Jenseits der Schwerkraft

Philip Glass und Robert Wilson: Einstein on the Beach (Regie: Robert Wilson) (Gastspiel im Haus der Berliner Festspiele)

Von Sascha Krieger

Mit „Legendärem“ ist das ja bekanntlich so eine Sache: Begegnet man dem Mythenspinnenden und Sagenumwobenen nach Jahren oder Jahrzehnten wieder, stellt sich oftmals Enttäuschung ein: Zu groß sind die Erwartungen, zu viel ist seitdem passiert, hat das „Legendäre“ nachgewirkt, hat die Zeit ihre Arbeit getan, als das sich beispielsweise die existenzielle Erschütterung, die ein als bahnbrechend beschriebenes künstlerisches Ereignis ein auslöste, reproduzieren ließe. Aber weniger darf es eben auch nicht sein –Enttäuschung und die folgende Abwertung des Kunstwerkes sind da kaum zu vermeiden. Wenn der umtriebige und zweifellos geniale Theatermacher Robert Wilson 2012 nach bald vierzig Jahren seine Kollaboration mit Philip Glass Einstein on the Beach, bis heute im Rufe stehend, ein Meilenstein des Musiktheaters zu sein, auf große – und teure – Welttournee schickte, wird er sich dieser Gefahr bewusst gewesen sein – wie wohl auch des finanziellen Potenzials, das darin liegt, eine „Legende“ denen vorzustellen, die allein aufgrund ihres Alters nie die Chance hatten das Original zu sehen. Dass Wilson gezielt damit wirbt, es handele sich um die Wiederbelebung der Originalinszenierung von 1976, reduziert den Druck nicht gerade. Zumal es ein Etikettenschwindel ist, denn abgesehen von der Unmöglichkeit, eine Inszenierung mit neuer Technik und neuem Ensemble nach so langer Zeit wirklich nachzustellen, stammt ein so wesentlicher Teil wie die Choreographie nicht von 1976: Es handelt sich vielmehr um Lucinda Childs‘ Choreographie der ersten Wiederbelebung aus dem Jahr 1984. Eigentlich kann ein solches Projekt nur scheitern, und bestenfalls musealen und kommerziellen Wert haben.

Foto: Lucie Jansch

Foto: Lucie Jansch

Und dann passiert etwas Seltsames: Da hat sich der Zuschauer gerade noch gefragt, in welche Schublade des längst standardisierten Theaterbetriebes er dieses irritierend schwebende Konglomerat aus Bildern, Musik, Licht und (meist verlangsamter) Bewegung stecken soll, da sind solche Gedanken schon verschwunden und wundert sich der Betrachter gut vier Stunden später, dass er gar nicht auf die Idee gekommen ist, das explizite Angebot, den Saal während der Vorstellung nach eigenem Belieben verlassen du wiederbetreten zu dürfen, anzunehmen. Zugegeben: Das gilt beileibe nicht für das gesamte Publikum, zuweilen stellen sich ganze Massenwanderungen ein, wie überhaupt immer wieder, insbesondere bei Szenenschlussappläusen, der Drang zu spüren ist, den Abend irgendwie in die Erfahrungswelt, klar strukturierter und zumeist kleinteiliger Theaterformate zu pressen. Und doch kommen sie alle wieder, spenden am Ende stehende Ovationen und haben das kollektive Gefühl, etwas erlebt zu haben, das anders ist, das Wahrnehmungsmuster sprengt und Möglichkeitsräume für Theater öffnet, deren Existenz man nie vermutet hätte.

Und die vermutlich an der Beantwortung der Frage, wie das möglich ist scheitern werden. Denn rein rational und verbal lässt sich dem, was hier passiert, nicht einmal ansatzweise näherkommen. Wenn es in diesem im konventionellen Sinn handlungsfreien werk so etwas gibt wie Protagonisten, dann sind es Raum und Zeit selbst. Sie, deren Relativität der Namensgeber des Stücks einst theoretisch proklamierte und damit unser Weltverständnis mal eben komplett über den Haufen warf, stehen im Mittelpunkt von Philip Glass‘ Musik, die die Wiederholung in schier endlos erscheinenden Schleifen zum Fundament des Abends macht, aber auch von Wilsons statischen Bilderwelten, der extremen Verlangsamung von Bewegung, dem Einfrieren von Gestik und Mimik aber auch den auf den immer gleichen Schrittfolgen und Drehungen der Choreographie von Lucinda Childs. Ganz besonders gilt das für die Texte des damals gerade 15-jährigen Christopher Knowles: Seine syntaktisch wie semantisch jegliche mitgebrachte Logik verwerfenden, Sprache als klangliches und rhythmischen Material verstehenden und bekannte Elemente zu überraschenden Kombination neu zusammensetzenden Textflächen verkörpern in idealer Weise die Aufhebung überkommener Vorstellungen von Sinn und Kommunikation und geben dem Werk sein Fundament.

