Schrödingers Mensch

Nach Motiven der Erzählung von Franz Kafka: Eine Bericht für eine Akademie, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Oliver Frljić)

Von Sascha Krieger

Der kroatische Theatermacher Oliver Frljić ist nicht gerade dafür bekannt, sich zu mäßigen. Er liebt die Provokation, mag drastische Bilder und nutzt lieber den Vorschlaghammer als das Skalpell. In seinen Inszenierungen werden schon mal der Papst oral befriedigt oder Schauspieler Folter per Waterboarding unterzogen. Das verfehlt seine Wirkung selten: Wer Frljićs Namen googlet, wird schnell auch auf das Wörtchen „Skandal“ stoßen. Wenn er nun ausgerechnet am Berliner Maxim Gorki Theater arbeitet, diesem Hort der Diversität und Toleranz, an dem schon mal eine Premiere verschoben wird, damit sich die weiblichen Mitarbeiterinnen einem bundesweiten Frauentagsstreik anschließen können, ist er unter Freunden, Skandale eher nicht zu erwarten. Auch wenn er es nicht ganz lassen kann zu provozieren – im missglückten Einstieg schließt Sesede Terziyan mit heiligem Ernst als J .M. Coetzees Elisabeth Costello mal eben Shoa und Massentierhaltung kurz – weiß Frljić, dass er hier anders zu Werke gehen, sein Gift über andere Wege in die bürgerliche Seele träufeln muss.

Bild: Esra Rotthoff

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Family Love Triumphant

Film review: Boy Erased (Director: Joel Edgerton)

Von Sascha Krieger

When a film opens with amateur footage of a small boy filmed by his family, you know a shattered idyll family drama will follow. Accomplished Australian actor Joel Edgerton chooses this beginning for his directorial debut just like he ends it with another set piece: a young man driving and holding his hand out of the car window – still apparently Hollywood’s go-to image for closing out a coming of age story and symbolising a new, free life beginning. What comes between is, as far as its topic is concerned, less Hollywood standard fare. Boy Erased, based on an autobiographical book by New York writer Garrard Conley leads the viewer into a world far removed from what most of us understand as civilised modern society: gay conversion therapies. Still allowed in more than 30 U. S. states even for minors, young men and women, boys and girls are still subjected to this kind of comprehensive mistreatment, particularly rampant in the so-called Bible Belt, the ultra-religious American south. Boy Erased tells the story of 18-year-old Jared, son of an Arkansas preacher, who after going to college is outed to his parents and persuaded to undergo this kind of pseudo-therapy.

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Der Abgrund lächelt

Ferdinand Schmalz: der tempelherr. ein erbauungsstück, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Philipp Arnold)

Von Sascha Krieger

Wer Theater sucht, in dem die Sprache mit all ihren Unebenheiten, Undeutlichkeiten, Brüchen und Sackgassen die Hauptrolle spielt, schaue am besten nach Österreich. Dort findet sich nicht nur mir Elfriede Jelinek die vermutlich größte Sprachsubversive der deutschsprachigen Literatur, sondern mit Ferdinand Schmalz auch ein Dramatiker, der mittels kleinster Verschiebungen, Hinzufügungen und Kippungen aus der Alltagssprache musikalisch rhythmische Gebilde fernster Nähe und familiärster Fremdheit zu machen vermag. Allein der Titel seines neuen Auftragswerk des Deutschen Theaters: Ein „Erbauungsstück“ will es sein, also eines, das moralisch aufpäppelt, Mut macht, Optimismus schürt. Nein, es geht darin einfach ums erbauen. Eines Hauses. Oder so. Und „der tempelherr“? Wer denkt da nicht an Lessings Nathan der Weise, in der eine so benannte Figur eine Schlüsselrolle innehat in einem wahrlichen, vielleicht gar dem Erbauungsstück überhaupt. Und ja, auch bei Schmalz geht es um eine Gesellschaftsvision, doch ist der Titelgeber hier kein Kreuzritter, sondern einer, der, nun ja, eben einen Tempel baut. Es gibt derzeit wohl kaum einen Autor, der es so wie Schmalz versteht, Worte, Sprache von ihrem metaphorischen, assoziativen Ballast zu befreien und sie eben dadurch mit unbegrenztem Potenzial aufzuladen.

