Leihbonbons an Salatsoße

Theatertreffen 2019 – PeterLicht nach Molière: Tartuffe oder das Schwein der Weisen, Theater Basel (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

Wenn am Ende das eine oder andere Buh durch den riesigen Zuschauerraum des Hauses der Berliner Festspiele hallt, weiß die Theatertreffen-Jury meist, dass sie etwas richtig gemacht hat. Eine Festival-Ausgabe ohne leidenschaftlich gespaltene Publika wäre eine triste Veranstaltung. Die Parade der „bemerkenswertesten“ Inszenierungen eines Theaterjahr ist auch deshalb so bedeutend geblieben, weil sie immer wieder Kontroversen, Streit, Debatten ausgelöst hat, weil sich über nichts so trefflich diskutieren lässt wie darüber, ob die gerade erlebten zwei, drei, vier, zehn Stunden das Großartigste war, was man je sehen durfte – oder der letzte Sargnagel für das deutschsprachige Theater. Nach diesen Kriterien ist Claudia Bauer und PeterLichts Molière-Überschreibung ein würdiger Theatertreffen-Kandidat. Die Gefahr, Zuschauer*innen kalt oder indifferent zu lassen, besteht kaum. Im Guten wie im Schlechten.

Bild: Priska Ketterer

Mit Molière hält sich der Abend nicht lange auf. Die bonbongrellen Kostüme Vanessa Rusts und die elektronisch erzeugten Cembalo-Anklänge von Henning Nierstenhöfer zitieren wie die dreistöckige Goldtapetenfassade mit den abgerundeten Fenstern (Bühne: Andreas Auerbach) des Autors Barockepoche, die dort drapierten Gestalten sind jedoch längst aus selbiger wie jeder anderen – und letztlich aus sich selbst – gefallen. Mechanisch verkrampfte, physisch kaum kontrollierbare Selbstoptimierungspuppen, die zunächst eine gefühlte Ewigkeit brauchen, um Welt, Leben, Menschen in geil und ungeil zu unterscheiden, komplett mit verdrehten Metaphern wie der von der Salatsoße, zu der sich Wahrheit und Unwahrheit vermischen, bevor sie sich, wie das Öl und der Rest des Gemenges wieder trennen.. Die Figuren sind Embleme der Unentschiedenheit, Männer wie Frauen drapiert in unmöglichen Kleidern und Perücken und Pluderhosen, adressiert als HerrFrau oder mit gleichmachenden Kosenamen. Orgon wird zu Orgi, Tartuffe zu Tüffi und so weiter. Sie haben keine Kontrolle über ihre Körper – und für die Sprache gilt das umso mehr. Denn was aus den Mündern dieser Herbert-Fritsch-Figuren auf Speed herauskommt, ist eine Art High-Speed-René-Pollesch gepaart mit einem Schuss Dada, einer Prise Küchenphilosophie und einem kompletten Wörterbuch (post)postmoderner Selbstoptimierungsphrasen. „Der Betrug ist das Festival der Uneigentlichkeiten“, skandiert das Ensemble chorisch zu Beginn – und stürzt sich gleich in selbiges.

Florian von Manteuffel ist ein phänomenaler „Orgi“, einer der sich über das Mittelmaß seines Lebens echauffiert, von seinem Schicksal als „Leihbonbon im Land der Lutscher“ singt und sich am Ende mit einem „okayen“ Dasein arrangiert. „Da fehlt doch was, das reicht doch nicht“: ein direktes Pollesch-Zitat, fasst die rastlose „Immer-Mehr“-Sehnsucht, die FOMO-Ideologie („Fear of missing out“) unserer Zeit schön zusammen, die diese Figuren umtreibt. Die natürlich eben nicht gegenwärtig sind, sondern Zerrbilder einer Individualitätsbesessenheit, die sich dadurch auszeichnet, sein zu wollen wie jeder andere. Und so werden sie dies auch nach der Pause, die Kleider abgeworfen, alle in identischer Unterwäsche, neubekleidete Kaiser größtmöglicher Beliebigkeit. Die sich natürlich um so leidenschaftlicher in ihre Rollenbehauptungen werfen, die mit „Eigentlichkeit“ und Wahrhaftigkeit schon lange nichts mehr zu tun haben und selbige deshalb umso unnachgiebiger betonen müssen.

