Ein Traum vom Nichts

Susanne Kennedy: Women in Trouble, Volksbühne Berlin (Regie: Susanne Kennedy)

Von Sascha Krieger

Es ist eine Zeit der Anfänge im Theater-Berlin. Während das Berliner Ensemble mit seinen ersten Malen schon ins Detail geht (der erste Castorf, der erste Mondtag), geht es an der Volksbühne noch um die Basics. Hier stand jetzt im Großen Haus die erste wirkliche Schauspiel-Premiere (alles andere war bereits zuvor einmal woanders zu sehen oder fand in Tempelhof statt) und gleichzeitig die erste Schauspiel-Uraufführung statt. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Apropos Klappe. Ach nein, dem widmen wir uns später. Zur Sache: Susanne Kennedy gab (endlich, mag so mancher Theater-Kenner hinzufügen) ihr Berlin-Debüt (noch so ein erstes Mal) und das auch noch mit einem Abend, der ganz allein von ihr konzipiert ist, ohne eine Vorlage zum Sich-Abarbeiten. Der Druck war groß: Würde Intendant Chris Dercon nach der von vielen als desaströs empfundenen Erföffnung das sprichwörtliche Ruder herumreißen? Nicht weniger als die Zukunft der Derconschen Volksbühne, so raunte es im Vorfeld, stand auf dem Spiel. Susanne Kennedy, die Retterin. Das kann nicht funktionieren und tut es auch nicht.

Bild: Julian Röder

Also zurück, weg vom Hype und der Hysterie, hin zum Abend. Von einer „posthumanen Realität“, die sie erschaffe, ist auf dem Programmzettel die Rede. Berscheiden gibt man sich hier nicht. Nun gut. Posthuman hebt das tatsächlich an. Der Blick öffnet sich auf eine kreisförmige Bühnenkonstruktion (Bühne: Lena Newton), die sich unablässig dreht, aseptisch saubere, quietschbunte, Naturthemen abstrahierende helle Räume ziehen vorbei, freundlich, kalt, leer. Dazu zunächst eine Jahrmarktorgel, später, ätherisch schwebende, mal auch dräuende Klänge. Eine leblose, somnambule, irgendwie hypnotische Welt. Ein Traum, der sich anfühlt wie ein Albtraum. Oder eine Hoffnung: Das Universum befreit vom Menschen. Das erinnert atmosphärisch stark an die Filme Stanley Kubricks, 2001 mit einem Schuss a Clockwork Orange. eine effiziente, strahlende Zukunft, die den Fehler Mensch nicht mehr braucht.

Und es doch tut: Denn wozu all der Fortschritt, wenn er keinem mehr zu Gute kommt. Also entpuppt sich das Raumschiff irgendwann als Klinik, irgendwo zwischen High-Tech-Krebsstation und Selbstoptimierungstempel. Da gibt es ein CT-Gerät, loungeartige Räume miot Kamin, einen Fitnessbereich, einen Empfangsraum mit Tresen. Die Patientenkommunikation geschieht per Künstlicher Intelligenz über einen Bildschirm. Das ist effektiver aber nicht ausreichend. Also kommen bekittelte Ärzte dazu oder ihre Darsteller. Oder deren. Denn schon sind wir mitten drin im Dehumanisierungstheater der Susanne Kennedy. Die Abbildung der Realität interessiert sie  so wenig wie die Menschendarstellung. Vielmehr geht es ihr um beider Auflösung, ihr Verschwinden, um Platz zu machen für etwas Neues. Also steckt sie ihre Darsteller*innen in Latexmasken, lässt sie die Lippen bewegen zu aus dem Off eingesprochenem Text, der aufgenommen wird von separaten Sprechern, die – nächster Dreh – in diesem Fall nur ihre Repliken kennen, jedoch nicht die antworten auf ihre Fragen oder die Fragen, auf die sie antworten. Das alles führt zu einer Verfremdungskaskade, die den Menschen, der da irgendwo drinsteckt so weit distanziert,. dass er am Ende verschwindet – und wie in Arbeiten wie Fegefeuer in Ingolstadt oder Warum läuft Herr R. Amok? kenntlich wird.

