Lebensdurchpulst

Musikfest Berlin 2020 – Der sechste Teil von Igor Levits Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Am Ende die Aria aus Johann Sebstian Bachs Goldberg-Variationen: eine Zugabe nicht und doch ganz von dieser Welt. Igor Levit erdet das schweben dieser Musik im Universellen, er gibt dem musikalischen Geiste einen Körper, er fragt sich, ganz vorsichtig zunächst, hinein, in diesen zuweilen stockenden, seinen Ort finden müssenden melodischen Fluss. Eine Meditation, welche die Zeit, die Welt nicht hinter sich lässt, sondern ganz aus ihr kommt. Damit bildet sie einen passenden Abschluss dieses sechsten Teils von Igor Levits Zyklus aller Beethoven-Sonaten im Ramen des diesjährigen Musikfests Berlin. Vier mittlere Sonaten, die Nummern 13 bis 16, stehen diesmal auf dem Programm und es wird ein ungemein lichtdurchfluteter, Leben atmender Vormittag in der Philharmonie.

Igor Levit beim Musikfest Berlin 2020 (Bild: Monika Karczmarczyk)

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Iphigenie im Call Center

Nach Euripides und Stefanie Sargnagel: Iphigenie. TRAURIG UND GEIL IM TAURERLAND, Volksbühne Berlin (Regie: Lucia Bihler)

Von Sascha Krieger

„Ihr seid nichts, ich bin alles“. Und: „Ich bin Goethe.“ Die weißen Hochzeitskleider haben sie abgeworfen, die fünf Iphigenien. Trauer muss Elektra tragen, aber das schwarz steht auch der Schwestern. Emazipatorisch ist es, aufgereiht stehen sie da im Dämmerlicht, einige mit den Füßen im Wasser, abgeworfen die Insignien patriarchaler Frauenbilder. Jetzt reklamieren sie die Welt für sich, die Hauptrolle in ihr – und sich selbst. Nicht Goethe definiert, wer Iphigenie ist oder zu sein hat, sie selbst tut es. Widerstand ist zwecklos. Plakativ ist das Schlussbild dieses Abends, der eigentlich gerade nicht auf Goethes Bearbeitung basiert und sie, die die Rezeption der Figur im deutschsprachigen Raum so geprägt hat, natürlich stets mitdenkt. Es ist Euripides‘ Drama, das im ersten Teil des Abends die Grundlage bildet. Oder vielleicht eher einen Steinbruch, aus dem das Material zusammengesammelt wird, das dann eine neue Skulptur entstehen lässt, eine matriarchale, widerständige oder vielleicht einfach nur zerstörende.

Bild: Katrin Ribbe

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Keine Notlösung

Musikfest Berlin 2020 – Marco Blaauw und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Vladimir Jurowski mit Werken von Strauss, Saunders und Beethoven

Von Sascha Krieger

Die Erstellung von Konzertprogrammen ist für Orchester derzeit eine besonders schwierige Aufgabe. Aufgrund der Corona-Regeln müssen Besetzungen reduziert werden, so manches werk lässt sich derzeit gar nicht spielen, andere mit deutlich weniger Musikern als gewohnt. Das zweite Konzert des RSB beim diesjährigen Musikfest Berlin ist ein gutes Beispiel, wie sich aus der Not eine Tugend machen lässt. Das Programm ist eine gute Mischung: Los geht es mit einem Werk für 23 Solostreicher, danach kommt ein rein solistisches Werk, gefolgt von drei Stücken für vier Posaunen. Am Ende steht eine klassische Symphonie – gespielt mit einer Streicherbesetzung, die sich an die Aufführungspraxis der Entstehungszeit anlehnt und es gleichzeitig erlaubt, die Abstandsregeln auf der Bühne der Philharmonie einzuhalten. Aus dem „Notprogramm“ wird eine Entdeckungsreise, die es so sicher nie auf ein Konzertprogramm geschafft hätte, ihre Berechtigung aber mehr als nachzuweisen im Stande ist.

