Archiv des Autors: Sascha Krieger

Hexenwerk im Scheinwerferlicht

She She Pop: Hexploitation, Hebbel am Ufer (HAU 2), Berlin / Kampnagel, Hamburg / Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main / FFT Düsseldorf u.a.

Von Sascha Krieger

Ein Filmset als Schauplatz patriarchaler Fremdbestimmung weiblicher Körper: In ihrem neuen Abend gehen She she Pop dahin, wo es wirklich wehtut, in die vom männlichen Blick bestimmten Mechanismen der Unsichtbarmachung des alternden weiblichen Körpers, in das Narrativ der Menopause als Verfall, als Moment, ab dem die Frau ihre Relevanz verliert, ihre gesellschaftliche Rolle. „Hagsploitation“ hießen die Filme, in denen altwerdende ehemalige Filmstars als Bösewichte zurückkehrten, als Verwandte jener Hexen, die einst Sinnbild der unnütz gewordenen Frau waren. Von der „Hag“ zur Hexe ist es nicht nur sprachlich nicht weit – und dieser Abend durchmisst den kurzen Weg lustvoll, widerständig, ohne Rücksicht auf Spieler*innen und Zuschauer. „Wie sind wir in dieses Narrativ hineingeraten?“, fragen sie sich und sie tun es auf eine Weise, die in ihrer Dringlichkeit und Stringenz auch bei She she Pop ihres gleichen sucht. Diskursives Bildertheater könnte man nennen, was die Gruppe entspinnt. „Ich bin jetzt bereits für meine Nahaufnahme“, sagen sie eine nach der andere und bieten dem Publikum riesenhaft vergrößerte Bäuche, Vaginas, Münder oder Stirnfalten.

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Schwere (Wieder)Geburt

Musikfest Berlin 2020 – Robin Ticciati dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin mit Werken von Bartók und Beethoven

Von Sascha Krieger

Ein Saisoneröffnungskonzert ist immer etwas Besonderes. Man trifft sein Publikum nach zwei, drei Monaten wieder, setzt den Ton für die Spielzeit, akzentuiert die Schwerpunkte für die kommenden zwölf Monate. Ein Wiedersehen nach kurzer Abwesenheit, ein freundliches Hallo, ein gemeinsames Pläneschmieden. In diesem Jahr ist alles anders – auch beim Spielzeitauftakt. Da steht Chefdirigent Robin Ticciati in der langen Umbaupause plötzlich auf der Bühne und spricht zum ausgedünnten Publikum im großen Saal der Philharmonie, in dem die Abwesenheit noch immer die Oberhand hat. „Es ist der Beginn einer Wiedergeburt“, sagt er auf englisch, „einer Wiederauferstehung“. Und er spricht allen Anwesenden Mut zu: „Welchen Weg auch immer wir gehen, lasst uns ihn zusammen gehen.“ Es klingt wie eine Beschwörung, wie ein Festhalten an etwas Gewohntem, das noch unsicher ist. Dazu passen die beinahe Loriot-haften Slaptstickszenen in besagter viel zu langen Pause: Minutenlang gehen zwei Mitarbeiter durch die Stuhlreihen auf dem Pdium, legen Partituren auf die Pulte, ersetzen sie durch andere und jene wiederum durch dritte. All die Routine, all das Erlernte, alle Gewissheiten: Sie scheinen verschwunden. Die Selbstverständlichkeit des gemeinsamen Musikerlebnisses – sie muss erst wiedergefunden werden und das ohne die Sicherheit, dass sie sich bewahren lässt.

