Von der Kraft der Musik

Die Berliner Philharmoniker unter Leitung von Claudio Abbado

Von Sascha Krieger

Es ist ein lieb gewordenes Ritual: Einmal im Jahr – meist im Mai – stattet Claudio Abbado den Berliner Philharmonikern, die er dreizehn Jahre lang als Chefdirigent leitete, einen Besuch ab. Es sind Konzerte, die stets auf die gleiche Weise enden: mit minutenlangen, nicht enden wollenden stehenden Ovationen, die nicht einmal Abbados Nachfolgern Sir Simon Rattle in dieser Form kennt. Die Liebe des Berliner Publikums ist ungebrochen, ebenso wie die Dankbarkeit für den Maestro, der einst die schier unmögliche Aufgabe, Herbert von Karajan nachfolgen zu müssen, mit Eleganz, Bescheidenheit, aber auch mit einer unverrückbaren musikalischen Vision gemeistert hat, dass er den Rang dieses Klangkörper als einem der besten, wenn nicht gar als bestem der Welt nicht nur aufrecht erhalten, sondern das Orchester auch in die Moderne geführt hat. Wenn die Philharmoniker heute zeitgenössische Musik mit der gleichen Präzision und Perfektion zu interpretieren im Stande sind wie das klassische und romantische Erbe, dann hat das viel mit Claudio Abbado zu tun. Dass der tosende Applaus, der ihm hier entgegenschlägt, alles andere ist als ein Tribut an seine Vergangenheit, hat er mit seinem diesjährigen Gastspiel auf eine Weise unter Beweis gestellt, die dem Zuhörer den atem stocken lässt.

Claudio Abbado war von 1989 bis 2002 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker (© Claudio Abbado / Cordula Groth)

Claudio Abbado war von 1989 bis 2002 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker (© Claudio Abbado / Cordula Groth)

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Karussell der Hoffnung

Theatertreffen 2013 – Tennessee Williams: Orpheus steigt herab, Münchner Kammerspiele (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Orpheus steigt herab gehört zumindest kommerziell den Misserfolgen des Dramatikers Tennessee Williams. Bis heut zählt es zu den selten gespielten Stücken des Amerikaner. Das ist umso erstaunlicher, als hier all die Themen Williams’ mit einer Konsequenz verhandelt werden wie kaum sonst in seinem Werk. Macht und Gewalt, Ausgrenzung und soziale Kälte, das grausame Spiel der Mächtigen mit den Machtlosen, die immer schon zum Scheitern verurteilte Rebellion der Ausgestoßenen: Orpheus steigt herab ist so etwas wie die Essenz von Tennessee Williams Weltsicht, selten war dieses Universum brutaler, kälter, eine Flucht aussichtsloser. Wahrscheinlich hat diese Unerbittlichkeit einiges damit zu tun, dass das Stück nie Erfolg, Bekannt- und Beliebtheit anderer Williams-Stücke erreicht hat. Sebastian Nübling hat sich dieses dramatischen Stiefkinds angenommen und erzählt die Geschichte des Außenseiters Val, der Unruhe in eine repressive Südstaatengemeinde bringt, die nur durch größtmögliche Gewalt beendet werden kann. am Ende sind zwei Menschen tot und die Ordnung wieder hergestellt. Nübling setzt bei seiner Version von Williams’ so vernichtender Gesellschaftskritik ganz auf atmosphärische Dichte und starke Körperlichkeit, er erzählt die Geschichte vor allem zwischen den Worten und entfaltet dabei einen ganz erstaunlichen Sog.

Foto: Julian Röder
Foto: Julian Röder

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Ausgerechnet Deutschland

Przemek Zybowski: ROM – Die lange Rückkehr in den Westen, Ballhaus Ost, Berlin (Regie: Johannes Wenzel)

