich geht es um das Unvollendete, Europa als Projekt und Traum, das längst seinen Glanz verloren hat, zusammengeschnurrt irgendwo zwischen Bürokratie und Populismus, eine Idee, die sich dagegen zu wehren versucht, als gescheitert zu gelten. Vielleicht auch, weil sie von Männern ersonnen und umgesetzt wurde. Hier hingegen dominiert der weibliche Blick: Autorinnen, Darstellerinnen und eine Regisseurin sezieren diesen Kontinent, der sich als Wiege der Zivilation sieht, der lange als Friedensprojekt galt, als Realität gewordene Utopie. Ein weiblicher Gegenentwurf könnte und will es wohl sein, dieses „Abendmahl“, Abgesang und Aufbruch in einem.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Ein letzter Tee

Nach Fjodor Dostojewski: Ein schwaches Herz, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Sie sind längst alle gesungen, die Lobenshymnen auf die großen Künstler, die in den letzten 25 Jahren an der Volksbühne verkehrten, die deutschsprachige Theaterlandschaft immer wieder vor sich hertrieben, ihr und ihrem Publikum auch gern einen Tritt in den Allerwertesten verpassten, die uns auf die Nerven gingen, uns bis in den Schlaf hinein langweilten und das Theater auf eine Weise entgrenzten, die man zuvor für nicht möglich hielt. Da waren die Regisseure, Vastorf, Marthaler, Pollesch, Fritsch, Schlingensief natürlich, und die Schauspieler*innen: Hübchen, Angerer, Peschel, Rois, Scheer, Wuttke und so viele, viele andere. Doch es gibt noch eine weitere Gruppe besonderer Menschen, die selten besungen wurden und sich doch für dieses Haus, für den Wahnsinn, der das Theaterspielen hier immer war, als so entscheiden, erwiesen: die Soufflerinnen. Elisabeth Zumpe ist zu nennen, die so manche Castorf-Inszenierung mit ihrer nie in Panik verfallenden Präzision möglich machte. Oder Tina Pfurr, ebenso wenig aus der Ruhe zu bringen, längst nicht wegzudenkender Bestandteil der Berliner Pollesch-Familie. Castorfs Theater war und ist eine Überforderungsmaschine, ein Kosmos des Scheiterns, ständig gegen die Wand fahrend und immer weitermachend. Hier ist das reich der Soufflage, des Weitergehens, wo die Sackgasse längst zu Ende ist, des Gelingens, wo längst alles verloren scheint. Vielleicht sind sie, mehr noch oder zumindest gleichwertig, mit den Stars dieser Ära, das Kraftzentrum dieses Theaterexperiments, das nie Revolution sein wollte und doch alles aus den Angeln hob.

Bild: Sascha Krieger

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„God only knows…“

René Pollesch: Dark Star, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Man will ja nicht, dass das zu Ende geht, und eigentlich ist ein Ende auch gar nicht vorgesehen in diesem 25 Jahre anhaltenden Experiment namens Frank Castorfs Volksbühne, in diesem Theater, das Anfang und Ende auf den Müllhaufen geworfen hat, vom Immer-Weiter lebt, den (Theater-)Raum aufgefächsert, erweitert, zersplittert hat und der linearen Zeit sein 1992 den Kampf ansagt. Da gibt es natürlich keinen Schlusspunkt, wie er Castorfs Faust-Abend sein sollte. Nein, nicht nur hat der Hausherr selbst noch eine Art Zugabe nachgelegt, sondern er lässt den wirklich letzten Auftritt dem langjährigen Mitstreiter René Pollesch, der mit Dark Star den dritten Teil seines „Volksbühnen-Diskurses“ vorlegt, der zunächst gar nicht kommen sollte, dann doch und nun sich nicht als Teil der Serie bekennt, die er, und das macht die einleitende Diskussion über die Serie, entnommen den ersten beiden Teilen, klar, genau dies ist. Und eben auch nicht. Das Lineare, das Serielle, das Erwartbare – sie hatten an diesem Haus nie etwas zu suchen. Apropos erwartbar. Das überraschendste an diesem allerletzten Premierenabend ist: Er hat so etwas wie eine Geschichte. Eine Geschichte! Bei Pollesch!

