Die Welt als Spiel

Albert Camus: Caligula, Berliner Ensemble (Regie: Antú Romero Nunes)

Von Sascha Krieger

Ja, hier ist jetzt einiges anders. Kein roter Teppich zur Eröffnung, aber einer in knalligem Gelb, passend zum neuen Outfit, welches sich das Berliner Ensemble, das „House that Brecht built“, wie man es im Amerika nennen würde, zum Beginn der neuen Ära gegeben hat. Knallig auch die massiven Buchstaben, mit denen man „Berliner Ensemble“ jetzt schreibt. Oliver Reese, Ex-Chefdramaturg am Gorki und am DT, die vergangenen Jahre Intendant in Frankfurt, ist kein Mann der lauten Töne – sein Theater ist durchaus gewillt, selbiges zu sein. Man will sich klar positionieren, aber auch hinterfragen, Gewissheiten untergraben. Das ist auch bei der Eröffnung so, beginnt beim gelben Teppich und endet noch nicht bei der Wahl des ersten inszenierten Stückes. Gegenwartstheater will man sein, den Fokus auf zeitgenössische Stoffe, lebende Autoren und natürlich auch auf Brecht legen. Also zeigt man in der ersten Premiere ein Stück von 1948 eines 1960 gestorbenen Autors, der nicht Brecht heißt. Ein Statement, na klar, und vielversprechend auch für die ironische Distanz, mit der man hier, so ist zu hoffen, dogmatischen Aussagen gegenübersteht – inklusive der eigenen.

Bild: Julian Röder

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Alles nur Show?

Nach Sinclair Lewis: It Can’t Happen Here, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

Hier kann das nicht passieren. Schriebe man eine Geschichte der größten politischen Katastrophen der Menschheitsgeschichte, könnte dieser Satz immer wieder auftauchen. Zu glauben, etwas Schreckliches, das woanders geschehen ist, könne sich dort, wo man sich gerade befindet, nicht wiederholen, ist was man im Englischen ein „recipe for disaster“ nennt, der sicherste Weg, genau dies auch hier geschehen zu lassen. Unter diesem Titel, It Can’t Happen Here, veröffentlichte Sinclair Lewis, Amerikas erster Literaturnobelpreisträger, bereits 1935, zwei Jahre nach Hitlers Machtübernahme in Deutschland, einen Roman, mit dem er der damals verbreiteten Überzeugung, in Amerika wäre so etwas nicht möglich, entgegentreten wollte. Darin strebt ein windiger Entertainer namen Buzz Windrip mit grellen populistischen Losungen, Rassismus, Sexismus und Hass gegenüber Minderheiten, Anti-Intellektualismus und Angriffen gegen vermeintliche Eliten und die Presse nach der Macht – und gewinnt sie! Man muss wohl nicht weiter ausholen, um zu verstehen, was Christopher Rüping dazu gebracht haben mag, diese heute kaum noch bekannte Werk gerade jetzt auf die Bühne zu bringen. Ein Showman, der sich als Anti-Politiker geriert und zum Tribun der „vergessenen kleinen Leute“ aufschwingt – klingt das nicht irgendwie bekannt?

Bild: Arno Declair

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„Wem gehört der Zeppelin?“

Frei nach Texten von Ödön von Horvath: Zeppelin, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Herbert Fritsch)

Von Sascha Krieger

„Wem gehört der Zeppelin?“, fragt Bastian Reiber einmal, mit unverstellter Stimme, ins Publikum hinein, ein kurzer Moment des Aus-der-Rolle-Fallens. Da ist der Abend schon weit fortgeschritten, jener erste, den Herbert Fritsch, der aus dem Paradies „seiner“ Volksbühne geworfene, an seiner neuen (Exil-)Heimat Schaubühne inszenieren wird. Es ist natürlich seiner, dieser Zeppelin oder besser sein Metallskelett, das vor blass himmelblauem Hintergrund da Bühnenbild dieses Auftakts bildet, der auch die erste Spielzeitpremiere ist – so wichtig ist Thomas Ostermeiers Haus dieser „Neuzugang“. Der Bildermaler des Absurden, der Großmeister des grellen Klamauks, der große sinnstiftende Sinnverweigerer – passt er eigentlich hierhin, mitten in den gesetzten Westen Berlins, den Ort des gepflegten Geschichtenerzählens, immer eine Spur glatter, ein wenig zurückhaltender, etwas stilsicherer als anderswo in dieser Stadt? Kann er diese in über 20 Jahren Ostermeier zuweilen doch etwas routiniert gewordene Spielstätte mit neuem, subversiven Leben füllen oder wird der Kompromisslose hier weniger wild, milder, subtiler werden. Eine Frage, die dieser Abend noch nicht endgültig beantworten kann. Wenn die Nadel jedoch zumindest leicht in eine Richtung ausschlägt, dann wäre es letztere.

