Wer eintritt, bleibt draußen

Susanne Kennedy und Markus Selg: Coming Society, Volksbühne Berlin (Regie: Susanne Kennedy)

Von Sascha Krieger

„You are the player.“ Theater hat ja auch etwas mit Erwartungshaltungen zu tun. Sie zu erfüllen, zu übertreffen gar oder ihnen auch zuwider zu laufen. Susanne Kennedys neue, gemeinsam mit dem bildenden Künstler Markus Selg entstandene Arbeit Coming Society spielt das Erwartungsspiel von Beginn an. Das beginnt damit, dass der Zuschauer zum Spieler, zum Mitspieler wird. Nach ein paar Minuten im Zuschauerraum wird er gebeten, die Bühne zu betreten, durch ein buntes, mit geometrischen Formen und verzerrten menschlichen Körperteilen bemaltes Tor, hinein in eine andere, virtuelle und zugleich plastisch und physisch reale Realität. Um ein Spiel geht es, erfahren wir schnell. Nicht irgendeines natürlich, sondern ein unendliches, eines, dessen einziges Ziel ist, weiterzugehen. „Welcome to the human game being played by nature“, raunt eine Stimme. Und will uns hineinholen in einen psychedelischen Parkours mit mehreren Stationen. In der Mitte die „Mother Station“, ein kreisrunder Raum, der statisch bleibt, während sich die Bühne erdengleich ohne Unterlass dreht. Darin die Weltachse, die „Axis Mundi“, irgendwann Ausgangspunkt eines rätselhaften schamanischen Rituals. Darum weitere Stationen: eine Pyramide, kuppelartige Räume, ein Tor, Mini-Bühnen. Ausgestaltet mit Motiven menschlicher Entwicklung, archaischen Zeichen, Naturszenen, kosmischen Motiven und allerlei Biologismen wie Skelettcollagen.

Bild: Julian Röder

Um Entscheidungen soll es gehen, erzählt die Frauenstimme aus dem Off, Entscheidungen, von denen abhängt, welcher Welt man anteilig wird. Entscheidungen, die andere Spieler beeinflussen. Doch schnell wird klar: Die einzige Entscheidung, die dem Zuschauer abverlangt wird ist, wo auf dieser Bühne er sich aufhält, wohin er geht, ob er sitzt, steht, läuft oder sich auch mal hinlegt wie ein übereifriger Premierenbesucher, der nahe dran ist, den Geburtstisch zu zerlegen. Doch sind diese Entscheidungen kaum von irgendeiner Konsequenz. Die „Szenen“ sind austauschbar, wiederholen sich, wandern wie die Textfetzen von Station zu Station, von Avatar zu Avatar. Die Spieler*innen sind „non-playable characters“, nicht spielbare, fixe Figuren einer Videospielwelt, deren Aufgabe es ist, die Handlung voranzutreiben. Nur gibt es hier eine solche eben nicht. Wie so oft bei Kennedy bewegen die Darsteller*innen nur ihre Lippen, die Stimmen kommen vom Band. Künstlich sind sie roboterhaft, sollen Schaman*innen darstellen, Heiler*innen oder Stalker und sind doch komplett austauschbar. In einer entmenschlichten Zukunft stecken wir, voller Maschinenmenschen, die wiederholen, was ihnen programmiert wurde, die feststecken in vorgegeben Routinen.

Doch soll das nicht laut Ankündigung eine positive Zukunftsvision sein, eine, in der sich Technologie, Natur und Spiritualität vereinen? Also taucht der Abend nach von jeglicher Realität entkleideten Dialogstückchen, Nietzschezitaten vom Übermenschen und religiösen Selbstaufgabepamphleten in einen Ritus, einen reinigungs- und Geburtsritus, vermutlich der Entstehungsvision eines neuen Menschen, de3r in der Lage ist, die drei erwähnten Säulen in Einklang zu bringen und zu einer Existenz zu finden, die sie eben nicht mehr gegeneinander ausspielt, in der Technologie der Partner, nicht der Feind der Natur ist. „Is it possible that we’re not real and we don’t even know it“, fragt die menschliche Stimme, die sich mit einer computerisierten abwechselt, einmal. Kanne es sein, meint sie, dass wir heutigen Menschen gar nicht mehr wirklich Leben, gefangen im virtuellen Scheinleben einer digitalen Pseudorealität? Die sich nur auflösen lässt, wenn man die Grundelemente, die Kennedy nennen lässt, zusammenbringt. Also bevölkern Roboter projizierte Wälder und meditieren sich ins Menschsein.

Darüber legt Kennedy schwebend sphärische Klänge, welche die Trancehaftigkeit der Anordnung noch weiter betonen. Denn mehr noch als bei früheren Arbeiten geht es ihr hier, um das, was sie unter Totaltheater versteht: eine physische wie spirituelle Erfahrung jenseits des Verstehens, man könnte es auch mit einem Modebegriff Immersion nennen. Der Zuschauer wird zum Subjekt, zum Erfahrenden, Erlebenden (sich?) Verändernden. Der Ritus gilt ihm, uns, die Heilung, die Reinigung, die Transformation. Doch hier liegt an diesem kaum 80-minütigen Abend die größte Erwatungsenttäuschung: Die Grundaussage von Coming Society, den Zuschauer zum Spieler zu machen, bleibt unerfüllt. Er bleibt Zuschauer, mehr noch als bei anderen, klassische Zuschauerraum und Bühne trennenden Arbeiten Kennedys. Bei denen sich die Vergemeinschaftung, die ihr vorschwebt, in gemeinsamem stillen Erleben, im sich Fallenlassen in den seltsam einlullenden und Assoziationsräume öffnenden, Vorstellungswelten Kennedys  zumindest andeutet. Das ziellose Umherirren, das Eintauchen und Heraustreten, das neugierige Hereingeschaue in weitgehend opake Weltminiaturen hat hier den gegenteiligen Effekt. Indem der Zuschauer hineintritt, bleibt er außen vor, indem er physisch Teil des Geschehens wird, bleibt er Betrachter, indem die vierte Wand fällt, multipliziert sie sich.

Denn die Besucher*innen sind eben nur passiv Zusehende. Eine Interaktion  findet nicht statt, eine Einbeziehung erst recht nicht und die einzige Entscheidung, die  zu treffen ist, ist: Stehenbleiben, Setzen oder Weitergehen? Von unendlich vielen möglichen Welten war am Anfang die Rede, die sich öffnen könnten, in einer ganzheitlich gedachten Zukunft. Doch hier sieht alles gleich aus, hat der Zuschauer die Wahl zwischen Beliebigkeiten. Sehe ich einem alten Mann beim seligen Meditieren zu, lasse ich mir etwas von einer Roboterstimme einreden oder betrachte ich Fragmente längst vergessener Beziehungsgespräche. am Ende scheint das einerlei, weil der Abend sein Grundversprechen nicht einlöst, der Zuschauer eben nicht zum Spieler wird, sondern „non-playable character“ bleibt. wer spiritueller veranlagt ist, vermag es womöglich, sich das ein oder andere Mal „fallen“ zu lassen, findet vielleicht besseren Zugang zu den opak verstiegenen Trancebehauptungen – die anderen bleiben außen vor. Und so sind vielleicht die am konsequentesten, die die Drehbühne verlassen und sich für einen der an den Wänden aufgestellten Stühle entscheiden. Die virtuelle Welt dreht sich auch ohne sie weiter, der Mensch, der reale, physische, gegenwärtige bleibt draußen.

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