Ungelebtes Theater

Tom Kühnel und Jürgen Kuttner: Hast la Westler, Baby!, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

Aus dem Kapitalismus haben sie schon eine Revue gemacht, aus dem Feminismus auch, jetzt ist also die Ost-West-Thematik dran, 30 Jahre nach der so genannten Wiedervereinigung. Passt ja. Und wie schon bei letzterem gelingt es dem kongenialen Duo aus mehr oder minder ernsthaftem Theatermacher und Theater-Radio-Videoschnipsel-Rampensau auch diesmal, ein hochkomplexes, wichtiges und höchst relevantes Thema zu wohlig humoresker Harmlosigkeit zusammenschnurren zu lassen. Dabei beginnt der Abend vor dem Eisernen Vorhang der Kammerspiele recht vielversprechend: Katrin Klein und Peter René Lüdicke sitzen sich als zwei Psychoanalytiker+innen – sie West, er Ost – gegenüber und tauschen ihre Einstellungen, Erfahrungen, Gefühle zur Trennung, die eine Einigung, die eine Trennung ist, aus. Er spricht über den Verlust von Machthabern, die über die Trauer angesichts 40 Jahre „ungelebter Leben“, beide vermuten, der jeweils andere Teil sei eine Art Komplementär des Eigenen, was nicht heißt, dass sie aus ihren Vor(gefertigten)urteilen und Klischees über den Anderen als das andere herauskämen. Auf die Ebene pseudoanalytischer Tiefe gehoben, wirken die Mauern in so manchem Kopf noch banaler und erschreckender.

Bild: Arno Declair

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Auflösung und Neuanfang

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker spielen Mahlers sechste Symphonie

Von Sascha Krieger

Man kann Kirill Petrenko, seit dieser Spielzeit Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, wahrlich nicht vorwerfen, sich dem Erbe „seines“ Orchesters nicht zu stellen. Die Werke Gustav Mahlers gehören spätestens seit der Amtszeit Claudio Abbados zum Kern des Klangkörpers. Abbado, einer der größten Mahler-Dirigenten überhaupt, hat das Orchester auch zu einem der besten Interpreten des Spätromantikers geformt, und sein Nachfolger Sir Simon Rattle versuchte sein möglichstes, die Tradition fortsusetzen: Nicht nur bildete sein großer Mahler-Zyklus so etwas wie das Herzstück seiner Amtszeit, er gab einst seinen Einstand mit Mahlers Sechster und verabschiedete sich mit eben diesem Werk auch als „Chef“. Wenn Petrenko nun ausgerechnet dieses Werk in seiner Debüt-Saison auf den Spielplan hievt und damit seinen Mahler-Einstieg als Chefdirigent gibt, ist das sicher kein Zufall, sondern sagt: Ich führe die Tradition fort und scheue den Vergleich mit meinen Vorgängern nicht. Ein durchaus mutiger Schritt, der dem Selbstbewusstsein eines Dirigenten entspricht, der das vielleicht beste Orchester der Welt über Jahre oder gar Jahrzehnte hinaus leiten will.

Kirill Petrenko (Bild: Monika Rittershaus)

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Verpeilte Aliens

Nach Salomé von Oscar Wilde: FINAL FANTASY, Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Lucia Bihler)