Robin Ticciati dirigiert das DSO beim Musikfest Berlin 2020 (Bild: Kai Bienert)

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Der Rest ist Schweigen

Musikfest Berlin 2020 – Die letzten beiden Konzerte in Igor Levits Beethoven-Zyklus

Von Sascha Krieger

Haydn und Mozart waren die Heroen des jungen Beethovens, klassiche Opulenz, weltbewegendes Drama zeichnen die werk auf dem Zenith des Bonners aus. Das lässt sich auch an seinen 32 Klaviersonaten beobachten. Mit einer Ausnahme: Es ist gerade diese Gattung, in der Beethoven am weitesten über den musikalischen Konsens seiner Zeit hinausgeht. So gewagt, so zuvor unvorstellbar ein Werk wie die neunte Symphonie erschienen sein muss – wenn es um die Suche nach einer neue musikalischen Sprache geht, sind es vor allem die späten Sonaten, die folgenden Komponist*innen-Generationen den Weg weisen – und sie nicht selten auch verunsicherten. Wenn Igor Levit am Ende seines Sonaten-Zyklus nun die letzten sechs in chronologischer Folge in zwei Konzerten spielt, ist das eine Entdeckungsreise zu Orten, die noch immer als unsicher, als rätselhaft, als ein wenig angsteinflößend gelten können. Der zum Teil radikale Bruch mit Hörgewohnheiten, überkommenen Strukturen, Grundregeln des Komponierens kann auch heute noch überfordern.

Igor Levit (Bild: Robbie Lawrence)

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Romantisch fühlend

Musikfest Berlin 2020 – Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko und Frank Peter Zimmermann spielen Werke von Berg und Dvořák

Von Sascha Krieger

Alban Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“, gewidmet der jung verstorbenen Manon Gropius, ist ein ungewöhnliches Werk: Es ist das erste Solokonzert, dem Arnold Schönbergs Zwölftontechnik zu Grunde liegt, aber es nutzt diese in einer Weise, dass immer wieder Reminiszenzen an tonale, ja romantische Musiktraditionen entstehen. Es denkt atonal, aber es fühlt romantisch. Das macht es zu einem der eingängigsten Werke seiner Art. Frank Peter Zimmermann ist ein überaus analytischer und zugleich äußerst empfindsamer Geiger, ein Meister der stillen Gefühle und der Zwischentöne. Dass es ihm das Berg-Konzert besonders angetan hat, ist daher sicher kein Zufall. Es ist Spannung in seinem Spiel, sein Klangfaden bei aller Sachlichkeit immer nahe am Zerreißen. Die zarte Schönheit des ersten Satzes, sie weiß bereits um die Katastrophe des zweiten, der Sehnsuchtsgesang fühlt den Abschied schon mit. Das Orchester agiert dialogisch, es bewegt sich mal im Hintergrund, mal auf Augenhöhe mit dem Solisten, im zweiten Satz nimmt es das Soloinstrument zuweilen auf, verschluckt es, bevor es wieder an die Oberfläche steigt. Das alles geschieht mit maximaler Transparenz, was es dem Solisten einfacher macht, zum Teil dieses klanglichen Gebildes zu werden.

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Stephan Rabold)

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Lebensdurchpulst

Musikfest Berlin 2020 – Der sechste Teil von Igor Levits Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Am Ende die Aria aus Johann Sebstian Bachs Goldberg-Variationen: eine Zugabe nicht und doch ganz von dieser Welt. Igor Levit erdet das schweben dieser Musik im Universellen, er gibt dem musikalischen Geiste einen Körper, er fragt sich, ganz vorsichtig zunächst, hinein, in diesen zuweilen stockenden, seinen Ort finden müssenden melodischen Fluss. Eine Meditation, welche die Zeit, die Welt nicht hinter sich lässt, sondern ganz aus ihr kommt. Damit bildet sie einen passenden Abschluss dieses sechsten Teils von Igor Levits Zyklus aller Beethoven-Sonaten im Ramen des diesjährigen Musikfests Berlin. Vier mittlere Sonaten, die Nummern 13 bis 16, stehen diesmal auf dem Programm und es wird ein ungemein lichtdurchfluteter, Leben atmender Vormittag in der Philharmonie.

