Kippfiguren

Thomas Melle: Versetzung, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Brit Bartkowiak)

Von Sascha Krieger

Eigentlich läuft bei Ronald alles großartig: Der Lehrer ist beliebt, sein Schulleiter, der kurz vor der Pensionierung steht, eröffnet ihm, ihn zu seinem Nachf0lger machen zu wollen, seine Frau ist schwanger. Und doch steht er draußen. Brit Bartkowiaks Uraufführungsinszenierung beginnt er vor dem Eisernen Vorhang, seinen unsichtbaren – nicht anwesenden? – Schülern über die Benutzung des Wortes „Opfer“ als Schimpfwort dozierend, was in den Worten „Ich bin ein Opfer.“ kulminiert. Ein Monolog ins Leere hinein. Wenn der Eiserne hochgeht, eröffnet sich der Blick auf eine angehobene Spielfläche. Biederes Holz à la Gelsenkirchener Barock und dröger blauer Teppichboden. Die anderen Protagonist*innen, derer Schulapparat samt Eltern, Lehrer*innen, Schüler*innen versammelt sich darauf – Ronald bleibt draußen. Alles scheint gut, normal, und doch ist irgendetwas nicht ganz richtig. Klar, bekommt er gleich die Fischfutterdose fürs Aquarium überreicht, das Zepter eines spießigen Schulleiters, aber sein Besuch auf dem Podium des Dazugehörens scheint von Beginn an temporär angelegt. Hinzu kommt Daniel Hoevels‘ immer leicht verkrampfter, angespannter Duktus als Ronald. Nein, hier steht etwas im Raum. Nicht greifbar, vielleicht nur eine Illusion des überwachen Zuschauers.

Bild: Arno Declair

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Hail to the Hero

Film review: Darkest Hour (Director: Joe Wright)

By Sascha Krieger

Winston Churchill, Britain’s Prime Minister during the Second World War, never seems to go out of fashion as a leadership role model. Adding that the stubborn, choleric, idiosyncratic and anything but slick politician is a feast for every actor, it seems hardly surprising that a wave of Churchills has recently hit screens small and big. The fact that there seems to a shortage of leaders universally trusted these days might add to his popularity. Darkest Hour depicts the first few weeks of Churchill’s tenure as Prime Minister. Unloved and unwanted by his party, faced with the annihilation of the British forces as continental Europe collapses under the force of Hitlers blitzkrieg, under pressure to enter negotiations with Nazi Germany, Churchill fights what appears to be an impossible battle. Hell-bent on defeating Germany, his days seem to be numbered, his swift forced resignation inevitable. Almost faltering, he remains steadfast and wins the day – for now. The film ends with the temporary triumph of his „We shall never surrender“ speech, a pivotal moment in Britain’s battle for survival.

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Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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Das errungene Wir

Elfriede Jelinek: WOLKEN.HEIM. Und dann nach Hause, bat-Studiotheater, Berlin (Regie: Branko Janack)

Von Sascha Krieger

„Wer ist ‚wir‘?“ So beginnt eine Passage aus Thomas de Maizières Gatbeitrag zum Thema einer „deutschen Leitkultur“, erschienen auf Zeit Online im April 2017. In der Folge definiert de Maizière das deutsche „Wir“ über die, die alle nicht dazugehören. Gar nicht, wie jene, die sich „nur“ eine gewisse Zeit im Land aufhielten. Oder nicht vollständig wie die, „die seit langer Zeit hier leben, ohne Staatsbürger zu sein.“ Auch diese, so der Innenminister weiter, gehörten zu „unserem Land“, Teil des „Wir“ seien sie jedoch nicht. Elfriede Jelinek weiß das schon länger. Bereits vor 30 Jahren schrieb sie WOLKEN.HEIM, das, ersten Beispiel von Jelineks assoziativen Textflächen fürs Theater, um eben dieses „Wir“ kreist. Zunächst freundlich, Gemeinschaft konstituierend. Doch schnell kommt jene andere Seite des Wir dazu: das Ihr, die die nicht dazugehören und damit das Wir-Sein erst möglich machen. Ohne Abgrenzung vom „Anderen“ keine Identität. Keine individuelle und erst recht keine kollektive. Von Hölderlin bis zur RAF reicht das Textmaterial, das Jelinek aufschüttet. Von Identitätsromantik über Heldenpathos bis zu ideologisch grundierter Gewalt. Angesichts des Weges, den der deutsche Nationalismus von 1848 bis 1933 zurücklegte, kein unpassendes Spielfeld.