Das interessiert sie an diesem Abend nicht. Die narrative Folie hat sie entfernt. Stattdessen zitiert sie, setzt sie ihr Textkonstrukt zusammen aus Fetzen, deren Quellen in Filmen, TV-Serien, Büchern, dem Internet liegen. Sie setzt sie zusammen zu einer „Geschichte“, die sogleich wieder zerfällt. Es ist die von Angelina Dreem, Schauspielerin und Comedian, Star einer Webserie. Sie lebt, spielt, hat Krebs. Oder spielt, dass sie Krebs hat. Oder lebt. Oder spielt. Susanne Kennedy türmt die Hierarchieebenen über- und ineinander, separiert sie nicht, behält in allem eine multiple Ambivalenz aufrecht. Realität ist Schein, Schein Realität und beides ohnehin Abstraktionen. Zumal es die Hauptfigur, sie heißt übrigens Angelina Dreem, mehrfach gibt, bis zu fünfmal, um genau zu sein. Szenen werden von einem Raum an den nächsten, von einer Angelina an eine zweite weitergegeben, mal in Gleichzeitoígkeit gespiegelt. Die Zeit ist wie der Raum zirkular, alles wiederholt sich, in Variationen oder gleich. Eine männliche Erzählerstimme gibt Anweisungen, beschreibt die Szenen, bevor sie sich entfalten, steuert die „Figuren“, die Andeutungen, Fragmente, Pappkameraden bleiben. Hier scheint sogar so etwas wie ein Thema auf: Die Objektifizierung und Fremdbestimmung der Frau, die sich den Anweisungen der körperlosen Männerstimme zu beugen hat. Patriarchale Strukturen deuten sich auch auf der szenischen Ebenen, pardon, den szenischen Ebenen natürlich, bisweilen an und bleiben doch nur episodisches Assoziationsangebot.

Was uns zum Grundproblem des Abends bringt. Wo frühere Kennedy-Abende noch einen Ausgangspunkt hatten, ein Narrativ, an dem sie sich abarbeiten konnten, einen Resonanzraum für die formalen Mittel Kennedys, in dem diese so etwas wie eine Funktion finden konnten, verweigert sie diese hier komplett. Das Zitatmaterial ist Mittel, nicht Zeck, nur ein weiteres Realitätsentfremdungs- und Verfremdungsinstrument. Sie leert den Raum radikal und öffnet ihn. Nur wozu? Womit ihn füllen. Themen wie Sexismus und Selbstoptimierung, Körperkult und kapitalistische Konsumerisierung, Leistungszwang und Effizienzstreben leuchten punktuell auf und geraten geradewegs in die Desillussionierungsmaschinerie, die zugleich ein Traumerzeuger ist. Nur wer träumt hier und wovon? „I am a dream“ sagt Angelina mehrmals. Nur wessen und wie ihn deuten?

Dem Abend fehlt die Basis, der Resonanzraum und das macht ihn letztlich in seiner Repetitivität ungeheuer beliebig. Er hält seinen Rhythmus aber nicht den Zuschauer, für den der Abend irgendwann unerträglich lang wird. Etliche beenden den Premierenabend vorzeitig, eine Menge, auf die  wohl selbst Ex-Hausherr Frank Castorf neidisch wäre. Dass der Abend vollständig auf englisch (und damit Tournee- und „Event“-tauglich) ist, ist weiteres Wasser auf die Mühlen der „Kritiker*innen“, das diese wohl nur zu gern nutzen werden. Am Ende bleibt eine visuelle Tor de Force, die fasziniert, einen kaum entrinnbaren Sog entwickelt, auch wenn der irgendwann und viel zu früh nachlässt, neugierig macht auf diese kalte, aseptische, aber irgendwie auch seltsam positive Welt-Alternative. Die aber eben auch jegliche Realität so radikal entleert, dass am Ende (buchstäblich, nach einer finalen Drehung in Gegenrichtung, Stichwort: Non-Linearität der Zeit) nichts mehr bleibt als Leere, ewige Wiederkehr des Gleichen, mechanisches Lebensimitat, pure Negation. Dekonstruktion bis zum Verschwinden. Ein Raum, der mit Neuem zu füllen wäre. Doch das hat sich Susanne Kennedy aufgespart. Womöglich fürs nächste Mal.

2 Gedanken zu „Ein Traum vom Nichts

  1. […] wirkungsmächtig bleibt sein Blick. Damit ist Die Selbstmord-Schwestern ein enger Verwandter von Women in Trouble, wo der ojektifizierende Blick auf den weiblichen Körper ebenfalls eine zentrale Rolle spielte. […]

  2. […] das Individuelle als Kern des Menschlichen hinterfragt und dekonstruiert – spätestens seit Women in Trouble interessiert sie primär die Vision einer Welt, in der Realitäten ebenso künstlich und […]

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