Monster im Ozean

She She Pop & zeitkratzer: The Ocean is Closed, Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin / Münchner Kammerspiele

Von Sascha Krieger

Zuweilen fragt man sich ja, wenn an Theaterabenden von erhöhter Lautstärke die rede ist und Ohrstöpsel ausgegeben werden, wie empfindlich manche Gehöre sein müssen – oder ob man selbst bereits am Ertauben ist. An diesem Abend, den das Performancekollektiv She She Pop mit dem avantgardististischen Musikensemble zeitkratzer bestreitet, ist der Besucher gut beraten, vorher in die Schalen mit den kleinen Gehörschützern zu greifen. Dabei schält sich zunächst ganz sacht eine anfangs kaum hörbare zarte Klangwolke aus der vollkommenen Stille, schwillt behutsam an, immer auf dem einzigen Ton verweilend, angetrieben von Schlagzeug, Cello, Klavier, Horn, Posaune, und sich stetig emporschwingend, bis die Klangfäche ohne eingesetzte Stöpsel die Schmerzgrenze bei den meisten überschritten hätte. Von der Stille zum Lärm – durchaus ein Motto für das ungewöhnliche Ensemble, das sich gerade in der Noise-Musik zu Hause fühlt und Stücke unterschiedlichster Provenienz dekonstruiert, seine Klangbestandteile auseinanderbaut und neu zusammensetzt, Musik physisch begreift, wie einen Baukasten, einen Werkzeugsatz, Klang als Präsenz in den Raum gestellt. Da wird schon mal mit einem Schlägel auf die Klaviersaiten eingeprügelt, ein Becken mit Geigenbogen bearbeitet oder selbiger auf dem Cello zum Schlaginstrument umfunktioniert.

Bild: Sascha Krieger

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Himmel aus Eis

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut, Deutsches Theater (Box), Berlin / Ruhrfestspiele Recklinghausen (Regie: Alexander Riemenschneider)

Von Sascha Krieger

Es ist der Himmel: Unten freundliche weiße Wolken, gemischt mit zartem Hellblau, im Hintergrund ein klarer Sternenenhimmel. Oder ist es doch eine kalte Welt, der Boden aus harten, tödlichem Eis, die Kulisse nicht ändern wollender Schnellfall? Und diese Figuren, vorsichtig weiß geschminkt, in neutral gedecktern Nichtfarben, Verschwindende, kaum Sichtbare? Gespenster, (Un)Tote? Frierende Kinder? Gar Engel? Eine Zwischenwelt haben Regisseur Alexander Riemenschneider und Bühnenbildnerin Juliane Grebin in Michael Köhlschneiders 2016 erschienenen Roman Das Mädchen mit dem Fingerhut entdeckt und auf die Bühne gebracht. Es ist die Geschichte des namenlosen Mädchens, das alle Yiza nennen, weil dies das erste Wort ist, das sie spricht, allein in einer fremden Welt, durch diese driftend, zunächst mit zwei, später einem älteren Jungen, den sie nicht versteht, schließlich allein, am Ende wiedervereint über einer monströsen Tat. Schattenwesen, Unsichtbare, Nichtgewollte in einer Welt des Überflusses. Eine Fluchtgeschichte vor einer Hänsel-und-Gretel-Folie. Doch wer ist die Hexe und wo die Rettung? Wo Niedlichkeit die Währung ist und zu männliche Augenbrauen ein gesellschaftliches Todesurteil: Wo ist die Hoffnung, der Silberstreif, der Punkt, an dem aus dem Fremdem das Menschliche wird?

Bild: Arno Declair

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Lucy in the sea with James Bond

Anne-Kathrin Schulz nach einer Recherche von Correct!v: Die schwarze Flotte, Schauspiel Dortmund (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

