Vorbei? Nicht solange das Dreirad quietscht

Nach Johann Wolfgang von Goethe: Faust, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

„Gerichtet?“ Eigentlich nicht. „Gerettet“? Schon gar nicht. Wenn die berühmten Worte erklingen, ist Marc Hosemanns Mephisto gerade dabei, Martin Wuttkes Faust zu vergewaltigen. Und wenn ganz am Schluss Valery Tscheplanowa als Margarethe Faust Erlösung ankündigt, quietscht dieser infantil auf einem Dreirad über die Bühne, währen Hosemann ihm hin und wieder eines mit einer Algerien-Fahne über. Gerade erst hatte Wuttke-Faust, blind und siech und halluzinierend, von der „Weisheit letztem Schluss“ gefaselt, während Hosemann-Mephisto um ihn herum Dreirad fuhr. Da bleibt eigentlich nur noch, sich, bewaffnet mit 200 Jahren Faust-Interpretation, irgendwo zwischen Pollesch und Sandkasten zu streiten, wer die Wette eigentlich gewonnen habe. Wichtig ist das nicht. Entscheidend ist, wer sie verliert und darum geht es in Frank Castorfs knapp siebenstündigem Volksbühnen-Abschied. Das Stück der Deutschen, das Nationaldrama schlechthin. Darunter geht es nicht.

Bild: Sascha Krieger

Wer also sind die Verlierer? Zunächst der vielmissbrauchte Mythos des Faustischen. „Wer immer strebend sich bemüht“, könne erlöst werden, heißt es. Dieser Faust ist damit sicher nicht gemeint. Wuttke gibt ihn als ungeduldig trotzige Mischung aus Kleinkind und Lustgreis, zuweilen mit grotesker Greisenmaske und unverständlichem Altmännergebrabbel, gebeugt und doch immer auf der Jagd nach dem nächsten Kick. Er treibt sich nicht in Studierzimmern herum, sondern in Rotlicht-Bars, Bordellzimmern und düsteren Drogenhöllen. Sein berühmter „Habe, ach…“-Monolog ist das Resultat eines Drogenrauschs, den Erdgeist ruft er an als panisch faselnde Witzfigur, zum Schlussmonolog kriecht er mehr vegetierend über die Bühne, den „Osterspaziergang“ lagert er ganz aus – Sir Henry leiert ihn in Manier der deutschprüfung eines Neuntklässlers herunter. Weg mit dem ganzen pathetischen Quatsch, auf den Müll mit allem, was man glaubt, viel zu gut zu kennen. Bei Castorf mutiert Faust – und zwar beide Teile – zur Komödie. Viel Ironie, noch mehr Farce und reichlich Albernheit (am Ende darf selbst Klaus Lages „Faust auf Faust“ nicht fehlen). Wenn Gretchen sagt, sie habe sich Gott übergeben, nimmt Alexander Scheer, der zwischen zahlreichen und kaum zu definierenden Rollen als eine Art zweiter Faust irrlichtert, das als Anlass, publikumswirksam zu kotzen. Kein Niveau ist zu niedrig, als dass es nicht dazu dienen könnte, Faust von seinem Sockel zu holen.

Das Tätigkeitspathos des „strebenden Menschen“ entlarvt Castorf (nicht als erster) als lächerlich, als ideologische Verbrämung viel niederer Triebe. Und so schickt er Faust ins Bordell – und das Stück in den Kolonialismus. „L’enfer“ prangt in blutroten Lettern über einem Geisterbahneingang, der hineinführt in eine Unterwelt aus Kaschemme, Bordellen, höhlenartigen Räumen, luftigen Balkons – eine Metro-Station namens Stalingrad samt Zug gibt es auch. Darin versammeln sich französische Kolonialsoldaten, wir sind in Algerien, es könnte auch Indochina sein. Ein drehbares Häuserlabyrinth, abgerissen, düster, verlebt, undurchsichtig – wenn Bühnenbildner Aleksandar Denic in der Lage wäre, sich selbst zu übertreffen, hier hätt e er es getan. Horrorfilm- und andere Plakate aus den 1940ers und 1950ern sprechen von einer kranken, siechen Gesellschaft, vom Zwang des Menschen, sich über andere zu erheben. Der kolonialistische Aspekt ist bereits im zweiten Teil des Faust angelegt – bei Castorf bekommt er die Hauptrolle.