Igor Levit beim Musikfest Berlin 2020 (Bild: Monika Karczmarczyk)

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Iphigenie im Call Center

Nach Euripides und Stefanie Sargnagel: Iphigenie. TRAURIG UND GEIL IM TAURERLAND, Volksbühne Berlin (Regie: Lucia Bihler)

Von Sascha Krieger

„Ihr seid nichts, ich bin alles“. Und: „Ich bin Goethe.“ Die weißen Hochzeitskleider haben sie abgeworfen, die fünf Iphigenien. Trauer muss Elektra tragen, aber das schwarz steht auch der Schwestern. Emazipatorisch ist es, aufgereiht stehen sie da im Dämmerlicht, einige mit den Füßen im Wasser, abgeworfen die Insignien patriarchaler Frauenbilder. Jetzt reklamieren sie die Welt für sich, die Hauptrolle in ihr – und sich selbst. Nicht Goethe definiert, wer Iphigenie ist oder zu sein hat, sie selbst tut es. Widerstand ist zwecklos. Plakativ ist das Schlussbild dieses Abends, der eigentlich gerade nicht auf Goethes Bearbeitung basiert und sie, die die Rezeption der Figur im deutschsprachigen Raum so geprägt hat, natürlich stets mitdenkt. Es ist Euripides‘ Drama, das im ersten Teil des Abends die Grundlage bildet. Oder vielleicht eher einen Steinbruch, aus dem das Material zusammengesammelt wird, das dann eine neue Skulptur entstehen lässt, eine matriarchale, widerständige oder vielleicht einfach nur zerstörende.

Bild: Katrin Ribbe

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Keine Notlösung

Musikfest Berlin 2020 – Marco Blaauw und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Vladimir Jurowski mit Werken von Strauss, Saunders und Beethoven

Von Sascha Krieger

Die Erstellung von Konzertprogrammen ist für Orchester derzeit eine besonders schwierige Aufgabe. Aufgrund der Corona-Regeln müssen Besetzungen reduziert werden, so manches werk lässt sich derzeit gar nicht spielen, andere mit deutlich weniger Musikern als gewohnt. Das zweite Konzert des RSB beim diesjährigen Musikfest Berlin ist ein gutes Beispiel, wie sich aus der Not eine Tugend machen lässt. Das Programm ist eine gute Mischung: Los geht es mit einem Werk für 23 Solostreicher, danach kommt ein rein solistisches Werk, gefolgt von drei Stücken für vier Posaunen. Am Ende steht eine klassische Symphonie – gespielt mit einer Streicherbesetzung, die sich an die Aufführungspraxis der Entstehungszeit anlehnt und es gleichzeitig erlaubt, die Abstandsregeln auf der Bühne der Philharmonie einzuhalten. Aus dem „Notprogramm“ wird eine Entdeckungsreise, die es so sicher nie auf ein Konzertprogramm geschafft hätte, ihre Berechtigung aber mehr als nachzuweisen im Stande ist.

Vladimir Jurowski (Bild: Robert Niemeyer)

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Kontrastreich

Musikfest Berlin 2020 – Der fünfte Teil von Igor Levits Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Wer Igor Levit und vor allem seine Beethoven-Interpretationen kennt, weiß, dass der in Berlin lebende Künstler ein musikalischer wie emotionaler Tiefenschürfer ist, ein Neugieriger, der Partititur und Gefühl nicht trennen man, sondern in beiden eine Symbiose sucht, die sein Spiel oft so aufregend und manchmal auch etwas unberechenbar macht. Dass er zuweilen auch anders kann, zeigt er im fünften Teil deines Zyklus der Klaviersonaten Ludwig van Beethovens im Rahmen des Musikfests Berlin. Drei frühe und eine Mittlere – die Nr. 18 Es-Dur op. 31, 3, alias „Jagdsonate“ – stehen auf dem Programm und er nimmt sie mit der gleichen Lebendigkeit, dem gleichen rythmischen Drang, dem gleichen Hang zu pronocierten Kontrasten, Wechseln und Brüchen, dass die meisten der insgesamt 15 Sätze zu einer eher einheitlichen Masse behender Lebhaftigkeit und plastisch ausgeformter Musikalität vereinen. Das beginnt bei der Nr. 2 A-Dur op. 2, 2, Haydn gewidmet und durchaus am Vorbild orientiert. Das klingt vor allem in den gesanglichen Passagen etwa des Kopfsatzes durch, die trotz der körperlichen Ausformung der Noten beinahe etwas Museales verströmen. Ansonsten rast Levit durch die Partitur, als gäbe es kein Morgen. Das hat viel Zug, vor allem in den Ecksätzen, eine menge Facetten und stebt oft in die Extreme. Etwa im zweiten Satz, den der Pianist so fragmentarisch interpretiert, dass er zwischenzeitlich zu zerfallen droht, mit stark betontem Wechselschritt der hohen und tiefen Noten und brutal hereinfahrenden Verdunkelungen.

