Sprühsahne statt Suizid

Leiden ohne Liebe (aua aua, OHWEH OHWEH), P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Marlene Knobloch)

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist dies ja der Tag der Rache. Acht junge Menschen zahlen es dem Peiniger all der jungen Generationen der vergangenen Jahrzehnte heim, der sie quälte, ihnen die Lust an Literatur und ihrem bekanntesten Vertreter deutscher Zunge verleidete, Konzepte von der Liebe und dem Leiden an ihr, durch sie vermittelte, die sich nicht so leicht abschütteln lassen. Der Werther ist’s, der schmachtende, suizidale Künstler, der an einer unerfüllten Liebe zu zerbrechen glaubte und sich selbst zerbrach. Ihm können sie es jetzt zeigen, ihm die Leviten lesen, ihn einem Exorzismus unterziehen, der sich gewaschen hat. Und wenn Menschen, die gerade die Tür zur Pubertät zu geschlagen haben oder vielleicht sogar noch im Türrahmen stehen, eines wissen, dann, dass Lächerlichkeit eine der schärften Waffen ist, die ein Mensch in seinem Arsenal haben kann. Also ziehen die angepissten Acht alles durch den Kakao, was sie mit dem Werther! und dem Kult um das Leiden, das zum Lieben gehöre, verbinden, durch den Kakao. Oder in diesem Fall die reichlich eingesetzte Sprühsahne.

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Menschen-Ikebana

Gob Squad: Creation (Pictures for Dorian), Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin

Von Sascha Krieger

Jugend, Alter, Vergänglichkeit, die seltsame Beziehung zwischen Kunst und Leben: wer sich mit der mittlerweile über 20-jährigen Arbeit von Gob Squad beschäftigt, stößt immer wieder auf diese themen- und Motivgebiete. Da wirkt es dann auch alles andere als unlogisch, dass der Blick des deutsch-britischen Kollektivs irgendwann auf Oscar Wilde’s Roman The Picture of Dorian Gray fallen würde. Darum geht es bekanntlich um einen sündigen Jüngling gleichen Namens, der seinen Alterungs- und moralischen Verfallsprozess an sein Porträt auslagert. Während er in der Blüte seiner Jugend verbleibt, rottet das Bild vor sich hin. Leben und Kunst tauschen die Rollen, die Vergänglichkeit wandert von einer Sphäre in die andere. Was für eine atemberaubende, wenngleich durchaus erschreckende Vision. Mit der Macht von Kunst, Vergängliches festzuhalten, beginnt denn auch der Abend. Während Sean Patten (die Performer*innen wechseln täglich – diese Rezension bezieht sich auf die Vorstellung am 4. Mai 2018) eine Zuschauerin per Bleistifft auf Papier bannt (!), richtet Sarah Thoms ein Ikebana-Arrangement an, das sie nach Fertigstellung unter eine Wärmelampe stellt. Am Ende des gut eineinhalbstündigen Abends sind die Blumen verwelkt. „Ewigkeit“ und Vergänglichkeit, beides im Reich der Kunst. Ein Schlag ins Gesicht der Eindeutigkeit.

Bild: Sascha Krieger

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„Zeitbomben der Zukunft“

Junges DT – Tanja Šljivar: Draufgängerinnen. All Adventurous Womes Do, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Salome Dastmalchi)

