„God only knows…“

René Pollesch: Dark Star, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Man will ja nicht, dass das zu Ende geht, und eigentlich ist ein Ende auch gar nicht vorgesehen in diesem 25 Jahre anhaltenden Experiment namens Frank Castorfs Volksbühne, in diesem Theater, das Anfang und Ende auf den Müllhaufen geworfen hat, vom Immer-Weiter lebt, den (Theater-)Raum aufgefächsert, erweitert, zersplittert hat und der linearen Zeit sein 1992 den Kampf ansagt. Da gibt es natürlich keinen Schlusspunkt, wie er Castorfs Faust-Abend sein sollte. Nein, nicht nur hat der Hausherr selbst noch eine Art Zugabe nachgelegt, sondern er lässt den wirklich letzten Auftritt dem langjährigen Mitstreiter René Pollesch, der mit Dark Star den dritten Teil seines „Volksbühnen-Diskurses“ vorlegt, der zunächst gar nicht kommen sollte, dann doch und nun sich nicht als Teil der Serie bekennt, die er, und das macht die einleitende Diskussion über die Serie, entnommen den ersten beiden Teilen, klar, genau dies ist. Und eben auch nicht. Das Lineare, das Serielle, das Erwartbare – sie hatten an diesem Haus nie etwas zu suchen. Apropos erwartbar. Das überraschendste an diesem allerletzten Premierenabend ist: Er hat so etwas wie eine Geschichte. Eine Geschichte! Bei Pollesch!

Bild: Sascha Krieger

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Puzzlespieler

Theatertreffen der Jugend 2017 – TWAILAIT, EchtEinstein – Theater AG der Albert-Einstein-Schule Groß-Bieberau

Von Sascha Krieger

Beginnen wir mal mit einem Schrei nach Mitleid: Als Theaterrezensent hat man es ja nicht immer leicht. Nicht nur muss man beim Schlussapplaus darauf achten, möchlicst neutral und objektiv zu erscheinen, man sollte sich auch während der Aufführung zurückhalten mit emotionalen Bekundungen jeglicher Art. Das ist schwer genug, doch gibt es dann immer wieder Abende, die den Kritiker an die Grenze seiner Belastbarkeit bringen. Das sind jene, in denen die schizophrene Ebene des Rezensentenwesens zum Tragen kommt, sich der Zuschauer und der Kritiker in besagtem Rezensentenwesen (dieses entschuldigt sich schon einmal für das grauenvolle Wortspiel) in herzlicher Feindseligkeit gegenüberstehen, ein Konflikt, der sich mitunter nur lösen lässt, in dem die eine Seite der anderen den Mund verbietet. TWAILAIT, eine Schultheaterproduktion aus dem hessischen Groß-Bieberau, ist so ein Fall, in dem kritischer Blick und Zuschauerreaktion nicht zusammenpassen. Und in dem – zumindest im Fall des hier Schreibenden – der innere Zuschauer dem nörgelnden Kritiker irgendwann sagt: Gib Ruhe! Und letzter, zähneknirschend einknickt. Aus diesem Grunde ist dies hier vielleicht auch keine Rezension und selbiges womöglich auch nicht wichtig. Und so folgt jetzt ein Satz, den dieser Rezensent so wohl noch nie in einer Besprechung geschrieben hat: Ich hatte Spaß!

Bild: Olaf Mönch

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Jenseits der Provokation

Nach Stanisław Wyspiański: Der Fluch, Teatr Powszechny, Warschau (Regie: Oliver Frljić) (Gastspiel am Maxim Gorki Theater, Berlin)

Von Sascha Krieger

Es passiert ja eher selten, dass Theateraufführungen außerhalb der Feuilleton-Nischen Schlagzeilen machen, Titelseiten belegen, zu hitzigen gesellschaftlichen Debatten herausfordern oder gar die Politik auf den Plan rufen. Wenn es in der europäischen Theaterwelt derzeit einen Regisseur gibt, der dazu in der Lage ist, ist es der Kroate Oliver Frljić. Und wenn Provokation und Herausforderung des gesellschaftlichen Konsens Kernelemente seiner Arbeit sind, dann ist Der Fluch so etwas wie sein Meisterstück. Denn der Sturm, den seine Warschauer Premiere im Februar dieses Jahres hervorrief, war mit Orkanstärke noch zu vorsichtig beschrieben. Die Rergierungspartei sah Polen beleidigt, die katholische Kirche sich selbst, der konservative Teil der Gesellschaft ging auf die Barrikaden. Zensuraufrufe machten die Runde, Priester hetzten von der Kanzel, Schauspieler*innen wurden geächtet, Proteste erschütterten das Theater, eine (weitere) Verschärfung der bereits jetzt äußerst nationalistisch ausgeprägten Kulturpolitik, eine Ausweitung der – ebenfalls bereits gängigen – Beschneidung von Meinungs- und Kunstfreiheit wurden gefordert.

