Archiv des Autors: Sascha Krieger

Opening Doors

Film review: Love, Simon (Director: Greg Berlanti)

By Sascha Krieger

First of all: Love, Simon’s greatest achievement is that it was made. Believe it or not, the film is Hollywood’s first teenage film slash comedy with a gay protagonist. Ever. Its director Greg Berlanti has been a trailblazer in bringing gay topics to screens outside the „indie“ field, starting with the wildly successful 1990s teen TV blockbuster Dawson’s Creek, where as the showrunner he insisted in introducing a gay couple, even threatening to resign if it wasn’t included. Now he’s opened teen popcorn cinema to the fact that a significant percentage of its depicted group – and target group – loves members of their own sex. The fact that this is worth mentioning and even regarded as revolutionary in 2018, is not something to be proud about for Hollywood. That it has finally been done is at least a silver lining.

Image: © 2017 Twentieth Century Fox

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Kaltes Herz

Nach Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Es ist kein besonders angenehm zu lesendes Buch. Wie auch? In Im Herzen der Gewalt, Édouard Louis‘ zweitem Roman, geht es um einen Akt brutalster Gewalt: Ein junger Mann trifft nachts einen anderen auf der Straße, nimmt in mit nach Hause. Sie haben Sex, mehrfach. Dann entdeckt er, dass der andere Tablet und Smartphone eingesteckt hat. Die Lage eskaliert, es kommt erst zum Mordversuch und dann zur Vergewaltigung. Louis erzählt hier seine eigene Geschichte. Ihm ist das passiert, zu Weihnachten. Minutiös, obsessiv erzählt er die Versuche des Umgangs mit dem Geschehenen: das Sich-Verschließen wie das zwan- und krampfhafte Sich-Öffnen, die Suche nach Erklärungen, das Verdrängen, den Umgang mit den mal gleichgültigen, mal feindseligen, oft entwürdigenden Reaktionen von Polizei, Ärzten, Familie, den Aufbau einer Lüge, die das Weiterleben ermöglicht. Primär geht es um die Zurückgewinnung der Kontrolle über sich selbst und die eigene Geschichte. Ein schmerzhafter Prozess, auch für den Leser. Louis gelingt er, indem er die Geschichte zunächst outsourcet, die Schwester sie ihrem Mann erzählen lässt, was ihm die Möglichkeit gibt, sich ihr aus der Distanz zu nähern, sie quasi von außen zu betrachten, Fehler zu finden, zu korrigieren, die eigene Sicht, die eigene Stimme zu finden.

Bild: Arno Declair

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Ruhe in Schoki

Benny Claessens: The Last Goodbye / Vibrant Matter, Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin (Regie: Benny Claessens)

Von Sascha Krieger

„Der Stillstand ist eine Synkope, an der das Private das Gesellschaftliche berührt. In seiner Leere und Bedeutungslosigkeit schwebt die Erwartung an etwas Neues, Größeres, das dieses Vakuum füllen könnte. Er lenkt unseren Blick auf das Kommende.“ Schön klingt er, dieser Text aus der Stückankündigung, der auch den Abendzettel von Benny Claessens neuer, fast dreieinhalbstündiger Performance am Berliner HAU ziert. Tiefgründig, philosophisch, zu unendlichen kreativen Reflexionen über das Ende und den Anfang inspirierend. Und es geht durchaus vielversprechend los. Freundlich ins Publikum winkend treten die fünf Performer*innen aus dem Bühnenhintergrund hervor, hauchen scheue „Hi“s und „Hello“s gen Zuschauerraum und gehen ab. Dann kommen Shiori Tada und Rob Fordeyn zurück, setzen sich ins Dämmerlicht – der Abend wird im Niemandsland von Sonnenauf- und -untergang verharren – einander halb zu-, halb abgewandt. Immer wieder begegnen sich die Blicke, für einen Moment nur, streicht Tada Fordeyn sanft übers Gesicht, nickt sie ihm kaum merklich zu. Eine stille Sinfonie des Annäherns und Zurückweichens, des Begrüßens und Abschiednehmens, des Wartens, auf etwas, was da kommen möge. Ein intimer, intensiver, berührender Beginn. Eine Verheißung, die der Abend nie einlöst.