Von Sascha Krieger

Es war eine Klassenfahrt mit Folgen. 2014 kehrten sieben 13-jährige Mädchen in Bosnien und Herzegowina mit einer Überraschung von einem fünftägigen Schultrip zurück: Jede von ihnen war schwanger. Die kollektive Empfängnis schlug wellen, erreichte die Weltpresse, führte zu Diskussionen über sexuelle Aufklärung, Verhütung und natürlich vermeintliche moralische Defizite in der Gesellschaft. Jeder hatte etwas zu sagen, nur sieben Menschen blieben stumm: die schwangeren Mädchen. In ihrem Stück Draufgängerinnen. All Adventurous Womes Do gibt ihnen Tanja Šljivar nun eine Stimme. Und Regisseurin Salome Dastmalchi Gesichter und Körper. Vier weibliche und drei männliche, zwischen 15 und 19 Jahren alt. Geworfen in einen weißen, noch zu beschreibenden Raum. Ein neutraler Kasten (Ausstattung: Paula Wellmann), der nicht so gleichgültig erscheint wie er ist. An den Wänden ein Meer aus Hashtags. Symbol der Selbstdarstellung, des mit eigener Stimme Zu-Worte-Kommens, aber auch der öffentlichen Verurteilung, der kollektiven Meinungsäußerung, des globalen Prangers. Ganz hinten eine runde Ausbuchtung, die Andeutung eines kirchlichen Altarraums. Das urteilende, richtende Auge der Gesellschaft ist nicht weit.

Bild: Arno Declair

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Machtspieler

John von Düffel nach CoriolanJulius Cäsar und Antonius und
Cleopatra von William Shakespeare: Rom, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

„Democracy Dies in Darkness“: Seit die derzeitige US-Regierung ihren Feldzug gegen die Pressefreiheit begonnen hat, prangen diese Woche im Kopf der „Washington Post“. dass das „Ende der Geschichte“, ausgerufen nach Ende des so genannten Kalten Krieges, eine Illusion ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass Demokratien nicht unsterblich sind, wissen wir aus der Geschichte. Der deutschen, zum Beispiel. Weil wir aber am Theater sind und wir im Zweifelsfall immer zuerst William Shakespeare zitieren, der aus verständlichen Gründen kein Chronist der Weimarer Republik war, gehen John von Düffel und Karin Henkel ein bisschen weiter zurück: nach Rom, dem uns bekannten zweiten Demokratieexperiment der Geschichte, einem, das blutig begann und ebenso endete. Also hat von Düffel sich drei Shakespeare-Dramen vorgenommen und aus ihnen einen Diskurs über Geburt und Tod der Demokratie gebastelt: Beginnend mit Coriolan, wo sich das Volk gegen einen Autokraten durchzusetzen scheint, über Julius Cäsar und den Versuch, die Demokratie zu retten, der diese jedoch in tödliche Gefahr bring bis zu Antonius und Cleopatra und den vernunftbeschwerten Triumph der Diktatur.

Bild: Arno Declair

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Ganz unten

Tennessee Williams: Endstation Sehnsucht, Berliner Ensemble (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

„Von nun an ging’s bergab“. Das Lied der großen Hildegard Knef könnte auch am Anfang von Michael Thalheimers Inszenierung von Tennessee Williams‘ Endstation Sehnsucht stehen. Da ist Blanche noch „oben“, steht am selbigen Ende von Olaf Altmanns steiler Schähe, ein rechteckiger Schlitz in einer massiven rostigen Wand, nach hinten im Dreieck verlaufend, eine Falle, wie Blanche später sagen wird, aber eben auch ein Rutschbahn. Scheu, unsicher, widerwillig tastet sich Cordelia Wege voran, um letztendlich am unteren Ende anzukommen. So sehr sie sich bemühen wird: Hier kommt sie nicht mehr fort, hier wird sie sitzen, wenn alles vorbei ist. Altmanns Bühne ist, wie so oft, eine klare, eindeutige Setzung und sie bestimmt das, was auf ihr passiert. Der Raum, die Umgebung, die Außenwelt determinieren das menschliche Tun: Es ist ein Grundprinzip von Michael Thalheimers Klassikerentkernungen, die steile (Ab-)Rutschbahn ein Verwandter von Altmanns legendärem Schlitz von Thalheimers Ratten-Inszenierung nebenan am Deutschen Theater, der alle Darsteller*innen zwang, sich gebückt zu bewegen. Hier ist schon der aufrechte Stand, ganz zu schweigen vom Gang, harte Arbeit, erfordert geradlinige Haltung höchste Anstrengung. Die Gefahr abzurutschen besteht immer.

