Der Geist aus der Holzkiste

Iván Fischer und das Konzerthausorchester Berlin mit Mahlers fünfter Symphonie beim Musikfest Berlin 2017

Von Sascha Krieger

Gäbe es einen Preis für den ungewöhnlichsten Konzertbeginn, das Gastspiel des Konzerthausorchesters Berlin im Rahmen des Musikfests Berlin hätte gute Chancen, ihn zu gewinnen. Das Orchester ist vollständig versammelt, auch Chefdirigent Iván Fischer ist da und setzt sich neben sein Pult. Davor steht ein Flügel und vor diesem ein hölzerner Kasten. Es ist ein Welte-Mignon-Apparat, ein um die vorletzte Jahrhundertwende entwickelter Vorläufer moderner Tonaufnahmetechnologien. Bevor sich Töne wirklich aufnehmen und abspielen ließen, entwickelte die Freiburger Firma Welte & Söhne ein Verfahren, mit dem es möglich war, das Klavierspiel inklusive Anschlagstechnik, Dynamik und Tempo nach dem Lochkartenprinzip aufzuzeichnen und mit Hilfe besagten Apparats auf einem echten Klavier wieder abzuspielen. Zu denen, die im Leipziger Aufnahmestudio derartige Aufnahmen einspielten, gehörte Gustav Mahler. An einem Novembertag des Jahres 1905 spielte er unter anderem den Kopfsatz seiner 5. Symphonie auf dem Klavier ein. Diese Aufnahme ist nun in der Philharmonie zu hören, bevor sich Fischer und sein Orchester dem Werk widmen.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

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Träumen und fragen

Die Berliner Philharmoniker mit Susanna Mälkki und Gil Shaham sowie Werken von Busoni, Bartók und Sibelius

Von Sascha Krieger

Das Musikfest Berlin ist ja nicht gerade bekannt dafür, Programme zusammenzustellen, die dem Publikumsgeschmack schmeicheln. Auch wenn die Ausgabe 2017 mit Schwerpunkten auf Komponisten wie Monteverdi oder Bruckner nicht zu den sperrigeren gehört, ist ein wenig Walzerseligkeit nach gut einer Woche Festival willkommen. Doch Vorsicht: Nicht nur hat Ferruccio Busonis Tanz-Walzer op. 53 so manchen doppelten Beden, Dirigentin Susanna Mälkki treibt dem Werk auch schnell jeden Rest von Johann-Strauss-Nostalgie aus. Mälkki öffnet zunächst den Klangraum weit, lässt höchste Transparenz walten, die Klangfarben funkeln, gibt den Soloinstrumenten, vor allem den Holzbläsern viel Platz zur Entfaltung, um allsbald die unterschiedlichen Charaktere der vier Walzer mit maximaler Deutlichkeit auszustellen. Leichtfüßig hüpfendem Schwung steht rhythmische Schärfe entgegen, samtigem Streicherfluss, explosive Energieschübe. Die Helligkeit weiß stets um das Dunkle, die freudige Oberfläche verbirgt nicht den gähnenden Abgrund. Immer wieder konzentriert Mälkki das Orchesterspiel, pumpt es mit Energie voll, macht die Berliner Philharmoniker zu einem Tiger, der zu spielen scheint, aber stets auf dem Sprung ist. Hellwach, höchst lebendig, energisch und lebensfroh, ohne einen Tick, Angst, der Spaß könnte bald vorbei sein, interpretiert die Finnin den Italiener. Und setzt damit den Ton für diesen Konzertabend.

Susanna Mälkki dirigiert die Berliner Philharmoniker beim Musikfest Berlin 2017 (Bild: Monika Rittershaus)

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„Bedeutungen interessieren mich nicht mehr“

Malte Schlösser: Mir ist alles viel zu laut und alles viel zu leise, Theaterdiscounter, Berlin (Regie: Malte Schlösser)