Igor Levit (Bild: Robbie Lawrence)

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„Für immer“

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern, Berliner Ensemble (Regie: Laura Linnenbaum)

Von Sascha Krieger

Er kommt spät in Gang, dieser Eröffnungsabend, dieser Neustart am Berliner Ensemble, dieses Hineinspielen in die leere, das gelichtete Parkett, die vielen Lücken. Mi einem Stück, einer Romanadaption, in der es selbst um Lücken geht, um Verlorenes, um – im Gegensatz zu den entfernten Sitzreihen am Schiffbauerdamm – Unwiderbringliches. Die syrische Revolution steht im Mittelpunkt von Olga Grjasnowas Geschichte, von ihr selbst für die Bühne übertragen. Ihre Anfänge, ihre Scheitern, ihr Nachwirken. Es geht um die angehende Schauspielerin Amal, ihren Kommilitonen und späteren Freund Youssef und den in Paris lebenden und plötzlich in Syrien festsitzenden Arzt Hammoudi. Drei Prototypen von menschen, die in die Ereignisse hineingeworfen wurden, ein Aktivist, eine verliebte, freiheitsliebende anfängliche Mitläuferin, einen außenstehende, der sich irgendwann gezwungen sieht sich zu positionieren. Man merkt den Figuren ihre Zeichenhaftigkeit ab, ihren Zwang, für etwas, eine Haltung zu stehen. Das macht den Abend zunächst so schwergängig. Cynthia Micas, Armin Wahedi und Marc Oliver Schulze (hinzu kommt Oliver Kraushaar als Autoritätsfigurspieler vom mahnenden Vater bis zum still zynischen Geheimdienstgeneral) mühen sich redlich und zunächst eher vergeblich, ihren Protagonist*innen eine dritte Dimension zu verleihen.

Bild: JR Berliner Ensemble

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„Theater der Trance“

René Pollesch: Melissa kriegt alles, Deutsches Theater, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Nein, wer Melissa ist und was sie alles bekommt, erfahren wir in diesen 90 Minuten nicht. Wer sinch an den Stücktiteln von Pollesch-Abenden festhält, hat eh meistens verloren. Und so ist der Brief, dem die ersten Worte Kathrin Angerers, gesprochen noch hinter der weißen Vorhang-Gardine, gelten und der die titelgebende Aussage entält, schnell vergessen. Er ist ein Zitat, ein Überbleibsel des solche Trigger bedingenden Handlungstheaters, das Pollesch schon lange hinter sich gelassen hat und das er hier mal wieder genüsslich seziert. Der Brief als Handlungstreiber – er darf mit auf den Komposthaufen nicht benötigter Theatertropen. Auch wenn es mit allerlei russisch anmutenden Garderobenelementen – Fellmützen- und -mäntel spielen eine wesentliche Rolle anmutet, als wäre wir bei Tschechow oder zumindest Gorki: Der Fluchtpunkt dieses abends heißt Brecht. Es ist sein Vorhang, der zu Beginn aufgeht und wiederholt thematisiert wird, sein Theater, um das sich die Gesprächsschleifen immer wieder drehen und zu dem sie stets zurückkommen. Und es ist seine Frau, Helene Weigel, welche die zwei Themenkomplexe des Abends, so man von solchen sprechen kann, zusammenfügt: das Theater und die Revolution.

Bild: Arno Declair

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