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Musik, die lebt

Mariss Jansons und Daniil Trifonov mit Werken von Schumann und Bruckner zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Mariss Jansons mag einer der meisten gefeierten Dirigenten der Gegenwart sein, einer, der das Rampenlicht, die Aufmerksamkeit sucht, ist der Lette nicht. Dabei hätte er gerade allen Grund dazu: Nicht nur gilt er als der besten seiner Zunft, hat von ihm geleitete Klangkörper – allen voran das Royal Concertgebouw Orchestra und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – in ungeahnte neue Höhen geführt, der bescheidene Maestro wurde vor wenigen Tagen 75 Jahre alt und gerade mit der Ehrenmitgliedschaft der Berliner Philharmoniker. Doch Jansons ist keiner, der sich im Mittelpunkt stehend gefällt. Dorthin gehören für ihn andere. An diesem Abend zum Beispiel Daniil Trifonov. Der 26-Jährige gilt bereits als der große neue Tastenstar. Nicht zu unrecht: Der Russe ist ein begnadeter Virtuose und einer der leidenschaftlichsten Pianisten unserer Zeit. Technische Perfektion paart er mit Mut zu emotionalem, ausdrucksstarken Speil, und es gelingt ihm auch bei den schwersten Werken, beide Aspekte kongenial miteinander zu verknüpfen.

Bild: Bayerischer Rundfunk

Mariss Jansons (Bild: Bayerischer Rundfunk)

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Black Box Beethoven

Rudolf Buchbinder und die Sächsische Staatskapelle mit zwei Klavierkonzerten von Ludwig van Beethoven in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Das Berliner Gastspiel von Rudolf Buchbinder und der Sächsischen Staatskapelle Dresden ging auf Nummer sicher: einer der wichtigsten Beethoven-Spezialisten unserer Zeit, zwei populäre Werke des Meisters, ein Spitzenorchester, das wie kaum ein anderes zu Hause ist im klassischen und romantischen deutschen Repertoire. Was kann da schief gehen. Nichts. Und alles. Natürlich ist der Applaus warm, wenn auch nicht übermäßig enthusiastisch, lächeln die Gesichter, geht man mit dem wohligen Gefühl nach Hause, die knapp zwei Stunden nicht verschwendet zu haben. Man wirft Dirigenten und Orchestern zuweilen vor, populäre Komponisten als „Crowdpleaser“ aufs Programm zu setzen, um das Publikum in den Konzertsaal zu locken und sie mit einem positiven Gefühl wieder nach Hause zu schicken. Dieser Abend ist 100 Prozent „Crowdpleaser“ und die „Crowd“ ist zufrieden. Das kritische Ohr ist es nicht, denn was Buchbinder und die Staatskapelle hier bieten, ist zwei Stunden in der Komfortzone. Risikofrei, routiniert und sterbenslangweilig.

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„Ich lenke, also bin ich“

andcompany&Co.: COLONIA DIGITAL: The Empire Feeds Back, Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin

Von Sascha Krieger

Es soll ja immer noch Leute geben, die überzeugt sind, dass sich dieses Internet nicht durchsetzen wird. Vielleicht sollte es das auch gar nicht. Denn irgendwie ist es ja längst außer Kontrolle geraten, hat seine Mitte verloren, Sender und Empfänger sind nicht mehr zu unterscheiden, aus Kommunikation wurde ein rauschen. Das vielleicht wir selbst geworden sind? In ihrer neuen Arbeit begeben sich andcompany&Co. – diesmal tatsächlich nur das dreiköpfige Kernteam aus Alexander Karschnia, Nicola Nord und Sascha Sulimma – auf die Spuren eines Absturzes. Exkommuniziert seien sie, berichten sie zu Beginn, aus der Kommunikation ausgeschlossen, hinweggerafft von einer Datenflut, die unkontrollierbar wurde. Draußen tobt jetzt ein Datensturm, der alles hinwegfegt. Die Rache von Big Data. Zuflucht bietet ein, nun ja, Kontrollraum. Nachempfunden ist er dem, den der chilenische Präsident Salvador Allende bauen ließ. Von hier aus sollte Cybersyn gesteuert werden, ein vom britischen Kybernetiker Stafford Beer konzipiertes Netzwerk, das die gesamte chilenische Wirtschaft steuern sollte. Nach Pinochets Putsch und Allendes Ermordung wurde das Programm aufgegeben.