Bild: Arno Declair

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Farbenspiele im Zirkus

Zubin Mehta und Martin Grubinger zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

In der Berliner Philharmonie ist im März so etwas wie Familientreffen angesagt: Kurz bevor der Ex (Sir Simon Rattle) vorbeischaut, kommt der Neue (Kirill Pretrenko) vorbei. Da dürfen auch alte Freunde nicht fehlen: Also macht zunächst Zubin Mehta, seit einigen Tagen (endlich – die Staatskapelle machte ihn schon vor Jahren zum Ehrendirigenten) Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker, seine Aufwartung. Als er erstmals an deren Pult stand, war Rattle sechs Jahre alt und Petrenko noch mehr als eine Dekade von seiner Geburt entfernt. 82 ist der Maestro mittlerweile und nach einer Operation im vergangenen Jahr nicht mehr gut zu Fuß, weshalb er derzeit im Sitzen dirigiert. Einen neuen Freund hat er auch dabei, Martin Grubinger, den österreichischen Star-Schlagzeuger. Dass er zuvor noch nie mit dem Orchester konzertierte, ist wohl das Überraschendste an diesem Abend, der zunächst voll und ganz im Zeichen des Perkussiven steht. Die Vorspeise stammt von Edgar Varèse, einer der aufregendsten und radikalsten Komponistenstimmen der ersten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts. Wo andere sich weiter mit Tönen und Noten und deren Anordnung befassten, nahm der Franko-Amerikaner einen lange vernachlässigten Aspekt der Musik ins Visier: den Klang. Hierfür entdeckte er die Potenziale des Schlagzeugs, zuvor bestenfalls Beiwerk, dienende Instrumente, keine Kandidaten für Hauptrollen.

Zubin Mehta dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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I Is All the Others

Film review: Can You Ever Forgive Me? (Director: Marielle Heller)

Von Sascha Krieger

What does it mean to speak with your own voice? Is it possible to find it through impersonating others? Telling the story of mildly successful writer Lee Israel who had specialised in biographies and who turned into a forger of literary letters, Marielle Heller’s film poses questions of identity, authenticity and the truth that may be at the heart of a lie. She places her protagonist into the half-forgotten Manhattan of the early 1990s, a decrepit inner city full of dirty, dark interiors, a rotting metropolis. Painted in patina-covered browns, the film’s setting is lightyears away from the glamour we associate with today’s version of the place. Only once does it foray into the lusher richer universe normally closed to the likes of Israel. Melissa McCarthy plays her as a caustic misanthropist, who loves her cat but tends to be hostile around people. A dark whiskey-coloured office – from which Israel is instantly fired – is the film’s starting point and will be mirrored in the faintly lit pub she frequents, her own crammed and dirty apartment, the old-fashioned book store she will sell to, themselves cave-like remnants of a once thought-filled world now more resembling drug dens than cathedrals of poetry.

Image: © 2018 Twentieth Century Fox

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Geeiste Buchstabensuppe

Nach dem Roman von Richard Yates: Zeiten des Aufruhrs, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Jette Steckel)

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist dieser Anfang programmatisch gemeint. Oder zumindest ironisch. Romanadaptionen gelten so manchem Puristen ja als die selbstmörderische Kardinalsünde des Theaters. Also beginnt Jette Steckel die ihre mit einer Theateraufführung. Das tut auch der ihr zugrunde liegende Roman, Steckel baut aber eine schöne Volte ein: Was hier gespielt wird, ist eine Szene des Romans selbst, die wunderbar schlechte Laienspielgruppe, verkörpert von einigen der besten Darsteller*innen des deutschsprachigen Theaters, spielt also das eigene Leben. Trashig, unreflektiert, unverstanden – eben genauso wie sie leben. Da wird die Vorstadthölle zur Farce um sogleich zurück zur kammerspielhaften Tragödie zu wechseln. Vom „Zustand des totalen Selbstbetrugs“ spricht Alexander Khuon als Frank Wheeler mehrfach. Den hat der dreistündige Abend bereits zu Beginn erreicht und von der kommt er auch nicht mehr herunter. Im Mittelpunkt von Florian Lösches Bühnenbilds stehen Großbuchstaben, die zu Worten geformt werden, zu Zeichenlabyrinthen oder zu fragilen Behausungen. Zu Beginn, beim Theaterstück, formen sie das Wort „SET“, später werden sie zu „HOMESWEETHOME“, gegen Ende buchstabieren sie „SHOW“.

Bild: Arno Declair

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Theater im Zwielicht

Nach Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Alexander Riemenschneider)

Von Sascha Krieger

Eine Mahnung sollte er sein, ein Appell an die Zeitgenossen, die auf den Untergang zutrieben. So verstand Erick Kästner seinen Roman Fabian, erschienen mitten in der Weltwirtschaftskrise und den Todeszuckungen der Weimarer Republik 1931. Zwei Jahre später brannte dieses wie andere seiner Bücher auf dem heutigen Bebelplatz. Einer Gesellschaft, die rat- und rastlos vor sich hintaumelt, die zunehmend traumatischen Nachrichten kaum noch wahrnimmt und antidemokratischen Bestrebungen wenig entgegenzusetzen hat: Wer dystopischer veranlagt ist, könnte die eine oder andere Parallele zum Hier und Heute finden. Parallelen, die Regisseur Alexander Riemenschneider im Programmheftinterview andeutet, aber auch nicht zu hoch anhängen will. Die Hoffnung, aus der Geschichte gelernt zu haben, hat der Spezialist für dichte und assoziationstarke Abende auf kleinen Bühnen nicht verloren. Riemenschneider aktualisiert denn auch nicht, sondern abstrahiert. Die Geschichte des promovierten Germanisten Jakob Fabian, der sich treiben lässt und vollends den Halt verliert, wenn er kurz aufeinander den Job als Werbetexter und die frische Liebeshoffnung verliert, inszeniert der 37-Jährige als Mischung aus Comic-Ästhetik und grellem Varieté.

