So ein Theater!

Nach Thomas Mann: Felix Krull. Stunde der Hochstapler, Berliner Ensemble (Regie: Alexander Eisenach)

Von Sascha Krieger

Dass wir uns in Alexander Eisenachs Spielzeit-Eröffnungspremiere ausschließlich im Theater aufhalten, erzählt uns schon Daniel Wollenzins Bühnenbild. Die Bretter, die die Welt bedeuten sollen, sind zwar eher notdürftig verlegt, neben dem schweren roten Theatervorhang aber für zumindest die Hälfte der 90 Minuten des Abends einziges Bühnenbild. Hier wird performt, gespielt, gefaket, was das Zeug hält. Marc Oliver Schulze eröffnet den Reigen mit einer virtuosen Geigennummer. Vivaldi natürlich, mit vollstem Einsatz vorgetragen – doch kommt die Musik vom Band. Publikum und Martin Rentzsch als Theaterdirektor ficht das nicht an, guter Slapstick ist unterhaltsamer als „echte“ Kunst, eine schöne Illusion mehr wert als dröge Wahrheit. Hier findet der Hochstapler Felix Krull seine Bestimmung, beim Anderen-etwas-Vormachen, Vorspielen, Vorführen, Sich-Erfinden. Und so ist an diesem Abend alles Theater: Es beginnt mit Slapstick, driftet ins Boulevardesk-Farcenhafte, macht Halt bei Castorf, verliert sich in Pollesch und wirft gegen Ende die große Schauer-Nebel-Maschinerie an, irgendwo wie zwischen Zirkus, Geistertanz und Sebastian Hartmann.

Bild: JR Berliner Ensemble

Metatheatrales gibt es denn auch zur Genüge, etwa wenn Sina Martens feststellt, dass ihr Versuch, Squash zu spielen, fehlschlägt, weil eine Wand – nämlich die Vierte – fehlt, wenn gern genutzte Regieeinfälle, etwa der Gang ins Publikum kommentiert werden, oder man immer wieder aud der Spielsituation fällt, um die gerade misslingende Performance anzuprangern. Wortspiele um „Thomas Mann“, mit Sound-effekten angereicherte Faustschlag-Pantomimen und müde Louis-de-Funès-Mätzchen erweitern den Theaterraum in benachbarte Medien, bis Eisenach überraschenderweise das Faken und Vorspielen in den heutigen sozialen Medien verortet, wobei er weder vor Influencer-Influenza-Scherzchen noch vor einem Lächerlichmachen ernsterer Videos zurückschreckt, in denen YouTuber*innen über ihre Depressionen und Angstzustände sprechen. Psychische Probleme und Krisen als lustig-leichtes Gagfutter – es wird der mit diesem Abend beginnenden Spielzeit schwerfallen, noch tiefer zu sinken. Am Ende landen wir, der Vorhang ist aufgegangen, hinter einer Lampenwand grinst ein riesiges Clownsgesicht, im Zirkus. In dem wir eigentlich zu Beginn schon waren. Der Kreis schließt sich.

Das lässt sich von der Handlungsebene nicht sagen. Eisenach benutzt Manns Hochstapler-Mär als Steinbruch, um sein Gewitter aus metatheatralen Einfallsfetzen und meist eher lauen Gags zu befeuern. Ja, die Spieler*innen sind toll: Marc Oliver Schulze so slapstickhaft wandelbar, dass man ihn sofort Herbert Fritsch anbieten will, Neuzugang Jonathan Kempf berlinert sich durch seinen Skeptiker-Part, dass es eine Lust ist, Constanze Becker wird am BE langsam zur Komödiantin und Sina Martens kombiniert Schulz`Chamäleonhaftigkeit mit einer gehörigen Prise Verletzlichkeit. Doch das hilft alles nicht. Eisenach verbindet den Mann-Roman mit dessen „Bekenntnissen eines Unpolitischen“ und reichlich Sekundärliteratur, nur interessiert das inhaltlich wenig. Viel mehr dient es den ständigen Registerwechseln: zwischen Spiel und Reflexion, Klamauk und Ernst, Repräsentation und V-Effekt. Es geht eigentlich nur ums Theater, seine Mechanismen, den Widerspruch wischen Illusion und Wahrheitsanspruch, der so lange wiederholt wird, bis es auch der Letzte begriffen hat. „Sind sie gekommen, um die Wirklichkeit zu sehen?“, fragt Schulze ins Publikum, und Martens erschrickt, dass sie in den Rahmen passe, statt aus ihm zu fallen, dass die Wirklichkeit die Illusion besiege.

Warum das schlimm ist oder auch nur relevant, verrät uns der Abend leider nicht, stattdessen nutzt er solche Betrachtungen als Spielmaterial, um sich durch die Theatermechanik zu pflügen. Das wird gegen Ende reichlich undurchschaubar, wenn man sich an Manns „Allsympathie“ ergötzt, die Liebe aus der Lüge ableitet und mit reichlich gespenstischen Theaterdonner in den Horrorzirkus „hereinspaziert“. Das ist dann nur noch Effekt und prätenziöses Geschwurbel, zu sagen hat der Abend da schon lange nichts mehr. Weshalb auch Rentzsch ein wenig untergeht, der als Reaktionär eine politische Ebene einzuziehen sucht, welche die Inszenierung nie aufnimmt. Wie sie sich überhaupt nie für irgendwelches thematisches Potenzial interessiert, sondern einzig an ihrer Reise durch theatrale Ausdrucksmodi festhält. Was zumindest diesen Rezensenten irgendwann verliert. Auch in Gedanken, was man mit diesem Stoff, diesen Spieler*innen und dieser Prämisse alles machen könnte. Alexander Eisenach entscheidet sich für 90 Minuten Blendwerk. Das ist zuweilen höchst amüsant, aber letztlich auch erschreckend leer.

2 Gedanken zu „So ein Theater!

  1. […] Horrorclownsgesicht kennen wir schon. Es war zentrales Bühnenelement in Alexander Eisenachs Felix-Krull-Abend auf der großen Bühne des Berliner Ensembles. jetzt kehrt der Regisseur auf der kleinen Bühne […]

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