Reality in a Nutshell

René Pollesch/Fabian Hinrichs: Geht es dir gut?, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch/Fabian Hinrichs)

Von Sascha Krieger

Die Antwort lautet „Nein“. Je öfter Fabian Hinrichs die titelgebende Frage stellt, je klarer wird die Unmöglichkeit ihrer Bejahung. Einskommafünf is die Schlüsselzahl dieses Abends. 1,5 Meter Abstand sollten wir in der Pandemie von einander haben, 1,5 Grad ist das ziel maximaler Erderwärmung, um den Planeten halbwegs bewohnbar zu erhalten. Doch aus ersterem ist längst eine unüberbrückbare Distanz geworden und letzteres erscheint mit jedem Tag illusorischer. Was also tun? Zum Beispiel gegen die Stille, die Abwesenheit anrufen, -schreiben, -klagen. Und sich an die Zeit erinnern, als die Stimme noch anderes konnte, durfte. Singen beispielsweise. Also eröffnet Hinrichs den mal wieder gemeinsam mit René Pollesch gestalteten Abend mit mantrahaften musikalischen Anrufen, unterstützt von zwei wunderbaren Chören, den African Voices Berlin  und den Bulgarian Voices Berlin. „Ich war weg“ skandieren sie und schwanken ob der An- oder Abwesenheit der Maske. Macht sie das Gesicht schöner, weil symmetrischer oder hässlicher, weil weniger authentisch? Warten wir drinnen oder draußen vor der Tür und auf wen?

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Bild: Thomas Aurin

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Various States of Dress

Das go drag! festival  2022 feiert weibliche, non-binäre und trans Drag-Künstler*innen

Von Sascha Krieger

Drag ist eine emanzipatorische Kunstform. Das Aufbrechen von Geschlechterrollen und -identitäten, das freie Spiel mit Binaritäten waren und sind subversive Akte in einer Gesellschaft, in der „Normalität“ noch immer kein Unwort ist, in der jede Abweichung von hierarchisch festgelegten „Normen“ zu Diskriminierung, Ausgrenzung, Gewalt führen kann. Drag Art ist deshalb auch untrebnnbar mit dem Kampf um queere Rechte und Sichtbarkeit verbunden, ein Symbol der Befreiung, der Selbstermächtigung, der Erlangung der Hoheit über das eigene Narrativ. Dass Drag heute näher am Mainstream ist als jemals zu vor, dass sich damit etwa Quote machen und Hallen füllen lassen, mag manche*r Puristin als Ausverkauf werten – es zeigt, aber auch, dass der Kampf um Anerkennung durchaus Fortschritte gemacht hat. Dass er angesichts eines auch hierzulande zu beobachtenden Rollbacks, immer selbstbewussterer Queerfeindlichkeit und einer deutlichen Zunahme von Angriffen auf als queer gelesene menschen so notwendig ist wie vielleicht lange nicht, ist ebenfalls Teil der Wahrheit.

Bridge Markland + Guests (Bild: Sascha Krieger)

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Offene Wunden

Herbert Blomstedt dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Schubert und Beethoven

Von Sascha Krieger

Das dieses Konzert überhaupt stattfinden kann, ist ein Glück. Nur ein Jahr trennen den schwedischen Dirigenten Herbert Blomstedt und die kürzlich verstorbene britische Königin. Doch auch wenn man ihm sein Alter mittlerweile durchaus ansehen kann – der Gang ist unsicher und braucht Unterstützung, Blomstedt dirigiert im Sitzen – musikalisch ist der Schwede nach wie vor hellwach und auf der Höhe seiner Kunst. Wer also erwartet haben sollte, dass sein vielleicht (wenn auch hoffentlich nicht) letztes Gastspiel bei den Berliner Philharmonikern von Altersmilde oder gar Abschiedsmelancholie erfüllt wäre, sah, nein hörte sich getäuscht. Mit Schubert und Beethoven hatte er Kernrepertoire dabei, seines und das des Orchesters. Umso erstaunlicher, dass er ersteren in seinen 47 Jahren gemeinsamer Zusammenarbeit noch nie dirigiert hat. Das holte er nun nach, auch wenn Franz Schuberts dritte Symphonie keine Offenbarung war.