Bild: Sascha Krieger

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Die Magie des Scheiterns

Forced Entertainment: Out of Order, Schauspiel Frankfurt / Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main / Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Regie: Tim Etchells)

Von Sascha Krieger

„Ever tried. Ever failed. Try again. Fail again. Fail better.“ Vielleicht sind die Engländer von Forced Entertainment ja die wahren und legitimen und einzigen und Wahrhaftigen und überhaupt Erben Samuel Becketts. Diese Virtuosen und Handwerker und Schwerarbeiter der Vergeblichkeit. Spätestens seit Real Magic und dessen Einladung zum Theatertreffen weiß man auch im deutschsprachigen Raum, dass wohl niemand sonst die unerträglichste Erkenntnis des Menschen, die seiner Vergänglichkeit und der Unmöglichkeit, wirklich Bleibendes zu hinterlassen, auf so konsequente, theatrale, geradlinige und durch und durch clowneske – jene unschlagbare Mischung aus zwerchfellerschütternder Komik und existenzieller Traurigkeit – Weise auf die Bühne zu bringen vermag wie die Gruppe um Tim Etchells. Out of Order setzt an, wo Real Magic aufhörte – und ebenfalls anfing. Denn Lineraität ist der Grund alles Scheiterns und der Feind seiner Erkenntnis. Ganz in Becketts Sinn besteht das Theater von Forced Entertainment darin, immer wieder anzufangen, die landläufig Einstein zugeschriebene These, der Wahnsinn bestünde darin, immer wieder das Gleiche zu versuchen und auf einen anderen Ausgang zu hoffen, auszutesten, zu bestätigen und vielleicht gerade darin zu widerlegen.

Bild: Sascha Krieger

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Die geraubte Stimme

Björn SC Deigner nach einer Idee von Anna Berndt (Fassung von Sebastian Hartmann): In Stanniolpapier, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Zum Abschluss ein „Skandal“. Man muss dem Deutschen Theater ja fast dankbar sein, dass es auf die abstruse Idee kam, den Stückezertrümmerer, Textumdeuter und -visualisierer Sebastian Hartmann eine Uraufführung anzuvertrauen. Und dann auch noch eine im Rahmen der „Langen Nacht der Autoren“, dem Höhe- und Endpunkt der Autorentheatertage, für die drei Stücke von einer Jury ausgewählt und von einem der kooperierenden Theater (bis zu diesem Jahr waren das neben dem DT das Wiener Burgtheater und das Schauspielhaus Zürich) uraufgeführt werden. Hier sollten Autor*in und Text im Vordergrund stehen. Ein Unternehmen, das im Falle von Björn SC Deigners In Stanniolpapier reichlich schiefging. Am Ende einigte man sich darauf, das Wort „Uraufführung“ durchzustreichen und das Stück „in einer Fassung von Sebastian Hartmann“ zu spielen. Das Publikum bekam neben dem Programmheft ein sich distanzierendes Statement der Jury und den Originaltext ausgehändigt.

Bild: Arno Declair

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Theater als Niemandsland

Thomas Bernhard: Der Theatermacher, Schauspiel Dortmund (Regie: Kay Voges Mondtag)