Bild: Sascha Krieger

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Puzzlespieler

Theatertreffen der Jugend 2017 – TWAILAIT, EchtEinstein – Theater AG der Albert-Einstein-Schule Groß-Bieberau

Von Sascha Krieger

Beginnen wir mal mit einem Schrei nach Mitleid: Als Theaterrezensent hat man es ja nicht immer leicht. Nicht nur muss man beim Schlussapplaus darauf achten, möchlicst neutral und objektiv zu erscheinen, man sollte sich auch während der Aufführung zurückhalten mit emotionalen Bekundungen jeglicher Art. Das ist schwer genug, doch gibt es dann immer wieder Abende, die den Kritiker an die Grenze seiner Belastbarkeit bringen. Das sind jene, in denen die schizophrene Ebene des Rezensentenwesens zum Tragen kommt, sich der Zuschauer und der Kritiker in besagtem Rezensentenwesen (dieses entschuldigt sich schon einmal für das grauenvolle Wortspiel) in herzlicher Feindseligkeit gegenüberstehen, ein Konflikt, der sich mitunter nur lösen lässt, in dem die eine Seite der anderen den Mund verbietet. TWAILAIT, eine Schultheaterproduktion aus dem hessischen Groß-Bieberau, ist so ein Fall, in dem kritischer Blick und Zuschauerreaktion nicht zusammenpassen. Und in dem – zumindest im Fall des hier Schreibenden – der innere Zuschauer dem nörgelnden Kritiker irgendwann sagt: Gib Ruhe! Und letzter, zähneknirschend einknickt. Aus diesem Grunde ist dies hier vielleicht auch keine Rezension und selbiges womöglich auch nicht wichtig. Und so folgt jetzt ein Satz, den dieser Rezensent so wohl noch nie in einer Besprechung geschrieben hat: Ich hatte Spaß!

Bild: Olaf Mönch

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Jenseits der Provokation

Nach Stanisław Wyspiański: Der Fluch, Teatr Powszechny, Warschau (Regie: Oliver Frljić) (Gastspiel am Maxim Gorki Theater, Berlin)

Von Sascha Krieger

Es passiert ja eher selten, dass Theateraufführungen außerhalb der Feuilleton-Nischen Schlagzeilen machen, Titelseiten belegen, zu hitzigen gesellschaftlichen Debatten herausfordern oder gar die Politik auf den Plan rufen. Wenn es in der europäischen Theaterwelt derzeit einen Regisseur gibt, der dazu in der Lage ist, ist es der Kroate Oliver Frljić. Und wenn Provokation und Herausforderung des gesellschaftlichen Konsens Kernelemente seiner Arbeit sind, dann ist Der Fluch so etwas wie sein Meisterstück. Denn der Sturm, den seine Warschauer Premiere im Februar dieses Jahres hervorrief, war mit Orkanstärke noch zu vorsichtig beschrieben. Die Rergierungspartei sah Polen beleidigt, die katholische Kirche sich selbst, der konservative Teil der Gesellschaft ging auf die Barrikaden. Zensuraufrufe machten die Runde, Priester hetzten von der Kanzel, Schauspieler*innen wurden geächtet, Proteste erschütterten das Theater, eine (weitere) Verschärfung der bereits jetzt äußerst nationalistisch ausgeprägten Kulturpolitik, eine Ausweitung der – ebenfalls bereits gängigen – Beschneidung von Meinungs- und Kunstfreiheit wurden gefordert.

Das Maxim Gorki Theater, Ort des Berliner Gastspiels (Foto: Sascha Krieger)

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Die Mechanik des Hasses

Theatertreffen der Jugend 2017 – Nach Rainer Werner Fassbinder: Katzelmacher, Balljugend-Club am Jungen Schauspiel Hannover *

Von Sascha Krieger

Dass es des „Fremden“ gar nicht bedarf, um es/ihn/sie zu hassen, ist keine ganz neue Erkenntnis. Dass etwa der so genannte „Fremdenhass“ nicht zuletzt dort blüht, wo es kaum Migrant*innen oder Menschen mit dem, was man als „Migrationshintergrund“ vereinfacht, gibt, ist ein Phänomen, dass in Deutschland bereits seit den frühen 1990er-Jahren diskutiert wird – oder eben auch nicht. Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher, 1968 uraufgeführt, ein Jahr später sein Durchbruch als Filmemacher, ist eine der frühesten künstlerischen Auseinandersetzungen mit der hässlichen Fratze eines Landes, das lange von sich behauptete, selbige hinter sich gelassen zu haben. Darin treffen gelangweilte Jugendliche in einer ungenannten Provinzstadt, an der Engstirnigkeit ihrer Welt verzwergt, auf einen dieser „Fremden“, einen, der ihnen als fleischgewordene Alternative Angst macht, ihnen die eigentliche Unzulänglichkeit vor Augen hält und zugleich als Auszuschließender der augenwischenden Selbstvergewisserung dient.

