Archiv des Autors: Sascha Krieger

Dallas im Stahlwerk

Nach dem Film von Luchino Visconti: Die Verdammten, Berliner Ensemble (Regie: David Bösch)

Von Sascha Krieger

Theaterregisseur*innen stehen bekanntlich eher weniger im Ruf, lernfähig zu sein. Die eigene Werksicht gilt als sakrosankt, was Publikum und Kritik davon halten, interessiert meist nicht weiter. So kann es nach der Premiere vielleicht noch zu kleinen Anpassungen kommen , größere Eingriffe sind so selten wie vollständig bekleidete Ensembles in Castorf-Inszenierungen. Und kommt es dann doch wie im Fall von Les Misérables des angesprochenen Regisseurs zu massiven Straffungen – in diesem Fall etwa eine ganze Stunde – wirft der Großmeister halt trotzig eine gegenüber der Premiere noch mal längere Fassung hinterher. Infofern ist es David Bösch hoch anzurechnen, seine Adaption von Luchino Viscontis Film Die Verdammten nach der von der Mehrheit der Kritiker*innen als zäh charakterisierten Premiere ziemlich radikal überarbeitet zu haben. Von den 130 Minuten sind nurmehr gut 90 übrig geblieben. Neben einigen Szenen (etwa der Bücherverbrennung) blieben die Zwischenspiele mit vier jeweils als Dienern, Studenten oder SA-Leuten auftretenden Jungdarstellern ebenso auf der Strecke wie die per Video eingespielten Versuche, die Fortwirkung des Nazi-Erbes in der jungen Bundesrepublik aufzuzeigen. Kurz: Alles, was die Anschlussfähigkeit von Viscontis Erzählung von der Perversion der Macht und der Kumpanei zwischen Wirtschaft und Totalitarismus ins Heute behauptete, fiel der Schere zum Opfer – und damit ein wesentlicher Kritikpunkt vieler Rezensionen.

Bild: Matthias Horn

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Wogende Welten

Sir Simon Rattle dirigiert die Staatskapelle Berlin

Von Sascha Krieger

Er ist wieder hier. War nie wirklich weg. Hat sich nur… ok, lassen wir das. Natürlich wird der erste Auftritt eines Dirigenten, der über lange Jahre nachhaltig die Musikszene der Stadt geprägt hat, nach Ende seines offiziellen Engagements, besonders aufmerksam beobachtet. Und interpretiert. Dass Sir Simon Rattle, der neugierigste und enthusiastischste aller dirigierenden Musikvermittler, an die man sich in Berlin erinnern kann, für sein ersten Dirigat nach seiner Zeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker am Pult eines anderen Orchesters steht und noch dazu in einem anderen Saal (die Philharmonie beehrt er am zweiten Abend mit gleichem Programm), ist sicher kein Zufall, zu sehr ist der Brite Marketing- und PR-Profi. Die Staatsoper, geleitet von dem mit ihm und „seinem“ Orchester eng verbundenen Daniel Barenboim, war lange sein zweites Zuhause – dass er hier seine Rückkehr feiert, ist vielleicht Zeichen der neu gewonnenen Unabhängigkeit, mehr aber noch Ausdruck der engen Verbundenheit mit dieser Stadt, die längst auch und weiterhin die seine ist. zumal er hier, Unter den Linden, noch etwas zu erledigen hat. Leoš Janáček, einer der autonomsten, eigenwilligsten Komponisten der Moderne, hat es ihm angetan. Zwei seiner Opern hat er an diesem Haus schon geleitet – warum also sollte er sein Konzert-Comeback nicht mit einem Werk des Tschechen bestreiten?