Was sie in eine durchaus wahnwitzige Slapstick- und Farcen-Schraube treibt, die keine gefangenen macht. Vor allem nicht beim Publikum: Vor der Pause ist der Abend ein reines Ärgernis: Unfassbar selbstverliebt stellt er jede noch so banale Wortwitz-Drehung von PeterLichts schamlos nicht zurückhaltenden Text aus, mit reichlich sadistischer Lust quält er die Zuschauer*innen mit Wiederholungskaskaden, die auch den Wohlwollendsten an den Rand der Verzweiflung treiben. Wenn dann auch noch Tartuffe, pardon, Tüffi als seltsamste, von Nierstenhöfer auf der Posaune intonierte, Töne ausspuckendes Schwein mit Riesenpenis auf die Bühne stolpert, kennt der Ekel und Abscheu auch dieses Rezensenten kaum noch Grenzen. Doch das geht auf: Die Einkehr des primitiv Widerwärtigen, des reaktionär Maskulinen, des selbstbewusst Vereinfachenden als Symbol der Aufrichtigkeit und Authentizität, passt natürlich wie die polemische Faust auf das blaue Auge unserer Zeit. Die platt bedeutungshuberischen Püppchen sehen sich dem affirmativen Nichts hilflos gegenüber – ob als „Feinde“ oder Anhänger.

Dass dieses Schwein sich nach der Pause als „ganz normaler Sex-Schamane“ entpuppt, tut der Verblendungsspirale keinen Abbruch. Eine irrwitzige Aufdeckungsorgie lässt die Besessenheit mit Wahrheit und Authentizität und Individualität immer groteskere – und zwerchfellerschütterndere Blüten treiben. Masken werden getauscht, Identitäten wechseln und verschwimmen, das fantastische Ensemble spielt sich in einen Rausch, der die Verwechslungskomödie bis zur Kenntlichkeit verzerrt, um abzubrechen, zu kippen in die sachliche Pseudoabgeklärtheit rundumoptimierterter Millennials, die vernünftig sich zurück in die eigene Verblendung diskutieren, denn diese zu akzeptieren, wäre ja kontraproduktiv. Da erweist sich „“Tüffi“ (wandlungsfähig: Nicolo Mastroberardino) als geschickter Manipulator, der die Gefangenschaft seiner Puppenkunden in gesellschaftlichen Normierungsnarrativen klarsichtig ausnutzt. Hier gibt es am Ende keine Entlarvung, sondern einen wahren Wiederanfang, eine genüsslich entsetzliche Rückkehr in die Ewige Betrugsschleife. Die eine des Selbstbetrugs ist, selbstgewählt und -gefällig, weil es einfacher ist, sich als Abziehbild zu definieren als herauszufinden, wer oder was, man, die Welt, dieses Lebensdingens sein könnte. Dann lieber Leihbonbons. Das Licht geht langsam aus und wieder an, Mastroberardino kehrt als Showman zurück, der gelangweilte Authentizitätsaffe braucht neuen Zucker und den bekommt er. Mit mehr bizarr verdrehten Küchenphilosophiephrasen auf der Showtreppe, ins Extrem gedreht, sodass sie ihre Bedeutungsfreiheit komplett auskosten dürfen, endet dieser bitterböse, zunächst unerträglich nervige, später eindrucksvoll hinterfotzige Abend. „Tüffis“ Workshops werden weiter gut besucht bleiben. Haben wir nicht gerade für einen gezahlt?

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