Von Sascha Krieger

Irgendwann in diesen kurzen knapp 80 Minuten wird von einem Zettel vorgelesen. Dabei geht es um die Frau als Verführerin, als dämonische Macht, die – natürlich männliche – Menschheit zu verderben, als die sie, wie wir erfahren oder längst wissen, in großen Teilen der Kultur- und Literaturgeschichte galt, schon lange vor der Bibel mit dem Sündenfall der Eva, etwa im Gilgamesch-Epos, und eben mindestens bis hin zu Oscar Wilds skandalumwitterter Neuinterpretation der biblischen Geschichte von der verschmähten Prinzessin Salomé, die aus Rache den Täufer Johannes töten ließ. Vorgelesen werden die Ausführungen von einem Alien in weißem Latexanzug (Kostüme: Leonie Falke). Falsche Betonungen und stockender Vortrag bezeugen, dass die Lesende vom Vorgetragenen so wenig versteht wie die hilflos Verständnis heuchelnden Zuhörer*innen, denen das schwüle Konglomerat aus männlich herbeifantasierter Lust und Misogynie fremd bleibt. Ja, es sind Außerirdische, die auf der schwarz-weißen, irgendwie an Jugendstilornamentik erinnernden Bühne von Laura Kirst unter Mitwirkung gespenstisch atmosphärischer, teils halb kitschig zitierender Klänge zwischen Horror- und Science-Fiction-Film-Ästhetik (Musik: Nicki Fehr), ein Drama nachspielen,, das nicht nur ihnen aus der Zeit gefallen scheint. FINAL FANTASY heißt es und ist die erste Arbeit Lucia Bihlers als Hausregisseurin der Volksbühne. Dass sie im 3. Stock, also auf der kleinen Nebenbühne, stattfindet, hat angesichts des feministischen Impetus der Arbeit, allerdings durch auch ein Geschmäckle.

Bild: Katrin Ribbe

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Lebensexplosion

Herbert Blomstedt und Leif Ove Andsnes mit Werken von Mozart und Bruckner zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Ein Abend in Es-Dur – und in rot-weiß-rot. Und ein nordischer: 92 Jahre alt ist Herbert Blomstedt mittlerweile, ein Alter, dass man dem ewig lächelnden Schweden nicht ansieht, vor allem dann nicht, wenn er mit der Energie eines viel Jüngeren seiner Leidenschaft nachgeht: seinen Teil zu leisten, das Besondere zu erzeugen, Musik, die Lebt, den Raum füllt, nachklingt. An seiner Seite diesmal ein Norweger, Leif Ove Andsnes, ein Pianist, bei dem man, hört man ihn, nie versteht, warum er nicht zu den medial hochgelobten Superstars seiner Zunft gehört. Wohl weil er, wie Blomstedt, auch ein Meister des Understatements ist. Er schwitzt und schüttelt und tanzt sich nicht durch die Tastatur, ihm ohne Ton zuzuschauen, muss zum Langweiligsten gehören, das man sich antun jkann. Aber was er seinem Instrument entlockt, ist atemberaubend – nicht in virtuoser Überwältigung, aber in analytischer Schärfe und intellektueller wie emotionaler Wirkung. Das gilt auch für Wolfgang Amadeus Mozarts Es-Dur-Klavierkonzert, das eigentlich wegen seiner Bedeutungsverschiebung der Holzbläser als musikgeschichtlicher Meilenstein gilt.

Herbert Blomstedt und Leif Ove Andsnes zu Gast bei den Berliner Philharmonikern (Bild: Frederike van der Straeten)

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Die unerträgliche Länge des Moments

Susanne Kennedy und Markus Selg: ULTRAWORLD, Volksbühne Berlin (Regie: Susanne Kennedy)

Von Sascha Krieger

Irgendwo zwischen Kacheln und antiker Ornamentik sind die elemente angesiedelt, die das Portal bilden, auf das der Zuschauer zunächst starrt. Darin fließt und bewegt es sich wie in einem Ozean, einer Ursuppe, rot und lila und blau, bereit, daraus eine Welt entstehen zu lassen. Zuletzt musste man als Zuschauer*in ein solches Portal noch durchschreiten, um zur „Coming Society“, einer reichlich esoterisch angehauchten Gesellschaftsvision zu gelangen, nun darf man mehr oder minder bequem und zumindest gefühlt reichlich lang in den Volksbühnen-Sitzen verbleiben und passiver Zeuge einer Welterschaffung werden. Außer Kay Voges beschäftigt sich derzeit wohl keine andere deutschsprachige Theatermacherin so sehr mit der Frage, wie die digitalen Lebensrealitäten, in denen wir uns wiederfinden, nicht nur unsere Leben verändern sondern auch unser Menschsein. Kennedy hatte schon in früheren Arbeiten das Individuelle als Kern des Menschlichen hinterfragt und dekonstruiert – spätestens seit Women in Trouble interessiert sie primär die Vision einer Welt, in der Realitäten ebenso künstlich und produziert sind wie die Vorstellung eines Selbst. Dass das ins Esoterische zu kippen vermag, zeigte sie in Coming Society, einer Arbeit mit dem Künstler Markus Selg, mit dem sie auch jetzt wieder arbeitet.

