Acht Zahlen für ein Universum

Robert Wilson, Philip Glass: Einstein on the Beach, Oper Dortmund / Schauspiel Dortmund (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

„Es gibt nichts zu verstehen, aber viel zu erleben.“ Damit überschrieb Kay Voges seine bahnbrechende Inszenierung Die Borderline Prozession, die gerade erst beim Berliner Theatertreffen nicht nur aber vor allem begeisterte. Es ist ein Motto, das auch auf Einstein on the Beachin einer bejubelten Tournee passen würde, die legendäre Kollaboration der Großkünstler Robert Wilson und Philip Glass, die beide erst vor drei Jahren wiederbelebten. Ein minimalistisches Bilder- und Assoziationsgewitter, das keine Geschichte erzählt, keine Figuren kennt, keinen Sinn vorschreibt. Dass besagter Satz nun auch in den Übertiteln auftaucht, die vor dem Beginn von Kay Voges Inszenierung erscheinen – der ersten, an der weder Wilson noch Glass beteiligt waren – ist daher kein Zufall, zumal auch das Programmheft schwer bemüht ist, den Zuschauer vom Interpretieren abzuhalten. Bloß keinen Sinn suchen, schreit es ihm entgegen – und löst damit beim kritischen Beobachter erst einmal eine Reihe von Alarmglocken aus. Was will uns dieser Abend verbergen? Eine Leere und Oberflächlichkeit, die sich nur durch den künstlichen Gegensatz des „Erlebens statt Verstehens“ bemänteln lässt? Ein perfider Trick des Regisseurs also, den so mancher schon bei der Borderline Prozession vermutete?

Bild: Thomas Jauk, Stage Picture

Nun, zu verstehen gibt es tatsächlich erst einmal wenig. Voges hat Wilsons assoziative Bilderflächen ersetzt durch eine bildliche Erzählweise, die konsequent abstrakt ist. Wo sich bei letzterem noch visuelle Entsprechunge der bereits kaum als solche identifizierbaren Szenen fanden – etwa der Gerichtssaal des „Trial“-Blocks … gibt Voges jegliche szenische Übersetzungsversuche fast vollständig auf. Seine Bühne ist ein neutraler Versuchsraum. Weiße Rückwand, davor ein Podium für das Rumpforchester, seitlich ein paar Blöcke mit weißen Schnüren, die mal vor die Szenerie gefahren werden, um danach wieder seitlich geparkt zu werden. Das Spannungsverhältnis aus der Verweigerung der narrativen Tradition eines auf Repräsentation basierenden Theaters und der Bewahrung nun ihrer Zeichenhaftigkeit beraubten Bilderreste selbiger interessiert Voges nicht. Sein Blick ist fest auf das vorhandene Material gerichtet: Glass‘ Musik, die mechanische Stringenz der gesungenen Texte (ausschließlich Zahlenreihen und die italienischen Notenbezeichnungen à la Do-Re-Mi), die assoziativen, meist vom autisstischen Dichter Christopher Knowles stammenden Textfetzen – und vor allem ihr Zusammenspiel.

Von Beginn an webt er – im Zusammenspiel mit dem musikalischen Leiter Florian Helgath – einen vielschichtigen Klang- und Assoziationsteppisch, der auf Gleichzeitigkeit beruht. Gesprochenes Wort, Gesag und instrumentales Spiel sind gleichberechtigte Elemente, die in unterschiedlichsten Kombinationen und Schichtungen zusammengeführt und wieder getrennt werden. Mal dominiert das eine Element, mal ein anderes, oft bilden sie gemeinsam ein komplexes polyphones Gebilde, dessen Ganzes viel mehr ist als die Summe seiner Teile. Voges‘ Bilderwelten sind geboren aus der abstrakten Narrativität von Rhythmik und Musik, von Klang als absolutem Wert, der keiner Referenz auf eine wie auch immer geartete Bedeutung bedarf.  So wie das gesprochene Wort rein musikalisch interprätiert wird, ist es auch mit der visuellen Ebene, die wie bei Kay Voges üblich nicht zuletzt über Videokunst funktioniert. Assoziativ abstrakte Bilderweilten sind es, die über Rückwand und streckenweise die semitransparenten Schnürenblöcke flimmern, meist monochrom oder schwarz-weiß. Kosmisches mischt sich mit Mikrokosmischem, Silhouetten werden aus Nullen und Einsen, später aus den Ziffern der gesungenen Zahlenreihen gebildet, harte Linien wechseln mit Wellenbewegungen, Bildschirmschnee mit Frequenzüberlagerungen.

