Dienst nach Vorschrift

Musikfest Berlin 2022 – Franz Welser-Möst dirigiert The Cleveland Orchestra mit Werken von Rihm und Schubert

Von Sascha Krieger

Welch ein Kontrast: Wo Klaus Mäkelä beim Eröffmnugskonzert am Schluss wie ein Leistungssportler schwitzte, wo Yannick Nézét-Séguin vor zwei Tagen enthusiastisch zu seinen Solist*innen lief, um ihnen zu danken, hat Franz Welser-Möst nicht mehr zu bieten als einen großzügigen Fingerzeig, wo beim Ganzspiel des Philadephia Orchestra insgesamt drei Zugaben zu hören waren, gönnen die Kolleg*innen aus Cleveland der zugegeben recht spärlich besetzten Philharmonie keine einzige. Das passt zu diesem Abend, an dem die Zaubertruhe musikalischer Magie, welche die beiden anderen Maestri zumindest zu öffnen versuchten, geschlossen. Diesen Gastspiel klingt nach Dienst nach Vorschrift, nach technisch sauberem Handwerk ohne Risiko, aber eben auch ohne Glanz, ohne Offenbarung, ohne Neugier.

Franz Welser-Möst dirigiert The Cleveland Orchestra in der Philharmonie Berlin (Bild: Roger Mastroianni / The Cleveland Orchestra)

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Die wiedergewonnene Stimme

Musikfest Berlin 2022 – Yannick Nézét-Séguin dirigiert das Philadelphia Orchestra mit Lisa Batiashvili

Von Sascha Krieger

Fast könnte die*der nicht ganz so aufmerksame Zuhörende meinen, er lausche Klängen Antonín Dvořáks, so sehr erinnert die Mischung aus amerikanischer Liedsprache und hochromantischer Symphonik dem Werk des Tschechen aus seiner US-amerikanischen Schaffensphase. Doch nein, was hier zu hören ist, ist nicht die nicht unproblematische Aneignung und Übersetzung teilweise nicht-weißer Musikkultur durch den berühmten Komponisten, sondern eher ein „Reclaiming“ dieser musikalischen Welten durch eine Schwarze Frau, die lange vergessene Komponistin Florence Price, deren erste Symphonie das Philadelphia Orchestra zu seinem Gastspiel in Berlin mitgebracht hat. Dessen Chefdirigent Yannick Nézét-Séguin bemüht sich seit Jahren um die wiederentdeckung des Werks der 1953 im Alter von 66 Jahren Verstorbenen. Kein Wunder, dass auch die erste Zugabe von ihr stammt, das sanft schmachtende Adoration, mit dem die Streicher ihren typischen warmen, angedunkelten, schlanken Klang ausstellen dürfen.

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Yannick Nézét-Séguin und Lisa Batiashvili mit dem Philadelphia Orchestra in der Berliner Philharmonie (Bild: Todd Rosenberg Photography / Philadelphia Orchestra)

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Volle Kraft voraus

Musikfest Berlin 2022 – Klaus Mäkelä und das Royal Concertgebouw Orchestra eröffnen das Musikfest Berlin

Von Sascha Krieger

Am Ende erinnert Klaus Mäkelä eher an einen Hochleistungssportler (der er in seinem Alter durchaus sein könnte): Die Haare schweißgetränkt, die Anstrengung in sein Gesicht gemeißelt, muss der Finne erst einmal kräftig durchatmen, bevor er sich dem stürmischen Applaus stellen kann. Der 26-Jährige ist ein Phänomen: Chefdirigent zweier renommierter Orchester (der Osloer Philharmonie und dem Orchestre de Paris) ist er neuer „Künstlerischer Partner“ und designierter zukünftiger Chef eines Klangkörpers, den manche nach wie vor für den besten der Welt halten: das Royal Concertgebouw Orchestra in Amsterdam. Eine Karriere, die ihresgleichen sucht, zumal der jugendlich wirkende Maestro zunächst eine Laufbahn als Cellist im Auge hatte. Als Dirigent gilt er als Naturtalent, die Statements, mit denen die Amsterdamer die Zusammenarbeit bekannt gaben, flossen nur so über vor Begeisterung. Sofort habe es gepasst mit ihm, jubeln sie, und ja, die Chemie ist auch beim Berliner Gastspiel zu spüren. Und auch der Jochleistungssport-Vergleich passt, denn was Orchester und Dirigent in diesen zweieinhalb Stunden leisten, hat olympisches Nivea. Da ist kein Zurücknehmen, da ist jede Sekunde erfüllt von hundertprozentigem Einsatz, von enthusiastischer Hingabe, von vollständiger Verausgabung.