Bild: Sascha Krieger

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Spiel des Lebens

Rosa von Praunheim: Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Rosa von Praunheim)

Von Sascha Krieger

Sie heißen „Analverkehr“, „Kleiner Penis“, „Sex after Death“ oder Täschchen von Gucci“: Anlässlich seines 75. Geburtstages darf sich Rosa von Praunheim, Ikone der Schwulenbewegung und, ob einem das gefällt oder nicht, einer der wichtigsten deutschen Filmemacher der letzten Jahrzehnte am Deutschen Theater selbst feiern. Einen eigenen Theaterabend bekommt er, gut zwei Stunden für 75 Jahre Leben, die er als Liederabend für zwei gestaltet hat. Song-Titel? Siehe oben. Das Duo, dem er sein Leben anvertraut, besteht aus DT-Ensemblemitglied Božidar Kocevski und dem Musiker und Schauspieler Heiner Bomhard. Es geht um Kindheit und Jugend, erste Lieben, das Schwulsein zwischen Privatheit und Politikum, die Kunst und den Aktivismus, Beziehungen und Sex und – natürlich – den Tod. Beim Hereinkommen wirken Film- und Fernsehausschnitte als Apettitanreger. Da gibt es Ausschnitte aus von Praunheims Dokumentarfilmen aber auch Schnipsel zu seinem größten „Skandal“: dem Zwangsouting Prominenter im Jahr 1991, ein ziemlich verzweifelter Versuch, Aufmerksamkeit für die aus dem Köpfen der Jungen zunehmend verschwindende AIDS-Problematik zu erzeugen. Allein Inge Meisel noch einmal zu sehen, wie sie von Praunheim in einer Talkshow vehement verteidigt, ist den Eintritt wert.

Bild: Arno Declair

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Die aus dem Schatten treten

Nach dem Film von Jacques Prévert und Marcel Carné: Kinder des Paradieses, Berliner Ensemble (Regie: Ola Mafaalani)

Von Sascha Krieger

Waffeln. Die werden zu Beginn verteilt. Gesättigt und im Zuckerrausch, so vielleicht die Idee, urteilt das Publikum womöglich wohlwollender. Ins Theater haben sie geladen, die Akrobat*innen und Mimen, die zunächst Gänge und Foyers bevölkern, auf Stelzen laufen oder Pyramiden bauen. Ins Berliner Ensemble, natürlich, aber auch ins Funambules, ein legendäres Pariser Revuetheater, Schauplatz von Marcel Carnés epochalem Film Les enfants du paradis von 1945. Hier ist der Film angesiedelt, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, schon zu seinen Entstehungszeiten eine längst verblasste Erinnerung. Das Theater als Kunstform des Gegenwärtigen war immer eines der Vergegenwärtigung, des Hervorholens des Vergangenen, das im selben Moment stets neu zu Vergangenheit wird. In Ola Mafaalanis Theateradaption des Films treffen drei Zeitebenen aufeinander: die in welcher der Film spielt, dessen Entstehungszeit und natürlich unsere Gegenwart, in der wir hier sitzen und dem zuschauen, was da aus den Gräbern und Archioven der Vergangenheiten herüberweht. Und auch diese Gegenwart ist nicht eindeutig: Auf der Bühne ist sie repräsentiert durch die große Ilse Ritter, deren Blick der unsere ist und doch von diesem diametral verschieden. Sie spielt die gealterte Arletty, Star des Films, lenkt unseren Blick und ist doch selbst Reflexionsobjekt. Ihre Gegenwart ist die zurückblickende, die wir teilen, und zugleich eine Ferne, schließlich ist Arletty selbst seit gut 25 Jahren tot.

Bild: Matthias Horn

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Die Welt ersprechen

Nach James Joyce: Ulysses, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Natürlich kann man ihn nicht auf die Bühne bringen, den Ulysses des James Joyce. Einzelne Teile vielleicht, den Ohne-Punkt-und-Komma-Monolog der Molly Bloom vielleicht, der am Ende des Romans steht. Das ist auch verschiedentlich schon gemacht worden und gelegentlich gelungen. Aber das Monster in seiner Ganzheit? Diese irrsinnige Odyssee-Überschreibung anhand der Irrnisse zweier Männer, die 24 Stunden durch das Dublin der späten britischen Okkupationsphase – wir schreiben das Jahr 1904 – irrlichtern, in der die Sprache, ihre Rolle in der Weltwahrnehmung und ihre Macht der Welterschaffiung, der eigentliche Protagonist ist, sie ist nicht für die Bühne gemacht, wo Geschichten Fleisch werden, Figuren physische Präsenz erlangen, die Zeit noch linear ist. Die Möglichkeit alternativer Realitäten, der Blick hinter die Wirklichkeit, die der Roman eröffne, interessiere ist, erzählt Regisseur Sebastian Hartmann im Programmheft-Interview. Also stellt er zunächst Linda Pöppel auf die Bühne, eingerahmt von einer Art Tor (zur Hölle?), bestehend aus Wänden roter Neonröhren und erzählt distanziert von einem apokalyptischen und imaginierten Brand Dublins. Die Kraft der Sprache, Wirklichkeit zu erschaffen, paart er mit der Ausstellung genau dieser theatralen Mechanik. Wie so oft an diesem Abend. Das Ergebnis: Die Joycesche Sprachmacht fällt sich selbst in den Rücken, der Effekt stellt sich nicht in Frage, er verpufft.

Bild: Arno Declair

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