Archiv des Autors: Sascha Krieger

Der rote Hahn kräht nicht

Rainald Grebe: fontane.200: Einblicke in die Vorbereitungen des Jubiläums des zweihundertsten Geburtstags Theodor Fontanes, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Rainald Grebe)

Von Sascha Krieger

Rainald Grebe und Brandenburg verbindet eine nicht ganz leichte Beziehung. Zum einen lebt der Kabarettist, Musiker, Theatermacher und vermutlich noch einiges mehr bereits seit Jahren in dem Bundesland, zum anderen verdankt er seine Popularität zu einem nicht geringen Teil seinem Lied „Brandenburg“, die als Hommage an das Land zu bezeichnen einige Argumentationskraft erfordern würde. „Es gibt Länder, wo was los ist“, singt er da. „Und es gibt Brandenburg.“ Wenn er sich nun Theodor Fontane widmet, der, wäre Brandenburg eine Nation, zweifellos ihr Nationaldichter wäre, geht es natürlich eben auch um die Region, die bei dem Spätstarter, der mit 60 seinen ersten Roman veröffentlichte und im kommenden Jahr 200 Jahre alt würde, stets Dreh- und Angelpunkt war. Ach ja, das Jubiläum. Das ist der Anlass dieses Abends. Grebe habe eine Anfrage bekommen, sich zu beteiligen, berichtet er auf der Bühne – und das entspricht wohl auch der Wahrheit. Statt in Neuruppin 2019 spielt er seinen Fontane-Abend jedoch jetzt schon, in Berlin. Das ist vielleicht auch besser so.

Bild: Thomas Aurin

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Am Ende war der Mops

Nach Friedrich Schiller: Kabale und Liebe, Ballhaus Ost, Berlin (Regie: Christian Weise)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist uns das ziemlich fremd, was Friedrich Schiller, ja der mit der „Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“, da auftischt. Boy meets Girls, so weit ist es klar. Aber dann? Boy entstammt dem nun ja, nicht übermäßig hohen Adel, Girl dagegen ist eine „Bürgerliche“. OK, klar, kennen wir. Prinz Harry und Meghan Markle und so, kein Problem, oder? Bei Schiller schon. Da entspinnt sie hierum eine Intrige mit erzwungenen Briefen, Rechtsbeugung und am Ende zwei Toten. Romeo und Julia, nur eben mit viel Bürokratie. Schön deutsch halt. Aber eben doch arg aus der Zeit gefallen. Der Adel ist längst entmachtet, wer einander lieben und letztlich auch heiraten will darf das spätestens seit vergangenem Jahr auch, das Problem, das Schiller anprangerte, ist also gelöst. Oder nicht? Denn dass die Klassenunterschiede von eins sich heute in sozialen Differenzen zu wiederholen scheinen, Bildungschancen vom Einkommen und Bildungsstand der Eltern abhängen und die Tendenz, innerhalb der eigenen sozialen Gruppierung zu bleiben – und eben auch in dieser zu lieben, zu heiraten, Familien zu gründen – nimmt nicht unbedingt ab.

Bild: Ruthe Zuntz

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Schlag nach bei Kafka

Ödön von Horváth: Glaube Liebe Hoffnung, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Das ist ja ein schöner Jahresauftakt, den sich das Maxim Gorki Theater überlegt hat: Mit Ödön von Horváths Glaube Liebe Hoffnung stellt es einen der hoffnungslosesten, pessimistischsten und deprimierendsten Texte der Literaturgeschichte an den Anfang seines Theaterjahres. Die Geschichte der jungen Elisabeth, die hoffnungsvoll versuchend, sich eine bescheidene Exostens aufzubauen, bei jedem Schritt von einer feindlichen Welt und den nicht minder abweisenden wirtschaftlichen Verhältnissen der Zwischenkriegszeit zurückgeschlagen wird, bis sie einen halb zufälligen und himmelschreiend erbärmlichen Tod stirbt, ist keine, die einen oprimistischen Blick auf gesellschaftlichen Zusammenhalt wirft. Ein nicht gerade hoffnungmachender Schritt ins neue Jahr. Regisseur Hakan Savaş Mican versucht die Düsternis des Stücks denn auch in keiner Sekunde zu kaschieren. Sylvia Rieger hat ihm eine abweisend schwarze expressionistische Stummfilmkulisse mit in die Höhe strebenden schrägen Blöcken, urbanen Stacheln mit gesichtslosen, kaltes Licht verströmenden Fensterlöchern, auf und neben die Drehbühne gebaut, von der zunächst vor dem Eisernen Vorhang nur Teile zu sehen sind. Geht dieser hoch, setzt sich das Labyrinth moderner Albträume fort. Kein Ausweg nirgends.