Von Sascha Krieger

Rom. Eine Taxifahrt. Vater, Mutter, Sohn. Der Sohn bricht einen Streit mit dem Fahrer vom Zaun, die Mutter versucht ihn zu beruhigen, der Vater sitzt regungs- und teilnahmslos da. Immer und immer wieder kehrt Bronek (Janning Kahnert) zu dieser Szene zurück, mal zwanghaft mechanisch, mit zunehmender Dauer des Abends jedoch immer aggressiver. Ein völlig banaler Moment, der zum Fokus-, zum Ausgangs- und Rückkerpunkt wird, einer, der eine Erinnerungslawine lostritt und der immer wieder dann aufgesucht wird, wenn Erinnerung ins stocken gerät oder, häufiger noch, verweigert wird. Und es ist eine Szene, von welcher der Vater später behaupten wird, sie hätte nie stattgefunden, zumindest nicht mit ihm. Wenn man die Taxifahrt unbedingt haben wollen, solle man ihn zumindest herausnehmen, fordert er. Es geht in ROM – Die lange Rückkehr in den Westen um verdrängte und verweigerte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, um Schuld und Beschuldigung, um Migration und Identität, aber auch um die Geschichte des eigenen Landes, das schon lange nicht mehr das eigene ist.

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Geburtswehen

Theatertreffen 2013 – Gerhart Hauptmann: Die Ratten, Schauspiel Köln (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist das Programmheft ein guter Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit Karin Henkels Kölner Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Die Ratten. Dort wird ausgiebig Friedrich Nietzsche zitiert, auch ein kurzer Textauszug des Philosophen selbst findet sich dort. Und so erlebt der Zuschauer hier vielleicht nicht “Die Geburt der Tragödie”, aber womöglich so etwas wie die Geburt des Wahrhaftigen aus dem Theater. Und geht es nicht in beiden Hauptthemensträngen des Stücks um das Gebären, das Entstehen neuen Lebens? Wirklichen Lebens in der Geburt des Kindes, das am Ende gleich zwei tote Mütter hat, aber auch gespielten Lebens in der Kunstwelt des Theaters? Bei Henkel sind die Ebenen der Frau Maurerpolier John und des Theaterdirektors Hassenreuter zu einer verschmolzen, das Oben und Unten, das im Text auch im Wortsinn zu verstehen ist, existiert hier nicht. Hier ist alles Theater und aus ihm erhält der Abend seine Kraft, die das Etikett “bemerkenswert” mehr als angemessen erscheinen lässt.

Foto: Klaus Lefebvre

Foto: Klaus Lefebvre

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Nummernrevue mit V-Effekt

Theatertreffen 2013 – Bertolt Brecht: Die heilige Johanna der Schlachthöfe, Schauspielhaus Zürich (Regie: Sebastian Baumgarten)

Von Sascha Krieger

Bertolt Brechts Weltwirtschaftskrisendrama Die heilige Johanna der Schlachthöfe ist seit dem Beginn der weltweiten Finanzkrise im Jahr 2008 ein Dauergast auf den Spielplänen deutschsprachiger Theater. Vielleicht hat dies und der Wunsch nach Relevanz die Jury des Theatertreffens bewogen, in diesem Jahr endlich eine der zahlreichen Johanna-Inszenierungen einzuladen. Dass die Wahl ausgerechnet auf Sebastian Baumgartens Zürcher Inszenierung fiel, mag damit zusammenhängen, dass Baumgarten im Gegensatz zu den meisten anderen Regisseuren auf eine vordergründige Aktualisierung des Stoffs verzichtet, ein rotes Tuch für so manchen Kritiker. Welche weiteren Gründe die Jury bewogen haben könnten, den Abend zu den zehn bemerkenswertesten des vergangenen Jahres zu zählen, erschließt sich nach dem Gastspiel im Haus der Berliner Festspiele nicht. Es ist ein seltsam beliebiger, haltungsfreier und ungemein selbstverliebter Abend, der sich an seiner zweifellos vorhandenen handwerklichen Qualität so sehr berauscht, dass kein Raum mehr bleibt für die Beantwortung der Frage, was uns dieser unter erheblichem Einfluss von Brechts aufkommendem Interesse für den Marxismus entstandenen Text zu sagen haben könnte.

Hauptspielort des Theatertreffens: das Haus der Berliner Festspiele (Foto: Burkhard Peter)

Hauptspielort des Theatertreffens: das Haus der Berliner Festspiele (Foto: Burkhard Peter)

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Schlaflos im Räderwerk

Theatertreffen 2013 – Friederike Mayröcker: Reise durch die Nacht, Schauspiel Köln (Regie: Katie Mitchell)