Sir Simon Rattle (Bild: Stephan Rabold)

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Die Kreisenden

Clemens Meyer: Die stillen Trabanten, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

„Nachtgestalten“: So heißt ein Film Andreas Dresens aus dem Jahr 1999. Episodenhaft erzählt er Geschichten von Menschen, die im Dämmerlicht der dunklen Stunden einander begegnen, sich am Leben versuchen und an ihm scheitern. Schattenwesen, Einsame, Suchende. Nachtgestalten sind auch die Menschen, die Clemens Meyers Erzählungsband Die stillen Trabanten fast 20 Jahre später bevölkern, Bewohner*innen der dunklen Seite der Gegenwart, die wie immer bei Meyer eine dediziert ostdeutsche ist und sich nie von der Vergangenheit trennen lässt. Da ist der Lokführer, der gern in der Stille der Nacht fährt und auf einen Selbstmörder trifft, die einsamen Frauen, die einander in einem Bahnhof begegnet, der Wachmann, der sich einst eine Bewohnerin eines von ihm bewachten Wohnheims verliebte, der durchs leben Irrende, der auf eine Frau trifft, die sich nach ihrem toten Enkel sehnt, der Imbissbudenbesitzer, der in eine muslimische Ehe gerät und in so viel mehr. Meist ist es die Vergangenheit, die die Figuren im Griff hat, immer die Angst vor der Zukunft, die Überzeugung, keine verdient zu haben. Zurückgelassene und sich (und einander) zurücklassende. Streuner der Nacht.

Bild: Arno Declair

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Wenn Elektra Gollum trifft

Elias Geißler, Josefin Fischer: Core of Crisis!, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Elias Geißler, Leonie Volke)

Von Sascha Krieger

Ja, wo ist er denn, der Kern der Krise? Und welcher Krise eigentlich, wie Churchill fragen würde oder von wem auch immer das Zitat tatsächlich nicht stammt. An diesem Abend, dem neuesten Streich der Überlebenskünstler von P14, dem Jugendtheater der Castorfschen-Volksbühne, das unter dessen Nach-Nachfolger irgendwie immer noch da ist, ist alles Krise. Wiße Plastikplanen hängen von der Decke machen die Bühne (Lais Castro Reis) zu einer art Albtraum Labyrinth innerer Welten, die krampfhaft versuchen sich nach außen zu kehren, Realität zu werden, die sie da drinnen längst sind. Eingeführt von Luzie Scheuritzel als der am wenigsten vertrauenswürdigen aller Erzählerinnen sehen wir eine Familie, optisch angesiedelt irgendwo zwischen Dreißigjährigem Krieg und Biedermeier (Kostüme: Lea Knippenberg und Pauline Wedler), deren Mutter (grandios: Mariann Yar) unter wahnhaften Vorstellungen zu leiden scheint, während der Vater (Lennart Webs) sich als manipulativer Patriarch entpuppt. Hinzu kommen die Zwillingen Ophelia und Amor (gespielt mit brachial-nuancierter Körperlichkeit von den Wandelbarkeits-Virtuos*innen Marie Tragousti und Sammy Scheuritzel), die sich gerade in einer irrwitzig schönen Szene dabei beobachten ließen, wie sie ihren Weg aus der ersten (dem Mutterleib) in die zweite Welt – die Familienhölle – fanden.

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Die Stunde der Stars

Festkonzert 120 Jahre Deutsche Grammophon mit Staatskapelle Berlin, Manfred Honeck, Anne-Sophie Mutter und Lang Lang in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Sie gilt als das älteste Schallplattenlabel der Welt: 1898 von Emil Berliner, dem Erfinder des Grammophons gegründet, schrieb die Deutsche Grammophon Kulturgeschichte. Das heute zum Medienkonzern Universal gehörende Label gilt bis heute in der Klassikwelt als „Goldstandard“ in Bereichen wie künstlerischer Qualität, Aufnahmetechnik und Produktinnovation. Dass etwa die CD so schnell im Klassikbereich Fuß fasste, war maßgeblich DG-Star Herbert von Karajan und der Unterstützung durch sein Label zu verdanken. Bis heute ist es der Marke mit dem charakteristischen gelb-schwarzen Logo trotz zunehmend Tonträger-loser Musikrezeption und Orchester-eigener Labels gelungen, Synonym für qualitativ hochwertige klassische Musik zu bleiben. Das ist Grund genug, auch einen nicht ganz so runden Geburtstag wie den 120. zu feiern. Zumal die Gelegenheit, mit Sonderkonzerten und vor allem speziellen Editionen Aufmerksamkeit zu generieren und Geld zu verdienen, keine unwesentliche Motivation gewesen sein mag.

Anne-Sophie Mutter, Manfred Honeck und die Staatskapelle Berlin beim Festkonzert 120 Jahre Deutsche Grammophon (obs/Universal Music Entertainment GmbH/Stefan Höderath)

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Seht, ein Mensch!