Eröffnungskonzert Musikfest Berlin 2022

Klaus Mäkelä dirigiert das Royal Concertgebouw Orchestra beim Musikfest Berlin 2022 (Bild: Fabian Schellhorn / Berliner Festspiele)

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Leere Rituale

Philip Glass und Robert Wilson: Einstein on the Beach, Theater Basel / Wiener Festwochen / Berliner Festspiele (Regie: Susanne Kennedy / Konzept: Susanne Kennedy, Markus Selg)

Von Sascha Krieger

Es gibt Theaterabende – oder sollte es -ereignisse heißen? – die ergeben auf dem Papier nicht nur Sinn, sondern stellen gar die Frage, wie es nicht zu einer solchen Verbindung kommen sollte. Einstein on the Beach, das Zeit und Raum relativierende, jegliche Gewissheiten theatraler Erzählung in die Schwerelosigkeit des rauschhaften Stillstands auflösende Jahrhundertwerk der Jahrhundertkünstler Philip Glass und Robert Wilson in den Händen des das Theater auf seinen rituellen Kern reduzierenden, die Grenze zwischen darstellender und bildender Kunst verflüssigenden Künstler*innen-Duos Susanne Kennedy und Markus Selg ist eine solche Konstellation. Fügt man dann noch einen musikalischen Leiter wie André de Ridder hinzu, scheint die Frage, was da noch schief gehen sollte, wie sich da kein Augen, Ohren und Sinne öffnender künstlerischer Sog, der die Zuschauenden am Ende verändert, ja transformiert zurücklässt, entwickeln könnte, geradezu obsolet. Die Antwort nach dreieinhalb unendlich langen Stunden lautet jedoch leider: Alles. (Fast) alles kann schiefgehen und tut es auch.

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Bild: Eike Walkenhorst

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Das Taxi kommt nicht

Theatertreffen 2022 – Toshiki Okada: Doughnuts, Thalia Theater, Hamburg (Regie: Toshiki Okada)

Von Sascha Krieger

Nein, das Taxi wird nicht kommen. In Toshiki Okadas Doughnuts hat es den abwesenden Heilsbringer Godot ersetzt, wie anstelle von Tramps nun fünf Business-Typen warten auf das nie Eintreffende. Hier verdorrt nicht einmal mehr ein Baum, hier ist die Außenwelt im kalten komfort einer Hotellobby im 21. oder 22. Stock kaum mehr denkbar. Ein Ort im Nirgendwo, nicht auf dem Boden der Tatsachen, das Außen verschwindend wie als Referenz an eine andere Beckettsche Endzeitvision, Fin de partie. Ein Nebel, so hören wir, immer dichter werdend und letztlich alles verschluckend, hat die Illusion der Realität aufgesogen. Doch wo der Blick nach draußen zumindest versucht werden könnte, starren die Spielenden auf Dominic Hubers Bühne auf einen weißen Vorhang, bleibt der Blick hier drinnen, im Wartebereich, wagt sich selbst er nicht weg von hier, ganz zu schweigen die Wartenden.

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Bild: Fabian Hammerl

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„mein schön deutsch sprach“

Theatertreffen 2022 – Nach Ernst Jandl: humanistää! eine abschaffung der sparten, Volkstheater Wien (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

Bevor das erste Wort gesprochen wird, ist, wenn nicht alles, so doch vieles bereits gesagt. In einem kleinen kalten wartezimmerartigen Raum inmitten einer grauen Wand ergeht sich ein Paar in einem Abendessen-Crescendo. Angetrieben von langsam anschwellender, rhythmusdurchpulster minimalistischer Musikbegleitung aus dem kleinen Orchestergraben steigert sich das Ballett des Brotschmierens und Anstoßens in immer groteskere Überzeichnungen, in zunehmend bizarrere ekstatische Bewegungsorgien bis zur totalen Eskalation und vollständigen Erschöpfung. Gespielt von wechselnden Darsteller*innen zeichnet die mehrminütige Sequenz die körpersprachliche Miniatur einer Beziehung am Abgrund, die as dem Ruder läuft, bis jede Fiktion eines alltäglichen Miteinanders vollständig ad absurdum geführt ist.  Ein atemlos absurdes Körpertheater, das kein Auge trocken und keine Eskalationsstufe ungesagt lässt.

Bild: Nikolaus Ostermann/Volkstheater

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„Everything I touch turns into shit“

Theatertreffen 2022 – Yael Ronen, Shlomi Shaban, Riah Knight und Itai Reicher: Slippery Slope. Almost a Musical, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Woher kommt es, dieses Unbehagen, das den Rezensenten während dieser 100 Minuten befällt und auch danach nur noch stärker zu werden scheint? Das ihn ungläubig auf die jubelnden Zuschauenden beim Schlussapplaus blicken lässt und mit wachsendem Erstaunen auf die fast durchgängig ebenso positiven Rezensionen? Hat die lange theaterfreie Coronazeit doch ihre Spuren hinterlassen oder ist da wirklich etwas faul an diesem Abend, der ja, so die Theatertreffen-Jury, zu den bemerkenswertesten der letzten zwölf Monate gehören soll? In der Nachtkritik.de-Rezension nannte Georg Kasch das Stück ein „Debatten-Musical“. Um Debatten, brisante gesellschaftliche, geht es in der Tat, aber auf eine Art, dass der Abend eher zum Debatten-Verhinderungs-Musical mutiert. Oder schlimmer noch: zum theatran Gegenstück des perfidesten aller Diskursblockierungsoutinen: der falschen Äquivalenz.