Bild: Esra Rotthoff

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Wenn Spießer träumen

Roland Schimmelpfennig: Der Tag, als ich nicht mehr war, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Ein Mann kommt von der Arbeit nach Hause – und ist schon da. Das ist die Grundkonstellation von Roland Schimmelpfennigs neuem Stück, dessen Uraufführung Anne Lenk in den Kammerspielen des Deutschen Theaters besorgt. Eine Spießerfamilie wird aufgemischt, als sich zunächst der Mann, dann die Frau aufspaltet. In ein „normales“ Ich und ein alternatives – das nackt schläft, über die Strenge schlägt und die Fichte im Garten, die den Mann seit Jahren stört, einfach fällt. Am Ende gewinnt natürlich die spießige Anpassung. Oder nicht? Schimmelpfennigs Stück ist kurz – die Uraufführung dauert schlanke 70 Minuten – und für seine Verhältnisse eher geradlinig. Die Grundkonstellation wird durchgespielt bis zum bitteren, wenngleich durchaus ambivalenten Ende. Die hochkomplexen Verdopplungs- und Alter-Ego-Prozesse der digitalen Welt bleiben außen vor, das Geschehen wirkt Versuchslabor-mäßig reduziert und aus der Zeit gefallen. Eine Spielanordnung, bei der nur das Grundprinzip zählt, nicht die Realität. Da dürfen Familien- und Frauenbilder auch etwas, sagen wir freundlich, traditioneller daherkommen.

Bild: Arno Declair

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Die Magie des Dialogs

Manfred Honeck und Jan Vogler mit einer Uraufführung zu Gast beim DSO

Von Sascha Krieger

Enthusiastisch war der Beifall in der fast ausverkauften Berliner Philharmonie nicht, als der scheu lächelnde Dai Fujikura von Dirigent Manfred Honeck und Cellist Jan Vogler auf das Podium geholt wurde. Erleichterung, die Uraufführung seines Cellokonzerts überstanden zu haben, war nicht nur bei ihm zu spüren, sondern auch beim Publikum. Die dritte Inkarnation des Werks – Fujikura hatte es zunächst als Werk für Solo-Cello verfasst, dann zum Konzert für Voloncello und Ensemble erweitert und nun erstmals die Orchesterversion vorgestellt – stieß bestenfalls auf Wohlwollen. Was auch der Länge geschuldet sein mag: Mit 25 Minuten überschreitet es deutlich die Dauer, die Orchester ihrem Publikum mit zeitgenössischen Werken meist zumuten, zumal auch der Beginn, Claude Debussys Six épigraphes antiques in der 2014 von Alan Fletcher erstellten Orchesterfassung es den Zuhörer*innen kaum leicht machten und ihnen wenig gaben, woran sie sich festhalten konnten. Nein, es dem Publikum leicht zu machen, ist Honecks Sache an diesem Abend nicht. Er fordert die Anwesenden und lädt sie ein, sich einzulassen, genauer zuzuhören. Wer das tut, erlebt ein streckenweise außergewöhnliches Konzert.