Vladimir Jurowski (Bild: Robert Niemeyer)

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Kontrastreich

Musikfest Berlin 2020 – Der fünfte Teil von Igor Levits Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Wer Igor Levit und vor allem seine Beethoven-Interpretationen kennt, weiß, dass der in Berlin lebende Künstler ein musikalischer wie emotionaler Tiefenschürfer ist, ein Neugieriger, der Partititur und Gefühl nicht trennen man, sondern in beiden eine Symbiose sucht, die sein Spiel oft so aufregend und manchmal auch etwas unberechenbar macht. Dass er zuweilen auch anders kann, zeigt er im fünften Teil deines Zyklus der Klaviersonaten Ludwig van Beethovens im Rahmen des Musikfests Berlin. Drei frühe und eine Mittlere – die Nr. 18 Es-Dur op. 31, 3, alias „Jagdsonate“ – stehen auf dem Programm und er nimmt sie mit der gleichen Lebendigkeit, dem gleichen rythmischen Drang, dem gleichen Hang zu pronocierten Kontrasten, Wechseln und Brüchen, dass die meisten der insgesamt 15 Sätze zu einer eher einheitlichen Masse behender Lebhaftigkeit und plastisch ausgeformter Musikalität vereinen. Das beginnt bei der Nr. 2 A-Dur op. 2, 2, Haydn gewidmet und durchaus am Vorbild orientiert. Das klingt vor allem in den gesanglichen Passagen etwa des Kopfsatzes durch, die trotz der körperlichen Ausformung der Noten beinahe etwas Museales verströmen. Ansonsten rast Levit durch die Partitur, als gäbe es kein Morgen. Das hat viel Zug, vor allem in den Ecksätzen, eine menge Facetten und stebt oft in die Extreme. Etwa im zweiten Satz, den der Pianist so fragmentarisch interpretiert, dass er zwischenzeitlich zu zerfallen droht, mit stark betontem Wechselschritt der hohen und tiefen Noten und brutal hereinfahrenden Verdunkelungen.

Igor Levit (Bild: Robbie Lawrence)

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„Für immer“

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern, Berliner Ensemble (Regie: Laura Linnenbaum)

Von Sascha Krieger

Er kommt spät in Gang, dieser Eröffnungsabend, dieser Neustart am Berliner Ensemble, dieses Hineinspielen in die leere, das gelichtete Parkett, die vielen Lücken. Mi einem Stück, einer Romanadaption, in der es selbst um Lücken geht, um Verlorenes, um – im Gegensatz zu den entfernten Sitzreihen am Schiffbauerdamm – Unwiderbringliches. Die syrische Revolution steht im Mittelpunkt von Olga Grjasnowas Geschichte, von ihr selbst für die Bühne übertragen. Ihre Anfänge, ihre Scheitern, ihr Nachwirken. Es geht um die angehende Schauspielerin Amal, ihren Kommilitonen und späteren Freund Youssef und den in Paris lebenden und plötzlich in Syrien festsitzenden Arzt Hammoudi. Drei Prototypen von menschen, die in die Ereignisse hineingeworfen wurden, ein Aktivist, eine verliebte, freiheitsliebende anfängliche Mitläuferin, einen außenstehende, der sich irgendwann gezwungen sieht sich zu positionieren. Man merkt den Figuren ihre Zeichenhaftigkeit ab, ihren Zwang, für etwas, eine Haltung zu stehen. Das macht den Abend zunächst so schwergängig. Cynthia Micas, Armin Wahedi und Marc Oliver Schulze (hinzu kommt Oliver Kraushaar als Autoritätsfigurspieler vom mahnenden Vater bis zum still zynischen Geheimdienstgeneral) mühen sich redlich und zunächst eher vergeblich, ihren Protagonist*innen eine dritte Dimension zu verleihen.