Bild: Thomas Aurin

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Darf’s ein bisschen mehr sein?

Im Rahmen des Musikfest Berlin 2017 gibt Vladimir Jurowski sein Antrittskonzert beim Rundfunk-Sinfonieorchester Belrin

Von Sascha Krieger

Welch schöne Dramaturgie: Am Vorabend stand hier Marek Janowski am Pult und dirigierte die Berliner Philharmoniker. 15 Jahre lang stand er dem Rundgunk-Sinfonieorchester Berlin vor, das er zu einem Ausnahmeklangkörper weiter entwickelt, der es in analytischer Schärfe und Detailgenauigkeit mit so ziemlich jedem Klangkörper der Welt aufnehmen kann. Janowski war und ist ein Meister der leisen Töne, der Zwischenräume, der ernsthaften Erkundung von Klang und musikalischer Substanz. Nun steht hier ein anderer: Vladimir Jurowski heißt er, gehört zu den gefragteren Dirigenten weltweit und gibt sein Antrittskonzert als Chefdirigent des RSB. Eine natürlich immer programmatische Affäre, die der geborene Moskauer auch als solche begreift. So reicht das Spektrum dieses Debüts weit: von der Wiener Klassik über die Zweite Wiener Schule bis in die Gegenwart. Er verbeugt sich in Richtung Kernrepertoire (Beethoven, auch die deutsche Spätromantik wird gestreift – dazu später mehr), widmet sich großen Namen von Moderne und Gegenwart (Schönberg, Nono) und wagt Ungewöhnlicheres in Form des südkoreanischen Komponisten Isang Yun, schließlich gilt Jurowski als experimentierfreudig. Ein wohl durchdachtes Programm, keine Frage.

Vladimir Jurowski (Bild: Roman Gontcharov)

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Durch Raum und Zeit

Boris Charmatz / Musée de la danse: A Dancer’s Day / 10000 Gesten, Volksbühne Berlin (Flughafen Tempelhof, Hangar 5) (Regie/Choreografie: Boris Charmatz)

Von Sascha Krieger

Die beste Nachricht zuerst: Es geht endlich los. Nach zwei Jahren der Diskussionen, Anschuldigungen, Vorwürfe bis hin zur Hetze, der offenen Briefe und Petitionen, der Wahlkampfreden und Ausschussanhörungen, ist sie angebrochen, die Ära Chris Dercon an der Volksbühne. Und das heißt: Es darf endlich um Kunst gehen, es wird gespielt und ja, zunächst viel getanzt, statt nur noch darüber zu reden, ob diese Kunst überhaupt gemacht werden darf. Natürlich ist diese Ebene der – meist verweigerten – Diskussion nach wie vor präsent, aber die zweite, die des konkreten künstlerischen Schaffens, dem begegnet und das natürlich auch kritisiert werden kann, ist endlich vorhanden. Viel spricht Boris Charmatz, französischer Choreograph und die vielleicht wichtigste Künstlerpersönlichkeit im Team Dercon bei dieser – nach dem großen einmaligen Eröffnungsfest Fous de danse – ersten Produktion der neuen Intendanz, von der Volksbühne, wagt es immer wieder, dieses Wort für sich und die „neue Zeit“ zu reklamieren. Und natürlich klingt das in vielen Ohren – auch in denen des Rezensenten – noch immer seltsam. Dieses Team muss diesen Begriff erst noch für sich gewinnen – und herausfinden, wer das Volk, dem diese Bühne gehören soll, sein könnte.