Manfred Hoeck (Bild: Felix Broede)

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Dekonstruktion und Dialog

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Staatskapelle Berlin: Zweimal Beethovens neunte Symphonie zum Jahreswechsel

Von Sascha Krieger

Mit Traditionen ist das so eine Sache. Sie verleihen den Menschen ein Gefühl der Verlässlichkeit und Sicherheit, können Wohlfühloase sein und Auffangnetz. Begrifflichkeiten, die in der Kunst normalerweise eher wenig zu suchen haben. Gilbt es hier Traditionen, sind sie daher mit besonderer Vorsicht zu genießen. Diejenige, zum Jahreswechsel, Ludwig van Beethovens neunte Symphonie aufzuführen, bildet da keine Ausnahme. Groß ist die Gefahr, das Werk folkloristisch zu verkleinern und seine Aufführung zu leerer Routine erstarren zu lassen. Eine Gefahr, der sich Vladimir Jurowski, neuer Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, bewusst ist. Und der er gegenübertritt, indem er so viel anders macht gegenüber seinem Vorgänger Marek Janowski, wie irgend möglich ist, ohne gleich das ganze Werk vom Spielplan zu werfen. Er will die „Neunte“ neu hörbar machen und sicher auch seine eigene Duftmarke setzen. ersteres ist löblich, letzteres verständlich, das Ergebnis eher zwiespältig.

Vladimir Jurowski (Bild: Bettina Stöß)

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Das Bild hängt schief

Yasmina Reza: „Kunst“, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

Mit Yasmina Reza kann man eigentlich nichts falsch machen. Ihre die bürgerliche Mitte der Gesellschaft sezierenden Komödien – spätestens seit Edward Albee ein lohnendes Rezept für erfolgreiches Theater – sind so unterhaltsam und konsumierbar, ohne stets, wie eben bei Albee, in den Abgrund starren zu müssen, der da natürlich immer gähnt, dass Publikumserfolge vorprogrammiert sind, und haben gleichzeitig genug Tiefe, um die Kritiker ruhigzustellen. Und selbst wenn das Rezept, wie etwa bei Bella Figura, nicht aufgeht, schreibt Reza immer noch Rollen, die große Schauspieler*innen zur Zuschauerbeglückung ausfüllen können. Für einen Stadttheaterintendanten ein Glücksfall, schließlich braucht er oder sie nicht nur große Kunst, sondern auch volle Häuser. Und die sind mit Yasmina Reza meist garantiert, so man nicht allzu viel falsch macht und entsprechende Schauspieler*innen mitbringt. Da wundert es kaum, dass unter den Arbeiten, die Neu-BE-Intendant Oliver Reese aus dem Schauspiel Frankfurt in die neue Heimat überführt, auch eine Reza-Inszenierung ist, der Bequemlichkeit halber auch gleich eine eigene, gespielt von Darsteller*innen, die ebenfalls mit ans BE gewechselt sind. Und wenn das Stück dann auch noch „Kunst“ heißt, Rezas internationaler Durchbruch und so etwas wie die Blaupause für ihr Theater, ist der Erfolg programmiert. Risiko mag der Nährboden für große Kunst sein, das Haus füllt es nicht immer.

Das Berliner Ensemble (Bild: Moritz Haase)

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Keine Erlösung

Alan Gilbert dirigiert die Konzerte zum Jahreswechsel des Gewandhausorchesters Leipzig mit Beethovens Neunter

Von Sascha Krieger

Es passiert nicht oft, dass diese Ehre einem zuteil wird, der nie Chefdirigent dieses Orchesters war: Die traditionellen Silvesterkonzerte des Leipziger Gewandhausorchesters sind normalerweise Chefsache. Denn die Tradition wiegt schwer: Bald sind es 100 Jahre, dass Arthur Nikisch begann, zum Jahreswechsel Beethovens neunte Symphonie spielen zu lassen – eine Anregung, der mittlerweile überall auf der Welt gefolgt wird. Doch das Original – seit Jahrzehnten live im Fernsehen übertragen – findet in Leipzig statt. Nun also darf Alan Gilbert ran, nachdem sich Neu-Chef Andris Nelsons im Vorjahr etwas verhoben hatte. Der New Yorker steckt gerade zwischen Jobs – seine Amtszeit beim New York Philharmonic ist zu Ende, die Position beim NDR Elbphilharmonieorchester noch nicht angetreten – er hat also Zeit. Und Lust, wie es scheint. Und keine Scheu vor der großen Aufgabe. Die er beeindruckend unsentimental angeht, mit dem klaren Willen, sich dem Werk auf eigene Weise zu nähern, ohne zu viel Respekt vor der Tradition, dafür um so mehr vor dem musikalischen Monstrum, das es zu bändigen gilt.