Das Maxim Gorki Theater, Ort des Berliner Gastspiels (Foto: Sascha Krieger)

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Die Mechanik des Hasses

Theatertreffen der Jugend 2017 – Nach Rainer Werner Fassbinder: Katzelmacher, Balljugend-Club am Jungen Schauspiel Hannover *

Von Sascha Krieger

Dass es des „Fremden“ gar nicht bedarf, um es/ihn/sie zu hassen, ist keine ganz neue Erkenntnis. Dass etwa der so genannte „Fremdenhass“ nicht zuletzt dort blüht, wo es kaum Migrant*innen oder Menschen mit dem, was man als „Migrationshintergrund“ vereinfacht, gibt, ist ein Phänomen, dass in Deutschland bereits seit den frühen 1990er-Jahren diskutiert wird – oder eben auch nicht. Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher, 1968 uraufgeführt, ein Jahr später sein Durchbruch als Filmemacher, ist eine der frühesten künstlerischen Auseinandersetzungen mit der hässlichen Fratze eines Landes, das lange von sich behauptete, selbige hinter sich gelassen zu haben. Darin treffen gelangweilte Jugendliche in einer ungenannten Provinzstadt, an der Engstirnigkeit ihrer Welt verzwergt, auf einen dieser „Fremden“, einen, der ihnen als fleischgewordene Alternative Angst macht, ihnen die eigentliche Unzulänglichkeit vor Augen hält und zugleich als Auszuschließender der augenwischenden Selbstvergewisserung dient.

Bild: Silke Janssen

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Hitlergruß und Zeigefinger

Theatertreffen der Jugend 2017 – Nach Peter Weiß, „Die Ermittlung“: Das bin ich nicht, Theater-AG der 12. Klasse der Waldorfschule Freiburg-Rieselfeld

Von Sascha Krieger

Die stärkste Szene des Abends findet sich an seinem Anfang, noch während das Publikum seine Plätze sucht. Drei kleine Kinder und ein größeres Mädchen tollen über die Bühne, schaukeln ausgelassen oder spielen Verstecken, klein leichtes Unterfangen auf der fast leeren Bühne. Im Hintergrund spielt ein weiteres Mädchen sanft auf der Gitarre. Eine Idylle, vor allem aber ein echtes, unmittelbares Stück Leben, spontan, lustvoll, unbeschwert, alltäglich. Welch ein Kontrast zu dem, was folgen wird in diesen für eine Schultheateraufführung nahezu epischen fast zwei Stunden. Denn Das bin ich nicht basiert auf einem der wegweisendsten deutschsprachigen Theatertexte des vergangenen Jahrhunderts, Die Ermittlung von Peter Weiss. Damit setzte der Schriftsteller nicht nur das Dokumentartheater  auf the theatrale Landkarte, sondern zwang dem Theater eine politische Relevanz auf, die es zuvor vor allem versucht war zu vermeiden. Basierend auf dem ersten Auschwitz-Prozess von  1963 bis 1965 führt das Stück Zeugenberichte und Täterausflüchte zusammen, wuchtet die Shoah auf die Theaterbühne, stellt, erzwingt die Frage nach Schuld und Verantwortung. Starker Tobak für eine Schul-Theater-AG.

