Gegen die Dunkelheit

Musikfest Berlin 2018 – Andris Nelsons und das Boston Symphony Orchestra zu Gast mit Mahlers dritter Symphonie

Von Sascha Krieger

Der Abend, an dem das Boston Symphony Orchestra, unter ihrem seit 2014 agierenden Chefdirigenten Andris Nelsons so reisefreudig wie nie, beim Berliner Musikfest gastiert, beginnt mit einer guten Nachricht: Nachdem Spitzenorchester wie das Rotterdam Philharmonic und selbst das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam vor fast leerem Haus gespielt hatten, bleiben nur wenige Plätze in der Philharmonie frei. Nelsons, der bei der Wahl zum Rattle-Nachfolger bei den Berliner Philharmonikern als Favorit galt, ist in der Stadt immer noch gern gesehen. Insbesondere, wenn er sein Kernrepertoire im Gepäck hat, zu dem zweifellos die Symphonien Gustav Mahlers zählen. An diesem Abend steht die monumentale Dritte auf dem Programm, ein Monster von mehr als eineinhalb Stunden Länge, das genau die Mischung aus positiver Grundeinstellung, Zuversicht und Selbstvertrauen erfordert, die Andris Nelsons mitbringt.Ein Monster, das der Lette nicht nur zu zähmen imstande sondern auch gewillt ist.

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Andris Nelsons dirigiert das Boston Symphony Orchestra beim Musikfest Berlin 2018 (Bild: Kai Bienert)

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Inneres Leuchten

Musikfest Berlin 2018 – Manfred Honeck dirigiert das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Von Sascha Krieger

Zahn Jahre ist es her, da führte das ehrwürdige eine Kritiker-Umfrage durch, um das nach Ansicht der Experten beste Orchester der Welt zu ermitteln. Ein wenig überraschend erklommen die üblichen Verdächtigen, die Philharmoniker aus Berlin und Wien zwar das Podium, aber nicht den Spitzenplatz. Dieser ging nach Amsterdam, ans Royal Concertgebouw Orchestra unter dem damaligen Chefdirigenten Mariss Jansons. Eine Wahl, die trotz überraschter Reaktionen, kaum jemand für wirklich falsch hielt. Viel ist seitdem passiert: Jansons hat seine Amtszeit beendet, sein Nachfolger Daniele Gatti nicht nur ein schweres Erbe anzutreten, sondern auch mit Vorwürfen eines künstlerischen Niedergangs zu kämpfen. Dass diese nicht ganz aus der Luft gegriffen gewesen sein könnten, musste auch das Berliner Publikum beim Musikfest Berlin 2017 erfahren. Und nun, kurz vor Beginn der neuen Spielzeit, der Super-GAU: Nach zahlreichen Vorwürfen sexuellen Missbrauchs handelte das Orchester und warm Gatti mit sofortiger Wirkung raus. Unmittelbar vor Saisoneröffnung stand der Klangkörper ohne Chefdirigenten dar. Der Tiefpunkt. Ersatz musste her: Ex-Chef Bernard Haitink übernahm einige Konzerte und wurde bejubelt, Manfred Honeck, als ehemaliges Mitglied der Wiener Philharmoniker auch ein Insider, was die Dynamiken in einem Spitzenorchester angeht, andere.

Manfred Honeck (Bild: Felix Broede)

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Wenn die Toten hören

Milo Rau & Ensemble: Die Wiederholung, International Institute of Political Murder (IIPM) / Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin / Münchner Kammerspiele / NTGent / Théâtre Vidy-Lausanne und andere (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