Das Leipziger Gewandhaus (Bild: Jens Gerber)

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Keine Schwermut

Sir Simon Rattle dirigiert sein letztes Silvesterkonzert als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker

Von Sascha Krieger

Und plötzlich wird es politisch: Gerade haben die Berliner Philharmoniker das Philharmonie-Publikum mit drei Tanzszenen aus Leonard Bernsteins Musical On the Town beinahe von den Sitzen gerissen. Rhythmisch pointiert und klangscharf waren sie zu Werke gegangen, haben die schmissigen Jazz-Anspielungen ebenso klar herausgearbeitet, wie sie im mittleren Satz, „Lonely Town“, die Einsamkeit der Großstadt im Spannungsfeld zwischen scharfen Rufen der Blechbläser und einem unruhigen Wühlen der Streicher beschrieben haben, bevor der Schlusssatz dann sehr wuselig, auch humoristisch gelingt, in Verdichtungsbewegungen stets bereit zur Entladung. Zuvor hatte sich das Orchester gar die eine oder andere Verlangsamung geleistet. Der hochkonzentrierte Klang ist für den Rhythmus der Lebensfreude angelegt – aber er weiß auch um seine Zerbrechlichkeit. Dann greift Sir Simon Rattle zum Mikrofon. Leonard Bernstein sei, so der Brite, ein „politisches Tier“ gewesen. Ich glaube, er wäre froh, wenn wir dieses Lied in dieser Zeit spielen würden“, fügt er hinzu. „Dieses Lied“ ist „Take Care of this House“ aus einem Musical über das Weiße Haus. Das Publikum weiß, was Rattle meint. Mezzosopranistin Joyce DiDonato singt es mit einem Flehen, das unmittelbar wirkt, ohne Pathos, fast scheu. Ein Bitten, das verwundert wirkt, darüber, dass ein solches Lied jetzt wieder gesungen werden muss.

Sir Simon Rattle dirigiert das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker 2017 (Bild: Monika Rittershaus)

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Where the Monsters Are

Film review: The Killing of a Sacred Deer (Director: Yorgos Lanthimos)

By Sascha Krieger

The ancient Greek king Agamemnon was a mighty man. But compared to the gods, he was nothing. Long before he would die at the hands of his wife and her lover, the beginning of the final chapter of his family’s pre-destined downfall, while he was on his way to lead the Greek troops in the Trojan war, he killed a deer. A sacred deer, it turned out. Artemis, goddess of hunting, didn’t quite like that, so she manipulated the winds so that the Greek fleet was stuck where it was. in order to free it, she demanded a sacrifice of Agamemnon: that of his daughter Iphigenia. Being the dutiful king, general and subject he was, Agamemnon complied. And even though many later attempts have been made – some unknown ghostwriter seems to even have added such a turn to Euripides‘ original play – to have Iphigenia survivor, this is how the original story ends. Greek film maker Yorgos Lanthimos no doubt knows his Greek mythology. And he likes this ending. Be4cause it gives his a great blueprint to explore motives of guilt, sin and redemption in a world only seemingly far removed from ancient Aulis. And he does so in a film as cold as the hearts of the gods – and as radical in its constistency, as brutal in its straightforwardness as the Greeks consider faith. A film you’ll either love or hate. There is no in-between.

Nicole Kidman and Colin Farrell (Image: Alamode Film)

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