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Herbert Blomstedt dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Frederike van der Straeten)

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The Greatest Showwomen

Florentina Holzinger: Ophelia’s Got Talent, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Florentina Holzinger)

Von Sascha Krieger

The show must go on. Und so kriecht Captain Hook alias Annina Machaz kurz vor Schluss über die Bühne, ebenso unfähig aufzustehen wie die übrig gebliebenen Jurymitglieder und versucht, die Casting-Show, mit der dieser Abend startete, wiederzubeleben. Doch zu spät, Kinder übernehmen, überrennen die Bühne, die Erwachsenen haben fertig. Hoffnung? Na ja, vielleicht nicht, schließlich wurde die junge letzte Kandidatin gerade gefragt, woher sie denn die Gewissheit habe, die letzte Generation zu sein, ist der blutrote Swimmingpool, in dem die Kinder tollen, übersät mit Plastikflaschen-Müll. Aber wenn eh alles verloren ist und alle anderen versagt haben, warum nicht noch mal was Neues versuchen? Das Alte hat abgewirtschaftet, die Jury verloren. Wenn schon Apokalypse, dann lustvoll. Eine andere Show, eine bessere Show, um Heine sehr frei zu paraphrasieren. Obwohl, so schlecht waren die vorangegangenen fast drei pausenlosen Stunden nicht.

Bild: Nicole Marianna Wytyczak

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Dienst nach Vorschrift

Musikfest Berlin 2022 – Franz Welser-Möst dirigiert The Cleveland Orchestra mit Werken von Rihm und Schubert

Von Sascha Krieger

Welch ein Kontrast: Wo Klaus Mäkelä beim Eröffmnugskonzert am Schluss wie ein Leistungssportler schwitzte, wo Yannick Nézét-Séguin vor zwei Tagen enthusiastisch zu seinen Solist*innen lief, um ihnen zu danken, hat Franz Welser-Möst nicht mehr zu bieten als einen großzügigen Fingerzeig, wo beim Ganzspiel des Philadephia Orchestra insgesamt drei Zugaben zu hören waren, gönnen die Kolleg*innen aus Cleveland der zugegeben recht spärlich besetzten Philharmonie keine einzige. Das passt zu diesem Abend, an dem die Zaubertruhe musikalischer Magie, welche die beiden anderen Maestri zumindest zu öffnen versuchten, geschlossen. Diesen Gastspiel klingt nach Dienst nach Vorschrift, nach technisch sauberem Handwerk ohne Risiko, aber eben auch ohne Glanz, ohne Offenbarung, ohne Neugier.

Franz Welser-Möst dirigiert The Cleveland Orchestra in der Philharmonie Berlin (Bild: Roger Mastroianni / The Cleveland Orchestra)

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Die wiedergewonnene Stimme

Musikfest Berlin 2022 – Yannick Nézét-Séguin dirigiert das Philadelphia Orchestra mit Lisa Batiashvili

Von Sascha Krieger

Fast könnte die*der nicht ganz so aufmerksame Zuhörende meinen, er lausche Klängen Antonín Dvořáks, so sehr erinnert die Mischung aus amerikanischer Liedsprache und hochromantischer Symphonik dem Werk des Tschechen aus seiner US-amerikanischen Schaffensphase. Doch nein, was hier zu hören ist, ist nicht die nicht unproblematische Aneignung und Übersetzung teilweise nicht-weißer Musikkultur durch den berühmten Komponisten, sondern eher ein „Reclaiming“ dieser musikalischen Welten durch eine Schwarze Frau, die lange vergessene Komponistin Florence Price, deren erste Symphonie das Philadelphia Orchestra zu seinem Gastspiel in Berlin mitgebracht hat. Dessen Chefdirigent Yannick Nézét-Séguin bemüht sich seit Jahren um die wiederentdeckung des Werks der 1953 im Alter von 66 Jahren Verstorbenen. Kein Wunder, dass auch die erste Zugabe von ihr stammt, das sanft schmachtende Adoration, mit dem die Streicher ihren typischen warmen, angedunkelten, schlanken Klang ausstellen dürfen.

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Yannick Nézét-Séguin und Lisa Batiashvili mit dem Philadelphia Orchestra in der Berliner Philharmonie (Bild: Todd Rosenberg Photography / Philadelphia Orchestra)

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Volle Kraft voraus

Musikfest Berlin 2022 – Klaus Mäkelä und das Royal Concertgebouw Orchestra eröffnen das Musikfest Berlin

Von Sascha Krieger

Am Ende erinnert Klaus Mäkelä eher an einen Hochleistungssportler (der er in seinem Alter durchaus sein könnte): Die Haare schweißgetränkt, die Anstrengung in sein Gesicht gemeißelt, muss der Finne erst einmal kräftig durchatmen, bevor er sich dem stürmischen Applaus stellen kann. Der 26-Jährige ist ein Phänomen: Chefdirigent zweier renommierter Orchester (der Osloer Philharmonie und dem Orchestre de Paris) ist er neuer „Künstlerischer Partner“ und designierter zukünftiger Chef eines Klangkörpers, den manche nach wie vor für den besten der Welt halten: das Royal Concertgebouw Orchestra in Amsterdam. Eine Karriere, die ihresgleichen sucht, zumal der jugendlich wirkende Maestro zunächst eine Laufbahn als Cellist im Auge hatte. Als Dirigent gilt er als Naturtalent, die Statements, mit denen die Amsterdamer die Zusammenarbeit bekannt gaben, flossen nur so über vor Begeisterung. Sofort habe es gepasst mit ihm, jubeln sie, und ja, die Chemie ist auch beim Berliner Gastspiel zu spüren. Und auch der Jochleistungssport-Vergleich passt, denn was Orchester und Dirigent in diesen zweieinhalb Stunden leisten, hat olympisches Nivea. Da ist kein Zurücknehmen, da ist jede Sekunde erfüllt von hundertprozentigem Einsatz, von enthusiastischer Hingabe, von vollständiger Verausgabung.