Bild: Matthias Horn

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Smells Like Team Spirit

Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz, Berliner Ensemble (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

„Man muss aufpassen.“ Wenn Bettina Hoppe diese Worte spricht, mit all der Weisheit von jemandem, von dem man behaupten könnte, alles gesehen und ausprobiert zu haben und der darum weiß, dass dies nicht einmal im Ansatz der Fall ist, ist dieser Abend zu Ende. (Außer man sitzt in der Vorstellung, die dieser Rezensent besucht hat und erlebt einen Überraschungsbesuch von Benjamin von Stuckrad-Barre und Udo Lindenberg samt Gesangseinlage auf der Bühne, aber das ist eine andere Geschichte.) Bis dahin haben wir  zwei Stunden lang einem Menschen beim Abstürzen zugesehen. Vom Outsider in einer niedersächsischen Außenseiter- (weil linksgerichteter Pfarrers-)Familie über den ambitionierten Jungjournalisten zum Star und Drogenwrack mit Essstörungen. Das irgendwie wieder zurück ins Leben kommt. Sich eigentlich nicht zurückkämpft, sondern eher zurückgespült wird. Irgendwie. Es ist die Geschichte Benjamin von Stuckrad-Barres, aufgeschrieben in seinem autobiografischen Roman Panikherz. Oliver Reese hat das Buch jetzt auf die Bühne seines Berliner Ensembles gewuchtet. Als Mischung aus Rezitation und Konzert, das die zwei Grundelementen von Stuckrad-Barres Wirken und Überleben in den Mittelpunkt rückt: Popmusik und Sprache.

Bild: Julian Röder

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Elfriede Jelinek… verzweifelt gesucht

Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Am 8. November 2016 wurde Donald J. Trump, Immobilienmogul und Reality-TV-Star, zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Noch am gleichen Tag soll Elfriede Jelinek mit der Arbeit an Am Königsweg begonnen haben. Darin stellt sie nicht nur die Frage, wie es zu Trumps Wahl kommen konnte und was mit einer Gesellschaft passiert sein muss, die derart leichtfertig mit ihrer demokratischen Macht umgeht, sondern hinterfragt auch sich selbst, ihre Rolle als Autorin, ihre Unsicherheit und Ohnmacht, die Sinnhaftigkeit dieses ihres Tuns. 80 Seiten stark ist die Textfläche, so lang wie fast eineinhalb Hamlets, wie Robin Detje im Programmheft errechnet hat. Ein wie immer assoziationsstarker Text voller Wortspiele, die diesmal nicht selten am Rande der Verzweiflung und Resignation entlang balancieren, Gedankenschlangen, die sich selbst und gegenseitig auf die Füße treten, in den Schwanz beißen und in die Weichteile boxen. Ein offenes Schlachtfeld persönlicher wie kollektiver Verunsicherung.

Bild: Arno Declair

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Fliegen lernen

Roland Schimmelpfennig: Die Biene im Kopf, Theater an der Parkaue, Berlin (Regie: Martin Grünheit)

Von Sascha Krieger

Roland Schimmelpfennig ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker der Gegenwart. vor zwei Jahren hat er erstmals ein Stück für Kinder geschrieben. Die Biene im Kopf heißt es und handelt von einem Jungen, der sich in seinem Leben – die Eltern sind Alkoholiker, in der Schule ist er Außenseiter und auch außerhalb beider Sphären lauern reichlich Gefahren – und in seiner Haut nicht gerade wohlfühlt. Also verlässt er selbige und wird zur Biene. Nicht so radikal und unumkehrbar wie Kafkas Gegor Samsa, der als Käfer verendet, eher spielerisch, mit Rückfahrkarte. Als Biene ist er freier, hat mehr Möglichkeiten zur Verfügung und findet neue Perspektiven. Da wird schon eine simple Blüte zum Weltwunder, der Klassenraum zur Todesfalle, der Nichtbeachtete zum Forscher, Entdecker und Helden. Der er ohnehin ist. Allein, morgens die Wohnung zu verlassen, ohne den Zorn des betrunkenen Vaters auf sich zu ziehen oder in Küche etwas Essbares zu finden, ohne auf Glasscherben zu treten, sind kaum lösbare Aufgaben für ein Kind, das vermutlich noch kein zweistelliges Alter erreicht hat.