Bild: JR Berliner Ensemble

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„Theater der Trance“

René Pollesch: Melissa kriegt alles, Deutsches Theater, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Nein, wer Melissa ist und was sie alles bekommt, erfahren wir in diesen 90 Minuten nicht. Wer sinch an den Stücktiteln von Pollesch-Abenden festhält, hat eh meistens verloren. Und so ist der Brief, dem die ersten Worte Kathrin Angerers, gesprochen noch hinter der weißen Vorhang-Gardine, gelten und der die titelgebende Aussage entält, schnell vergessen. Er ist ein Zitat, ein Überbleibsel des solche Trigger bedingenden Handlungstheaters, das Pollesch schon lange hinter sich gelassen hat und das er hier mal wieder genüsslich seziert. Der Brief als Handlungstreiber – er darf mit auf den Komposthaufen nicht benötigter Theatertropen. Auch wenn es mit allerlei russisch anmutenden Garderobenelementen – Fellmützen- und -mäntel spielen eine wesentliche Rolle anmutet, als wäre wir bei Tschechow oder zumindest Gorki: Der Fluchtpunkt dieses abends heißt Brecht. Es ist sein Vorhang, der zu Beginn aufgeht und wiederholt thematisiert wird, sein Theater, um das sich die Gesprächsschleifen immer wieder drehen und zu dem sie stets zurückkommen. Und es ist seine Frau, Helene Weigel, welche die zwei Themenkomplexe des Abends, so man von solchen sprechen kann, zusammenfügt: das Theater und die Revolution.

Bild: Arno Declair

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Suchende

Die Berliner Philharmonie unter Kirill Petrenko spielen Werke von Schönberg und Brahms

Von Sascha Krieger

So ein Saisoneröffnungskonzert ist immer auch ein Statement. Bei dem man sich lustvoll in Bedeutungsexegese verlieren kann. Ist die Ansetzung von Brahms und Schönberg ein Bekenntnis zum Kernrepertoire der Berliner Philharmoniker und zu einer Fokussierung auf die deutsch-österreichische Musikgeschichte? Ist die Abwesenheit Beethovens im Jubiläumsjahr ein Seitenhieb auf musikalische Heldenverehrung? Ist die Programmierung einer Brahmssymphonie ein Zeichen, dass auch in Zeiten von Abstandsregeln und kleineren Besetzungen die große Form ihren Platz im Konzertleben finden muss? Vielleicht, vielleicht nicht und womöglich ist das auch nicht wichtig. Für Chefdirigent Kirill Petrenko steht ohnehin immer die Musik selbst im Mittelpunkt – einer der Gründe, warum sich das Orchester so schnell in den 48-Jährigen verliebt hat. Ihn interessieren werke, in denen er etwas entdecken kann, Programme, die spannende, nicht gleich erwartbare Verbindungslinien zu lassen. Brahms und Schönberg, das ergibt Sinn. Welchen, das erweist sich im Spiel.

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker beim Saisoneröffnungskonzert 2020 (Bild: Stephan Rabold)

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Romantischer Beethoven, klassischer Mendelssohn

Die Berliner Philharmonie unter Kirill Petrenko und Daniil Trifonov spielen Werke von Beethoven und Mendelssohn Bartholdy

Von Sascha Krieger

Klar, Beethoven. Seinen 200. Geburtstag wollte die Musikwelt in diesem Jahr begehen. Dann kam Corona. Doch weil Musik so manches mehr schon überstanden hat, fällt auch das Beethoven-Jahr nicht ins Wasser. Anders als geplant – mit Hauskonzerten, Streams, fast leeren Konzertsälen, kleineren Besetzungen – aber zu hären ist die Musik des Bonners allerorten. Natürlich auch bei den Philharmonikern, dessen musikalisches Epizentrum der Komponist lange war und womöglich immer noch ist. Auch wenn der neue Chefdirigent Kirill Petrenko seine Schwerpunkte bislang woanders setzte: Ohne Ludwig van, wie er in William Burroughs A Clockwork Orange heißt, geht es nicht. Also steht er auch im Mittelpunkt eines der ersten beiden Konzertprogramme der Spielzeit. Oder besser. an seinem Anfang. Das dritte Klavierkonzert soll es sein, mit Daniil Trifonov als Solisten, einem begnadeten Virtuosen, der bislang aber eher als Interpret romantischer Klavierliteratur auffiel.