Von Sascha Krieger

Das Theater der Katie Mitchell ist ein Theater der Ebenen. Dies gilt zunächst im Wortsinn: unten eine Mischung aus Kulisse, Tonstudio und Filmset, oben eine Video-Leinwand, unten wird produziert, oben das Produzierte gezeigt. Im Zusammenspiel zwischen der handwerklichen Mechanik der Filmproduktion und dem perfekt geschnittenen Ergebnis, das in Echtzeit zu sehen ist, entsteht im Idealfall so etwas wie eine Erzählung, die gleichzeitig von ihrer Entstehung berichtet. Das Paradoxe ist, dass in Mitchells besseren Arbeiten gerade diese Offenlegung der Erzähltechnik, diese konsequente Dekonstruktion der Vortäuschung von Realität eine Direktheit entsteht, eine Berührung des Zuschauers, die auf Empathie abzielendes Theater nur selten erreicht. Es ist dieses instabile, ambivalente Verhältnis von Verfremdung und Distanzierung auf der einen, Illusion und Durchbrechung der Distanz auf der anderen, aus dem sich die Wirkung von Katie Mitchells Theater entfaltet. Denn paradoxerweise ist es die reale Ebene der agierenden Figuren, die durch all die herumwuselnde Technik, die Ortswechsel zwischen den Szenen, das Hinein- und Herausschlüpfen aus den Rollen für die Distanz sorgt, während das Produzierte, die Vermittlung +über das bewegte Abbild Nähe suggeriert. In seinen besten Momenten erzeugt dieses Theater eine faszinierend komplexe wie fragile Theater- und Wirklichkeitserfahrung, in seinen schwächeren ist das mechanisch abgespulte Routine, eine Wiederholung des Immergleichen. Reise durch die Nacht, Mitchells Adaption einer kaum bekannten Erzählung Friederike Mayröckers hat ein wenig von beidem zu bieten.

Foto: Stephen Cummiskey

Foto: Stephen Cummiskey

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Wir Anderen

Theatertreffen 2013 – Jérôme Bel / Theater Hora: Disabled Theater, Theater Hora – Stiftung Züriwerk, Zürich / R. B. Jérôme Bel / Hebbel am Ufer, Berlin / Festival d’Avignon / Ruhrtriennale u. a.

Von Sascha Krieger

“Echte lebende Kinder” gab es im vergangenen Jahr beim Theatertreffen zu sehen, “echte lebende Menschen mit Behinderung” sind es in diesem Jahr. Und natürlich stellt sich die Frage: Darf man das? Eine, die auch die Angehörigen der elf Darsteller des Züricher Theater Hora, die an Disabled Theater, dem gemeinsamen Projekt des Theaters mit dem Choreografen Jérôme Bel, teilnehmen, bewegt hat, wie sie gegen Ende des Stückes berichten. “Wie Tiere im Zirkus” würden sie ausgestellt, meinten beispielsweise die Eltern des 22-jährigen Matthias Brücker. Und Damian Brights Mutter verglich das Ganze mit einer Freakshow, fügte aber hinzu, es habe ihr sehr gefallen. Werden hier Menschen mit Behinderung ausgestellt oder stellen sie sich womöglich sogar selbst aus? Und wenn ja, dürfen sie das und wer hat es ihnen eigentlich erlaubt?  Und vielleicht, nein, ganz wahrscheinlich verrät das Stellen dieser Frage viel mehr über die Fragenden als jene, die sie auslösen. Sie lenkt den Blick auf unsere Sicht auf jene, welche die Gesellschaft traditionell abseits des “Normalen” verortet hat, jene, denen sie, nein, wir nur zu gern vorschreiben würden, was sie dürfen und was nicht, dass und wie sie zu beschützen seien. Wovor eigentlich? Sind es nicht eher wir, die uns schützen vor dem Blick auf das vermeintlich andere, das so anders vielleicht gar nicht ist? Wer blickt hier eigentlich wen an?

Foto: Michael Bause

Foto: Michael Bause

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Auf dem Schlachtfeld des Lebens

Das New York Philharmonic Orchestra zu Gast in Berlin mit Werken von Mozart und Tschaikowsky

