Schreien statt Flüstern

Duncan Macmillan: Menschen, Orte und Dinge, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Bernadette Sonnenbichler)

Von Sascha Krieger

Im Februar waren Drogenwochen am Berliner Ensemble. Gleicht zwei Premieren befassten sich mit der Sucht und ihren Auswirkungen. Den Anfang machte Menschen, Orte und Dinge, Duncan Macmillans Stück über eine Schauspielerin, die recht widerwillig in einer Drogentherapie landet, nachdem sie aufgrund multipler Blackouts ihren Job verlor. Das stück folgt ihr durch zwei Therapieversuche. Der erste scheitert, weil sie nicht bereit ist, sich mit ihrem Problem auseinanderzusetzen und stattdessen die Welt verantwortlich macht. Der zweite, den Macmillan als Spiegelung seines Vorgängers anlegt, ist erfolgversprechender, das Ende zwar offen, aber nicht hoffnungslos. Menschen, Orte und Dinge ist, was man im englischsprachigen Theater ein „well-made play“ nennt: sorgfältig konstruiert, mit einer klaren, nie ihr Ziel aus dem Auge verlierenden Dramaturgie, mit Anfang, Mitte und Ende, unterhaltsam, spannend, den Zuschauer bei der Stange haltend. Da wirkt manches für den postdramatisch geschulten deutschen Rezipienten klischeehaft und plakativ: die Diskussionen über die richtige Therapie, die Auseinandersetzungen über den Wer der Wahrheit, die Selbtsverleugnung der Protagonistin, die stereotypisch angelegten Figuren, die finale Konfrontation mit den Eltern. Macmillan weiß das und streut immer wieder Zwischentöne ein, ironische Pathosbremsen etwa, die unerwartete Komplexität des Vaters, komische Zwischenspiele.

Bild: Matthias Horn

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Fünf Figuren suchen (k)einen Ausweg

Dead Centre nach „Der Sturm“ von William Shakespeare: Shakespeare’s Last Play, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Ben Kidd, Bush Moukarzel)

Von Sascha Krieger

„All the world’s a stage“? Ist es nicht eher andersherum? Versuchen wir es doch mal so: Klappen wir die halbrunde Spielfläche in angenehmem Blau einmal hoch und schauen, was sich darunter verbirgt: Aha, eine Insel! Zwei Berge hat sie nicht, aber zwei Felsbrocken die vor dem Sandstrand im Wasser liegen. „I’m nearly finished“, hat die leicht traurig klingende Stimme aus dem Off gerade gesagt. Wir befinden uns in den letzten Zügen eines Autors. Einmal noch muss er Geschichten erfinden, Figuren, einen Anfang und ein Ende. Warum? Weil er nicht anders kann? Also probiert er es mit besagter Insel. Wie wäre es mit einem Schiffsunglück? Gute Idee, meint die Stimme. Ein schiffsbrüchiger Prinz, der auf ein auf der Insel lebendes Mädchen trifft? Ja, das könnte klappen. In ihrer ersten Schaubühnen-Arbeit schreibt die irische Theatergruppe Dead Centre die Entstehung von William Shakespeares letztem Stück The Tempest (Der Sturm) nach. Erstmal eine Liebesgeschichte. Bessere habe er geschrieben, so der müde Autor im Off, aber die Liebe habe sich ja auch nicht verbessert. Das reicht nicht. Also wie wäre es mit einem Mord? Sex? Tod? Probieren wir aus.

Bild: Marco Bresadola

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Bilder von Ihm

Das 1. Evangelium. Frei nach dem Matthäus-Evangelium, Schauspiel Stuttgart (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