2015, die so genannte „Flüchtlingswelle“ erreichte gerade ihren Höhepunkt. Zehn-, hunderttausende kamen meist übers Mittelmeer nach Europa, die meisten aus dem kriegsgebeutelten Syrien, viele starben auf dem Weg. Das Fernsehen zeigte Flüchtende in überfüllte Schlauchbooten. Doch es gab auch andere Bilder, die in der Öffentlichkeit fast unbemerkt blieben. Bilder alter Frachtschiffe, 70, manche gar 100 Meter lang, die hunderte Refugees transportierten. Den Journalisten des unabhängigen Recherchekollektiv Correct!v fielen sie auf und führten zur Frage: Wie kamen die Flüchtenden an kommerzielle Frachtschiffe? Wer stellte sie bereit, wer steckte dahinter? Zwei Jahre recherchierten die vier deutschen und italienischen Journalist*innen – Dramaturgin Anne-Kathrin Schulz und Regisseur Kay Voges, Intendant des Schauspiel Dortmund, formten aus den Ergebnissen einen Theaterabend. Ein Solo für den Schauspieler Andreas Beck. Ihn steckten sie in eine Recherchehöhle: außen Maschendrahtzaun, innen ein Sammelsurium aus vollgemüllten Schreibtischen, Büchern, vollgekritzelten Schultafeln und Globen. An einer Wand eine zerfetzte Europafahne, an einer anderen ein Skelett. Und Fernsehbildschirme, dutzende davon. Recherchearbeitsplatz und assoziationsreiches Metaphernfeld.

Bild: Birgit Hupfeld

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Ohne Puls

Wallace Shawn: Evening at the Talk House, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt / Ruhrfestspiele Recklinghausen (Regie: Johanna Wehner)

Von Sascha Krieger

Ein angenehmer Abend mit alten Freunden in einem sicheren, zum Wohlfühlen einladenden, alles andere als bedrohlichen Ambiente? Das ist die Prämisse von Evening at the Talk House, dem 2015 uraufgeführten Konversationsstück des erfolgreichen US-amerikanischen Autors Wallace Shawn. Zehn Jahre nach dem letzten gemeinsamen Stück trifft sich das damalige Theaterteam in ihrer damalige Lieblingsbar zum Wiedersehen. Das kann natürlich nicht gut gehen. Einige – der Autor, der Star der Truppe – sind längst im Fernsehen erfolgreich, andere wursteln sich durch, einer ist durchs gesellschaftliche Robert gefallen. Die harmonische Fassade ist so dünn, dass man sie nur mir größter Anstrengungen überhaupt sehen kann. Dies wiederum ist der Ansatz von Johanna Wehner, die die deutschsprachige Erstaufführung besorgt. Wo sich der Autor mit einer Normalität auseinandersetzt, hinter der sich Unbeschreibliches verbirgt, das längst als normal und akzeptabel gilt, kommt die Regisseurin vom entgegengesetzten Pol: Bei ihr ist der Ausnahmezustand, ist die Zerstürung Ausgangspunkt, die vollständige Kapitulation des Menschlichen.

Bild: Birgit Hupfeld

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„Knietief im Amalgam“

Alexander Eisenach: Die Entführung Europas oder Der seltsame Fall vom Verschwinden einer Zukunft, Berliner Ensemble (Regie: Alexander Eisenach)

Von Sascha Krieger

„Wenn das Theater den Biß verliert, besetzen Zahnärzte den Zuschauerraum.“ Man mag Heiner Müllers Schreckensszenario, nachzulesen im Programmheft, zustimmen, ohne sein Diktum auf die Bühne auszudehenen. Denn spätestens seit Peter Moltzens erstem Auftritt als Zahnarzt und Syndikatschef (heißt: Bösewicht) Jupiter Kingsby ist klar: Wir brauchen mehr Zahnärzte im Theater. Doch der Reihe nach: Alexander Eisenach, einer der Jungregisseure, die BE-Neuintendant Oliver Reese in seinem Frankfurter Regiestudio gefördert hat, will in seinem Berlin-Debüt nichts weniger, als den Zustand Europas zu analysieren und herauszufinden, ob dieser Kontinent als Idee eine Zukunft hat. Dazu nimmt er sich – das ist so etwas wie sein Markenzeichen – eine Genrefolie zu Hilfe, in diesem Fall den Film Noir, mit seinen resigniert-harten Antihelden und den überall lauernden menschlichen Abgründen. Christian Kuchenbuch gibt einen perfekten Bogart als Ermittler auf der Suche nach der entführten Europa. Daniel Wollenzins Bühne ziert ein durchgängiges Schachbrettmuster, sie verjüngt sich in mehrenden Richtungen, was dem Raum in seiner gebrochenen Perspektivverzerrung einen surrealistischen Einschlag gibt. Ein bisschen Malewitsch meets Dalí.