Es sind Bilder, die das kosmisch allumfassende verschränken mit der kaum mehr überschaubaren Komplexität einer längst vor allem digitalen Welt. Ordnung löst sich auf in Chaos, Klarheit multipliziert sich, kommt ins Rutschen, beginnt zu flimmern. Das Ganze fragmentiert sich wie die aus winzigen Zellen bestehende hypnotische Musik vonPhilip Glass, fügt sich neu zusammen und passt doch nicht mehr. Samuel Becketts mäandernde Sinnauflösung des Lucky-Monologs aus Warten auf Godot fügt sich ebenso lückenlos ein wie Leo Navratils Ausführen über die Farbassoziationen Schizophrener. Die Worte hört man wohl, doch hinterlassen sie offene Ende, klaffende Brüche, die Sinnzusammenhänge negieren, unmöglich machen, auffächern in assoziativer Kakophonie. Farben spielen eine Schlüsselrollen. Meist treten sie paarweise auf, wobei Rot und Blau, gern auch in ihrer Gener-Klischee-variante Rosa und Hellblau, besonders im Fokus stehen. Während Einstein Geige spielt und sich die trügerischen Sinnangebotsfetzen der Übertitel in einem Strudel nahe der Lichtgeschwindigkeit überschlagen, ein Hirn tanzt und zottelige Außerirdische sich durch die Sitzreihen zappeln, fallen Zitate zusammen, auseinander, übereinander her. Auf die mäandernde Irrfahrt Luckys folgt eine zerfetzt fragmentierte Wiederholung. Doch gebiert der Zerfall auch Neues, finden sich Welten, Universen in den Bruchstücken. Am Ende geigt Einstein sich und uns sanft in die Nacht, die keine ewige t zu sein verspricht.

Kay Voges‘ Inszenierung von Einstein on the Beach ist eine Aneignung, die vor allem durch ihre Konsequenz überzeugt. Die Szenenaufteilung der Vorlage gibt er – außer in den entsprechenden Hinweisen der Übertitel – weitgehend auf. Stattdessen sind diese dreieinhalb Stunden ein einziger Fluss, vollkommen abgetrennt von irgendwelchen strukturellen Reminiszenzen der Opern- oder sonstiger Theatertraditionen. Das pulsierende Werden und Vergehen – die Verknüpfung der Videointensität mit der Lautstärke ist ein Grundelement des Abends – hat keinen Anfang, kein Ende und keine Episoden. So gehen die drei Sänger*innen, vier Schauspieler*innen und der formidabel spielfreudige Chor des ChorWerk Ruhr gemeinsam mit den Mitgliedern der Dortmunder Philharmoniker gemeinsam – und im Zusammenspiel mit Lichtregie und den gleich sieben Videokünstler*innen – auf die Reise durch das digital fragmentierte geordnete Chaos – oder ist es eine chaotische Ordnung? – durch das einander bedingende Schwarz und weiß unserer Zeit, unserer Welt, des Lebens und der riesigen Stille, in der es untergeht.

Keine Frage: In seiner unerbittlichen Abstraktheit, auch seiner Betonung des theatral Gemachten – ein Großteil der Musiker ist stets auf der Bühne präsent – hat der Abend eine Sperrigkeit, die bei Wilson in der berückenden Oberfläche der wunderschönen wie wundersamen Bilder nicht gegeben war. Er lässt den Zuschauer erst nach und nach ein in seinen visuell-akustischen Kosmos – und so manchen außen vor. Doch ist man einmal drinnen, gibt es kein Entfliehen mehr aus dieser Welt, in der es reicht, bis acht zu zählen, um den Kosmos aufzuschließen, in der sich Samuel Beckett, Guy Maddin und Stanley Kubrick die Hand reichen und das Publikum mitnehmen in unendliche Weiten, Zeit, die Raum ist, Raum, der sich zeitlich dehnt, und wo das Universum zusammenschnurrt auf ein paar Bits und Bytes, die wiederum unermessliche Weiten gebären. Eine welt, die aus mikroskopischen Einheiten von überwältigender Einfachheit besteht, und doch alles, All(es), umfasst. Nein, zu verstehen gibt es hier nichts. Oder alles. Was durchaus ein- und dasselbe sein mag.

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