Bild: Arno Declair

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„Einer muss es ja tun“

Martin Behnke und Burhan Qurbani: Kriegsbeute, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Laura Linnenbaum)

Von Sascha Krieger

Eine Art Ausguss hat Valentin Burmeister auf die Bühne des Kleinen Hauses des Berliner Ensembles gestellt. Vier dreieckige geflieste Flächen streben einem mittigen Gulli zu, die Abwässer, Ausscheidungen, Kollateralschäden einer überaus erfolgreichen Familie aufnehmend. Die Blochs nennen Burhan Qurbani und Martin Behnke sie, die mit Kriegsbeute ihre erste Theaterarbeit abliefern. Als Filmemacher arbeiteten sie sich bislang an zentralen gesellschaftlichen Themen unserer Zeit ab, an der Stellung der muslimischen Bevölkerung in unserem Land oder an der Hartnäckigkeit rassistischer und rechtsextremer Umtriebe. Mit Deutschlands Rolle in der Welt, seiner Friedensphilosophie auf der einen, dem Status als einer der weltweit größten Waffenexporteure auf der anderen Seite befasst sich nun ihr erstes Stück, mit dem das zum Amtsantritt von Intendant Oliver Reese gestartete Autoren-Programm des Berliner Ensembles nach eineinhalb Jahren und dem Verlust des ursprünglichen Koordinators Moritz Rinke (der mittlerweile zum benachbarten Deutschen Theater abgewandert ist) endlich nach eineinhalb Spielzeiten sein erstes Ergebnis zeitigt. Viele Premieren also, da passt das Berlin-Debüt von Regisseurin Laura Linnenbaum gut ins Bild.

Bild: © JR Berliner Ensemble

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Berlinale 2019: Day 11

By Sascha Krieger

The Boy Who Harnessed the Wind (Berlinale Special / United Kingdom / Director: Chiwetel Ejiofor)

In his directorial debut, Oscar-nominated actor Chiwetel Ejiofor tells the real story of William Kamkwamba, a teenage boy from Malawi who saved his family and village by building a windmill to irrigate the fields during a famine. Ejiofor himself plays the boy’s father but it is Maxwell Simba as William whose quiet persistence and optimism carry the film. Drenched in yellow and brownish colours and a somewhat gentler sunlight, the film accentuates the hostility of the land, zooms in on the flooding and later the cracked earth of dry season, features corrupt politicians and bookends the story with rituals of rebirth. It is full of tableau-style compositions taken from the textbook of Hollywood drama, with picturesque confrontations and embraces and moments of unity. Everything is nicely spelt out and explained, every look, every word, every gesture meaningful. A rather pervasive score makes sure that emotional attachment never breaks. Ejiofor proves to be a skillful catalyst of emotions and does a good job in helping bring the characters to life. He makes the human roots of the issues portrayed quite clear and while not mentioning climate change, the film can serve as a reminder of what’s to come if humanity doesn’t change course. This is its greatest strength: bringing a part of the world close where hunger means an existential threat and can wipe out whole communities. As a film, it’s too conventional, too much relying on clichéd set pieces, piling one disaster on the other in all obviousness, too routinely executed to be completely convincing. Its timing, too, is somewhat off, feeling artificially rushed near the ending after taking a lot of time early on to establish the height from which these characters fall, making the first 30 minutes or so feel quite slow to move off the ground. A decent first effort that needs to be watched if only for its story.

The Boy Who Harnessed the Wind (Image: © Ilze Kitshoff / Netflix)

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Berlinale 2019: Day 10

By Sascha Krieger

The most common feeling to be encountered at the end of the 69th Berlinale is relief. The last festival of longtime director Dieter Kosslick  remindes everyone why it was time for a change. While the motto „The private is political“ was well enough executed, the Competition was even more lacklustre that in previous years. artistically, the festival has long been far removed from Cannes and Venice – this year, even the relevance and an insight into global cinema, long the festival’s strong points, took a plunge. While the winners, the Golden Bear for Synonymes, Silver Bears for Di jiu tian changIch war zuhause, aber or Systemsprenger (two major awards for German films were a good send-off for a director who made the festival a platform for local cinema again) were well-deserved and the one for Grâce à dieu re-inforced Berlinale’s understanding of having a role in current social discourse, a feeling of fatigue and helplessness was inescapable. While declared as a female festival one year on from #MeToo, the Berlinale also hosted Casey Affleck’s new film despite several serious allegations against him. The champion of queer cinema had an awful year in this field, with hardly any queer film standing out positively. And the indecision with which the festival tackled the issue of how to deal with the threat (or promise) of Netflix & Co. was symptomatic: Where Cannes and Venice took strong (and Contrary) stands, the Berlinale wavered.

Skin (Image: © Berlinale)

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