Kirill Petrenko (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

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Der Schmerz, mein Gefährte

Musikfest Berlin 2020 – Der dritte Teil von Igor Levits Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Wenn diesen Rezensenten die Erinnerung nicht trügt, spielte Igor Levit Beethovens „Appassionata“, die Klaviersonate Nr. 23 f-Moll op. 57, beim ersten seiner längst legendären Corona-Hauskonzerte im März diesen Jahres. In jedem Fall wurde sie, nicht nur für den auto dieser Zeilen, zum symbolischen Soundtrack jener Zeit. So voll unmittelbaren Schmerzes, voller roher Leidenschaft, welterfüllender Trauer und hilfloser Wut wird man dieses Werk wohl nie wieder hören. Selbst als Levit sie in einem späteren Stream erneut spielte, klang sie schon einen Tick versöhnter mit der Welt. Umso mehr durfte man gespannt sein auf ihre Aufführung im Rahmen seines Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie. Und tatsächlich heb sie eher vorsichtig an, ein Herantasten, ein wenig ängstlich fast vor dem Zuviel, das diese Musik immer birgt. Levit lauscht jedem Ton hinterher, er lässt sein Instrument grübeln, suchen. Immer wieder fährt er auf, schleichen sich Brüche ins Spiel, kann sich der beinahe minimalistische Gesang dieses Kopfsatzes nicht unwidersprochen entfalten. Die einschläge kommen näher, die Entladungen werden explosiver und können die unendlich zarte, intime Trauer, die fast scheuen Anschläge des Solisten, nicht verstummen lassen. Glockenhell strahlt das Klavier und verdunkelt sich sogleich bedrohlich. Die Schönheit und der Schrecken der Welt, sie begegnen sich auf Augenhöhe.

Igor Levit (Bild: Robbie Lawrence)

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Auf ein Wiedersehen

Musikfest Berlin 2020 – Der zweite Teil von Igor Levits Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Solokonzerte sind intime Affären. Da exponiert sich ein einzelner Künstler, als Unterstützung nur das eigene Instrument, dem Publikum schutzlos ausgeliefert, ein Austausch, wie er direkter kaum sein könnte. Findet ein solches Ereignis in einem großen Konzertsaal statt, wird es schon schwierig, die notwendige Atmosphäre aufzubauen, die solche Konzerte über das „War-ganz-schön“-Niveau hebt. Wenn dann auch noch Covid-19-bedingt nur etwa ein Fünftel der Plätze besetzt werden können, die Zuschauer*innen den Saal weniger füllen als dass sie seine Leere unterbrechen, scheint es kaum möglich, hier ein Konzerterlebnis zu erschaffen. Nun ist Igor Levit allerdings auch kein gewöhnlicher Pianist. Dass ausgerechnet er es war, der vor ein paar Tagen die Philharmonie nach Monaten der Schließung wiedereröffnete, war kaum Zufall. Kaum ein anderer Künstler ist derzeit so in der Lage, eine Verbindung zu denen aufzubauen, die ihm zu zuhören, sie als Dialogpartner zu begreifen, als Mitstreiter*innen auf Augenhöhe, als Menschen, die er mindestens ebenso braucht, wie sie ihn. Die tröstende, Hoffnung spendende Wirkung seiner gestreamten Hauskonzerte zu Beginn des Corona-Lockdowns lässt sich gar nicht überschätzen. Sie gehörten für viele – auch für diesen Rezensenten – zum wichtigsten, das ihnen half, mit der Situation zurechtzukommen. Wenn jemandem das Wunder gelingen kann, aus dieser Leere Gemeinschaft durch Musik zu erschaffen, dann ihm.

Igor Levit (Bild: Robbie Lawrence)

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