Nach dem Roman von Ágota Kristóf: Das große Heft, Staatsschauspiel Dresden (Regie: Ulrich Rasche)

Von Sascha Krieger

Ulrich Rasche ist ein anstrengender Regisseur. Für seine Spieler*innen (wobei weibliche Darstellerinnen bei ihm meist fehlen) wie für sein Publikum. Er stellt sein Personal, das kennt man mittlerweile, auf sich ständig bewegende Konstruktionen, Laufbänder etwa oder Drehscheiben. Wollen sie nicht herunterfallen, müssen sie unaufhörlich in Bewegung bleiben. Der Zuschauer dagegen muss die Konzentration wahren, trotz zuweilen fast vier Stunden monotonem Einheitsrhythmus. Bei Rasche trifft Mensch auf Maschine, muss sich letzterer anpassen, quasi selbst zu einer werden, um überleben zu können. Dass dieser Regisseur einmal Ágota Kristófs abstrakte Anti-Kriegsparabel Das große Heft auf die Bühne bringen würde, war abzusehen, erzählt die Schweizerin ungarischer Herkunft doch von einem kindlichen Zwillingspaar, das sich nach behütetem Kindheitsbeginn in einer lebensfeindlichen Kriegssituation wiederfindet, sich dieser anpasst, in dem es sich gegen den Schmerz, den physischen wie den psychischen, abhärtet, zu töten lernt und um jeden Preis zu überleben. Kristóf, die das Französische stets als feindliche Sprache empfand, erzählt die Geschichte aus Sicht der namenlosen Brüder, als ihre Aufzeichnungen im titelgebenden großen Heft.

Bild: Sebastian Hoppe

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Der Zeitvertreiber

Der Lebenslauf des Boxers Samson-Körner. Erzählt von ihm selber, aufgeschrieben von Bertolt Brecht, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Dennis Krauß)

Von Sascha Krieger

Leicht ist es nicht, sich in der Berliner Theaterszene abzuheben, sein eigenes Profil zu finden, seinen, wie man es heute nennt, Markenkern zu finden. Das Berliner Ensemble tut sich seit seinem Neustart unter Intendant Oliver Reese nicht ganz leicht damit. Autorentheater will es sein und verschmäht doch zumindest die deutschsprachige Gegenwartsdramatik zu großen Teilen. Die Zusammenarbeit mit Moritz Rinke etwa wurde beendet, bevor sie ein Ergebnis gezeitigt hatte – Rinke bringt sein neues Stück jetzt nebenan am Deutschen Theater heraus. Überhaupt das DT: Nicht nur Reese kommt von dort, auch sein Hausregisseur Michael Thalheimer war dort schon in gleicher Funktion, und das Autorentheater hat sich Hausherr Ulrich Khuon auch schon mit den Autorentheatrtagen reklamiert. Trotz so mancher starker Inszenierung: Eine eigene Handschrift ist bislang kaum erkennbar. Mit einer klitzekleinen Ausnahme: Das BE ist derzeit in Berlin der Ort für Einpersonenstüpcke. Drei hat Reese übernommen, zwei vom eigenen Frankfurter Haus, eines aus Wien, eines kam neu hinzu. Bettina Hoppe, Stefanie Reinsperger, Stefanie Eidt und Nico Holonics (er mit seiner Blechtrommel gar auf der großen Bühne) durften bereits ran – jetzt ist Oliver Kraushaar an der Reihe. Und wie es sich für das BE gehört,  mit Brecht. Zumindest irgendwie.

