Die Welt ist ein Horrorhaus

Nach Sophokles: Antigone und Ödipus, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Die Familie als Schoß allen Übels. Am Deutschen Theater spürt Sebastian Hartmann in seiner Ibsen-Strindberg-Heine-Collage Gespenster gerade den dunklen Abgründen dieser essenziellsten aller sozialen Einheiten nach, (fast) nebenan am Gorki tut Ersan Mondtag in seiner ersten Regiearbeit in seiner Heimatstadt Ähnliches. Schon in seinem gefeierten – und geschmähten – Theatertreffen-Debüt Tyrannis entwickelte er ein dystopisches Schauermärchen aus der Erstarrung familiärer Rollen- und Machtverhältnisse heraus. Da ist der Schritt zur vielleicht dysfunktionalsten aller Familien der Literaturgeschichte, den Labdakiden (ja, der Atriden-Clan um Agamemnon und Co. ist ein würdiger Rivale) nicht weit. Ödipus, der als Säugling verstoßene Königssohn, der alles richtig machen will und gerade dadurch zum Vatermörder und Mutterschänder wird, seine Söhne, die sich im Machtkampf gegenseitig töten, die Schwester, die um der Brüder und der Tradition willen das Gesetz des Onkels missachtet: Sie alle presst der Regisseur in gut 90 Minuten, legt sie unter ein Mikroskop, das das Kleinste, Lächerlichste vergrößert und plötzlich zum bitter-fatalisten Gesellschaftsbild aufpumpt.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

Denn natürlich sind Ödipus, Kreon, Antigone und Co. keine „einfache Familie“, sie sind Gesellschaft, Staat, Welt. Das macht Mondtag schon in seiner Eröffnungsszene deutlich: Da unterbricht Orit Nahmis ihren Kollegen Yousef Sweid, als dieser gerade Eteokles‘ Ansprache an das thebanische Volk deklamieren will, übernimmt seine Worte und fordert die Rolle für sich ein. Der Bruder, der Anspruch auf die Herrschaft reklamiert und dafür den anderen kleinzuhalten, auszustoßen versucht, beginnt als witziger Sandkasten-Zank und wächst schnell heran zum israelisch-palästinensischen Konflikt, der sich genau aus Argumenten der Marke „Wir haben mehr  Anspruch auf dieses Land als ihr“ speist, führt zu kollektiven Schulddebatten und der düsteren Prophezeiung, am Rande des dritten Weltkriegs zu stehen. Wie rasant sich aus einem Kindergarten-Streit eine Weltkrise entspinnt, ist urkomisch (und natürlich eine kleine Hommage an die interkulturellen Diskursdramen des Gorki Theaters) und erschreckend zugleich.

Was für den Abend insgesamt gilt. Nach dem Vorspiel geht der Eiserne Vorhang hoch und gibt den Blick frei auf eine andere Landschaft des familären Schreckens: Alfred Hitchcock inzestuös eingefärbter Horrorklassiker Psycho stand Pate für Julian Wolf Eickes und Thomas Bo Nilssons Gothic-Ensemble aus schäbig weißer Motelfront-Miniatur in Vordergrund und einem sich später als Sarg entpuppenden ominösen mit einer sich verjüngenden und emporschlängelnden Treppe verbundenen Horrorhaus (dass beide weiß sind, ist in Zeiten von Donald Trump natürlich auch kein Zufall). Nebel wabert, sophokläische Sätze werden deklamiert, die Labdakiden sind tattrige Greise in pinken Roben (Kostüme: Josa Marx), Wiedergänger, Untote, einer sich längt zu Trage getragen habenden Untoten-Gesellschaft, ermüdet an sich selbst, erschöpft ob der ständigenNotwendigkeit sich aufrecht- und am Leben zu erhalten. Soundeffekte und große Bildmalerei zaubert ein Schauermärchen auf die Bühne, das sich seiner eigenen Inszeniertheit stets bewusst ist und zuweilen in die lächerlich machende Verkleinerung des Slapstick kippt. Das Erhabene und das Lächerliche sind Brüder, die sich bekriegen und sich doch als Symptome der gleichen Krankheit erweisen.

Und so pflügt der Abend durch die Ödipus-Geschichte, schaut dem umwerfenden Benny Claessens dabei zu, wie er als Heilsbringer und Führer scheitert, wie ein riesenhaftes Kleinkind durch eine Welt schwankt, in die er nicht gehört und zuletzt, nach seinem Ende wie ein die Scheinheiligkeit der Welt entlarvender Narr die überlebenden Zombies heimsucht, die sich längst wieder im aseptischen Innenraum verschanzt haben, um die Außenwelt draußen zu halten, was natürlich nicht gelingt. Geist-Ödipus singt, nichts sei ungeheurer als der Mensch und treibt die panisch schlotternde, untote sieche Gesellschaft hinaus. Dorthin, wo Antigone wartet, die an diesem Abend nicht auftritt, sondern Symbol bleibt. „Antigone. komm!“, ruft der Chor, „Wir machen und Sorgen“ und „Rette unsere Stadt!“ Die ermüdete, gelähmt Gesellschaft gebiert den Wunsch nach starker Hand, nach dem Führer, der das Volk zurückführt zu imaginierter Größe, der einfache Lösungen hat, der reinigt und klärt und ausstößt. Die Gesetzesverweigerin aus Gewissensgründen Antigone mutiert hier zur populistischen Führerfigur – eine kühne und doch erschreckend stringente Setzung.

Und so landet der grell überzogene Rauschebart-Archaismus mit seiner formstrengen Abstraktion und seiner metatheatralen Gespieltheit krachend im Heute – bei Trump, AfD und Le Pen, bei Demokratiemüdigkeit und der Weigerung, die Komplexität der Welt anzuerkennen, bei der Rache der vermeintlich Vergessenen. Doch nicht ohne eine letzte Wendung. Da will der gefallene Eulenspiegel Ödipus sich selbst zu Grabe tragen, entdeckt im Sarg das Baby, das er einst selbst war und telefoniert, jetzt als Benny Claessens, mit der Mutter. Eine Theaterverweigerung, ein subversiver Regelbruch, der sagt: wer zwingt uns eigentlich, dem vorgezeichneten Weg zu folgen, vor allem, wenn er in den Abgrund führt? Ein kleiner, stachliger Ausbruch am Ende eines Abends, der spannungsärmer ist als Tyrannis, mehr Patchwork auch, der die widerstreitenden ästhetischen Elemente gar nicht versöhnen will, Pathos und Farce sich reiben lässt. Ja, Ödipus und Antigone hat seine Unebenheiten, die eine oder andere Länge und vor allem in der ersten Hälfte ein wenig Leerlauf. Und doch entwickelt der Abend mit seiner gedanklichen Stringenz, seiner konzeptionellen Konsequenz und seiner ästhetisch ausgeformten Gedankenschärfe einen Sog, der dem von Tyrannis kaum nachsteht und in seiner analytischen Klarsichtigkeit zu erschüttern weiß. Weil er Fragen stellt: Warum sind wir noch immer nicht immun gegen autoritäre Heilsversprechen, wie und warum kommt dieser seltsam anachronistische Populismus immer wieder in die Welt? Wie stehen wir zum Regelwerk unserer Gesellschaft, welchen Wert hat das Gesetz und welchen Preis seine Nichtbeachtung? Wann dürfen, wann sollen wir es brechen? Fragen, die Jahrhunderte Antigone-Rezeption längst beantwortet zu haben glaubten und die Mondtag neu aufbrechen lässt. Hier ist nichts Antwort und alles Herausforderung – zum Nachdenken.

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