Der sterbende Erlöser am Kreuz, die Mutter mit dem Kind, der beweinte Leichnam, das Abendmahl: Die Ikonografie des christlich geprägten Teils unserer Welt ist ohne Bilder Jesu nicht zu denken. Das Leiden des Gottessohnes ist die (reichlich späte) Urschrift unseres, nun ja, Kulturraums, die Idee einer über die Generationen hinweggetragenen kollektiven Schuld keine neue, die Idee des Lebens als Leidensweg auch nicht. Kaum ein Narrativ der so genannten westlichen Welt (auch in Teilen der „östlichen“ ist das kaum anders) ist ganz ohne Jesus zu lesen, schon gar nicht in der „hohen“ wie der „populären“ Kultur. Ob Heldengeschichten, Kämpfe zwischen gut und Böse, Narrative individueller Bewusstwerdung, Selbtopferungen, persönliiche Erlösungsgeschichten, aber auch solche von gesellschaftlicher Erneuerung, von Revolution und ihrer Zurückschlagung, vom Status Quo und dessen Hereuaforderung: Ob bewusst oder nicht – die vier Evangelien stehen stets zumindest als Urquellen Pate. Dass Kay Voges irgendwann bei diesem Urnarrativ des „Abendlandes“ landen würde, war zu erwarten. Der Dortmunder ist ein Theatermacher, der sich intensiv damit, welche Bilder uns prägen, welche uns zu dem machen, was wir zu sein meinen, wie diese Bilder entstehen und warum, wer sie macht und wozu er sie einsetzt und welche Bilder wir nicht sehen, weil andere sie überlagern und verdrängen.

Bild: JU

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Steinewerfer im Glashaus

FIND #18 – Simon Stone nach Motiven von Henrik Ibsen: Ibsen Huis, Toneelgroep Amsterdam (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Schon wieder ein Ferienhaus, ein gläsernes noch dazu. Modernistisch, architektonisch wertvoll. Wer Simon Stones Überschreibung der Drei Schwestern gesehen hat, fühlt sich gleich ein wenig zuhause. Und weiß was kommt: Geheimnisse, die aufgedeckt, Leichen die aus dem gläsernen Keller geholt, Selbstbetrüge, die entlarvt werden. Im Glashaus werden Steine geworfen, große Brocken, tödliche. Ein Haus steht im Mittelpunkt von Tschechows Stück und Häuser sind meist auch Dreh-, Angel- und Schicksalspunkte in den Dramen Henrik Ibsens. Derer sich Stone diesmal als Ganzes annimmt, als Kosmos der Erforschung und Sezierung der elementarsten und gestörtesten gesellschaftlichen Einheit überhaupt: der Familie. Und was für eine Familie sich Stone aus Ibsens Universum zusammengesammelt hat: Da ist der Patriarch, Cees Kerkman, gefeierter Architekt, Wiedergänger von Ibsens Solness, Bruder im Ungeiste seiner anderen Alpha-Männer, der Borkmans und Brands. Hans Kesting spielt ihn als fast karikaturhaften Tyrannen, der charmant sein kann, kalt berechnend und cholerisch, der umschalten kann im Bruchteil einer Sekunde, ein vollständig selbstbezogenes Familienmonster mit einem dunklen Geheimnis. Einem? Ach was? So billig kommen wir bei Stone nicht davon.

Bild: Jan Versweyveld

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Der Duft der Erinnerung

FIND #18 – Amir Nazir Zuabi nach einer Idee Corinne Jaber: Oh My Sweet Land, Youn Vic, London / Théâtre de Vidy, Lausanne (Regie: Amir Nazir Zuabi)

Von Sascha Krieger

Das Theater ist, das ist jetzt keine Neuigkeit, eine Kunstform der Präsenz. Publikum und Darsteller*innen befinden sich zur gleichen Zeit im gleichen Raum, die Kopräsenz von Darstellung und Rezeption macht es nicht nur einzigartig, sie ermöglicht auch die Ansprache aller menschlichen Sinne. Eine Möglichkeit, die eher selten wahrgenommen wird. Amir Nazir Zuabi und Corinne Jaber wollen sie nutzen. Auch wenn Geschmacks- und Tastsinn erneut außen vorbleiben, tritt in Oh My Sweet Land zumindest die olfaktorische Ebene hinzu. Und übernimmt gleich eine Hauptrolle. Es ist der Duft der karamelisierten Zwiebeln, der die Erinnerung hervorruft, eine Heimat aufruft, die verloren scheint und doch als zentraler Bestandteil der eigenen Individualität festzuhalten ist, zu suchen, in dem, was von ihr übrig ist. Zum Beispiel Kibbeh, ein zwiebelreiches syrisches Gericht, das die namenlose Figur, die Jaber spielt und mit der sie ihre deutsch-syrische Herkunft teilt, fast obsessiv immer und immer wieder zubereitet. Um „das Loch in ihrer Seele zu schließen“, wie sie am Anfang sagt. Wenn der süßlich scharfe Duft durch den Raum weht, kommt mit ihm die Heimat, ersteht vor dem Zuschauer das verlorene Land, wächst in ihr die Erinnerung.

