Egomanen im Schnee

Theatertreffen 2016 – Simon Stone nach Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman, Burgtheater im Akademietheater, Wien / Wiener Festwochen / Theater Basel (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Es ist kalt im Hause Borkman. Die Heimstatt des einstigen Bankdirektors ist begraben unter eine dichten Schneeschicht, zu der sich unaufhörlich neue Flocken gesellen und aus der sich die hier abgelegten Gestalten nach und nach schälen (Bühne: Katrin Brack). Die alten Geschichten, der tiefe Fall des einst Mächtigen, dessen betrügerische Machenschaften auch seine Familie zerstört haben, sind, man verzeihe die naheliegende Phrase, Schnee von gestern. Und doch nicht vergangen. Denn wenn das Vergessen schon bei Henrik Ibsen so schlechte Arbeit leistete, wie sieht das dann erst heute aus? Das Internet, so heißt es, vergisst nie, wie uns Gattin Gunhild zu Beginn berichtet. Sich selbst zu googlen? Ein Albtraum! Also müssen sie immer wieder auferstehen, die Zombies, die sich eingegraben haben in Selbstmitleid und Selbstbetrug.

Bild: Reinhard Maximilian Werner

Bild: Reinhard Maximilian Werner

Da wäre zunächst Gunhild, die Birgit Minichmayr als geifernde Alkoholikerin gibt. Dann Schwester Ella, bei Caroline Peters, eine desziplinierte Enttäusche, die sich als Stimme der Vernunft geriert, aber die erste Gelegenheit nutzt, zum Spiegelbild ihrer übergriffig klammernden Schwester zu werden. Und natürlich Borkman selbst: In der Darstellung Martin Wuttkes ein sich längst aller Restwürde entledigt habender reichlich kindischer Choleriker, dessen Spiel sich irgendwo wo zwischen Rumpelstilzchen, den fragil besoffenen Butler aus Dinner for One und dem Volkstheater der Marke „Peter Steiners Theaterstadl“ verorten lässt.

Gemeinsam machen sie aus Ibsens Porträt einer sich selbst betrügenden und dadurch erstarrenden Gesellschaft eine Sitcom, bei der nur die eingespielten Lacher fehlen. Die braucht es auch nicht, das übernimmt das Publikum schon selbst. Also schwankt und lallt und schreit und zetert man sich durch zwei  durchaus kurzweilige Stunden und stellt vor allem eines aus: Egomanen in all ihrer Lächerlichkeit. Das aber mit höchster Spiellust: Vor allem Wuttke und Minichmayr erweisen sich – natürlich – als komödiantisches Traumpaar und zeigen keinerlei Hemmungen, wenn es darum geht, die eigenen Figuren zu karikieren, bis nichts mehr von ihnen übrig bleibt. Dieser Borkman ist kein verkanntes Genie, er hat nicht einmal das Potenzial dazu, als solches zu erscheinen. Er ist ein albern tapsender Wutgreis mit langen strähnigen Haaren, dessen „Visionen“ ein Fall für den Psychiater sind. Seine Frau lebt von der Flasche und ist kaum weniger am Boden. Ella dient da ein bisschen als Folie, die verhindert, dass das alles sofort ins Schenkelklopfende abdriftet, nur um ihre eigene Verwandlung in ein Farcenklischee umso wirkungsvoller vorzubereiten. Da haben die anderen Figuren, allen voran der auch ein wenig lächerlich und ansonsten sehr blass wirkende Erhart von Max Rothbart, keine Chance. Einzig Roland Koch als Borkman-Getreuer Foldal, der vor den Trümmern des eigenen Lebens steht, deutet mit seiner stets resignativ eingefärbten krampfhaften Optimismusmaske, die am Ende abfällt, deutet so etwas wie Tiefe an und erinnert den Zuschauer, dass das hier ein Untergangsspiel ist.

Regisseur Simon Stone und seine Großschauspieler*innen ficht das nicht an. Sie spielen sich in einen komödiantischen Rausch, den man sich über weite Strecken tatsächlich ganz gern anschaut. Aufgepumpte Boulevardfarce mit sich selbst nicht ernst nehmenden Schauspielern und einem hübschen surreal anmutenden Bühnenbild: Damit ist der Abend eigentlich schon zusammengefasst. Ibsen bleibt dabei zwangsläufig auf der strecken und da freut man sich schon, dass das Internet-Buzzword-Bingo, das in Stefan Puchers Ein Volksfeind so übel aufgestoßen hat, hier nicht mehr will, als ein paar Lacher zu produzieren. Eine Vergegenwärtigung des Stoffs, der seit der Finanzkrise landauf landab heruntergespielt wird, interessiert Simon Stone nicht, Erkenntnisgewinn ist nicht Teil des Konzepts. Stattdessen bekommt das durchaus amüsierte Publikum gute, wenn auch etwas unterkomplexe Unterhaltung, und ein Starensemble, dem man gern zuschaut. Was von diesem Abend hängen bleibt, ist jedoch vor allem seine Unambitioniertheit. Er will nichts und so kann er auch nicht scheitern. Vielleicht ist es das, was die Theatertreffen-Jury so bemerkenswert fand?

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2 Gedanken zu „Egomanen im Schnee

  1. […] Nach Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman / Burgtheater im Akademietheater, Wien / Wiener Festwochen /… […]

  2. […] zwei Figuren ermordet und stehen kurz darauf diabolisch grinsend vor dem Publikum. In John Gabriel Borkman reckt die gerade verschiedene Titelfigur den Arm zum Victory-Zeichen empor. Mittelreich beginnt […]

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