Von Sascha Krieger

Malte Schlösser ist Psychotherapeut. Und Theatermacher. Er hat bei Castorf und Schlingensief assistiert. Dabei mag er dabei auch über die Arbeiten von René Pollesch gestolpert sein. Damit ist sein Theater eigentlich schon umrissen. Überforderung, Projektionen, Diskurs, viel Metatheater und noch mehr Ringen mit dem, was wir fälschlich Wirklichkeit nennen, ein Verhältnis zu Darstellung und Narration, das, nun ja, nicht ganz traditionell ist. All das ist in Mir ist alles viel zu laut und alles viel zu leise verquirlt, hakt sich in einander, kämpft miteinander um die Vorherrschaft im Sinne einer Deutungshoheit, die keine Bedeutungshoheit sein will. Ach ja, ein wenig Tanztheater ist auch. Muss ja ein Volksbühnenveteran heute auch im Repertoire haben. Eigentlich alles ein bisschen viel für den improvisierten Theaterraum, welcher der Theaterdiscounter ist. Aber Überforderung hat Schlösser bei Castorf gelernt – und zeigt sich hier als ihr Analytiker wie Meister. Denn um Überforderung geht es – irgendwie auch wahrscheinlich auch unter anderem – und selbige produziert der Abend.

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Bild: Milena Schlösser

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Ästhetik des Dagegenseins

Musikfest 2017 – Chorus und Orchestra MusicAeterna unter Teodor Currentzis mit Mozarts Requiem

Von Sascha Krieger

Mit dem Starrummel im Klassikbetrieb ist es ja so eine Sache. Einerseits  widerspricht die Idee von „Stars“ eigentlich dem Anspruch auf künstlerische Substanz und der Auseinandersetzung mit dem eigentlichen „Star“, der Partitur. Wo aber ein Stern strahlt, ist selten Platz für einen zweiten. Andererseits steht auch der Klassikbetrieb im Wettbewerb um die Investitionen der Ticket- und Plattenkäufer, braucht es zugkräftige Argumente, gerade Jüngere zu begeistern für die Musik, von der ihnen gesagt wird, sie sei so viel wertvoller, als das, was bei ihnen durch die Kopfhörer rauscht. Aber auch der Klassikfan selbst will verführt werden, schließlich soll er wissen, warum er unbedingt eine bestimmte von unzähligen Einspielungen des gleichen Werken kaufen und zur Referenz erklären soll. Da hilft es, Musikerpersönlichkeiten zu haben, die herausstechen. Teodor Currentzis ist so einer. Gebürtiger Grieche, seit langem Wahlrusse, hat er dafür gesorgt, dass man längst auch im Westen weiß, dass es in Russland eine Stadt namens Perm gibt. Hier ist er seit Jahren aktiv, hat seine eigenen Ensembles gegründet, die er MusicAeterna nennt, verknüpft Alte und Neue Musik in Programmen, die immer mehr wollen, als „nur“ die einzelnen Werke zu interpretieren. Ihm geht es um Bezugslinien, um Verbindungen, um das ganz große Ganze. Und damit jeder weiß, wie ungewöhnlich das ist, was er tut, steckt er seine Musiker*innen in Mönchskutten, lässt sie stehend spielen, gönnt sich selbst hautenge Hosen und Stiefel mit roten Schnürsenkeln.

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Teodor Currentzis dirigiert den Chorus MusicAeterna beim Musikfest Berlin (Bild: Kai Bienert)

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Der Klang der Behauptung

Musikfest Berlin 2017 – Das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam  unter Daniele Gatti mit Werken von Weber, Rihm und Bruckner

Von Sascha Krieger

Wie folgt man einem Dirigenten wie Mariss Jansons nach – allseits geschätzt, von vielen als der beste seiner Zunft gefeiert, einer, der wie kein anderer analytische Schärfe, klangliche Perfektion und emotionale Tiefe zu verknüpfen vermag und die von ihm geleiteten Orchester regelmäßig an die Weltspitze führt. Gerade vierzehn Jahre stand er dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam vor, die nach dem Gründungsdirigenten des Orchesters Willem Kes Ende des 19. Jahrhunderts zweitkürzeste Amtszeit eines Chefdirirenten. Und doch schaffte er es, dass der Klangkörper schon bald im gleichen Atemzug mit den Berliner und Wiener Philharmonikern genannt wurde, wenn es darum ging, welches das beste Orchester der Welt sei. In einem entsprechenden Ranking des altehrwürdigen Gramophone Magazine landete das RCO schon 2008, vier Jahre nach Jansons‘ Amtstantritt auf Platz eins. Schwerer könnte es also kaum sein, das Erbe, das Daniele Gatti, selbst ein Schwergewicht der Dirigentenszene, antritt. Da heißt es, Akzente zu setzen, die neue Ära schnell zu definieren. Also startet Gatti mit einem Großprojekt. „RCO Meets Europe“ heißt es und führt das Orchester zwischen 2016 und 2018 in alle 28 Mitgliedsstaaten der europäischen Union. Ein wunderbares Symbol der kulturellen Verbundenheit eines Kontinents, der derzeit eher durch Zerrissenheit Schlagzeilen macht.