Bild: Julian Röder

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Feminismus als Freak-Show

Nach dem SCUM-Manifesto von Valerie Solanas: Feminista, Baby!, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

Keine Frage: der Text hat sich einiges von seiner Kraft bewahrt, er trifft in seinen besseren Momenten noch immer mitten in die Fresse. Die männliche versteht sich. Wenn ihn Bernd Moss mit performativer Verve ins Publikum feuert, just, nachdem er sich mit seinen Mitstreitern Jörg Pose und Markwart Müller-Elmau auf offener Bühne „entmännlicht hat“, die labbrige Alltagskleidung eingetauscht hat gegen ein schneeweißes Marilyn-Monroe-Kleid samt passender Perücke, sich also in eine Ikone der weiblichen Objektifizierung durch den Mann verwandelt hat, sich damit mehrfach um die Ironieachse des Sexismus gedreht hat, dann trifft er ungebremst aus so manches Klischee unserer postmodernen Aufgeklärtheit – und haut es in Stücke. Der Text, das ist Valerie Solanas‘ SCUM Manifesto, ein satirischer wie radikalfeministischer Text, der bekannt wurde, kurz nachdem seine Verfasserin auf Andy Warhol geschossen hatte. Darin fordert sie die Vernichtung des Männlichen, wirft dem Mann Vagina-Neid vor und dass er die eigenen minderwertigen Eigenschaften auf das eigentlich starke weibliche Geschlecht projiziert und dessen höherwertige Qualitäten sich selbst zugeschrieben habe. Dabei sei er schwach, minderwertig, eine Fehlbildung, sein X-Chromosom ein verstümmeltes Y-Chromosom, der Mann damit „eine unvollständige Frau“. Hinzu kommt eine sozialkritische Perspektive: Das Männliche ist bei Solanas auch das Kapitalistische und so fordert sie die Abschaffung des Geldes, die vollständige automation, das Ende der Arbeit.

Bild: Arno Declair

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Ein Untergang

Milo Rau & Ensemble: Lenin, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

Das Thema liegt ja auf der Hand. In wenigen Wochen jährt sich mit der russischen Oktoberrevolution eine der einschneidensten Zeitenwenden der jüngeren Menschheitsgeschichte zum hundertsten Mal. Dass ein so hochpolitischer Theatermacher wie Milo Rau, der als Sohn eines Trotzkisten zudem eigenen einschlägiges Gepäck mit sich herumschleppt, sich dieses Jubiläum nicht entgehen lassen würde, war erwartbar. Dass daraus gleich ein theatral aktionistisches Triptychon werden würde vielleicht weniger. Rau ist einer, der mit seiner Arbeit direkt in politische Debatten hineinwirken will und so lädt er am ersten November-Wochenende zur „General Assembly“ in die Berliner Schaubühne, einem alternativen Weltparlament, das den nicht Gehörten eine Stimme verleihen sollt, dem neuen „globalen dritten Stand“, der durchs Roster der Demokratie gefallen sei. Eine Anknüpfung also an eine der Triebfedern für die revolutionären Bewegungen vor hundert Jahren. Und weil Rau noch immer auch für seine Reenactments bekannt ist, spielt er in der Folge den Sturm aufs Winterpalais am Berliner Reichstag nach. Nun ist die Schaubühne aber in erster Linie ein (Repertoire-)Theater und benötigt Futter für den Spielplan. Womit wir bei Punkt eins von Raus Oktoberrevolutions-Dreigestirn sind. Ein Theaterabend namens Lenin über den lange ikonischen und längst ausrangierten Revolutions- und Staatsführer. Die Pflicht steht eben auch für einen Theatermacher vor der Kür.

Bild: Thomas Aurin

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Das papierne Ich

Nach Ágota Kristof: Hundesöhne, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