Von Sascha Krieger

Festspiele haben im deutschsprachigen Raum nicht nur Tradition – es gibt derer auch eine große und ständig wachsende Zahl. Neben den “Platzhirschen” wie Salzburg, Baden-Baden, Luzern oder dem alljährlichen Wagner-Schaulaufen in Bayreuth konkurrieren mittlerweile zahlreiche meist hochkarätig besetzte und mehr oder minder spezialisierte Musikfestivals um die Gunst der Zuhörer. Die Dresdner Musikfestspiele gehören sicher zu den renommiertesten – und doch kann auch ihnen ein bisschen Werbung nicht schaden. Und so ist es nur folgerichtig, dass sie in diesem Jahr mit ihrem größten Pfund – der Anwesenheit des weltberühmten New York Philharmonic Orchestra, seines Zeichen das älteste Symphonieorchester der USA – ordentlich wuchern wollen. Wie besser, als den Klangkörper ein paar hundert Kilometer gen Norden zu schicken, zu einem Gastspiel im Berliner Konzerthaus, natürlich unter der Ägide der Dresdner Festspiele? Und so schmiegt sich ein roter Teppich an die berühmten Stufen, weht ein Hauch Semperoper über den Gendarmenmarkt, als der Music Director des Orchesters Alan Gilbert – übrigens der erste gebürtige New Yorker in der Geschichte des Orchesters – den Taktstock erhebt.

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Der Rock und das Ich

Theatertreffen 2013 – Elfriede Jelinek: Die Straße. Die Stadt. Der Überfall. Münchner Kammerspiele (Regie: Johan Simons)

Von Sascha Krieger

Elfriede Jelinek gehört zu den Vielschreibern der deutschsprachigen (Theater-)Literatur, eine, die auch mal ganz schnell auf aktuelle Ereignisse und Debatten reagiert. Da ist dann auch nicht ausgeschlossen, einmal ein Auftragswerk zu verfassen. So geschehen mit Die Straße. Die Stadt. Der Überfall., ein Stück zum 100. Jubiläum der Münchner Kammerspiele. Als Sujet gewählt hat sich Jelinek dafür die Maximilianstraße, an der sich die Kammerspiele ja befinden und die zugleich die edle Shoppingmeile Münchens ist, das Terrain der Reichen und schönen, Laufsteg und Garderobe zugleich derer, die da gesehen werden möchten. Zunächst lässt Johan Simons in seiner Uraufführung die Straße entstehen: Bühnenarbeiter verteilen säckeweise zerstoßenes Eis auf den schlichten Bühnenquadrat, vor und hinter dem die Zuschauer Platz genommen haben. Die Straße als glänzende, glitzernde Oberfläche, die knirscht, wann immer jemand sich über sie bewegt. Da ist der schöne Schein, aber auch jede Menge Sand im Getriebe. Und es ist eine flüchtige Schönheit: Spätestens nach der Pause ist ein Großteil des Eises geschmolzen, ist die Bühne voller hässlicher Pfützen. Hier geht so manches Ego baden und mit ihm vielleicht die Straße, oder gar die ganze Stadt?

Foto: Julian Röder

Foto: Julian Röder

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Fremde Welten

Auf der Konferenz “Theater und Netz” versuchten sich nachtkritik.de und Heinrich-Böll-Stiftung am Clash zweier Kulturen

Von Sascha Krieger

Von “getrennten Welten”, die sich hier begegneten, sprach Ralf Fücks, Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung, schon bei der Eröffnung. Und so wurde die erste Ausgabe der Konferenz “Theater und Netz”, welche die Stiftung gemeinsam mit dem Initiator der Veranstaltung, der Online-Theaterkritik-Plattform nachtkritik.de veranstaltete, zu einer Art Blind Date zwischen Theater und Internet, Theaterszene und Netzgesellschaft, einem ersten Kennenlernen und Abtasten, bei dem am Ende unklar blieb, ob es ein zweites Date geben würde. Klar wurde zumindest, dass so manches Mitglied der viel zitierten “Netzgemeinde”mehr mit dem Theater anfangen kann, als dies andersherum der Fall ist. Die Konferenz stellte viele Fragen, Antworten blieben weitgehend aus, und doch ist es als Erfolg zu bezeichnen, überhaupt in Kontakt gekommen zu sein, so manche Gewissheit zu hinterfragen und den einen oder anderen Denkprozess anzustoßen. Noch kennt man sich kaum, aber dass daraus mehr werden kann, ist auch nach den eineinhalb Tagen in Berlin nicht ausgeschlossen.

Philipp Banse im Gespräch mit Robert Lehninger, Ulf Otto und Herbert Fritsch (v.l.) (Foto: Sascha Krieger)

Philipp Banse im Gespräch mit Robert Lehninger, Ulf Otto und Herbert Fritsch (v.l.) (Foto: Sascha Krieger)

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