Bild: Gert Engelsmann

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Der Text eine klaffende Wunde

Heiner Müller: Die Hamletmaschine. Ein Projekt des Exil Ensemble, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

„Mein Drama findet nicht mehr statt“, sagt Hamlet in Heiner Müllers Über-, Zu-, Nach- und Gegenschreibung non William Shakespeares Klassiker. Die Aufstände sind gescheitert, Europa in Ruinen, von Gräbern bedeckt, Kunst und Denken gegen die Wand gefahren. Bevor es das – durchaus positiv gemeinte – Wort vom „Ende der Geschichte“ gab, rief Müller es aus. Das Ende des Fortschritts, des Dramas, der Hoffnung. Ein (post)apokalyptisches Geschichts- und Geschichtenende. Doch er lag falsch. „Am 3. Februar, 12 Uhr fand mein Drama vor dem Präsidentenpalast statt“, hält Ayham Majid Agha dagegen. Der Syrer ist Leiter des Exil Ensembles des Maxim Gorki Theaters, das auch derzeit sieben Mitgliedern besteht, die aus Syrien, Afghanistan und Palästina stammen. Er hat drei „Kommentare“ zu Müllers zehnseitigem Theatermonolith beigesteuert, Texte, die den starren, abweisenden Text in die Gegenwart holen und mit dieser konfrontieren, die das hermetische Gedankengebilde ankratzen, seine Schale aufbrechen, es zwingen, sich einer Realität zu stellen, mit der er mehr zu tun hat als es Heiner Müller wohl lieb wäre.

Bild: Esra Rotthoff

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Schreien statt Flüstern

Duncan Macmillan: Menschen, Orte und Dinge, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Bernadette Sonnenbichler)

Von Sascha Krieger

Im Februar waren Drogenwochen am Berliner Ensemble. Gleicht zwei Premieren befassten sich mit der Sucht und ihren Auswirkungen. Den Anfang machte Menschen, Orte und Dinge, Duncan Macmillans Stück über eine Schauspielerin, die recht widerwillig in einer Drogentherapie landet, nachdem sie aufgrund multipler Blackouts ihren Job verlor. Das stück folgt ihr durch zwei Therapieversuche. Der erste scheitert, weil sie nicht bereit ist, sich mit ihrem Problem auseinanderzusetzen und stattdessen die Welt verantwortlich macht. Der zweite, den Macmillan als Spiegelung seines Vorgängers anlegt, ist erfolgversprechender, das Ende zwar offen, aber nicht hoffnungslos. Menschen, Orte und Dinge ist, was man im englischsprachigen Theater ein „well-made play“ nennt: sorgfältig konstruiert, mit einer klaren, nie ihr Ziel aus dem Auge verlierenden Dramaturgie, mit Anfang, Mitte und Ende, unterhaltsam, spannend, den Zuschauer bei der Stange haltend. Da wirkt manches für den postdramatisch geschulten deutschen Rezipienten klischeehaft und plakativ: die Diskussionen über die richtige Therapie, die Auseinandersetzungen über den Wer der Wahrheit, die Selbtsverleugnung der Protagonistin, die stereotypisch angelegten Figuren, die finale Konfrontation mit den Eltern. Macmillan weiß das und streut immer wieder Zwischentöne ein, ironische Pathosbremsen etwa, die unerwartete Komplexität des Vaters, komische Zwischenspiele.

Bild: Matthias Horn

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