„Das ist Theater“, sagt Johan Leysen, Veteran der belgischen Bühne. Gerade hat er im Bühnennebel Hamlets Vater gegeben. Ganz klassisch, die vorübergehende Aufgabe des Nicht-Glaubens demonstrierend, die das Theater, so erzählte man es über Jahrhunderte ausmachte. Ein Schauspieler tritt auf, spielt eine Rolle. Die hat uns zu interessieren,nicht der Spieler, schließlich, so Leysen, geht es beim Pizza-Boten ja auch um die Pizza, nicht den Boten. „Was habe ich getan? Ich bin aufgetreten“, sind die ersten Worte des Abends. So simpel, so einfach, so problematisch. Denn was heißt dieses Auftreten, was dieses Spielen, was macht, soll, kann, darf dieses Theater? Fragen, die den Schweizer Milo Rau seit vielen Jahren umtreiben. Re-enactments hat man seine Stücke genannt, als „Dokumentartheatermacher“ wird er oft bezeichnet. Etiketten, Schubladen, die abgrenzen vom „richtigen Theater“, die einordnen, sortieren und vereindeutigen. Haben wir einmal „verstanden“, was da passiert, müssen wir es nicht mehr hinterfragen. Doch dann kommt einer wie Rau und macht Theaterabende, die nichts anderen tun, als zu hinterfragen. Ihr Medium, sich selbst, ihre Produktionsbedingungen, ihre Grenzen. Und plötzlich passt dieses ganze Bühnen-Gedöns, das ganze fein säuberlich zurechtgelegte Konglomerat aus Texttreue und Postdramatik und Regietheater und all dem anderen nicht mehr hinein in die Schubladen. Was nun?

Bild: Hubert Amiel

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Vom Atom zum Kosmos

Musikfest Berlin 2018 – Yannick Nézet-Séguin dirigiert das Rotterdam Philharmonic Orchestra

Von Sascha Krieger

Oft sind seine Werke nicht zu hören in deutschen Konzertsälen: Bernd Alois Zimmermann war immer ein unzeitgemäßer Komponist. In seiner Jugend in Nazi-Deutschland abgeschnitten von den Entwicklungen der zeitgenössischen Musik fand – und suchte – er nie den weg in eine der bestimmenden musikalischen Bewegungen seiner Zeit. Die konstruktivistische, mathematisch inspirierte Musik der 1950er und 1960er Jahre blieb ihm ebenso fremd wie der vermeintliche Traditionalismus der tonalen Schulen jener Zeit. Ein Wanderer zwischen den Welten, mit dem Anhänger beider Pole wenig anfangen konnten. Das Musikfest Berlin erlaubt in diesem Jahr einen kurzen, kursorischen Blick auf sein Werk, auf seine collagenhafte Musik der Schichtungen, der Zitate, der Zusammenfügung des Disparaten. Den Anfang machen Yannick Nézet-Séguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra. Dabei ist dieses Wiederhören auch ein Abschiednehmen: Soeben hat der Kanadier seine zehnjährige Zerit als Rotterdamer Chefdirigent beendet, jetzt gehen beide auf eine letzte Tournee und in eine neue Phase der Zusammenarbeit – Nézet-Séguin ist seit Neuestem Ehrendirigent des Orchesters.

Yannick Nezet-Seguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra (Bild: Bob Bruyn)

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Mathematik und Distanz

Eröffnungskonzert des Musikfest Berlin 2018 mit der Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim

Von Sascha Krieger

Die Musik von Pierre Boulez ist für Daniel Barenboim seit jeher Herzenssache. Mehrfach wird beim anschließenden Eröffnungsempfang des diesjährigen Musikfests Berlin – auch von Barenboim selbst – darauf hingewiesen, dass der junge Dirigent Boulez und der noch viel jüngere Pianist Barenboim einst im ersten Jahr des Bestehens der Philharmonie hier auftraten. Barenboim hat immer wieder die Werke des Älteren dirigiert, hat seine eigenen Staatsoper-Festtage dem Freund und Mentor gewidmet, der von ihm maßgeblich initiierte neue Konzertsaal im Herzen Berlin trägt Boulez‘ Namen. Der längst legendäre Dirigent will, dass Boulez`Musik gehört und, mehr noch, verstanden wird. Und so lässt er es sich nicht nehmen, vor der Aufführung des gut zwanzig minütigen Rituel, einst von Boulez dessen früh verstorbenem Freund und Kollegen Bruno Maderna gewidmet, etwa genau so lange das zu hörende Werk zu erlältern. Er erklärt die – in seinen späteren Jahren von Boulez selbst angeregte – Verteilung der acht Instrumentengruppen, jede mit eigenem Schlagzeuger, im gesamten Raum der Philharmonie, die Unterscheidung der statischen ungeraden und der rhythmisch getriebenen geraden Abschnitten, die klangliche Wendung nach dem 14. und lässt manche Hörprobe hören. Die Verbindung von mathematisch genauer Konstruktion und klanglicher Freiheit – die riesige Partitur, vor der der nicht gerade groß gewachsene Dirigent steht, enthält etliche aleatorische Passagen – erschließt sich so auch dem weniger geübten Zuhörer.