Bild: Elena Stenzel

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In die Fresse

Theatertreffen der Jugend 2017 – Nach Mutlu Ergün-Hamaz: Sesperado – Revolution of Color,  akademie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße, Berlin

Von Sascha Krieger

Wenn die akademie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße beim Theatertreffen der Jugend zu Gast sind, geht es offenbar nicht ohne Reibung. 2016 entspann sich ein handfester Skandal aus der Präsentation einer Aachener Schülergruppe bei der Festivaleröffnung, durch die sich die anwesenenden Vertreter des postmigrantischen Berliner Ensemblen rassistisch angegriffen fühlten – nicht zu unrecht. Wer darauf hoffte, dass die Anwesenheit der aktiv auf den grassierenden Alltagsrassismus in Deutschland hinweisenden Gruppe ein Jahr später ohne Zwischenfälle bleiben würde, sah sich am Ende des Schlussapplauses ihres Auftritts getäusch. Da erhob sich eine junge Zuschauer und behauptete, Tränen in den Augen, sich lange nicht mehr als Weiße so beleidigt gefühlt zu haben. Die Fassungslosigkeit ist den Gesichtern nicht nur der Spieler*innen, sondern auch großen Teilen des Publikums (von ein paar irregeleiteten Klatschern abgesehen) sprach Bände. Und – ebenso wie der meist begeisterte Applaus – von Hoffnung, dass der um sich zu greifen scheinende Reflex, jedes Einklagen von Minderheitenrechten als Angriff auf die vermeintliche Mehrheit missverstehen zu wollen, nicht unwidersprochen bleiben wird.

Bild: Ute Langkafel / Maifoto

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Acht Zahlen für ein Universum

Robert Wilson, Philip Glass: Einstein on the Beach, Oper Dortmund / Schauspiel Dortmund (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

„Es gibt nichts zu verstehen, aber viel zu erleben.“ Damit überschrieb Kay Voges seine bahnbrechende Inszenierung Die Borderline Prozession, die gerade erst beim Berliner Theatertreffen nicht nur aber vor allem begeisterte. Es ist ein Motto, das auch auf Einstein on the Beachin einer bejubelten Tournee passen würde, die legendäre Kollaboration der Großkünstler Robert Wilson und Philip Glass, die beide erst vor drei Jahren wiederbelebten. Ein minimalistisches Bilder- und Assoziationsgewitter, das keine Geschichte erzählt, keine Figuren kennt, keinen Sinn vorschreibt. Dass besagter Satz nun auch in den Übertiteln auftaucht, die vor dem Beginn von Kay Voges Inszenierung erscheinen – der ersten, an der weder Wilson noch Glass beteiligt waren – ist daher kein Zufall, zumal auch das Programmheft schwer bemüht ist, den Zuschauer vom Interpretieren abzuhalten. Bloß keinen Sinn suchen, schreit es ihm entgegen – und löst damit beim kritischen Beobachter erst einmal eine Reihe von Alarmglocken aus. Was will uns dieser Abend verbergen? Eine Leere und Oberflächlichkeit, die sich nur durch den künstlichen Gegensatz des „Erlebens statt Verstehens“ bemänteln lässt? Ein perfider Trick des Regisseurs also, den so mancher schon bei der Borderline Prozession vermutete?

Bild: Thomas Jauk, Stage Picture

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Im Land der roten Nasen

Theatertreffen der Jugend 2017 – Blick nach vorn, Theatergruppe Wunderbar, Stadttheater Minden*

Von Sascha Krieger

Barfüßige Jugendliche, ganz in schwarz, die meisten von ihnen Geflüchtete. An der Seite ein Musiker, der mit Instrumenten und Beatbox-Anleihen einen Klang- und Rhythmusteppich auslegt, über dem sich Gruppenchoreografien entfalten. Man steht einander gegenüber,. formiert sich zu wechselnden Gruppen, umarmt sich, stiebt auseinander, sucht seinen Platz. Aus dem Off Kurzvorstellungen: wie man heißt, woher man kommt. Dann ein kollektives Klatschen, eine Staubwolke, die bleibt, wenn die Spieler*innen die Bühne bereits verlassen haben. Würde man eine Mustervorlage für Theaterproduktionen mit Jugendliche im Jahr zwei nach der so genannten „Flüchtlingskrise“ erstellen, so sähe sich aus. Das scheinen auch die zehn meist aus Afghanistan kommenden Spieler*innen gedacht haben. Denn als das Licht wieder angeht, ist alles anders. Rote Clownsnasen tragen sie, weit aufgerissen sind Augen und Münder. Statt biografischen Fluchterlebnistheater mit kräftiger Betroffenheitsdosis, statt Stückentwicklungs-Einmaleins gibt es jetzt ein bisschen Varierté, einen Schuss Schelmenstück, etwas Kindertheater und viel Pantomime.