Bild: Julian Röder

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Jenseits von John Wayne

Falk Richter & Ensemble: In my Room, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

„Mein Vater, dieses fremde Wesen“: Es sind einige der ersten Worte, die an Falk Richters neuestem Abend am Gorki fallen. Und sie beschreiben recht präzise, was in den folgenden fast zweieinhalb Stunden passiert: eine Annäherung an die Väter, die des Regisseurs, die des Ensembles und das Konzept des Vaters, Ernährers, Erziehers, Bestimmers allgemein. Jonas Dassler spricht sie, zu Beginn eines langen Monologs über einen Patriarchen, der nach der freiwilligen Frühverrentung nichts mehr mit sich anzufangen weiß, der sich als Familienoberhaupt inszeniert, keine Nähe zum Sohn aufbaut, auf dessen Homosexualität mit einer Gewalt antwortet, die spätere queerfeindliche Gewalterfahrungen vorwegnimmt. Und der Kriegstraumata mit sich führt, in einer sich steigernden Wutrrede vom „Sohn“ Besitz ergreift und die Wiederkehr derer anklagt, die im selbst die Jugend raubten. Die AfD und die Wiedererstarkung der Rechten sind bei Richter nie weit und das gilt auch an diesem Abend. Die Macht der Vergangenheit, sie findet sich im ewig währenden Kampf der Söhne mit den Vätern im Individuellen, aber eben auch im Gesamtgesellschaftlichen. Und so steigert sich der Vater hinein in seine Tirade wider die Wiederkehr des Bösen, wird ununterscheidbar vom sich von ihm emanzipierenden Sohn, ein Knäuel aus Freiheitskämpfen, die nie enden.

Bild: Esra Rotthoff

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Wenn die Statistik versagt

Rimini Protokoll: 100% Berlin reloaded, Hebbel am Ufer (HAU 1), Berlin (Regie: Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel)

Von Sascha Krieger

Wie, wer, was ist Berlin? Wie tickt die Stadt, wie lebt sie, was will sie? Fragen, die Statistiken beantworten. Kalte Zahlen, Diagramme, Grafiken auf Papier. Vor 12 Jahren haben Rimini Protokoll, die Realitätsschürfer*innen und -simulierer*innen des deutschsprachigen Theaters versucht, diese Ziffern und Prozente lebendig zu machen. 100% Berlin hieß das und brachte 100 Berliner*innen auf die Bühne des Hebbel-Theaters. Statistisch ausgewählt nach Kategorien wie Alter, Geschlecht oder Stadtbezirk sollten sie gemeinsam für 100 Prozent dieser Stadt stehen. Eine Erfolgsinszenierung damals, ein Exportschlager bis heute: In 36 weiteren Städten weltweit wurde die Idee seitdem umgesetzt, 2020 sollen vier weitere hinzukommen. Jetzt, 12 Jahre später, anlässlich des Jubiläumsprogramms zu 20 Jahren Rimini Protokoll, kommen Rimini Protokoll zurück an den Ort, wo alles begann. Und  fragen, wie die Stadt heute aussieht, wie sich sich verändert hat, zum Guten wie zum Schlechten. 37 der damals Teilnehmenden sind wieder dabei, darunter Julian, damals gerade wenige Tage alt, das 100. Prozent. Diese Rolle hat jetzt seine Schwester eingenommen, die heute bei der Neuaflage die jüngste Teilnehmerin ist. Ein schönes Bild.