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Daniel Barenboim dirigiert Rituel von Pierre Boulez (Bild: Kai Bienert)

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Familien-Bande

Maxim Gorki: Die Letzten, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: András Dömötör)

Von Sascha Krieger

„Die Familie, das ist unser Schutz vor allen Feinden.“ Und Feinde sieht Iwan überall außerhalb der „Feste“, welche die Familie sei. Terroristen, Demokraten, Liberale. Egal. Am besten einmauern. Maxim Gorkis Die Letzten, im vorrevolutionären Russland verboten und 1910 in Berlin von Max Reinhardt uraufgeführt, ist das Porträt einer toten Gesellschaft, die aussperrt, um sich schlägt, wütet im Todeskampf, repräsentiert in der gesellschaftlichen Kerneinheit Familie. Willkommenes Futter für das Theater, das den Namen des Autors trägt und den ungarischen Regisseur András Dömötör, der sich mir Vorliebe an aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, vor allem den demokratiegefährdenden abarbeitet. Und sehen wir nicht dieses Zurückschagen des Autokratischen, des Patriarchalen, dieses alles Außenstehende zu Feinden erklärende, gerade wieder? In den USA, in Europa, nicht zuletzt im Heimatland des Regisseurs – in dem des Autors sowieso? Ein Zurückschlagen, von dem derzeit allerdings alles andere als sicher ist, dass es ein letztes Aufbäumen ist.  Die Hoffnung, so heißt es, sterbe zuletzt. Aber tut sie es am Ende nicht vielleicht doch?

Bild: Esra Rotthoff

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To Feel or not to Feel

Film review: The Children Act (Director: Richard Eyre)

By Sascha Krieger

In Ian McEwen’s 2014 novel The Children Act, a venerable judge faces a difficult case: a 17-year-old boy suffering from leukemia need blood transfusions in order to survive. He and his parents, however, are Jehova’s Witnesses and their faith forbids this procedure. The judge decides that the minor’s welfare is of the utmost importance and allows the hospital to conduct the transfusions against the patient’s will. Case closed. Or not: because the decision has effects on the boy, later the young man, and ultimately the judge, too. Her refusal to accept them has catastrophic consequences. The book deals with the clash of morals and law, the murkiness of the former and the supposed clarity of the latter, in an earnest way that however, tends to use the thick brush when it really matters. The conflict becomes a little too dramatic, the childlessness of the protagonist too pronounced, the parallel storylines of the court case and its aftermath on the one hand and a marriage in crisis on the other, feel a little to construed. At times, the novel feels more like a mixture of legal case study and tear-jerking newspaper story. Not a failure but a little to bloodless (!) to rank among McEwen’s best.

Image: © 2018 Concorde Filmverleih GmbH

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Heidenspaß und Albtraum

András Dömötör, Kornél Laboda und Albert Benedek: Mephistoland, Maxim Gorki Theater (Studio Я), Berlin (Regie: András Dömötör)

Von Sascha Krieger

Zwei Jahre ist sie alt, András mDömötörs Arbeit im Studio des Maxim Gorki Theaters. Entstanden als Reaktion auf die Ereignisse in seinem Heimatland Ungarn. Dort hatte sich die rechte Órban-Regierung aufgemacht, die Gesellschaft nach ihrem Gusto umzugestalten und wie die, wie der Ministerpräsident es nennt, „liberale Demokratie“ abzuschaffen. Neben Medien, Bildung oder Justiz stand und steht dabei auch die Kunst im Fokus, nicht zuletzt das Theater. Órban und Co. schwebt ein nationalistisches, religiöses Erbauungstheater vor, keine, das den Finder auf Wunden der Gegenwart legt, sondern eines, das die im traditionellen faschistischen Sinn als homogen gedachte „Volksgemeinschaft“ zusammenschweißt. Das wichtigste Signal dieser Umwälzung war die Inthronisation des Órban-Vertrauten Attila Vidnyánszky als Intendant des Ungarischen Nationaltheaters im Jahr 2013. Seitdem ist das Theater immer mehr auf Parteilinie gebracht, sehen sich kritische Regisseure wie Árpád Schilling kaum mehr im Stande zu arbeiten, wagt die jüngere Generation, zu der auch Dömötör gehört, den Exodus. Ein die nationalen Werte betonendes, durchideologisiertes Theater, wie es in Deutschland etwa der AfD vorschwebt: In Ungarn ist es längst Realität.