Foto: Lesley Leslie-Spinks

Foto: Lesley Leslie-Spinks

Und so schafft sich Einstein on the Beach seine eigene Zeit: Sie ist nicht linear und nicht zirkular, sondern stets beides und zugleich nichts davon. Es ist eine schwebende zeit, in der Ebenen verschwimmen und zu einer Ebene werden, am ehesten zu vergleichen mit dem Zeitempfinden des Traums,  in dem Gleichzeitigkeiten des Disparaten ebenso selbstverständlich sind wie eine Auflösung überkommener Vorstellung von Zeitentwicklung und indem diese schwebende, fließende, stehende Zeit als vollkommen normal empfunden wird. In den szenischen Bildern des Abends – den Gerichtsverhandlungen, den Zugfahrten, dem Raumschiffinneren, den Bilderwelten zwischen Ernst und Malewitsch, Abstraktion, Tradition und Futuristischem, werden nicht nur Erinnertes und Imaginiertes, Vergangenheit und Zukunft eines: Ihre Definitionen, ja, der Sinn selbiger, lösen sich auf. Hier gibt es nur noch eine Zeit, kein Gestern und Heute und Morgen, nur ein Immerschondagewesenes und Immerdaseinwerdendes, das zugleich nie wirklich real sein kann: Das Sprengen von Gewissheiten, das Einstein seinen Ruhm einbrachte: Glass und Wilson übertragen es auf den theatralen Raum. Wie stark das nachwirkt, zeigt ein Blick auf die kreativeren Theaterströmungen der heutigen Zeit: Herbert Fritsch ist ohne Wilson ebenso wenig denkbar wie de Theaterentgrenzungen von Frank Castorf über Niklas Stemann bis zu Vegard Vinge. Dass Theater heute alles sein kann und darf, das Grenzen zwischen Theater- und kunstformen sich heute kaum noch rechtfertigen lassen, das hat auch mit Einstein on the Beach zu tun.

Denn was für die Zeit und Glass‘ Musik gilt, findet sich auch im Raum und den Theaterwelten Wilsons wieder. Dabei ist der Blick heute sicher ein anderer: Die weißgeschminkten Gesichter, die expressionistische Schwarz-Weiß-Ästhetik, die bildhauerische Lichtkunst, die geometrisch konstruierten Bühnenräume, die überzeichnete Mimik und artifizielle Gestik, die extreme Verlangsamung: All das ist aus Jahrzehnten folgender Wilson-Inszenierungen bekannt – und nicht nur aus diesen, man denke nur an Herbert Fritsch – und hat die Wahrnehmungsmuster von Generationen nachgeborener Theaterbesucher geprägt. Der Reiz des Neuen ist längst verflogen und doch gelingt es, dieser detailreichen Traumwelt noch immer, in den Bann zu ziehen. Das hat mit der Radikalität zu tun, mit der diese Mittel eben genau das nicht sind – sondern vielmehr der Inhalt selbst.

Die Aufhebung von Realität und Plausibilität, von Illusion und Repräsentation, zuletzt gar der Schwerkraft, um sie geht es hier, um die Befreiung des Theaters von sich selbst, von den Konventionen, aus denen Mauern entstehen und Scheuklappen. Auch wenn sich die Möglichkeiten des Theaters, seine Offenheit in den letzten Jahrzehnten spürbar erweitert haben, frei von Schubladen, von Dos und Don’ts ist es auch heute nicht. Ganz im Gegenteil: Die ästhetischen Erwartungen haben sich geändert, die Grenzen verschoben, fest gemauert sind beide nach wie vor. Und so wirkt des radikale Entschleunigung und Entwirklichung, das Spiel mit Assoziationen und kultureller Prägung (die Zitate von Gerichtsdrama und Science-Fiction, das Spiel der Gattungen, die Absurdisierung des vermeintlich Repräsentativen) im Jahr 2014 zwar anders als 1976, aber nicht weniger intensiv, nicht weniger irritierend und befreiend, ist der hypnotische Sog so stark und unentrinnbar wie eh und je. Einstein on the Beach als Legende zu bezeichnen, greift viel zu kurz. Es ist nicht weniger als eine theatrale Neujustierung von Sehen und Hören, ein Durchspülen von wahrnehmungs- und Erwartungsmustern. Wer Einstein on the Beach erlebt hat – und das gilt 2014, wie es 1976 galt – wird Theater nie wieder auf die gleiche Weise begegnen wie zuvor.

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Ein Gedanke zu „Jenseits der Schwerkraft

  1. […] nicht nur aber vor allem begeisterte. Es ist ein Motto, das auch auf Einstein on the Beachin einer bejubelten Tournee passen würde, die legendäre Kollaboration der Großkünstler Robert Wilson und Philip Glass, die […]

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