Geerdetes Glück

Die Wiener Philharmoniker zu Gast im Konzerthaus Berlin mit Franz Welser-Möst und Werken von Brahms

Von Sascha Krieger

Am Ende weht gar ein Hauch Neujahrskonzert durch den bekanntlich vom Goldenen Saal des Wiener Musikvereins inspirierten Großen Saal des Berliner Konzerthauses, zur Wieder- bzw. Neueröffnung im Jahr 1984 in historisierendem Zuckerbäckerklassizismus errichtet. Franz Welser-Möst hat das berühmteste aller Konzerte im Klassikbetrieb bislang zweimal geleitet und er weiß, was man von den Wienern hören will. Mit „Rosen aus dem Süden“ spielt das Orchester als erste Zugabe einen Walzer von Johann Strauss (Sohn), der auch am ersten Januar dieses Jahre zu hören war, gefolgt von einer diesem Rezensenten unbekannten schnellen Polka aus der Strauss-Familie. Feinnervig, hochpräzisa, energisch und mit einer Klangkultur versehen, wie sie nur die Wiener zu schaffen im Stande sind. Und die sich – nach dem reichlich lärmenden Gastspiel des Orchesters unter Riccardo Muti am Dienstag – ohne Trübungen den ganzen Abend genießen lässt. Der ganz Johannes Brahms gewidmet ist – ein Komponist, der  dem Orchester eng verbunden war und seine zweite (die in diesem Programm erklingt) und dritte Sinfonie mit ihnen zur Uraufführung brachte.

Franz Welser-Möst (Bild: Roger Mastroianni)

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Topfschlagen mit Oktopus

Philippe Quesne: Crash Park – Das Leben einer Insel, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin  (Regie: Philippe Quesne)

Von Sascha Krieger

Philippe Quesne ist so etwas wie der Endzeitpoet des europäischen Theaters. Er schickt namenlose Menschenskizzen in seltsame Weltminiaturen irgendwo zwischen Apokalypse und Utopie, zwischen Ende und Anfang und lässt sie machen, was Menschen so machen. Das ist auch in Crash Park nicht anders. Der dem Publikum zunächst einen steifen Halt verpasst. Denn das Geschehen spielt sich anfangs links und rechts der Bühne ab, auf Fernsehbilödschirmen, die das Innere eines Flugzeugs zeigen. Bevölkert von allerlei mehr oder minder stereotypen Karikaturen: Althippies, Businesstypen, coole Hip-Hop-Versteher. Dazu eine Crew, die bedient und sich in der Bordküche versammelt, um Shots zu kippen. Ein vollkommen realistisches Szenario, mit genügend Skurrilität aufgeladen, dass es sich selbst ausreichend untergräbt. Denn um Naturalismus geht es Quesne nun wirklich nicht, er ist ein Bildermaler und Märchenerzähler, ein augenzwinkernder Parabel-Erfinder, dessen „Moral“ gern ins ironisch Leere läuft. Das ist auch diesmal so.

Das HAU2 (Bild: Sascha Krieger)

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Lizenz zum Dröhnen

Die Wiener Philharmoniker zu Gast im Konzerthaus Berlin mit Riccardo Muti, Karl-Heinz Schütz sowie Werken von Mozart und Bruckner

Von Sascha Krieger

Wolfgang Amadeus Mozart, so erfahren wir aus dem Programmheft, mochte die Flöte nicht besonders. Trotzdem komponierte er für sie, er brauchte schließlich Geld. Das G-Dur-Konzert ist sicher eine seiner besseren Kompositionen – eine Sternstunde des Mozartschen Schaffens ist es nicht. Das scheint auch Karl-Heinz Schütz zu spüren, Soloflötist der Wiener Philharmoniker, der die nicht ganz dankbare Aufgabe hat, das Gastspiel seines Orchesters im Rahmen der diesjährigen Hommage des Berliner Konzerthauses, die eben diesem Klangkörper gewidmet ist, mit selbigem Werk zu eröffnen. Seine Anspannung ist im anzusehen – und anzuhören. Als wolle er es rasch hinter sich bringen, rast er regelrecht durch die ersten Takte seiner Partie und wirkt auch im weiteren Verlauf recht unentspannt. Nur selten, etwa in der Kadenz des Kopfsatzes, gibt er der Musik etwas Raum zum Atmen, findet gar den Mut zur Stille. Ansonsten zeigt er sich sichtlich bemüht, als wolle er dem Werk gegen dessen Willen seine Substanz belegen. Da ist immer ein Zu-Viel, stets ein Eindruck von Anstrengung, er presst die Melodiebögen heraus, aber lässt sein Instrument nicht singen. Dadurch neigt sein Spiel zur Überdeutlichkeit, wo es leicht sein sollte, zur Affirmativität, wo Zwischentöne gefragt werden.

Riccardo Muti (Bild: Todd Rosenberg / Photography by courtesy of http://www.riccardomutimusic.com)

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Wie ein Faustschlag

Junges DT – Nach dem Roman von Philipp Winkler: Hool, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Adrian Figueroa)

Von Sascha Krieger

Die Gegenwart ist schwarz-weiß. Schwarz sind die Kapuzen-Pullis, die T-Shirts, die Hosen, weiß der neutrale, bespiel-, beschreibbare, indifferente Raum, in dem die vier Schwarzgewandeten stehen und agieren. Schwarz-weiß ist auch ihr Leben: Hier der Alltag, dort die Ekstase, für die einzig sie leben. Dazwischen nichts.Zumindest nicht für Heiko, Erbe eines Hannoveraner Hooligan-Imperiums, das einst sein Onkel aufbaute. Die Beziehung zur Familie: zerrüttet. Die Beziehung: gescheitert. Heiko hat nur die Äcker, auf denen die Matches mit anderen Hooligan-Gruppen stattfinden, brutal, aber auch einem Kodex unterliegend (wer am Boden liegt, ist Tabu). Dort fühlt er den Adrenalinschub, den Rausch, aber auch Zufriedenheit, Glück und so etwas wie Ruhe. Heiko ist der Held von Philipp Winklers vielbeachtetem Roman Hool. Aus seiner Perspektive taucht er ein in eine fremde, abstoßende Welt, der er durchaus Neugier, vielleicht gar einen Rest Sympathie entgegenbringt. Eine Welt ganz eigener Werte und Regeln, eine seltsame Art der Suche nach Sinn, Erfüllung, Identität.

Bild: Arno Declair

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Aus der Versenkung

Leander Haußmann: Haußmanns Staatssicherheitstheater, Volksbühne Berlin (Regie: Leander Haußmann)

Von Sascha Krieger

Auferstanden aus Ruinen: Als die DDR-Nationalhymne noch einen Text hatte (die Textzeile „Deutschland einig Vaterland“ erschien spätestens nach dem Mauerbau nicht mehr opportun), begann sie mit diesen Worten. Ruiniert findet so mancher auch die Volksbühne, die Wunden der kurzen Ära Chris Dercon sind noch nicht verheilt, die Tränen über das Ende der Castorf-Intendanz noch nicht getrocknet. Dieser Abend, die erste eigene Schauspielpremiere der Interimsintendanz von Klaus Dörr, erscheint manchem als Neuanfang, einer, der – auch das überrascht nicht – ein multipler Blick zurück ist. Regisseur Leander Haußmann hat in der Castorf-Zeit hier mehrfach inszeniert, er feierte an diesem Ort 2011 sein (reichlich deaströses) Theater-Comeback und er widmet sich nun einer der Kernthemen der Castorf-Ära: der ostdeutschen Vergangenheit und dem spezifischen Selbstverständnis und der Identität dieses keineswegs homogenen Teils Deutschlands. Dass der Premierenabend Anlass für Castorf selbst ist, „sein Haus“ erstmals wieder zu betreten, überrascht nicht. Nostalgie breitet sich aus, die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, deren Verklärung schon Jahre vor ihrem ende eingesetzt hatte.

Bild: Harald Hauswald

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Bitte recht freundlich

Das Konzerhausorchester Berlin, András Schiff und Ivan Fischer mit Werken von Strauss, Brahms und Schubert im Rahmen der Hommage an die Wiener Philharmoniker

Von Sascha Krieger

Wenn man sich Gäste einlädt, gebührt es sich, sie zunächst einmal angemessen zu begrüßen. Das hält auch das Konzerthaus Berlin so, das sich für seine jährliche Hommage in diesem Jahr ein ganzes Orchester ausgesucht haben: die altehrwürdigen Wiener Philharmoniker, die im vergangenen Jahr ihr 175-jähriges Bestehen feierten. Sie verbindet eine lange und enge Geschichte mit dem Haus: Nur drei Wochen nach der (Wieder-?)Eröffnung im Oktober 1984 gastierten sie hier zum ersten Mal, gut ein Dutzend Auftritte folgten, zuletzt waren sie vor wenigen Wochen in einer Art Hommage-Vorspiel mit einem besonderen 360-Grad-Konzert im Haus. Doch wie gesagt: Zunächst wollen die Gäste begrüßt werden, bevor sie in der kommenden Woche zwei weitere Gastspiele bestreiten. Das übernimmt natürlich der Hausherr, das Konzerthausorchester, geleitet von Ivàn Fischer, der bis zur vergangenen Spielzeit Chefdirigant war und als Ungar eine gewisse KuK-Note in die Feierlichkeiten bringen könnte. Ähnliches gilt für Solist András Schiff, derzeit Artist in Residence am Konzerthaus.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