Von Sascha Krieger

Feuerlöscher sind reichlich, überreichlich vorhanden, Feueralarmschalter ebenso. Dabei stellt sich die Frage, was hier brennen sollte, in dieser Halle aus Sichtbeton, leer, bestenfalls funktional, alles, nur nicht einladend. Hier, in einer Lagerhalle, die offenbar niemand braucht (Bühne: Daniel Roskamp), soll er Theater spielen, der große Staatsschauspieler Bruscon, entsorgt wie auf dem Sperrmüll, das Theater als unnötiges Anhängsel, das nur dann und dort noch Platz findet, wenn und wo es nicht im Wege steht. Da überrascht es nicht, dass Bruscon schnell die Hutschnur platzt. Andreas Beck spielt den tyrannischen Choleriker zunächst als kontrollierten Effektversteher, der genau weiß, wann es sinnvoll ist, zu brüllen und wann, das gegenüber zu umschmeicheln. Einer, der den spielt, der er ist. Hohe Kunst. Regisseur Kay Voges lässt Bernhards Stück, das auf einem eigenen Erlebnis mit einer Peymann-Inszenierung (nachzulesen auf dem Programmzettel) fußt, zunächst vom Blatt spielen, als im Realismus grundierte Boulevardkomödie. Und baut schon hier kleine Verzerrungen ein. Uwe Rohrbeck etwa ist ein übertrieben serviler, großäugig schmachtender Wirt, dessen ausgestellte Unterwürfigkeit sich erst später auflöst, die vom Protagonisten als „Antitalente“ gebrandmarkte Familie sind lächerliche Karikaturen, treudoof dreinschauende Comedy-Versatzstücke.

Bild: Sascha Krieger

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Albtraum ohne Ausweg?

Ersan Mondtag (Text von Alexander Kerlin und Matthias Seier): Das Internat, Schauspiel Dortmund (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Das einzige leben kommt vom Band. Tierschreie, Rabenrufe in Dunkler Nacht. Irgendwo da draußen ist die Natur, ruft von fern und kann doch nicht hinein. Hier sind die Bäume verdorrt, verwandelt sie sich, gemalt an die Wußenwände in damönische Wesen mit glutroten Augen, so wie jene, die den Platz der Duschen eingenommen haben, in jenem gelbgekachtelten Raum der Reinigung derselben gedrillten Körper, die an gleicher Stelle gequält werden. Körpern, denen das Lebendigsein wohl abzusprechen ist. Ersan Mondtag ist ein düster-gothischer (in der Doppelbedeutung des Wortes) Schauerort, ein Raum der Entmenschlichung und De-Individualisierung, der Gewalt und mechanischen Machtausübung. Ein abweisender Ort, mehr Burg, Festung als Aufenthaltsort junger Menschen. Die Drehbühne bewegt sich fast unaufhörlich, lenkt den Blick auf Zinnen und gothische Gänge, einen unheimlich hohen Schlafsaal mit Vierfachstockbetten, einen Speisesaal, besagten Duschraum. Ein dunkler Albtraumort mit schiefen Konturen, in gemaltem Blau-Schwarz gehalten mit gelegentlichen blutroten Einsprengseln. Genauso die Uniformen der Figuren, Schüler, nein, Insassen eines Internats ohne Erwachsene. Die Gesichter zu austauschbaren Untoten geschminkt, die Körper, in Mondtag-typischen Bodysuits steckend, ebenso.

Bild: Sascha Krieger

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Europa im Schlussverkauf

Autorentheatertage 2018 – Miroslava Svolikova: europa flieht nach europa, Burgtheater Wien / Deutsches Theater (Box) Berlin (Regie: Franz-Xaver Mayr)

Von Sascha Krieger

Die Geburt Europas aus dem Widerspruch: So hebt Franz-Xaver Mayrs Uraufführung des Stücks von Miroslava Svolikova an: Die Titelfigur, verkörpert von der großäugigen, von zur Eingeschnapptheit neigendem Pathos erfüllten Dorothee Hartinger, erscheint im Hof eines abstrakten und sich in alles zu verwandeln fähigen griechischen Tempels, komplett in Toga und erzählt ihre Geschichte. Ja, die von der Entführung durch den in einen Stier verwandelten Zeus. Aber mit einer Wendung: Nicht gewillt sich dem patriarchalen Recht des Stärkeren zu unterwerfen, tötet sie den Entführer und entwirft die Vision eines neuen Landes, eines neuen Kontinents, die zu erschaffen sie jetzt antritt. Mit glutvoller Stimme beschwört sie den Gegenentwurf einer harmonischen Gesellschaftsutopie, für die sie „instantan mit meiner Liebe sorgen“ will. Das Problem: Ihre Toga ist blutverschmiert, in den Händen hält sie ein blutiges Bündel, womöglich Reste des erschlagenen. Die Idee Europa ist geboren aus einem Akt der Gewalt, das Blut bleibt an ihr kleben.