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Bild: Esra Rotthoff

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Die Liebe erzählen

Theatertreffen 2022 – Frei nach Dante Alighieri, Meat Loaf und Britney Spears: Das neue Leben. where do we go from here, Schauspielhaus Bochum (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

Eine gute Nachricht. So heißt das Lied von Danger Dan, mit de der Abend endet. Nach und nach bewegen sich die fünf Spielenden an die Rampe, stimmen ein oder lächelskeptisch hoffnungsvoll ins Publikum. Alles wir enden, erzählt das Lied, doch die gute Nachricht sei: „Heute nicht. Es bleibt noch Zeit für dich und mich.“ Für die Liebe. Oder ihren Versuch, Oder den Traum von ihr. „Ich will nicht, dass es echt wird“, sagt Damian Rebgetz einmal, „Ich will, dass es vollkommen bleibt.“ Man muss nicht, wie dieser Rezensent, eine längere Corona-bedingte Theaterpause eingelegt haben, um die Zeit, aus der wir vielleicht gerade herauszufinden versuchen, stets mitzudenken in diesen gut zwei Stunden. Theater als Neuanfang, als neues Leben, als Wiederfunden und doch nicht recht greifen Können der Liebe. Zu Menschen, zum Leben, zu Welt, zu sich selbst.

Das neue Leben. Where do we go from here

Bild: Joerg Brueggemann / Ostkreuz

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Schreiben, spielen, lesen

Édouard Louis: Qui a tué mon père (Wer hat meinen Vater umgebracht), Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Am Ende, da geht der Schlussapplaus schon in die vierte oder fünfte Runde, kämpft er dann doch sichtbar mit den Tränen. Ein ganz „normaler“ Theaterabend ist das eben nicht, wenn ein Autor seinen eigenen Text, sein eigenes Leben sich selbst spielt. Édouard Louis ist so etwas wie der neue Superstar einer soziologisch-literarischen Mischform, einer autobiographischen Literatur, die sich als gesellschaftliches Analyseinstrument ebenso versteht wie als politische Waffe und die ihren Antrieb ganz aus der eigenen Erfahrung, die stets auch die Erfahrung einer ganzen vergessenen Schicht sein will, zieht. Der schwule Arbeiterschichtjunge, der seinem queerfeindlichen Umfeld entkommen ist und doch immer wieder zurück muss – zunächst zu seinen Traumata, später zu jenen seiner Eltern. Darum geht es in Qui a tué mon père, nach En finir avec Eddy Bellegueuil der dem Vater gewidmete zweite Teil seiner Familientrilogie (ein Buch über die Mutter erscheint im November). Es ist eine Annäherung an den Gegner, den vermeintlich Verhassten, das Angstobjekt, rassistisch, queerfeindlich, empathielos. Wenn Louis nun hier an der Schaubühne zu jener aussage gelangt, er hätte seinen Vater immer geliebt, ist die Verwunderung, das fast kindliche Erstaunen noch immer spür- und sichtbar, Spiel, performance, ja, aber durchlässig, hin zu dem, der diese Auseinandersetzung gewagt hat.

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Bild: Jean-Louis Fernandez

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Musik für diese Welt

Musikfest Berlin 2021 – Sir Eliot Gardiner, English Baroque Soloists und Monteverdi Choir mit Kantaten von Bach und Händel

Von Sascha Krieger

Nein, keine Zugabe. Ganz am Schluss, da steht das Publikum im alles andere als vollen großen Saal der Philharmonie bereits, wird es noch einmal ganz still. John Eliot Gardner hebt die taktstocklose Hand und erneut ertönt das ergreifend schlichte, andersweltlich und doch ganz hiesig schwebende „De torrente in via bibet“, der vorletzte Satz von Georg Friedrich Händels Kantate Dixit Dominus, geschrieben vom gerade einmal 21-Jährigen während seiner Italienreise. Ein mediativer Hoffnungsgesang, schlicht, still, von fragiler Kraft. Orchester und sitzender Chor geben dem Gesang eine unsichere Hand, fast brüchig, trocken die Streicher. Ein Gebet, ein wiederholtes, am Abgrund. Es ist das perfekte Ende eines großen Abends – das muss kaum dazugesagt werden bei einem Auftritt des Briten mit den von ihm gegründeten Ensembles, die seit jeher den Olymp der historisch informierten Aufführungspraxis bilden. Der manche bis heute eine gewisse akademisch museale Kälte vorwerfen. Eine Behauptung, die jede*r zurückweisen wird, die*der jemals das große Glück hatte, einer solchen Aufführung beiwohnen zu dürfen.

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Sir John Eliot Gardiner (Bild: Sim Canetty-Clarke)

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