Die unerträgliche Länge des Moments

Susanne Kennedy und Markus Selg: ULTRAWORLD, Volksbühne Berlin (Regie: Susanne Kennedy)

Von Sascha Krieger

Irgendwo zwischen Kacheln und antiker Ornamentik sind die elemente angesiedelt, die das Portal bilden, auf das der Zuschauer zunächst starrt. Darin fließt und bewegt es sich wie in einem Ozean, einer Ursuppe, rot und lila und blau, bereit, daraus eine Welt entstehen zu lassen. Zuletzt musste man als Zuschauer*in ein solches Portal noch durchschreiten, um zur „Coming Society“, einer reichlich esoterisch angehauchten Gesellschaftsvision zu gelangen, nun darf man mehr oder minder bequem und zumindest gefühlt reichlich lang in den Volksbühnen-Sitzen verbleiben und passiver Zeuge einer Welterschaffung werden. Außer Kay Voges beschäftigt sich derzeit wohl keine andere deutschsprachige Theatermacherin so sehr mit der Frage, wie die digitalen Lebensrealitäten, in denen wir uns wiederfinden, nicht nur unsere Leben verändern sondern auch unser Menschsein. Kennedy hatte schon in früheren Arbeiten das Individuelle als Kern des Menschlichen hinterfragt und dekonstruiert – spätestens seit Women in Trouble interessiert sie primär die Vision einer Welt, in der Realitäten ebenso künstlich und produziert sind wie die Vorstellung eines Selbst. Dass das ins Esoterische zu kippen vermag, zeigte sie in Coming Society, einer Arbeit mit dem Künstler Markus Selg, mit dem sie auch jetzt wieder arbeitet.

Bild: Julian Röder

Und mit dem sie nicht weniger will, als das Konzept von Realitäten selbst zu befragen, eine zugegeben in vielen Bereichen von der Philosophie über die Physik bis hin zur medialen Praxis oder der Welt des Computerspiels in unterschiedlichsten Facetten immer wieder gestellte und alles andere als neue Frage. Kennedy und Selg nehmen, auch nicht übermäßig originell, die virtuelle Realität, also eine tatsächliche Wirklichkeitssimulation als Ausgangspunkt und Setting. Mit ausgiebig raunendem Geschwurbel aus dem Off wird als neue, alternative Weltschöpfung verkauft, was sich am Ende als Serie von ein paar Simulationsversuchen entpuppt, in denen sich Spieler Frank (Dercon-Überbleibsel Frank Willens mal ganz untänzerisch) in einer apokalytischen Welt dauerhaften Wassermangels wiederfindet, in der er die Nachbarn um Wasser für die doppelte Tochter bittet, doch diese ungeachtet dessen, ob er Wasser bekommt oder nicht, jedes Mal sterben. Kate Strong ist eine Art Spielleiterin, die denn auch immer wieder berichtet, dass es egal sei, welche Entscheidung man träfe, das Ergebnis sei nicht veränderbar. Ein „Test“ nach dem anderen wird durchlaufen, am Ende sind es sieben, entsprechend der Zahl der biblischen Schöpfungstage. Frank wird zunehmend frustrierter, will heraus, doch ihm wird gesagt: „The only way out is in“. Was das philosophisch-intellektuelle Niveau dieser knapp zwei Stunden recht präzise zusammenfasst.

Dabei ist die Dystopie knallbunt: Effektvoll spielen Kennedy und Selg mit virtuellen Dopplungen der „realen“ Szenerie, vermischen Video und Bühnenbild so geschickt, das nicht immer klar ist, was zu welcher Realität gehört, etwa welche der Kacheln physisch präsent sind und welche lediglich Ergebnisse geschickter Programmierung. Die Vermischung multipler Wirklichkeiten, die postpostmoderne Verunsicherung ob der Ununterscheidbarkeit physischer und virtueller Realität ist gut getroffen und bebildert – doch kann die erzählte Geschichte nicht Schritt halten. Was sich im Off als alternative, menschengemachte Schöpfungsgeschichte geriert, ist eben nur eine Folge eindeutig in die Grundbotschaft der Hilflosigkeit des Einzelnen im Maschinenzeitalter eingepasster Simulationssimulationen. Wobei reichlich mit Schauspiel- und Theatervergleichen gearbeitet wird, eine Figur tatsächlich mehrfach probt, kalkulierte Texthänger eingebaut sind und die Metapher des Spielen von Leben und Persönlichkeit, die alles „Authentische“ abgelöst habe, bis zur Ermüdung durchgehechelt wird. Da passt Kennedys Markenzeichen, die Schauspieler*innen lediglich die Lippen zu meist fremden Off-Stimmen bewegen zu lassen, wenigstens perfekt.

Bild: Julian Röder

Das ist fantastisch anzusehen, visuell überaus aufwendig und äußerst effektvoll. Eine Zeitlang kann sich der Zuschauer durchaus zu verlieren suchen im Spiel des „Realen“ und des „Virtuellen“. Bevor klar wird: das führt nirgendwo hin. Die Idee einer virtuellen, technikbasierten Weltschöpfung entpuppt sich mal wieder als Schreckensszenario, aus dem es keinen Ausweg geben, hinter der Ohnmacht und Abschaffung des Individuums steht ein eindeutiges Bedauern und ein fast naiver Wunsch zu einer Art Rückkehr. Am Ende öffnet sich die Szenerie, Frank, der zuvor einer zynischen sprechenden Sonne gegenüberstand, begegnet nun einer Art Weltsäule, ein buntes Überbleibsel aus Coming Society, ein mit dunkler Stimme sprechendes Illusionsinstrument einer Verbindung zu einem größeren Sinn. Dazu raunt es von Enden, die Anfänge seien und man von ersteren begänne. Die Welt, das Leben, das Menschsein als immerwährender Kreislauf. Alles, was wir haben, sei der Moment raunt es allwissend. Gut, dass der nach zwei langen Stunden endlich vorbei ist.

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