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Klaus Mäkelä dirigiert das Royal Concertgebouw Orchestra beim Musikfest Berlin 2022 (Bild: Fabian Schellhorn / Berliner Festspiele)

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Leere Rituale

Philip Glass und Robert Wilson: Einstein on the Beach, Theater Basel / Wiener Festwochen / Berliner Festspiele (Regie: Susanne Kennedy / Konzept: Susanne Kennedy, Markus Selg)

Von Sascha Krieger

Es gibt Theaterabende – oder sollte es -ereignisse heißen? – die ergeben auf dem Papier nicht nur Sinn, sondern stellen gar die Frage, wie es nicht zu einer solchen Verbindung kommen sollte. Einstein on the Beach, das Zeit und Raum relativierende, jegliche Gewissheiten theatraler Erzählung in die Schwerelosigkeit des rauschhaften Stillstands auflösende Jahrhundertwerk der Jahrhundertkünstler Philip Glass und Robert Wilson in den Händen des das Theater auf seinen rituellen Kern reduzierenden, die Grenze zwischen darstellender und bildender Kunst verflüssigenden Künstler*innen-Duos Susanne Kennedy und Markus Selg ist eine solche Konstellation. Fügt man dann noch einen musikalischen Leiter wie André de Ridder hinzu, scheint die Frage, was da noch schief gehen sollte, wie sich da kein Augen, Ohren und Sinne öffnender künstlerischer Sog, der die Zuschauenden am Ende verändert, ja transformiert zurücklässt, entwickeln könnte, geradezu obsolet. Die Antwort nach dreieinhalb unendlich langen Stunden lautet jedoch leider: Alles. (Fast) alles kann schiefgehen und tut es auch.

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Bild: Eike Walkenhorst

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Das Taxi kommt nicht

Theatertreffen 2022 – Toshiki Okada: Doughnuts, Thalia Theater, Hamburg (Regie: Toshiki Okada)

Von Sascha Krieger

Nein, das Taxi wird nicht kommen. In Toshiki Okadas Doughnuts hat es den abwesenden Heilsbringer Godot ersetzt, wie anstelle von Tramps nun fünf Business-Typen warten auf das nie Eintreffende. Hier verdorrt nicht einmal mehr ein Baum, hier ist die Außenwelt im kalten komfort einer Hotellobby im 21. oder 22. Stock kaum mehr denkbar. Ein Ort im Nirgendwo, nicht auf dem Boden der Tatsachen, das Außen verschwindend wie als Referenz an eine andere Beckettsche Endzeitvision, Fin de partie. Ein Nebel, so hören wir, immer dichter werdend und letztlich alles verschluckend, hat die Illusion der Realität aufgesogen. Doch wo der Blick nach draußen zumindest versucht werden könnte, starren die Spielenden auf Dominic Hubers Bühne auf einen weißen Vorhang, bleibt der Blick hier drinnen, im Wartebereich, wagt sich selbst er nicht weg von hier, ganz zu schweigen die Wartenden.

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Bild: Fabian Hammerl

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„mein schön deutsch sprach“

Theatertreffen 2022 – Nach Ernst Jandl: humanistää! eine abschaffung der sparten, Volkstheater Wien (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

Bevor das erste Wort gesprochen wird, ist, wenn nicht alles, so doch vieles bereits gesagt. In einem kleinen kalten wartezimmerartigen Raum inmitten einer grauen Wand ergeht sich ein Paar in einem Abendessen-Crescendo. Angetrieben von langsam anschwellender, rhythmusdurchpulster minimalistischer Musikbegleitung aus dem kleinen Orchestergraben steigert sich das Ballett des Brotschmierens und Anstoßens in immer groteskere Überzeichnungen, in zunehmend bizarrere ekstatische Bewegungsorgien bis zur totalen Eskalation und vollständigen Erschöpfung. Gespielt von wechselnden Darsteller*innen zeichnet die mehrminütige Sequenz die körpersprachliche Miniatur einer Beziehung am Abgrund, die as dem Ruder läuft, bis jede Fiktion eines alltäglichen Miteinanders vollständig ad absurdum geführt ist.  Ein atemlos absurdes Körpertheater, das kein Auge trocken und keine Eskalationsstufe ungesagt lässt.

Bild: Nikolaus Ostermann/Volkstheater

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