Bild: Esra Rotthoff

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Die Stille nach dem Knall

Filmkritik: Jusqu’à la garde (Nach dem Urteil) (Regie: Xavier Legrand)

Von Sascha Krieger

Ein getrenntes Ehepaar sitzt vor einer Familienrichterin. Es geht um Unterhalt und das Sorge- und Umgangsrecht für die Kinder, vor allem den 11-jährigen Julien. Die Richterin liest eine Aussage des Jungen vor, in dem dieser ausdrücklich keinen Umgang mit dem Vater fordert. Die Anwältinnen tragen ihre Argumente vor. Die Richterin vertagt die Entscheidung. Regiedebütant Xavier Legrand filmt diese Eingangsszene mit kalter Präszision. Zunächst ist nur die Richterin zu sehen, dann die Eheleute. Erstarrte Gesichter, sich mühevoll zusammenhalten. Einander nahe und doch Welten getrennt. Die Spannung in diesem nüchternen Raum der Fakten und des Rechts ist für den Zuschauer spür-, ja beinahe greifbar. Sie ist in den kalten, entsättigten Farben der kühlen Symmetrie, den zum Zerreißen gespannten Körpern. Das Ende einer Beziehung, wie es sich viel zu oft abspielt: als Kampf um die Wahrheit und die Kontrolle über den jeweils Anderen. Und ein Ringen zwischen Macht und Machtlosigkeit. Wer hat ihr die Oberhand? Die taktierende, rachsüchtige Frau (Léa Drucker) oder der verzweifelt um sein Kind kämpfende Vater (Denis Menochet)? Oder: die unterdrückte Miriam und Mutter misshandelter Kinder oder der herrschsüchtige, gewalttätige Antoine? Es bleibt offen, doch die Zündschnur ist gelegt.

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Bild: ©KG_Productions

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Bruchstück Mensch

Filmkritik: Gundermann (Regie: Andreas Dresen)

Von Sascha Krieger

„Der Kollege hat den Vor- und Nachteil, dass er ausspricht, was er denkt.“ Trocken fallen diese Worte in die triste Runde einer betrieblichen Parteisitzung, ausgesprochen von einer älteren Baggerfahrerin im Lausitzer Braunkohletagebau irgendwann in den 1970er Jahren. Sie gelten einem Mann mit langer blonder Mähne und viel zu großen Brillengläsern, der stets ein wenig neben sich selbst und seiner Welt scheint. Alexander Scheer, der Schauspielextremist und Verwandlungsberserker des deutschsprachigen Schauspiels und Films ist Gerhard Gundermann, Sänger, Baggerfahrer, Kommunist, Dissident, Stasi-Mann, Mythos. Einer, bei dem man immer das Gegenteil mitzudenken hat, weil er stets schwarz und weiß war. Ein Mann des Widerspruchs – in sich und mit der Welt. Andreas Dresen, der der Figur Gundermann vor 35 Jahren erstmals begegnete und sich seitdem von ihr nicht loslassen lässt, hat sein Leben verfilmt. Nein, falsch. Er hat Alexander Scheer in diesen zerklüfteten Charakter hineinkriechen, Fragmente einer sich nicht verstehen lassen wollenden Persönlichkeit konstruieren lassen. Was herauskommt, ist ein Film des Widerspruchs, in dem nichts zusammenpasst und sich alles zu einander fügt. Der keinen Sinn ergibt und gerade darin Bedeutung findet. Ein zerrissener Film über einen zerrissenen Menschen und eine zerrissene Zeit.

Bild: Peter Hartwig / Pandora Film

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