Ort der Uraufführung im Rahmen der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Ende der Geschichte(n)

Autorentheatertage 2018 – Simone Kucher: Eine Version der Geschichte, Schauspielhaus Zürich / Deutsches Theater (Box) Berlin (Regie: Marco Milling)

Von Sascha Krieger

Eigentlich kommt die Uraufführung von Simone Kuchers Text etwa drei Jahre zu spät. 2015 jährte sich der Völkermord an den im Osmanischen reich lebenden Armeniern zum 100. Mal. Zahlreiche Theaterarbeiten befassten sich damals mit dem Thema und nicht zuletzt mit der alles andere als unproblematischen Rolle des Deutschen Reichs, das bei seinem verbündeten nur zu gern mehr als  nur ein Auge zudrückte. Jetzt legen Kucher und ihr Uraufführungsregisseur Marco Milling eine Arbeit nach, die sich mit Verdrängungsmechanismen und der Kraft der Erinnerung befassen will – im privaten wie im öffentlichen Raum. Also konstruieren sie eine Familie armenischer Herkunft, in der über den Genozid nur abstrakt gesprochen und verheimlicht wurde, wie  sehr er sie selbst betraf. Es gibt eine erfolgreiche Geigerin und ihren Bruder – sie macht das Verdrängungsspiel nur zu gern mit, während er obsessiv nach Spuren sucht. Die Mutter schweigt und ist doch empört, wenn sich die Tochter als Amerikanerin definiert. Die Wurzeln werden nicht anerkannt, sind aber doch irgendwie wichtig. Natürlich ist es in der Folge die Tochter, die nicht mehr loslässt und Geheimnisse aufsürtr, die sich dann doch erstaunlich schnell und leicht ausgraben lassen.

Ort der Uraufführung im Rahmen der Autorentheatertage: Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

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Weit, weit weg

Autorentheatertage 2018 – Yael Ronen & Ensemble: Gutmenschen, Volkstheater Wien (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

„Du bist so weit, weit rechts von mir“, singt Katharina Klar über die Melodie von Hubert von Goiserns – darf man es sagen? – göttlichen „Weit, weit weg“ und zeigt ganz weit nach rechts, dort wo es wohl liegen mag, das neue, alte, sehr reale Österreich. Auch wenn sie das beim Gastspiel im Deutschen Theater Berlin tut, geht der Blick nicht mehr ins Leere. Der „rechte Rand“, er hat sich gefüllt und sitzt, man kann es nach den letzten Wochen nicht bestreiten, auch hierzulande längst in der Regierung. Verloren geht der Blick ins nicht Fassbare, hinaus, aus dem, was bis vor kurzem noch als „Mitte der Gesellschaft“ galt, als moralischer Wertekonsens einer offenen, aufgeklärten Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die dort, wo sie war, ein Loch hinterließ. Ein Loch, das dieser Abend am Ende sichtbar macht. Da geht in der Wiener Aufführung Yousif Ahmad über die Bühne. 30 Sekunden hat er, darf nichts tun oder sagen, denn er hat keine Arbeitserlaubnis. Um ihn, besser um seine Figur des Yousef, geht es in diesen etwa 80 Minuten, doch er selbst muss stumm bleiben. Beim Berliner Gastspiel dreht sich die Schraube noch ein bisschen weiter: Auch hier werden die 30 Sekunden heruntergezählt, doch die Bühne bleibt leer. Yousif Ahmad darf aufgrund seines laufenden Asylverfahrens Österreich nicht verlassen. Er hinterlässt eine halbminütige Leerstelle, mit der alles gesagt wäre.

Bild: © http://www.lupispuma.com / Volkstheater

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