Bild: Maria Del Curto

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Ruinen auf der Baustelle

Dieudonné Niangouna: Phantom, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Dieudonné Niangouna)

Von Sascha Krieger

Gespenstisch wabert der Nebel über die Rückwand der Bühne im Kleinen Haus des Berliner Ensembles. Als er sich verzieht, ist es auch nicht besser: Ein kahler Winterwald in fahlem Schwarz-Weiß verheißt auch nicht sehr viel mehr Leben. Zumal die Welt davor irgendwo im Dazwischen verharrt. Eklektische Holzkonstruktionen mit angedeuteten Treppen und von der Decke hängenden Quadern verorten sie irgendwo zwischen Baustelle, Provisorium und Ruine. Eine Noch-Nicht, das gleichzeitig ein Nicht-Mehr ist. Es ist das „Heim“ der Familie Zoller. Ein herrschaftliches Haus, vielleicht gar ein Schloss im Schwarzwald. Ein Geisterhaus, versteht sich. Die Familie eingemauert in sich selbst: Tante Martha, die Patriarhcin (Josefin Platt), eine verknöcherte Tyrannin, die auf jede Andeutung einer Veränderung mit aggressiver Gewalt reagiert. Die Schwester Maria (Bettina Hoppe), eine naive Träumerin, weltfremd, in Illusionen harmonischer Familiengeschichte gefangen, wo die Schwester selbige rundherum abstreitet. Der Bruder Hermann (Oliver Kraushaar), ein zynischer Früher-war-alles-besser-Diktator, so hasserfüllt wie die Schwester, aber kälter, kalkulierender, gelangweilter, ein Herrenmensch-Poseur. Dann ist da noch Kevin, Hermanns Sohn (Patrick Güldenberg), irgendwo zwischen postpubertärer Rebell und egoistischer Millennial-Schlaffi. Unentschieden, unschlüssig wie der ganze Abend.

Bild: Matthias Horn

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Auf der dunklen Seite

Yael Ronen & Ensemble: A Walk on the Dark Side, Maxim Gorki Theater, Berlin

Von Sascha Krieger

Nanu, was ist denn hier los? Da geht man zu einem Yael-Ronen-Abend und weiß eigentlich, was man bekommt: diskursstarkes Theater über Identität, autobiografisch grundierte Reflexionen über Gewalt, Macht, Heimat, Stückentwicklungen zwischen Spiel und Selbstreflexion, in denen Rolle und Darsteller in ein Spannungsfeld treten, in dem sie oft kaum noch unterscheidbar sind. Und dann das: Mit A Walk on the Wild Side legt Ronen plötzlich ein Familienkammerspiel vor, das als „well-made-play“ durchgingen und in seiner handwerklichen Qualität das Niveau hätte, im West End oder (Off-)Broadway gespielt zu werden. Worum geht es? Ein Physiker, der sich mit dunkler Materie und dunkler Energie befasst, gewinnt einen wichtigen Preis. Zur Feier fährt er mit Frau, Bruder und dessen Freundin für ein Wochenende in die Uckermark. Hinzu kommt der verlorene Halbbruder, der einst auf Anregung der beiden Brüder aus dem Fenster sprang. Schnell kommen Familiengeheimnisse auf den Tisch, alte Ressentiments, neue Schuld, Lügen und immer wieder Lügen. Dabei wechseln die, die vermeintlich die Fäden ziehen, sich immer wieder ab, erst spät wird klar, wer das Ganze wirklich in der Hand hat. Am Ende ein paar Erkenntnismomente und ein fragiler Waffenstillstand, erzwungen durch eine Gewalt, die der Rachelogik folgt, auch wenn Ausführende und Motive nicht immer deckungsgleich sind.