Daniele Gatti dirigiert das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam beim Musikfest Berlin 2017 (Bild: Kai Bienert)

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Die Kraft des Widerspruchs

Sir John Eliot Gardiner dirigiert Monteverdis L’Incoronazione di Poppea beim Musikfest Berlin

Von Sascha Krieger

Im Programmheft-Interview wird Sir John Eliot Gardiner nach einem Satz gefragt, den er desöfteren ausgesprochen hat, wenn es um Claudio Monteverdi ging, den revolutionären venezianischen Komponisten des Frühbarock, den der Engländer an gleicher Stelle seinen „Leitstern“ nennt: Da bezeichnete er den Italiener als „Shakespeare der Musik“. Über die Zulässigkeit des Vergleichs zu debattieren, wäre genauso langwierig wie vermutlich wenig zielführend, ist aber ein interessanter Ansatzpunkt für Monteverdis letzte Oper L’Incoronazione di Poppea. Ob Monteverdi Shakespeare kannte, ist nicht überliefert, was sie eint – nur einer von vielen Punkten – ist eine gewisse moralische Flexibilität in Bezug auf die Geschichten, die sie erzählen und die Figuren, die in deren Mittelpunkt stehen. Es sind gerade oft nicht die strahlenden Helden, die Agenten des Guten, Hehren, Schönen, um die es geht, sondern oft genug die Machtbesessenen, Skrupellosen, Gewaltbereiten, denen die Bühne gehört. In Monteverdis Oper gehen der Komponist und sein Librettist Gian Francesco Busenello sogar einen entscheidenden Schritt weiter als Shakespeare und viele seiner Nachfolger (der Mozart des Don Giovanni wäre zu nennen): Während jene bei aller Faszination des Bösen ihre Antihelden am Ende nicht davon kommen lassen, werden Monteverdis am Schluss nicht nur belohnt, sondern glorifiziert. Das ist 130 Jahre nach Machiavelli nicht ganz überraschend und doch weitgehend ohne Parallele.

John Eliot Gardiner

John Eliot Gardiner (Bild: Sim Canetty-Clark)

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Alles fließt

Sir John Eliot Gardiner dirigiert Monteverdis L’Orfeo beim Musikfest Berlin

Von Sascha Krieger

Es gibt Konzertabende, an denen es sich besonders lohnt, einen Blick ins Programmheft zu werfen. Dieser, der erste von dreien, in denen Sir John Eliot Gardiner gemeinsam mit den von ihm vor mehr als 50 Jahren gegründeten Ensembles Monteverdi Choir und English Baroque Soloists die drei Opern Claudio Monteverdis aufführt, ist einer davon. Im Heft zeichnet Silke Leopold den 24. Februar 1607 nach, als L’Orfeo in den herzöglichen Privatgemächern von Mantua uraufgeführt wurde und die Geschichte der Oper, wie wir sie heute kennen, wenn nicht begann, so doch entscheidend beeinflusst wurde. In seiner Verknüfung der dramatischen und musikalischen Sphären, in denen sich beide auf Augenhöhe begegnete, war das Werk bahnbrechend und begründete eine Tradition, die bis heute anhält. Und die begann in einem viel zu engen Raum, einer intimen Atmosphäre, Musiker und Sänger (allesamt wie das Publikum männlich) nicht getrennt, die Aufführung das, was man heute halbszenisch nennen würde. Diesem intimen Raum, diesem unmittelbaren Erleben versucht Gardiner näher zu kommen. Orchester, Chor und Solist*innen teilen den gleichen Raum, interagieren miteinander, szenisches Spiel und orchestrales Musizieren gehen Hand in Hand. Lichtdesigner Rick Fisher lässt den Raum auch mal weit werden, meist jedoch wird er zur Kammer für Musik und Spiel, lädt er das Publikum ein, ganz nahe heranzurücken, Teil zu werden, dieses gemeinschaftlichen Erlebens.