10000 Gesten (Bild: Ursula Kaufmann)

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Jenseits von Zarah Leander

Yael Ronen & Ensemble: Roma Armee, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Wer nach einem langen und schönen Urlaub nach Hause kommt, freut sich meistens über wenig. Aber wenn es dann schon sein muss, dann will man wenigstens das wohlige Gefühl des Zuhauseseins empfinden, sich im Schoße des Gewohnten und Geliebten geborgen fühlen. Es ist ein Verlangen, das auch der regelmäßige Theaterbesucher kennt, wenn die für ihn zu langen, für so manchen Theatermitarbeiter sicherlich viel zu kurzen Theaterferien enden. Da will man zu den zurückkehren, das man mag und in dem man sich wieder zurechtfinden, sich seiner eigenen Position versichern kann. Langjährige Stammgäste der Berliner Volksbühne haben diese Sicherheit in diesem Jahr nicht, was womöglich einen (kleinen) Teil der derzeit zu beobachtenden – und von Tag zu Tag erschreckenderen – Reaktionen auf den dortigen Intendanzwechsel erklären mag. Für die Gemeinde, die das Maxim Gorki Theater in den letzten Jahren aufgebaut hat, gilt das nicht. Sie können weiterhin sicher sein, dass die ein sicherer aber auch ungeheuer auf- und anregender Ort für Identitätssuchen und das Verhandeln so genannter Minderheitenidentitäten sein wird.

Bild: Esra Rotthoff

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Der Klangraum-Erkunder

Musikfest Berlin 2017 – Marek Janowski dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Pfitzner und Bruckner

Von Sascha Krieger

Es ist alles so gewohnt und doch irgendwie neu. Der Blick auf den Resthaar-umkränzten Hinterkopf, die knapp bemessenen Gesten, die Strenge, die diese Figur ausstrahlt. Hunderte Male war sie hier zu sehen, doch die, die vor ihr saßen, waren andere. 15 Jahre lang war Marek Janowski Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin und häufig in der Philharmonie zu Gast. Gleichzeitig war er in den letzten Jahren der einzige der Chefdirigenten der anderen Spitzenorchester der Stadt, der nie die Berliner Philharmoniker dirigierte. Zwanzig Jahre war es her seit seinem letzten Dirigat, als er vor ein paar Monaten für einen erkrankten Kollegen einsprang. Die Auszeit war eine gewollte, genauso wie die Entscheidung des Opernspezialisten, keine inszenierten Opern mehr zu dirigieren. Jetzt, da er seine Amtszeit in Berlin beendet hat, steht er wieder im Orchestergraben – und am Pult der Philharmoniker. Drei Konzerte dirigiert er, am Tag nach dem dritten leitet sein Nachfolger sein Antrittskonzert beim RSB. An gleicher Stelle. Als hätte Janowski es so geplant.

Marek Janowski (Bild: Felix Broede)

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Musik ohne Nebenwirkungen

Musikfest Berlin 2017 – Riccardo Chailly, Leonidas Kavakos und Filarmonica della Scala mit Werken von Brahms und Verdi

Von Sascha Krieger

Es soll ja Musikliebhaber geben, die wollen in ein Konzert gehen, sich zurücklehnen, den Kopf ausschalten und sich von der Musik entspannen lassen. Die suchen Schönheit, die nicht anstrengt, nichts von ihnen fordert, die einfach nur da ist. Die sie finden, etwa bei „Klassik-Sendern“ im Radio, Liebhaberkonzerten, unambitionierten Einspielungen, die Werke zugänglich machen, ohne sie groß interpretieren zu wollen, „Klassik-Hits“-Sammlungen. Da mag der selbst ernannte Musikkenner noch so sehr die Nase rümpfen: Auch für solche „Klassik light“ gibt es nicht nur einen Markt, sie kann sogar dazu beitragen, Menschen, die sich bislang nicht mit großen Teilen der Musiktradition befasst haben, den Zugang zu ermöglichen. Nun stehen Musiker wie der vielfach ausgezeichnete Geiger Leonidas Kavakos , Top-Dirigenten wie Riccardo Chailly oder Spitzenorchester wie das der Mailänder Scala nicht im Verdacht, Fahrstuhl-Klassik zu produzieren. Aber auch sie stehen in einem Wettbewerb um die Zuschauergunst, insbesondere auf Gastspielreisen, wo es gilt, neue Zuhörer*innen zu gewinnen. Tour-Programme sind daher oft um Populäres herum gebaut, vielfach geprobt und damit oft glatter, perfekter, abgeschliffener als Konzert-„Heimspiele“.