Bild: Matthias Horn

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Musik, die Leben rettet

Gustavo Dudamel dirigiert Bernsteins erste und Schostakowitschs fünfte Symphonie bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Manchmal fällt es dem dauerskeptischen Konzertgänger und stirnrunzelnden Kritiker leicht zu vergessen, was ihn einst in den Konzertsaal zog. Da doziert er (mal mehr, meist weniger) schlau über Klangbilder und Interpretationsansätze, bemäntelt sein seltenes schwelgen in pseudo-objektiver Überlegenheitslyrik und freut sich darüber, wenn er das Konzept eines Dirigenten (es sind ja doch fast immer noch Männer) zu durchdringen oder – besser noch – seine Ideenlosigkeit zu entlarven glaubt. Und dann sitzt er bequem mit wissender Miene in dem Zuschauerstuhl und weiß nicht, wie ihm geschieht. weil das, was er hört, ihn mit einer Unmittelbarkeit anfasst, von der er sich nur vage erinnern konnte, dass die Erwartung einer solchen ihn einst in Säle wie diesen geführt hat. Dabei deutet sich diese Art der Erfahrung vor der Pause bestenfalls an. Leonard Bernsteins Jeremiah  betitelte erste Symphonie steht auf dem Programm, ein Werk, das sich – wie Bernsteins gesamte Symphonik – mit dem menschlichen Ringen um den Glauben befasst.

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Gustavo Dudamel (Bild: Adam Latham)

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Im Raum der Klänge

360 Grad Wiener Philharmoniker: ein immersiver Konzertabend mit Werken von Staud, Cage und Schönberg

Von Sascha Krieger

Zu den zahlreichen Dingen, die man gemeinhin den Wiener Philharmonikern nachsagt, gehört gesteigerte Innovationsfreude eigentlich nicht. Die Wiener, Großmeister des Schönklangs, gelten als vergleichsweise konservatives und überaus traditionsbewusstes Orchester. Eines, das erst dann mit der zeit geht, wenn es nicht mehr anders möglich ist. Eigenwillig ist der Klangkörper, der es als einziges Spitzenorchester konsequent ohne Chefdirigenten aushält, ohnehin. Da erscheint es schon als ein bewusst gesetztes Zeichen, wenn er zum Auftakt einer Hommage (selbst ja ein eher rückwärtsgewandtes Format) im Berliner Konzerthaus mit einem überaus ungewöhnlichen Abend aufwarten. Das angehimmelte Großorchester war seinen Zuhörer*innen wohl noch nie so nah: Die Musiker*innen sitzen verteilt inmitten des eigentlichen Zuschauerraums, das Publikum um sie herum, neben ihnen, einige mittendrin. „360 Graf“ nennen es die Macher*innen, es erinnert an das „Mittendrin!“-Format des ehemaligen Konzerthausorchester-Chefs Iván Fischer. Auf Augenhöhe begegnen sich Musiker*innen und Publikum, dazu passt auch, dass es keinen Dirigenten gibt. Konzertmeister Reiner Honeck, selbst ein Taktstock-Veteran, ist der Primus inter pares.

Die Wiener Philharmoniker beim 360-Grad-Konzert im Konzerthaus Berlin (Bild: Markus Werner)

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Ansteckungsgefahr

Gustavo Dudamel dirigiert Mahlers fünfte Symphonie bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Leonard Bernstein wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Anlass genug, sein zwischen den musikalischen Welten wanderndes, gerade in Deutschland mit seiner U- und E-Obsession lange schwer verdautes Oeuvre wieder auf die Konzertpodien und Bühnen dieser Welt zu bringen – von denen es fairerweise nie verschwunden war. Und weil Bernstein nicht nur ein wichtiger Komponist, sondern auch ein vielleicht noch bedeutenderer Dirigent war, zweifellos einer der einflussreichsten des vergangenen Jahrhunderts, ergibt das Programm, das sich Gustavo Dudamel für die erste von zwei Konzertserien mit den Berliner Philharmonikern – mit denen er auch sogleich auf Tour gehen wird – ausgesucht hat, jede Art von Sinn. Bernsteins dem 100. (!) Jubiläum des Boston Symphony Orchestra gewidmetes Divertimento paart er mit Gustav Mahlers fünfter Symphonie. Bernstein war es, der Zeit seines Lebens Partei für Mahler ergriff, ohne ihn hätte es dessen Wiederentdeckung vermutlich nie gegeben, ohne ihn wäre die Musik des kosmischten aller Komponisten heute nicht Kernrepertoire in allen Konzertsälen unserer Welt. Bernstein gilt bis heute als führender Mahler-Interpret – dass der Venezolaner das auch gern täte, ist auch an diesem Abend zu spüren.

Gustavo Dudamel dirigiert Mahlers fünfte Symphonie (Bild: Stephan Rabold)

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