Bild: Paul Offermann

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Das Auge, ein Abgrund

E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann, Ruhrfestspiele / Düsseldorfer Schauspielhaus (Regie: Robert Wilson)

Von Sascha Krieger

Dass Robert Wilson irgendwann bei E-T-A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann landen musste, war wohl unausweichlich. Wilsons Arbeiten sind spätestens seit dem legendären Black Rider Schauermärchen, albtraumhafte Tauchfahrten in die Abgründe den Menschlichen, in individuelle wie Ur-Ängste des Menschen, in die Fundamente dessen, was uns an- und umtreibt. Sie sind Feste fürs Auge, die vor allem über das Visuelle kommen, die hinschauen lassen, schwelgen in Bildern so schön und faszinierend wie sonst wohl keine in den darstellenden Künsten unserer Zeit. Der Blick, der die Oberfläche aufnimmt und weiter vorzudringen strebt, ist vielleicht das wesentlichste Grundprinzip des Wilsonschen Theater. Hinzu kommt das Element des Mechanischen, des Automatenhaften: Die Bewegungen seiner Darsteller*innen sind puppen- und roboterhaft, in höchsten Maße formelhaft und abstrakt (die Nähe zum No-Theater ist oft genug beschrieben worden), die Gesichter sind weißgeschminkt und ergehen sich in extremen und klar zeichenhaften Ausdrucks-Abstraktionen, die grotesken Frisuren und Kostüme atmen ein Maximum an Künstlichkeit. Nichts ist natürlich, alles fremdbestimmt, in ein vorgegebenes Spektrum an abgezirkelten Abläufen gepresst. Der gelebte Albtraum, die den Protagonisten in den Wahnsinn reißende Schönheit der mechanischen Puppe Olimpia, die Urangst des Verlusts der Augen, des Blicks, der Einbildung: Hätte jemand eine Geschichte schreiben wollen, die alle Kernelemente des Wilsonschen Theateruniversums einschließt, wäre vermutlich etwas wie Der Sandmann herausgekommen.

Das Düsseldorfer Schauspielhaus (Bild: Sascha Krieger)

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Das entlarvende Klatschen

Eugène Ionesco: Die Nashörner, Ruhrfestspiele Recklinghausen / Théâtre National du Luxembourg / Staatstheater Mainz (Regie: Frank Hoffmann)

Von Sascha Krieger

Der aufschlussreichste Moment bei diesem Berliner Gastspiel ereignet sich, als eigentlich schon alles vorbei ist. Die Darsteller*innen haben sich bereits mehrere Runden Applaus abgeholt, da kommt auch die Blaskapelle, die während des Abends zweimal durchs Bild lief, auf die Bühne, natürlich ihre „volkstümliche“ Marschmusik spielend. Und plötzlich passiert etwas seltsames: Langsam, einer nach dem anderen, fallen die Zuschauer aus dem individuellen Schlussapplaus in rhythmisches Klatschen. Schrittweise übernimmt der Rhythmus, bis das Publikum fast einförmige Masse ist. Doch dann die Gegenbewegung: Offenbar unwohl ob der eigenen Kollektivierung stemmen sich immer mehr Zuschauer*innen gegen den Automatismus, klatschen gegen den Rhythmus an, bis sich Konformisten und Verweigerer die Waage halten. Man darf davon ausgehen, dass das beabsichtigt ist, ist es doch näher an Eugène Ionescos Intention als ein Großteil der vorangegangenen gut eineinhalb Stunden. In Die Nashörner verwandeln sich nach und nach alle Bewohner einer Stadt in besagte Dickhäuter. Am Ende bleibt Behringer zurück, als letzter Mensch. Das Stück war – und ist – eine Parabel über die Entstehung totalitärer Systeme, über die Verführung eines Gemeinschaftsversprechens, das sich bald in Zwang umwandelt, dem sich kaum einer entziehen kann und den doch so mancher als Freiheit uminterpretiert. Sich anzuschließen, mitzumachen, dabei zu sein ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wohin das führt, zeigt Ionesco in seinem absurden Lehrstück (so es derartiges gibt) auf schlichte, geradlinige und konsequente Weise.

Bild: Birgit Hupfeld

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