Neue Stimmen

Das Theatertreffen 2016 feiert die Vielfalt

Von Sascha Krieger

Es ist eines der beliebtesten Rituale im deutschsprachigen Theaterbetrieb: Kaum sind die Nominierungen für das Theatertreffen bekanntgegeben, lässt sich genüsslich schimpfen und kritisieren. Natürlich ist auch 2016 keine Ausnahme: Favorisierte Inszenierungen und hochgehandelte Namen fehlen, die freie Szene ebenso und auch die „neuen Länder“ glänzen allein durch Abwesenheit. Das Stadt- und Staatstheater feiert fröhliche Urständ und sitzt so fest im Sattel wie lange nicht mehr. Und die wenigen Häuser, die konsequent die Realität einer multimedialen und zunehmend virtuellen Wirklichkeit aufnehmen und sich an ihr reiben, wie etwa das Theater Dortmund, wurden erneut ignoriert. Die Auswahl der zehn Inszenierungen lässt sich aus unterschiedlichsten Blickwinkeln kritisieren und zumeist mit einigem Recht.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

Und dich sollte das alles nicht davon ablenken, dass dies ein durchaus bemerkenswerter Jahrgang geworden ist. Da ist  die ästhetische Vielfalt, die vom Schauspielertheater Daniela Löffner bis zum grellen Dadaismus eines Herbert Fritsch reicht. Es gibt sehr Politisches und sehr Privates, Recherchetheater und L’art pour l’art, Vergangenheit und das Hier und Jetzt. Kleinere Theater sind vertreten, die sonst kaum im Fokus stehen: jene aus Kassel und Karlsruhe etwa. Die Hälfte der Regisseurinnen sind weiblich und sechs von zehn das erste Mal dabei – ein Trend, der sich von 2015 fortsetzt. Die Jury, der man so oft vorwirft, immer die gleichen Namen einzuladen, sucht auch 2016 nach dem Neuen, den frischen Theaterstimmen, den anderen Blickwinkeln.

Dabei ist eine erstaunliche Mischung gelungen, ein breites Spektrum, wie man es beim Theatertreffen nur selten findet. Und die den geneigten Theaterexperten vor eine Wahl stellt: Er kann die Abwesenheit eines Castorf oder Thalheimer beklagen, kann bedauern, dass es die freie Szene nicht geschafft hat, dass der Osten nicht vertreten ist. Oder er kann sich einlassen auf das farbenreiche Kaleidoskop unterschiedlichster Perspektiven auf gesellschaftliche Umbrüche – wirklich unpolitisch ist keine der eingeladenen Inszenierungen – kann sich freuen auf Bekanntes wie neues, auf ungewöhnliche Perspektiven und, ja, auch das ist erlaubt, ein wenig Spaß. Die deutschsprachige Theaterlandschaft ist eine der vielfältigsten, wenn nicht die vielfältigste der Welt. Das Theatertreffen 2016 repäsentiert diese Vielfalt wie lange keines mehr. Und ist eine Feier der Vielfalt in dieser Zeit nicht genau das richtige Signal? Das Signal eines Theaters, das der Gesellschaft nicht aus dem Weg geht, sondern sie auf unterschiedlichste Weise hinterfragt und ihr, wenn nötig, auch einmal ans Bein pinkelt. Dem Theatertreffen könnte Schlimmeres passieren.

Die eingeladenen Inszenierungen im Überblick

Nach Texten von Konrad Bayer: der die mann / Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin, Regie: Herbert Fritsch

Clemens Sienknecht und Barbara Bürk nach Theodor Fontane: Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie /Deutsches Schauspielhaus, Hamburg, Regie: Clemens Sienknecht und Barbara Bürk

Henrik Ibsen: Ein Volksfeind / Schauspielhaus Zürich, Regie: Stefan Pucher

Nach Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman / Burgtheater im Akademietheater, Wien / Wiener Festwochen / Theater Basel, Regie: Simon Stone

Nach Josef Bierbichler: Mittelreich / Münchner Kammerspiele, Regie: Anna-Sophie Mahler

Schiff der Träume. Ein europäisches Requiem nach Federico Fellini / Deutsches Schauspielhaus, Hamburg, Regie: Karin Beier

Yael Ronen und Ensemble: The Situation / Maxim Gorki Theater Berlin, Regie: Yael Ronen

Hans-Werner Kroesinger: Stolpersteine Staatstheater / Staatstheater Karlsruhe, Regie: Hans-Werner Kroesinger

Ersan Mondtag: Tyrannis / Staatstheater Kassel, Regie: Ersan Mondtag

Brian Friel nach Iwan Turgenjew: Väter und Söhne / Deutsches Theater, Berlin, Regie: Daniela Löffner

 

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