Krystian Adam als Orfeo in der Berliner Philharmonie (Bild: Carolina Redondo)

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Vorm Zerreißen

Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin eröffnen das Musikfest Berlin 2017

Von Sascha Krieger

Das Musikfest Berlin mag noch immer nicht den klingenden Namen seiner Pendants in London, Luzern oder Salzburg haben – dazu fehlen ihm der Oberflächenglanz, der Starrummel, die festliche Aura des Besonderen. Es ist mehr ein Arbeitsfestival. Hier wird mit, an und durch Musik gearbeitet, sich an ihr ab-, für sie zusammengearbeitet. Hier geht es nicht nur um den speziellen, erhabenen Moment größtmöglichen Kunsterlebnis, das Musikfest Berlin ist vielmehr das wohl programmatisch stärkste seiner Zunft, ein Ort, an dem wenig Bekanntes (wieder-)entdeckt, Verkanntes kennengelernt, Neues in Beziehung zu Altem gesetzt werden kann. Eines, an dem Musik selbst tätig wird, mit, durch, für und zuweilen gar gegen den, der sich ihr öffnet. Gleichzeitig steht auch das Berliner Festival im globalen Wettbewerb um die Gunst von Publikum und Künstlern. So geben sich auch hier jedes Jahr große Klangkörper, Dirigent*innen und Solist*innen die Klinke in die Hand, verkaufen sich auch hier Tickets über große Namen. Der Unterschied: So sehr der Zuhörer sich vom Namen des Orchesters oder Dirigenten anziehen lässt, so sehr landet er am Ende an einem Ort, wo es um Musik geht, ihre Verknüpfungspunkte, Beziehungslinien, Assoziationspotenziale. Musik, die im Idealfall weiter weist als bis zur Tür des Konzertsaals.

Staatskapelle; Daniel Barenboim

Daniel Barenboim dirigiert die Staatskapelle Berlin bei der Eröffnung des Musikfest Berlin 2017 (Bild: Carolina Redondo)

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Voller Staunen

Die Berliner Philharmoniker eröffnen Sir Simon Rattles letzte Spielzeit mit Haydns Schöpfung und einer Uraufführung

Von Sascha Krieger

Dass jedem Anfang ein Zauber innewohne, behauptete einst Hermann Hesse und wird gern wiederholt, wann immer etwas Neues beginnt. Dass Anfang und Abschied nicht nur enge Verwandte sind, sondern einander in der Regel bedingen, ist auch keine ganz neue Erkenntnis. Selten jedoch liegen solche Binsenweisheiten mehr auf der Hand als an Abenden wie diesem. Denn er ist ein Anfang: die Eröffnung einer neuen Spielzeit der Berliner Philharmoniker. Aber auch ein Abschied: Denn es ist die letzte unter dem Chefdirigenten Sir Simon Rattle, der am Ende der Spielzeit seine achtzehn Jahre andauernde Ära in der Philharmonie beenden wird. In gewisser Weise hat er dies auch schon. Die Philharmoniker haben immer darauf bestanden, dass ihr Chefdirigent keine andere Position innehält. Rattle dagegen ist ab dieser Saison bereits Chefdirigent des London Symphony Orchestra. Ein Abschied auf Raten. Dass dieser letzte Eröffnungsabend zwei ultimative Anfänge ins Programm nimmt, eine Uraufführung und ein Oratorium über die Erschaffung der Welt, könnte man der sanften Ironie zuschreiben, für die der Brite auch bekannt ist. Es ist aber auch ein programmatisches Statement des Optimisten Rattle: Dies ist nicht der Beginn einer Abschiedstournee, sondern der Auftakt zu einer weiteres großen Entdeckungsreise, die auch dann nicht enden wird, wenn ein anderer an dem Pult stehen wird, das einmal seines war.

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Die Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle und Elsa Dreisig eröffnen die Spielzeit 2017/18 mit Joseph Haydns Die Schöpfung (Bild: Monika Rittershaus)

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The Power of Survival

Film review: Dunkirk (Director: Christopher Nolan)

By Sascha Krieger

What a beginning: a few soldiers are roaming a deserted street, peep into windows, look at the fliers sailing down from a peaceful sky. Suddenly a shot. One of the soldiers collapses. They start running. More shots. One by one they fall. With one exception: a very young soldier jumping over a fence, running until he reaches a beach. Vast. Full of people waiting. Waiting to be rescued from this deadly prison the town has become. This is how Dunkirk opens, Christopher Nolan’s film about one of the turning points of the Second World War. When after being stranded in the northern French town of Dunkirk, completely surrounded by German troops closing in, 350,000 mostly British soldiers were evacuated, this giving Britain the basis to continue and eventually win the war. A miracle many call it.

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