Bild: Sascha Krieger

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Liebe in Plastikfolie

Julius Kirchner: Verlorene Könige – Ein dramatisches Gedicht, Theater unterm Dach, Berlin (Regie: Jan-Hendrik Hermann)

Von Sascha Krieger

Am Ende werden sie sie sich finden: die Könige, die einst die Erde verließen und auf dem Mond vermutet wurden. Jene, welche die Ordnung zusammenhielten, die sich seitdem auflöste, die Ordnung menschlicher Gemeinschaft im Großen wie im Kleinen, zu zweit oder zu vielen. Und die Chaos hinterließen, Verwirrung, Konkurrenz. Liebe ist zum Wettkampf geworden: Wer ist der Held, der das leben des anderen erfüllen kann, der Ritter in weißer Rüstung, der alle Sorgen verfliegen lässt? Zwischenmenschliches wird zur Casting-Show, in der klare Regeln gelten und das Recht des Stärkeren, des Selbstsicheren, des besten Heldendarstellers. Fünf junge Männer stellen sich diesem Spiel des Lebens, der Liebe und der Macht. im Theater unterm Dach. Sie umschmeicheln, umwandeln, umgarnen, umtanzen einander, stets versuchend, das Gegenüber davon zu überzeugen, dass man selbst derjenige sei, in den es sich lohne zu investieren.

Bild: Sven Serkis

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Gipfeltreffen ohne Gipfel

Kirill Petrenko, Daniel Barenboim und die Berliner Philharmoniker mit Werken von Suk und Beethoven

Von Sascha Krieger

Es ist so etwas wie ein Gipfel-, ja, auch ein Generationentreffen der Berliner Philharmoniker. Am Pult steht der neue Chefdirigent Kirill Petrenko, Solist ist Daniel Barenboim, mehrfach schon im Gespräch für die Position, treuester Freund des Orchesters und immer wieder – zuletzt etwa zum Jahreswechsel 2018/19, als die Philharmoniker keinen „Chef“ hatten – ein Partner für Übergangsphasen. Und im Publikum sitzt Sir Simon Rattle, Petrenkos Vorgänger, einziger lebender Ex-Chefdirigent des Orchesters, und lauscht dem, was sein Nachfolger aus dem Orchester herauszuholen vermag. Besser lässt sich dessen Traditionsverständnis nicht symbolisieren: Der Stab wird weitergereicht, die Geschichte um neue Facetten bereichert, aber sie bleibt immer Teil der Gegenwart, inspiriert sie, treibt sie an. Und neue Facetten fügt Petrenko ohne Zweifel hinzu. Er hat sich auf die Fahnen geschrieben, auch halb vergessene Komponisten aufs Programm zu setzen, vermeintliche Vertreter aus der „zweiten Reihe“, Solitäre in ihrer Zeit. Wie etwa Josef Suk, den Schüler und Schwiegersohn Antonín Dvořáks, desen einstündige Asrael-Symphonie er jetzt dirigiert, den ersten Teil eines Symphonie-Zyklus, den Suk, sehr ungewöhnlich in der Musikgeschichte, als Ganzes verstand. Und Petrenko tut das vor einem Bruder im Geiste: Es war Rattle, der das Werk hier zuletzt dirigierte, 1992, in der ersten Phase seiner Amtszeit.

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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In sicherer Entfernung

Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott, Salzburger Festspiele / Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Wer einen Wald auf die Bühne der Berliner Schaubühne stellt, weiß natürlich, welche assoziationen er bedient. Zu ikonisch ist das Birkenwäldchen aus Peter Steins legendärer Sommergäste-Inszenierung, zu unverbrüchlich verbunden mit der Geschichte nicht nur dieses Theaters, sondern der jüngeren deutschsprachigen Theaterhistorie überhaupt. Steins Nach-Nachfolger Thomas Ostermeier, einst an der DT-Baracke Protagonist eines kompromisslosen, den Finger in verdrängte Wunden einer sich als verlassen empfindenden jüngeren Generation legenden Gegenwartstheaters, später, zu Beginn seiner Schaubühnen-Zeit Vorreiter eines kalt-analytisch bürgerliche Befindlichkeiten sezierenden und dekonstruierenden Theaters, hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend zu einem Regisseur entwickelt, der textnahes, Schauspieler*innen-zentriertes lineares Erzähltheater anstrebt, eine heute doch eher konservativ erscheinende Ästhetik, die sich aber natürlich auch und gerade am Aufbruch der ersten Schaubühnen-Generation orientiert, ihre Leichtigkeit, ihre lichtdurchflutete Klarsicht aber nur selten erreicht.

Bild: Arno Declair

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