Bild: Silke Janssen

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Hitlergruß und Zeigefinger

Theatertreffen der Jugend 2017 – Nach Peter Weiß, „Die Ermittlung“: Das bin ich nicht, Theater-AG der 12. Klasse der Waldorfschule Freiburg-Rieselfeld

Von Sascha Krieger

Die stärkste Szene des Abends findet sich an seinem Anfang, noch während das Publikum seine Plätze sucht. Drei kleine Kinder und ein größeres Mädchen tollen über die Bühne, schaukeln ausgelassen oder spielen Verstecken, klein leichtes Unterfangen auf der fast leeren Bühne. Im Hintergrund spielt ein weiteres Mädchen sanft auf der Gitarre. Eine Idylle, vor allem aber ein echtes, unmittelbares Stück Leben, spontan, lustvoll, unbeschwert, alltäglich. Welch ein Kontrast zu dem, was folgen wird in diesen für eine Schultheateraufführung nahezu epischen fast zwei Stunden. Denn Das bin ich nicht basiert auf einem der wegweisendsten deutschsprachigen Theatertexte des vergangenen Jahrhunderts, Die Ermittlung von Peter Weiss. Damit setzte der Schriftsteller nicht nur das Dokumentartheater  auf the theatrale Landkarte, sondern zwang dem Theater eine politische Relevanz auf, die es zuvor vor allem versucht war zu vermeiden. Basierend auf dem ersten Auschwitz-Prozess von  1963 bis 1965 führt das Stück Zeugenberichte und Täterausflüchte zusammen, wuchtet die Shoah auf die Theaterbühne, stellt, erzwingt die Frage nach Schuld und Verantwortung. Starker Tobak für eine Schul-Theater-AG.

Bild: Elena Stenzel

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In die Fresse

Theatertreffen der Jugend 2017 – Nach Mutlu Ergün-Hamaz: Sesperado – Revolution of Color,  akademie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße, Berlin

Von Sascha Krieger

Wenn die akademie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße beim Theatertreffen der Jugend zu Gast sind, geht es offenbar nicht ohne Reibung. 2016 entspann sich ein handfester Skandal aus der Präsentation einer Aachener Schülergruppe bei der Festivaleröffnung, durch die sich die anwesenenden Vertreter des postmigrantischen Berliner Ensemblen rassistisch angegriffen fühlten – nicht zu unrecht. Wer darauf hoffte, dass die Anwesenheit der aktiv auf den grassierenden Alltagsrassismus in Deutschland hinweisenden Gruppe ein Jahr später ohne Zwischenfälle bleiben würde, sah sich am Ende des Schlussapplauses ihres Auftritts getäusch. Da erhob sich eine junge Zuschauer und behauptete, Tränen in den Augen, sich lange nicht mehr als Weiße so beleidigt gefühlt zu haben. Die Fassungslosigkeit ist den Gesichtern nicht nur der Spieler*innen, sondern auch großen Teilen des Publikums (von ein paar irregeleiteten Klatschern abgesehen) sprach Bände. Und – ebenso wie der meist begeisterte Applaus – von Hoffnung, dass der um sich zu greifen scheinende Reflex, jedes Einklagen von Minderheitenrechten als Angriff auf die vermeintliche Mehrheit missverstehen zu wollen, nicht unwidersprochen bleiben wird.

Bild: Ute Langkafel / Maifoto

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Acht Zahlen für ein Universum

Robert Wilson, Philip Glass: Einstein on the Beach, Oper Dortmund / Schauspiel Dortmund (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

„Es gibt nichts zu verstehen, aber viel zu erleben.“ Damit überschrieb Kay Voges seine bahnbrechende Inszenierung Die Borderline Prozession, die gerade erst beim Berliner Theatertreffen nicht nur aber vor allem begeisterte. Es ist ein Motto, das auch auf Einstein on the Beachin einer bejubelten Tournee passen würde, die legendäre Kollaboration der Großkünstler Robert Wilson und Philip Glass, die beide erst vor drei Jahren wiederbelebten. Ein minimalistisches Bilder- und Assoziationsgewitter, das keine Geschichte erzählt, keine Figuren kennt, keinen Sinn vorschreibt. Dass besagter Satz nun auch in den Übertiteln auftaucht, die vor dem Beginn von Kay Voges Inszenierung erscheinen – der ersten, an der weder Wilson noch Glass beteiligt waren – ist daher kein Zufall, zumal auch das Programmheft schwer bemüht ist, den Zuschauer vom Interpretieren abzuhalten. Bloß keinen Sinn suchen, schreit es ihm entgegen – und löst damit beim kritischen Beobachter erst einmal eine Reihe von Alarmglocken aus. Was will uns dieser Abend verbergen? Eine Leere und Oberflächlichkeit, die sich nur durch den künstlichen Gegensatz des „Erlebens statt Verstehens“ bemänteln lässt? Ein perfider Trick des Regisseurs also, den so mancher schon bei der Borderline Prozession vermutete?

Bild: Thomas Jauk, Stage Picture

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