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Leonidas Kavakos, Riccardo Chailly und die Filarmonica della Scala beim Musikfest Berlin 2017 (Bild: Kai Bienert)

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Der Geist aus der Holzkiste

Iván Fischer und das Konzerthausorchester Berlin mit Mahlers fünfter Symphonie beim Musikfest Berlin 2017

Von Sascha Krieger

Gäbe es einen Preis für den ungewöhnlichsten Konzertbeginn, das Gastspiel des Konzerthausorchesters Berlin im Rahmen des Musikfests Berlin hätte gute Chancen, ihn zu gewinnen. Das Orchester ist vollständig versammelt, auch Chefdirigent Iván Fischer ist da und setzt sich neben sein Pult. Davor steht ein Flügel und vor diesem ein hölzerner Kasten. Es ist ein Welte-Mignon-Apparat, ein um die vorletzte Jahrhundertwende entwickelter Vorläufer moderner Tonaufnahmetechnologien. Bevor sich Töne wirklich aufnehmen und abspielen ließen, entwickelte die Freiburger Firma Welte & Söhne ein Verfahren, mit dem es möglich war, das Klavierspiel inklusive Anschlagstechnik, Dynamik und Tempo nach dem Lochkartenprinzip aufzuzeichnen und mit Hilfe besagten Apparats auf einem echten Klavier wieder abzuspielen. Zu denen, die im Leipziger Aufnahmestudio derartige Aufnahmen einspielten, gehörte Gustav Mahler. An einem Novembertag des Jahres 1905 spielte er unter anderem den Kopfsatz seiner 5. Symphonie auf dem Klavier ein. Diese Aufnahme ist nun in der Philharmonie zu hören, bevor sich Fischer und sein Orchester dem Werk widmen.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

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Träumen und fragen

Die Berliner Philharmoniker mit Susanna Mälkki und Gil Shaham sowie Werken von Busoni, Bartók und Sibelius

Von Sascha Krieger

Das Musikfest Berlin ist ja nicht gerade bekannt dafür, Programme zusammenzustellen, die dem Publikumsgeschmack schmeicheln. Auch wenn die Ausgabe 2017 mit Schwerpunkten auf Komponisten wie Monteverdi oder Bruckner nicht zu den sperrigeren gehört, ist ein wenig Walzerseligkeit nach gut einer Woche Festival willkommen. Doch Vorsicht: Nicht nur hat Ferruccio Busonis Tanz-Walzer op. 53 so manchen doppelten Beden, Dirigentin Susanna Mälkki treibt dem Werk auch schnell jeden Rest von Johann-Strauss-Nostalgie aus. Mälkki öffnet zunächst den Klangraum weit, lässt höchste Transparenz walten, die Klangfarben funkeln, gibt den Soloinstrumenten, vor allem den Holzbläsern viel Platz zur Entfaltung, um allsbald die unterschiedlichen Charaktere der vier Walzer mit maximaler Deutlichkeit auszustellen. Leichtfüßig hüpfendem Schwung steht rhythmische Schärfe entgegen, samtigem Streicherfluss, explosive Energieschübe. Die Helligkeit weiß stets um das Dunkle, die freudige Oberfläche verbirgt nicht den gähnenden Abgrund. Immer wieder konzentriert Mälkki das Orchesterspiel, pumpt es mit Energie voll, macht die Berliner Philharmoniker zu einem Tiger, der zu spielen scheint, aber stets auf dem Sprung ist. Hellwach, höchst lebendig, energisch und lebensfroh, ohne einen Tick, Angst, der Spaß könnte bald vorbei sein, interpretiert die Finnin den Italiener. Und setzt damit den Ton für diesen Konzertabend.

Susanna Mälkki dirigiert die Berliner Philharmoniker beim Musikfest Berlin 2017 (Bild: Monika Rittershaus)

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