Ein letzter Tee

Nach Fjodor Dostojewski: Ein schwaches Herz, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Sie sind längst alle gesungen, die Lobenshymnen auf die großen Künstler, die in den letzten 25 Jahren an der Volksbühne verkehrten, die deutschsprachige Theaterlandschaft immer wieder vor sich hertrieben, ihr und ihrem Publikum auch gern einen Tritt in den Allerwertesten verpassten, die uns auf die Nerven gingen, uns bis in den Schlaf hinein langweilten und das Theater auf eine Weise entgrenzten, die man zuvor für nicht möglich hielt. Da waren die Regisseure, Vastorf, Marthaler, Pollesch, Fritsch, Schlingensief natürlich, und die Schauspieler*innen: Hübchen, Angerer, Peschel, Rois, Scheer, Wuttke und so viele, viele andere. Doch es gibt noch eine weitere Gruppe besonderer Menschen, die selten besungen wurden und sich doch für dieses Haus, für den Wahnsinn, der das Theaterspielen hier immer war, als so entscheiden, erwiesen: die Soufflerinnen. Elisabeth Zumpe ist zu nennen, die so manche Castorf-Inszenierung mit ihrer nie in Panik verfallenden Präzision möglich machte. Oder Tina Pfurr, ebenso wenig aus der Ruhe zu bringen, längst nicht wegzudenkender Bestandteil der Berliner Pollesch-Familie. Castorfs Theater war und ist eine Überforderungsmaschine, ein Kosmos des Scheiterns, ständig gegen die Wand fahrend und immer weitermachend. Hier ist das reich der Soufflage, des Weitergehens, wo die Sackgasse längst zu Ende ist, des Gelingens, wo längst alles verloren scheint. Vielleicht sind sie, mehr noch oder zumindest gleichwertig, mit den Stars dieser Ära, das Kraftzentrum dieses Theaterexperiments, das nie Revolution sein wollte und doch alles aus den Angeln hob.

Bild: Sascha Krieger

Und so ist es nur angemessen, dass ganz am Ende Elisabeth Zumpe (wie Tina Pfurr nur wenige Tage später in der tatsächlich letzten Premiere) noch einen großen Auftritt hat. Nicht ganz freiwillig: Zwei Tage vor der Premiere fiel Henrik Arnst – einer dieser unvergleichlichen Monolithen des Castorf-Theaters – aus. Daniel Zillmann, ein Star der letzten Castorf-Jahre, sprang ein und wuchtet sich nun im Tandem mit Zumpe durch die Textmassen. Und den Raum. Denn Castorfs Theater ist eines, das Stillstand nicht kennt, das durch den Raum hetzt, ohne je irgendwo anzukommen, ein rastloses Suchen und Scheitern und Weitermachen. Das Duo Zillmann-Zumpe ist auch ein Symnbol: für das ewig Unfertige dieses Theaters, die Zurückweisung der Perfektion, seine Brüchigkeit, Offenheit, Angreifbarkeit, seinen ständigen Suchmodus. Der sich eben auch räumlich zeigt. Dieser allerletzter Castorf-Abend, ein schelmischer Nachsatz zum „letzten“, dem wahrlich großen Faust, nachgeworfen, weil es lineares Enden in Castorfs Welt einfach nie gab, eine „kleine Inszenierung“ – bei Castorf heißt das pausenloser Vierstünder – wütet sich noch einmal durch Bert Neumann Totaltheater-Bühnenraum. Vom Bühnenende bus zu den Eingängen im Hochparkett zieht er sich, ein langes Band an Tischen, Sofas, Betten, wandlosen Türen (Bühne: Nina von Mechow). Hier hasten – oder schlurfen, wie in den Utoten-Szenen aus Dostojewskis Erzählung Bobok – rastlos durch die Welt, vorbei am Publikum in den Sitzsackmonstern (oder auf den wenigen, kaum bequemeren butterweichen Plastikstühlen), ziellos herumstreifend, nich anfangen wollend und nicht enden könnend. Oder umgekehrt.