Bild: Esra Rotthoff

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Wenn Musik entsteht

Der designierte Chefdirigent Kirill Petrenko und Yuja Wang zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Alles auf Abschied bei den Berliner Philharmonikern: In zwei Monaten endet die 18-jährige Amtszeit von Chefdirigent Sir Simon Rattle, der im Mai und Juni noch einen fulminanten Konzert Schlussspurt hinlegen wird. Aber weil jedem Ende bekanntlich ein Anfang innewohnt, schaut vorher kurz die Zukunft vorbei: Kirill Petrenko, der Sir Simon 2019 nach einer Übergangsspielzeit ohne Chefdirigenten beerben wird, gibt sein einiges Gastspiel 2017/2018 mit einem Programm, dass wie all seine raren Auftritte seit der Wahl vor drei Jahren nach programmatischen Hinweisen abgeklopft wird. Und tatsächlich bietet er auch jetzt ein paar Schlussfolgerungen an: Zum einen weist die Mischung aus je einem deutschen, französischen und russischen Komponisten daraufhin, dass der Schwerpunkt seiner Amtszeit nicht weit außerhalb der das Kernrepertoire des Orchestern ausmachenden Musiktraditionen liegen dürfte. Allerdings zeigt er auch, dass er bereit ist, innerhalb dieser jenseits der großen und kanonisierten Werke nach Schätzen zu suchen. Mit Paul Dukas‘ „Poème dansé“ La Péri und Franz Schmidts vierter Symphonie bildeten zwei Werke das Rückgrat des Abends, die man auf Konzertprogrammen eher selten findet. Ersteres war 1961 zuletzt bei den Philharmonikern zu hören, letzteres 1960.

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Die Beharrende

Christa Wolf: Medea. Stimmen, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tilmann Köhler)

Von Sascha Krieger

Am Ende steht nur noch Medea. Während alle anderen, all die Geschichtenumschreiber, die Deutungshoheitsbesitzer, die Patriarchatsbewahrer reglos im Wasser liegen, steht sie, die Verliererin, die Umgedeutete, Verfemte, Beschuldigte, aufrecht. „Ist eine Welt zu denken, in die ich passen könnte?“, fragt sie mit ruhiger Stimme. „Keiner da zu fragen. Das ist die Antwort“, fügt sie hinzu. Maren Eggert ist Medea, aber nicht die Kindsmörderin des Euripides, sondern die sich Auflehnende, die Wahrheitsstreiterin, die sich nicht einfügende der Christa Wolf. 1996 hat die Autorin sie umgedeutet oder, in ihren Augen, sich der Verleumdung des Euripides entgegengestellt. Dort ist eine der stärksten Frauen antiker Erzählungen ein Racheengel, einer, der zweifellos übel mitgespielt wurde und die darauf reagiert, dass sie sich allen moralischen Konsens entledigt und die eigenen Kinder schlachtet. Die frau als irrationales Wesen, der nicht zu trauen ist. Maren Eggert ist die Anti-Medea oder eben die wahre, je nach Blickrichtung. Ruhig, gefasst, mit klarem Blick am Schluss, zuvor herausfordernd, sich nicht mit dem Gegebenen abfindend, trocken mit einem Hauch Schnoddrigkeit. Keine, die sich herumschubsen lässt und die doch sehr genau um ihre Machtlosigkeit weiß.

Bild: Arno Declair

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Tense Present

Sean O’Casey: The Plough and the Stars, Abbey Theatre, Dublin / Lyric Hammersmith, London (Director: Sean Holmes)

By Sascha Krieger

Two years ago, Ireland celebrated the centennial of the 1916 Easter Rising, a small rebellion against British rule, brutally crushed and the beginning of a development that lead to the creation of the Irish Free State three years later. Very much unpopular at the time, it has since entered political folklore as a pivotal event, the opening salvo of Irish independence. Its leaders are legends, founding fathers of the country they never saw. Ten years after the Rising, Sean O’Casey’s The Plough and the Stars opened in Dublin. Its depiction of the events from the underbelly of Irish society, poor tenement dwellers who experienced it as anything but heroic, caused riots as it questioned the official founding myth of the Irish state. It was a logical and challenging choice for the Abbey theatre’s 2016 season, a decision nobody took lightly. The fact that an Englishman was chosen as the director was just the beginning. Sean Holmes‘ production could not be further removed from both nostalgia and hagiography.

Image: Sascha Krieger

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