In Unterhemd und kurzer Hose schlendern sie über die Bühne, machen Dehnübungen, wärmen sich auf. Sechs Spieler+innen, denen ein fast vierstündiger Abend (das könnte ein Rekord der derzeitigen Gorki-Intendanz sein) bevorsteht. Sie machen sich bereit für die Geschichte – ihre Geschichte? Darum geht es zunächst. Einer nach dem anderen kommen sie zum Bühnenrand, bringen sich ein in die Erzählung, versuchen ihre Stimme über die der anderen zu setzen. Ein vielstimmiger Narrationsversuch, der wiederholt, abbricht, neu ansetzt. Und aus dem sich langsam eine Geschichte herauszuschälen beginnt. Die eines Zwilligspaars, herumgewirbelt in einer Welt des Kriegs. Mögliche Paare gruppieren und trennen sich, am Ende stehen Loris Kubang und Linda Vaher zusammen, hat sich das Protagonist*innenpaar (zunächst) gebildet. Eine Identitätsfindung auf offener Bühne und einer der stärksten Anfänge der jüngeren Gorki-Geschichte. Dann geht es los auf der leeren Bühne. Ein Requisitenwagen, der später auch als Ziege dient – samt funktionierendem Euter! – rollt herein, die „Zwillinge“ werden altersgerecht eingekleidet. Papierbahnen werden entrollt, auf welche die Spieler*innen mit Schlamm Kulissenandeutungen malen. Eine Welt aus Dreck und Papier, aus menschlichen Abgründen und Illusionen, Leid und Geschichten.

Bild: Esra Rotthoff

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„Leitmotiv: Chef“

Immersion – Jonathan Meese / Bernhard Lang / Simone Young: Mondparsifal Beta 9–23
(Von einem, der auszog den „Wagnerianern des Grauens“ das „Geilstgruseln“ zu erzlehren…), Haus der Berliner Festspiele / Wiener Festwochen (Regie: Jonathan Meese)

Von Sascha Krieger

Die Vorgeschichte dürfte mittlerweile hinlänglich bekannt sein: Vor einigen Jahren luden die Bayreuther Festspiele Jonathan Meese ein, Regie bei einer Neuproduktion des Parsifal zu führen. 2016 sollte es so weit sein, doch schon zwei Jahre zuvor löste man den Vertrag schon wieder auf. Aus Kostengründen, wie es hieß. Meese – und so ziemlich jeder, der sich mit dem „Grünen Hügel“ auskennt – hält das für Blödsinn. Wohl eher wahr Meese nicht so recht Klüngel-kompatibel, kontrollierbar, vor allem auch kommunikativ begrenzbar. Meese scheint das noch lange nicht verwunden zu haben: Beim knapp zweistündigen mittäglichen Presserundgang (der eigentlich ein Monolog ist) wettert er gefühlt fünf Stunden über die Gestrigen in Bayreuth. Kultur sei das, Politik auch, beide zu verorten in der Vergangenheit. Die Zukunft dagegen sei Kunst. Man kennt das von ihm. In jedem Fall hat Meese die Ablehnung als das genommen, was jeder Aspekt der von ihm verachteten Realität ist oder sein kann: Material für seine Kunst. Jetzt macht er seinen eigenen Parsifal, zunächst in einer „Alpha-Fassung“ im Sommer bei den Wiener Festwochen, jetzt in Berlin. Evolution ist ein zentraler Teil seines Kunstbegriffs. Also entwickelt er weiter. Kunst ist schließlich Veränderung. Oder, wie er es ausdrücken würde, „Chef“.

Bild: Jan Bauer, Courtesy of Jonathan Meese

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Freier Fall

Heinrich von Kleist: Penthesilea, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Michael Thalheimer ist kein Fan falscher Illusionen. Wie zum Beispiel jener, alles würde gut. Wird es natürlich nicht. Zumindest nicht dort, wo Macht und Selbstaufgabe eine tödliche Allianz eingehen. Man  nennt das, glaube ich, Liebe. Dass es den großen Tragödienessenzauspresser, den Auf-den-Kern-Reduzierer Thalheimer einmal zu Heinrich von Kleists Penthesilea bringen würde, war erwartbar. Schließlich interessiert den neuen Hausregisseur am Berliner Ensemble das schmutzige Fundament der menschlichen Existenz, den Grund, wo die Zivilisation abfällt, das Ich als Alleinherrscher regiert, die Firnis des Miteinanders abgeschabt ist. Deshalb kehrt er ja auch immer wieder zu jenen antiken Stoffen zurück, die uns daran erinnern, von wo die „Zivilisation“ einst seinen Ausgang nahm. Der Kreislauf aus Macht, Rache, Gewalt, der das Ich erhöhen soll und doch nur in den Dreck zieht, ist dort noch ohne zivilisatorisches Beiwerk (in den folgenden Jahrhunderten ist das vielleicht nur bei Shakespeare wieder der Fall), der Blick unverstellt und doch so unerträglich. Das ist die Antike, bei der Kleist ansetzt, die das harmonisierende Gleichgewichtsgeschwurbel etwa der Weimarer.

Bild: Birgit Hupfeld

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