Doch anfangen muss es. Kathrin Angerer gehört der erste Satz: „Ich komme mir vor wie in Senftenberg“, sagt sie. Dort begann 1976 Castorfs Karriere. Dort lief her los, um nie anzukommen oder gar stehenzubleiben. Der letzte Satz gehört ebenso Angerer: „Tja, ich mache uns dann mal einen Tee.“ Ein Castorfscher Nicht-Schluss und Nicht-Anfang, sondern einfach ein Weiter. Dazwischen plündert der Regisseur gleich drei literarische Quellen: den erwähnten Bobok, in dem ein Schriftsteller Tote auf einem Friedhof belauscht; die sowjetische Trash-Verfilmung von Michael Bulgakows Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf, in der ein Wissenschaftler per Zeitmaschine Iwan den Schrecklichen in eine nahe sowjetische Zukunft befördert und der in Ausschnitten über die unvermeidliche Leinwand flimmert; und natürlich die Titelgeschichte, in der ein armer Schreiber sich verliebt, das eigene Glück als nicht verdient anerkennen kann und darüber irre wird. Drei Geschichten von der, wie es in der Ankündigung heißt, „Unerträglichkeit des Glücks“, Versuchen und Scheitern, vom Erzwingen der Niederlage in einer Welt, die einem das Glück nicht nahelegt, sondern als nicht angemessen verkauft. In drei Formen: einer satirischen Rückschau (Bobok), einer wahnwitzigen Parodie (Bulgakow), einer anrührenden Miniaturtragödie eines vermeintlich unnötig Zerfallenden.

Zunächst gehört die Bühne den beiden Geschichten, die die Volksbühne als „Zugaben“ bezeichnet hat: Angerer, Zillmann und Margarita Breitkreiz, später auch Jeanne Balibar und Frank Büttner (unterstützt von Sir Henry), wuchten sich durch mäandernde Textmassen, die ebenso dahinplätschern wie sie dauererregt vorgetragen werden. Immer wieder schnurren Dialoge zu Selbstgesprächen zusammen, zerfällt das Ich in einer Zwiesprache mit der Welt, deren Feindseligkeit längst internalisiert ist, sich untrennbar mit dem Ich verknäuelt hat, es leer saugt. dabei wird selten klar, in welchem Text man gerade ist, wer spricht, mit wem und worüber. Ein Castorfscher Figuren-, Text- und Überforderungsbrei, der um einiges mehr Energie behauptet als er produziert. Verinsamende – hier tut die langgezogene Bühne ihren Job – Verlorene allesamt. Gern schaut man Zillmann in seinem ewigen Ausnahmezustand, Angerer in ihrer trotzigen Verzwiflung, Breitkreiz schelmischer Herausforderung oder Balibars stets zu implodieren drohender Selbstbewahrung zu. Sich über nichts zu wundern, sagt Angerer einmal, sei viel dümmer, als sich über alles zu wundern. Wenn das stimmt, so ist dieser Abend, an dem text auch schon mal opernhaft gesungen wird, ein sehr kluger.

Nach eineinhalb Stunden wird er dann auch noch zu einem besonders anrührenden. Dann betritt Georg Friedrich, der Wunderschauspieler mit dem Wiener Einschlag, dieser immer ein wenig weltverneinenden Note, erstmals die Bühne. Glatzköpfig gibt er den Schreiber Wassja, den mit dem schwachen Herzen, als unfassbar fein gezeichneten Weltverlorenen, rat- und ruhelos, sich selbst, dem eigenen Glücklichsein misstrauend, sich in Selbstquälerei zerfleischend – und das so still, so ins Mark gehend, dass man irgendwann fast vergisst, dass man in einem Castorf-Abend sitzt. Die erstaunlichste Erkenntnis dieses Abends. Frank Castorf kann Kammerspiel: Wie sich Friedrich mit maximaler Offenheit und Verletzlichkeit in den Wahnsinn hineinleidet, begleitet von einem bezaubern naiv melancholischen Mex Schlüpfer und einer überraschend zurückgenommenen Kathrin Angerer, gehört zum ergreifendsten, was an diesem Haus in den vergangenen 25 Jahren zu sehen war. Eis ist eine letzte, schmerzliche und doch von Liebe übervolle Reise in die Nach, sanft umhüllt von Neumanns Bühnenschwarz, gewandet in schwarz-weiße Videobilder und begleiten von sanft melancholischen Gitarrenklägen. Ganz am Ende noch ein Stummfilm: Arbeiter putzen das „OST“-Zeichen auf dem Theaterdach, der verrückt gewordene Wassja parodiert vor dem Räuberrad und wird dann von einem Krankenwagen weggefahren, die Volksbühne in der Ferne verschwindend. Ein Abschied wie ein Traum. Die Vergangenheit ist entschwunden, die Liebe bleibt. Und der Schmerz. Darauf einen Tee.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: