In Zitatengewittern

Theatertreffen 2019 – Simon Stone nach August Strindberg: Hotel Strindberg, Burgtheater Wien / Theater Basel (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Mit 35 Jahren ist Simon Stone längst einer der größten Stars der deutschsprachigen Theaterszene. Seine Klassikerüberschreibungen haben ihm bereits drei Theatertreffen-Einladungen eingebracht, sie werden bejubelt oder sorgen für Unverständnis, kalt lassen sie selten. Bis jetzt. Dabei darf sein Hotel Strindberg jetzt sogar das Theatertreffen eröffnen – im vergangenen Jahr wurde niemand geringerem als Frank Castorf zuteil. Und doch könnte es ausgerechnet dieser Abend sein, der Stones Status als einer, den man – egal wie man zu seinen Arbeiten steht – nicht ignorieren können, gefährdet. Dabei ist es ein besonders anspruchsvolles und umfangreiches Projekt, das der australisch-schweizerische Theatermacher, in Angriff genommen hat: den gesamten literarischen Kosmos samt leben des schwedischen Autors August Strindberg in einen mehr als vierstündigen Abend verpacken. Multiple Vorlagen für seine textlich vollständig neu verfassten Überschreibungen zu verwenden, ist für ihn nichts neues, ein ganzes Oeuvre entsprechend zu behandeln und des Autoren Lebensgeschichte einzubeziehen schon. Man könnte ihm zumindest für den Versuch Respekt sollen – wenn es diesen gegeben hätte.

Bild: Sandra Then

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Big Brother als Rockstar

George Orwell: 1984, Düsseldorfer Schauspielhaus / Schauspiel Stuttgart (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Staatliche Überwachung, Internetplattformen, die alles über einen wissen, Umdeutungen der Wahrheit von höchster Seite, Fake News: Es ist alles andere als eine Überraschung, dass George Orwells Totalitarismus-Dystopie 1984 auf deutschsprachigen Bühnen gerade en vogue ist. Anknüpfungspunkte an die Gegenwart gibt es derzeit in Hülle und Fülle. Der „Big Brother“ mag heute andere Namen haben und andere Mittel nutzen, die Bestrebungen – und Möglichkeiten – Menschen, Wahrheit und denken zu kontrollieren, sind nicht nur nach wie vor existent, sondern womöglich so vielfältig wie nie zuvor. Dass Armin Petras für seine letzte Stuttgarter Premiere – entstanden in Kooperation mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus, um der Inszenierung etwas mehr Lebenszeit zu geben – ausgerechnet diesen Stoff wählte, ist daher sicher kein Zufall. Freiheiten jeglicher Art, die freie und demokratische Gesellschaft als Ganze und das selbstbestimmte Individuum als Einzelnen sehen sich heute Angriffen von unterschiedlichsten Seiten gegenüber. Wir mögen das Jahr 2019 schreiben – 1984 scheint alles, nur nicht weit entfernt.

Spielort des Berliner Gastspiels: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Signing Off

Film review – Avengers: Endgame (Directors: Joe and Anthony Russo)

By Sascha Krieger

It all ends here. In a new beginning. 11 years, 22 films: from its first outing with Iron Man, the Marvel Cinematic Universe (MCU) has become one of the most powerful and successful franchises in film history. And while it will continue – the next instalment will follow in about two months time – an era ends here. With the double punch of Avengers: Infinity War and  Avengers: Endgame, the franchise and the Russo brothers as directors have put the superhero genre on a whole new playing field. But while the devastatingly apocalyptic first instalment took all the storytelling freedoms a first part can take, knowing that all the necessary continuations and conclusions can be dealt with in the second part, the latter’s task was significantly harder. It had to keep up the storytelling level and still find a way to serve the franchise and find that happy ending. A task it solves masterfully in three hours that feel much shorter. It starts with a domestic scene of such tenderness, it feels light years removed from the usual superhero tropes – and it ends there, too. The MCU franchise has managed over the years to emphasize the humanity of its heroes and the authenticity of the world they operate in. This essentially is and feels like our world – with the addition of a few heroes we could truly need. And that, nonetheless, never feel too different from us.

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„Ein besonderer Moment“

Auf einer Pressekonferenz stellt Kirill Petrenko seine erste Spielzeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker vor

Von Sascha Krieger

„Ein besonderer Moment“ sei es, sagt Kirill Petrenko gleich zu Beginn seiner ersten Spielzeitpressekonferenz bei den Berliner Philharmonikern. Auch Intendantin Andrea Zietzschmann, Orchestervorstand Alexander Bader und Medienvorstand Olaf Maninger nutzen später diese oder ähnliche Worte. Bader berichtet von „Enthusiasmus und Hingabe“ in der bisherigen Zusammenarbeit und fügt hinzu: „Da fehlen einem eigentlich die Worte.“ Und Maninger berichtet: Es ist in der Chemie so unglaublich stimmig, so schockverliebt vom ersten Moment an.“ Gerade drei Programme hatte Petrenko dirigiert, als ihn das Orchester – im zweiten Versuch – 2015 als Nachfolger Sir Simon Rattles zu ihrem siebten Chefdirigenten wählten. Eigentlich viel zu wenig, um eine solche Langzeitbeziehung einzugehen. Doch wer den Dirigenten und die beiden Musiker hört, ahnt, dass hier etwas Außergewöhnliches entstanden ist. Etwas, das gerade erst beginnt. Ein Jahr später als ursprünglich gewünscht tritt Petrenko sein Amt an. Das hatte er sich ausbedungen, um seinen bisherigen Posten als Generalmusikdirektor an der Bayerischen Staatsoper mit dem nötigen Respekt zu Ende zu bringen. Nur eine Spielzeit, die kommende, wollte er beide Positionen bekleiden.

Kirill Petrenko bei der Spielzeitpressekonferenz der Berliner Philharmoniker (Bild: Stephan Rabold)

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Eine Endlosschleife namens Leben

Nach Motiven des Dramas von Mario Salazar: Amir, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Nicole Oder)

Von Sascha Krieger

Die letzte Premiere an der temporären kleinen Spielstätte des Berliner Ensembles – zum Spielzeitbeginn 2019/20 wird endlich das „Neue Haus“ nach zwei Jahren Um- und Neubauzeit eröffnet – ist ein Beispiel dafür, wie aus Scheitern Triumph zu werden vermag. Denn der Abend ist lesbar als Offenbarungseid des Hauses, das unter der Intendanz Oliver Reeses als Autorentheater angetreten war. Doch bislang  war hier kaum neue deutschsprachige Dramatik zu erleben, selbst deutschsprachige Erstaufführungen sind eher Mangelware. Herzstück des „neuen BE“ sollte das Autorenprogramm sein. Doch der Leiter, Moritz Rinke, sprang ab, lange bevor die erste Produktion realisiert wurde und bringt seine eigenen Arbeiten lieber nebenan am DT heraus, das sich nicht nur mit den Autorentheatertagen längst im von Reese anvisierten Territorium breitgemacht hat. Erst ein hier im Rahmen des Programms entstandenes Stück landete bislang auf der Bühne. Die zweite Uraufführung dagegen ist keine: Mario Salazar hat ein langes, komplexes Stück über einen staatenlosen in Berlin gelandeten Geflüchteten und seine Familie geschrieben. Nicole Oder, erfahren in postmigrantischen Stoffen, hat wenig mehr als ein paar Figuren und Motive sowie den Namen genommen und einen ganz eigenen Abend daraus gemacht, der kaum ein Wort aus der Vorlage – die wie ein gedrucktes Eingeständnis des Scheiterns, den Zuschauer*innen mitgegeben wird.

Bild: JR Berliner Ensemble

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Theater ohne Haltung

Jugend ohne Gott, ein Projekt von Nurkan Erpulat und Ensemble nach dem Roman von Ödön von Horváth, Bühnenfassung von Tina Müller: Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

Ödön von Horváths Roman Jugend ohne Gott erschien 1937. In ihm beschrieb er die Verrohung einer Jugend unter Einfluss einer Gesellschaft, die jeder humanistischer Werte Verlust gegangen war. Er tat das aus Sicht eines Lehrers, der sich selbiger Werte noch erinnerte, aber längst zu opportunistisch geworden war, um sie offensiv zu verteidigen. Der kollektive Wertverlust ist auch heute wieder ein Thema, die Rolle der Jugend in der Gesellschaft pätestens seit Fridays for Future wieder in aller Munde und die in der Romanwelt als selbstverständlich geltenden rassistischen Einstellungen längst zurück auf dem Weg gesellschaftlicher Akzeptanz. Zeit also für einer Vergegenwärtigung? Damit fängt die Crux von Nurkan Erpulats neuem Abend schon an. Horváth erzählt von einer Gesellschaft, die bereits durch und durch totalitär und rassenideologisch verseucht ist, die jegliche Verbindungen zu demokratischem und humanistischem Gedankengut gekappt hat. Bei aller berechtigten Besorgnis: davon ist unsere Gegenwart noch weit entfernt, die Jugend, die sich zum Erstaunen und zur Scham der „Alten“ neuerdings wieder massenhaft in selbstständigem Denken und politischer Aktivität ergeht, erst recht. Da mag Jugend ohne Gott als Mahnung aus der Vergangenheit dienen oder als dystopische Zukunftsvision. Zur Beschreibung gegenwärtiger Zustände taugt das Buch kaum.

Bild: Esra Rotthoff

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„Die geschminkte Wahrheit“

Bastian Kraft und Ensemble nach Hans Christian Andersen: ugly duckling, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Bastian Kraft)

Von Sascha Krieger

„Drag hurts“. Judy LaDivina äußert diesen Satz, als es um das verstauen männlicher Geschlechtsorgane im Zuge der Verwandlung in ihre schillernde Bühnenpersönlichkeit geht. Und sie sagt auch: „Drag saves lives.“ Es ist wohl der Schlüsselsatz dieser knapp zwei Stunden in den Kammerspielen des Deutschen Theaters, vor dem wohl queersten  Premierenpublikum der DT-Geschichte. Regisseur Bastian Kraft hatte eine sehr einfache und klare Idee: Er startet mit zwei der  berühmtesten Märchen Hans Christian Andersens, das von hässlichen Entlein und jenes von der kleinen Meerjungfrau, Geschichten der Transformation, des Feststeckens in einer falschen Identität und der Befreiung daraus, Verwandlungen stets an der Schwelle zwischen Wahrheit und Lüge, von denen nur eine glücklich endet. Und er verwebt sie mit tatsächlichen Transformationsgeschichten. Neben drei Schauspieler*innen des DT stehen drei Berliner Drag Queens auf der Bühne: Gérôme Castell, eine Legende der Drag-Szene, die durch die Travestie ihre eigene Transgender-Identität entdeckte; besagte Judy LaDivina, die aus Israel nach Berlin kam, ein einsamer schwuler Mann, und durch die Drag-Szene ihre Stimme fand – indem sie die eigene auf der Bühne abgab; und schließlich Jade Pearl Baker, begnadete(r) Sänger(in), die durch die Travestie ihre Identität als Künstlerin fand.

Bild: Arno Declair

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Die Welt ist eine Frage

Die Edda. Neu erzählt von Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason, Schauspiel Hannover (Regie: Thorleifur Örn Arnarsson)

Von Sascha Krieger

Das Timing ist exzellent: Gerade wurde Thorleifur Örn Arnarsson als neuer Schauspieldirektor der Volksbühne vorgestellt, da kommt er schon mit seiner wohl am meisten gefeierten Arbeit aus Hannover zum Gastspiel vorbei. Zumal es in ihr schwerpunktmäßig ebenfalls um die Zeit geht. Zeitlos, überzeitlich – solches sagt man wohl über Sagenkomplexe wie den der Edda, die isländische  Nationalmythik, jenes Konvolut, in dem die nordischen Mythenwelt wohl am eindrucksvollsten ausgebreitet wurde und das – man denke nur an die Nibelungen – auch hierzulande mehr als nur Spuren hinterlassen hat. In der halbstündigen Pause erläutert denn auch ein „Experte“ das Konzept der Zeit, den Widerspruch zwischen zyklischer Zeit, wie sie sich in den alten Mythenwelten, aber auch bis heute etwas in der Agrarwirtschaft findet, und der linearen, die mit dem Christentum Einzug hielt. Er verortet die Edda an der Schnittstelle zwischen beiden, Ziel und Wiederkehr, alte Zeit und Neue, Wiederholung und Fortschritt. Ein Zwischenreich, wie es Arnarsson denn auch auf die Bühne stellt. Die ihm Wolfgang Menardi gebaut hat. Eine schneebedeckte Fläche, die dezidiert Theaterort ist. An den Wänden stehen allerlei Requisiten, kulturelle Artefakte auch, die römische Wölfin etwa oder der des Kreuzes verlustig gewordene Jesus. Ein Ort, der Werden und Vergehen sieht, Präsenz und Illusion. Ein Welttheater.

Spielort des Berliner Gastspiels: die Volksbühne Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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„Braver Junge!“

Maja Zade: status quo, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Marius von Mayenburg)

Von Sascha Krieger

Florian, nicht Flo. es ist sein Akt der Rebellion, einer der wenigen, die ihm offenstehen, dem schlaksigen, etwas unbeholfenen jungen Mann, der mal Auszubildender ist, mal angehender Schauspieler, mal unglücklich verheirateter Endzwanziger und Studienabbrecher. Viel mehr bleibt ihm auch nicht, denn: This is a woman’s world. Womit Prämisse, Clue und Inhalt von Maja Zades Stück bereits umrissen sind. Nach über einem Jahr #MeToo debattiert die das Thema systemischen Sexismus auf ebenso simple wie originelle Weise: Sie dreht den Spieß um. In ihrer Parallelwelt haben Frauen das Sagen. Sie besetzen alle Schlüsselpositionen, verdienen das Geld, während der Mann kocht, die Kinder erzieht und, nun ja, bastelt. Eine welt, in welcher der Mann sich ständig sexueller Belästigung ausgesetzt sieht, zum Sexobjekt degradiert wird, Opfer sexueller Gewalt ist. In der die Frau auch die Sprache beherrscht: Man tut etwas nicht, frau tut es. Telefone werden befraut, Kollegen „bocken“ sich an, weibliche Bezeichnungen sind Standard, der Mann darf sich „mitgemeint“ fühlen.

Bild: Arno Declair

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Farben der (Ohn)Macht

William Shakespeare: Othello, Berliner Ensemble (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Eigentlich müsste jedes deutschsprachige Theater momentan William Shakespeares Othello  auf dem Spielplan haben. Schließlich lassen sich die großen gesellschaftlichen Debatten unserer Zeit daran andocken: Die Geschichte der als anders, als schwarz gelesenen Titelfigur, gefeiert und zugleich ausgegrenzt, stets seiner Nichtzugehörigkeit versichert, gehört in eine Zeit, in der Rassismus plötzlich wieder hoffähig, diskutabel und wählbar geworden, das Konzept des Fremden“ in den medialen Mainstream zurückgeschwappt ist. Und die Unterdrückung der Frau als männlicher Projektionsfläche, als Spielball maskuliner Eitelkeit und als Instrument männlicher Machtausübung passt perfekt zur #MeToo-Debatte um systemischen Sexismus und die privilegierte Hybris männlicher Machtelite. Michael Thalheimer, nicht gerade der große Vergegenwärtiger des deutschsprachigen Theaters, eher ein universeller Essenzschürfer, hat den Othello trotzdem gemacht. Er hat gerade Lust auf Shakespeare: Erst vor nicht einmal fünf Monaten kam hier sein Macbeth in Heiner Müllers Übersetzung heraus – ein krachend klamaukiges Scheitern an der Vorlage.

Bild: Katrin Ribbe

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