Das „Streben“, das dieser Abend zeigt, ist das nach Macht. Persönlicher und kollektiver. Die äußert sich in der Instrumentalisierung anderer – nicht zuletzt wird Gretchen hier ins Bordell verschlagen und ihre Handlung mit Émile Zolas Prostituierten-Roman Nana verquickt – und der Unterwerfung und Ausbeutung anderer Länder, Völker zur Befriedigung hier als recht niedrig eingestufter Triebe und Wünsche. Frantz Fanon wird reichlich zitiert, es geht um die Dialektik des Terrorismus – von einem sehr luziden Nicht-Faust-Wuttke bei einer U-Bahn-Fahrt dargelegt – und den Befreiungskampf, auch die Rolle der Frau in einer doppelten Befreiungsbewegung – die „entschleierte Frau“ als Vorkämpferin nicht nur nationaler Selbstbestimmung –  wird thematisiert und ihrer Instrumentalisierung als verfügbares Sex-Objekt (etwa in den Nana-Theaterszenen mit Daniel Zillmann als despotischem Direktor) kontrastiert. Castorfs Gretchen, Valery Tscheplanowa, ist in ihrer selbstbewussten Durchdringung der Zustände der Gegenpol zum getriebenen Faust. Die Umkehrung der Verhältnisse hat schon begonnen. Das faustische „Streben“ wird am besten deutlich zu Beginn: Da jagt ein manisch obsessiver Wagner, dargestellt von einem furiosen Lars Rudolph, mit seinem gerade geschaffenen Homunculus über die Bühne, ein wahrhaft wahnwitziges Symbol menschlicher Überhebung.

Die Befriedigung niedrigster, elementarster Triebe ist die einzige Erlösung, die diese faustische – westliche, männliche – Gesellschaft zulässt. Und so sind die sieben Stunden auch – wie oft zuletzt bei Castorf – ein langer, düster schäbiger, in künstlich fahles getauchter Licht und mit der gefühlten kompletten Pop-Geschichte angereicherter Fiebertraum. weniger dicht und kohärent und um einiges faseriger als in manchen seiner Münchner Inszenierungen, nicht ohne Längen und vor allem vor der Pause oft eine kaum zusammenhängende Abfolge wild assoziierter Gruselkabinettnummern, bei denen auch ein netter und eher nichtiger Seitenhieb auf die Nachfolgedebatte – Alexander Scheer parodiert Chris Dercon mit flämischem Akzent – nicht fehlen darf. Dieser Teil dient vor allem der Faust-Dekonstruktion – so richtig Substanz erhält der Abend erst nach der Pause, wenn er das Dekonstruktierte neu zusammensetzt zu einem flirrend fiebrig rauschhaften Puzzle menschlicher – männlicher – Unterdrückungslust. Das hat reichlich Leerlauf, streckenweise kippt die Balance stark in Richtung Fremdtext – dass hier Faust gegeben wird, lässt sich teilweise leicht vergessen – gefällt sich zuweilen zu sehr in seinen Albernheiten und der Lust an der Zerstörung des „Faustischen“. Und doch ist hier ein Theater zu sehen, dass in seiner radikalen Ausschweifung, deinem gewollten Kontrollverlust, dem Willen zur Überforderung, dem Drang nach geistiger, körperlicher und sonstiger Erschöpfung  nochmal exemplarisch vorführt, was fehlen wird, wenn Castorf bald „nur“ noch Regisseur sein wird. Doch „vorbei“ – ist das nicht ein „dummes Wort“?

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Ein Gedanke zu „Vorbei? Nicht solange das Dreirad quietscht

  1. […] Castorf-Abend, ein schelmischer Nachsatz zum „letzten“, dem wahrlich großen Faust, nachgeworfen, weil es lineares Enden in Castorfs Welt einfach nie gab, eine „kleine […]

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