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Weltumfassend

Andris Nelsons dirigiert Mahlers Zweite Symphonie bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Gut, beginnen wir mit Gustav Mahlers berühmtester und, ja, viel zu oft zitierter Aussage: „Aber Symphonie heißt mir eben: mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen.“ Über die Zweite, dieses 90-minütige Monumentalwerk mit zwei (!) Vokalsätzen, zu sprechen, ohne dieses Diktum im Ohr zu haben, scheint unmöglich. Und für Andris Nelsons gilt das auch auch, wenn es darum geht, es zu dirigieren. Kaum ein anderes Werk gibt sich so weltumfassend, so kosmisch, so alle Fragen menschlicher Existenz stellend wie die c-Moll-Symphonie, die man auch „Auferstehung“ nennt, inspiriert von den von Mahler ergänzten Klopstock-Versen am Ende des mehr als halbstündigen Finalsatzes. Zu Gott geht es da, zu einer Vision von Urgrund, von Quelle, von Fundament, von Sinngebung – nach einem langen, hartem, schmerzvollen Kampf mit den Untiefen von Schmerz, Sehnsucht, Tod, Vergänglichkeit.

Andris Nelsons dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Tanke schön

Luis Krummenacher, David Thibaut, Emma Charlott Ulrich, Magdalena Weber: Tankstelle, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Luis Krummenacher, Emma Charlott Ulrich, Magdalena Weber)

Von Sascha Krieger

Der Traum von der unbegrenzten Mobilität des Einzelnen gehört zu den Urmythen kapitalistischer Fortschrittsideologie. Das Auto ist bis heute dessen wirkmächtigstes Symbol, die Tankstelle einen mythenumränkter Ort unendlicher Möglichkeiten. Zu Beginn des gleichnamigen neuen Abends von P14, dem Jugendtheater der Volksbühne, ist selbige Mobilität längst zum bedeutungsleeren Selbstzweck geworden: Drei junge Frauen in angedeuteten Mechanikerinnen-Outfits bewegen sich liegend auf wie Rucksäcke angeschnallten Rollbrettern ziellos durch den Raum und kreieren gemeinsam mit den sich ähnlich gerierenden Kulissenteilen ein Ballett sinnfreier Bewegung. Überhaupt ist hier wenig Mobil zwischen Tresen, Holzlamellen-behangener Fensterfront und einer Zapfsäule, die eher nach Schrankwand-Element aussieht. Der Traum von der grenzenlosen Freiheit ist ausgeträumt. Wer hier landet, kommt nicht mehr weg. Draußen – und auf Wänden und Fernsehbildschirm – peitscht unaufhörlich der Regen, eine Art Sintflut, die am Ende das Meer bis an die Tankstelle bringen wird. Die Geister, die der Traum rücksichtsloser Mobilität rief, kommen als entfesselte Natur zurück. Das aufgeheizte Klima nimmt sich, was es kriegen kann.

Bild: Charlotte Helwig

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We Won’t Rock You

Film review: Bohemian Rhapsody (Director: Bryan Singer)

By Sascha Krieger

Musicians‘ biopics are not among the least popular fares of cinema but they aren’t without risks either. While the fanbase can usually be counted on to run to the theatres in flocks and – depending on the notoriety of the subjects – the celebrity-curious masses will as well, depictions of beloved stars‘ lives will invariably meet with a long litany of criticisms especially from devoted fans who are bound to find the portrayal of their darlings inadequate. However, as this usually does not to affects at least the initial box office numbers significantly, it was only a matter of time until Freddie Mercury’s life would make its way to the big screen. Mercury, lead singer of the legendary hit factory of bombastic rock anthems that was Queen, is one of the most intriguing figures in the history of popular music: a flamboyant and mesmerising performer with an unmatched voice and unbelievable vocal range, an eccentric and hedonist capturing the desires of many, the curiosity of almost all and the fear of some. And, following his untimely death at the age of 45, an icon in the fight against HIV and AIDS and by proxy against discrimination and for tolerance and diversity.

Image: © 2017 Twentieth Century Fox

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Look Back in Awe

Film review: A Star Is Born (Director: Bradley Cooper)

By Sascha Krieger

A Star Is Born is Hollywood’s own rising from the ashes Cinderella story. The seemingly plain, unrecognized young girl discovered by  a successful yet somewhat desperate man, benevolently lifted by him into the spotlight where the duckling turns into a swan and blossoms and blooms and fullfils all her potential because, well, there was a man to recognize it, help her, make her, while he himself goes down. The films had three incarnations already, the first in the 1930s, the last it the mid-70s, before it was remade again, curiously in year one of the #MeToo era. A chance, of course, to retell the story as an emancipatory tale, focus on the female perspective, level the playing field, re-invent the central couple as partners. There’s just one problem: not only is the director male, he also plays the male protagonist, setting the film up for a level of lopsidedness not easy to overcome. Spoiler alert: it doesn’t.

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