Felix Krull wäre stolz

Alexander Eisenach: Stunde der Hochstapler – Das Krull-Prinzip, Berliner Ensemble (Neues Haus) (Regie: Alexander Eisenach)

Von Sascha Krieger

Das grinsende Horrorclownsgesicht kennen wir schon. Es war zentrales Bühnenelement in Alexander Eisenachs Felix-Krull-Abend auf der großen Bühne des Berliner Ensembles. jetzt kehrt der Regisseur auf der kleinen Bühne zurück zu diesem Sujet und integriert die Fratze in einen Holzbühnenturm mit seltsam pseudo-Science-Fiction-artigem Turmzimmer und allerlei Türen im Erdgeschoss. Das Thema der „Hochstapelei“, der – gesellschaftlich sanktionierten – Lüge als Grundprinzip menschlicher Existenz, der Selbsterfindung, des Triumphs vom Schein über das sein will Eisenach nun – weitab von Thomas Mann – weiterspinnen. Und lässt den überdreheten Peter Moltzen erst einmal das Gebiss des Clownsmundes auf Karies untersuchen. Damit setzt der Abend, der natürlich weit über die titelgebende Stunde hinausgeht, schon mal seinen reichlich albernen, überdrehten Ton. Moltzen, Marc Oliver Schulze, Cynthia Micas und Cordelia Wege dürfen sich in feinstem Overacting beweisen, während Wolfgang Michael eh immer im gleichen, nölig grantigen Tonfall agiert.

Bild: Matthias Horn

Moltzen mutiert schnell zum Autor, dem Schulze als Regisseur ein Filmprojekt abringt, das sich ersterer, erstmal in der Rolle zurechtfindend, aus den Rippen improvisiert. Zuvor hatte er bereits gefragt, wann es denn angefangen hätte, dass wir, also die Menschen, lügen. Mit dem Auftrag, die erste Lüge zu finden, gehen beide ab. Und finden sich bald in einem wirren Konglomerat aus Steinzeitmenschen, einer Prophetin, einem Therapeut(in)-Patienten-Verhältnis und einer Science-Fiction-Handlung wieder, die sich immer mehr an den „Plot“, den der Autor dem Regisseur verkauft hatte, annähert. Ein Dino tritt auf, der einen Elefanten spielt, es gibt Rollenwechsel, ein Meta-Brain, das alle Bewusstseine der Welt verknüpft, einen Streit, ob das gerade erlegte Mammut existiert oder nicht, und eine finale Schießerei ohne Überlebende. Die „Prophetin“ (Micas) will das Bewusstsein auf Algorithmen reduzieren, Michaels Philosoph/Autor plädiert für das Primat der Wahrheit und Weges Therapeutin will das Wunder retten. „Die erste Lüge war die Wahrheit“ heißt es einmal am Anfang und schon ist alles möglich, denkbar, argumentierbar.

Und nach dem Anything-Goes-Prinzip hangelt sich der Abend von Einfall zu Einfall, Assoziation zu Assoziation, Gag zu Gag. Das ist oft sehr unterhaltsam, gerade Moltzen und Schulze als steinzeitliches Jäger- und-Sammler-Duo geben dem komödiantischen Affen reichlich Zucker. Und driften mit dem Rest des Ensemble in immer abstrusere Gedankenspielereien ab. um Hochstapelei oder Identitätsaufspaltung geht es sehr bald längst nicht mehr, stattdessen spielt man genüsslich die Frage durch, was denn was bestimmt, die Realität die Wahrnehmung oder umgekehrt. Und auch das wird schnell langweilig, also geht es um den Wert des Bewusstsein, der Erfahrung, der Emotion.Krudeste Science-Fintion-Bruchstücken werden auf Daniel Wollenzins Bühne zu effekthascherischer Bühnenrealität, wobei irgendwann nur noch der Einfall zählt. Dass jeder alles sein kann, wie Micas zu Beginn verkündet, löst die Inszenierung immerhin ein, so schnell tauscht man hier die Rollen, wandelt zischen erzählter und Erzählebene, nur ist all das eben auch nicht wichtig. Ein Gag jagt den Anderen, die Diskurse um Realität und Identität sind kaum mehr als Futter fürs Weiterreden, fürs Weiterdiskutieren.

Das klingt zuweilen nach René Pollesch und ist dfoch wenig mehr als Klamauk. Die Assoziationsketten steigern sich so weit in sich selbst hinein, dass sie irgendwann ihre Bedeutung abschütteln und – das passt immerhin – fernab jeglicher Realität durch den Theater-Kosmos driften. Viel zu spät merkt der Zuschauer, dass hier nicht mehr behandelt wird als die Beliebigkeit, die dieser kaum strukturierten Materialsammlung ohnehin innewohnt. So korrelieren Form und Inhalt und negieren einander in einem Strom leerer Assoziationsketten, die nirgendwohin führen als zum nächsten Witz und zum nächsten Einfall. So gelangt der Abend am Ende dann doch wieder zu sich, denn auch er ist vor allem eines: Hochstapelei. Sinnbehauptung, wo keiner intendiert ist, vermeintliche Tiefe, wo nur Breite ist, Diskursvorspiegelung, wo nur geplappert wird. Felix Krull wäre stolz.

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