Im Bett mit dem Netzwerk

René Pollesch: Kill your Darlings! Streets of Berladelphia, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Will man den neuen Pollesch-Abend verstehen, muss man ihn wohl von seinem Ende her denken. Da winkt Fabian Hinrichs gutgelaunt und breit grinsend im Krakenkostüm ins Publikum, umringt von 15 gelöst lachenden jugendlichen Turnern und siehe da: Kaum ein Gesicht im Publikum, auf dem sich kein glückliches Lächeln – oder zumindest ein amüsiertes Grinsen – breitgemacht hätte. Das Theater Spaß machen kann, hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass ausgerechnet Pollesch glücklich machen könnte, ist eine neue Erkenntnis. Es ist oft versucht worden, die Methode Pollesch zu beschreiben, aber vielleicht muss man diesen Abend erlebt haben, um sie tatsächlich zu verstehen – so weit das überhaupt möglich ist. Es ist ein Thesentheater, das un-brechtischer nicht sein könnte. Denn so hoch seine Theoriegebirge zuweilen sind, so wenig arbeitet er auf ein klares argumentatives Ziel hin. Themen und Thesen sind für Pollesch eher Steinbrüche, Spielwiesen, Experimentierfelder. Er wirft sich und seinen Spielern ein paar Fetzen hin und schaut sich an, was daraus entsteht. Es ist ein Theater der Bruchstücke, der losen Enden, der unerwarteten Verbindungen, des Rests, der immer bleibt. Ein Theater, welches das Denken anstößt und genug Raum dafür lässt, eines das Fragen stellt und Antworten nur als Arbeitshypothesen zulässt. Wenn man es genau bedenkt, ist Kill Your Darlings! so etwas wie der perfekte Pollesch-Abend.

Kill your Darlings

Inmitten der Netzwerke (Foto: Thomas Aurin)

Natürlich hat der Abend ein Thema, oder besser gesagt: mehrere, die irgendwie zusammenhängen, aber nicht so recht zusammenpassen wollen. Da ist das große Pollesch-Thema des Einzelnen und der Masse, des Singulären und des Pluralen. Nicht zu ersten Mal arbeitet er mit einen Chor, aber einen solchen hat es noch nicht gegeben: Es ist der erste, lässt er Hinrichs ausrichten, der den Kapitalismus repräsentieren, ein Chor der Netzwerke, dargestellt von 15 jungen Akrobaten in Kostümen voller aufgedruckter Geldscheine. Das Netzwerk, es ist für Pollesch die Masse des modernen Kapitalismus, diametral entgegengesetzt dem Kollektiv, flexibel, nicht fassbar, nicht zerstörbar und seine Waffe ist der Individualismus, ein Konstrukt, das die Möglichkeit von Individualität vortäuscht. Doch dem Netzwerk entkommt man so wenig wie Hinrichs, der vom Chor verfolgt und aufgesaugt, über die Bühne getragen und gestützt, von ihm umspült und umtanzt und nicht losgelassen wird. „Ich will nicht mit dir ins Bett“, ruft er, „Du bist ein Netzwerk! Du bist zu viele!“ Es sind nicht die großen Theoriegebäude, die hier am endrücklichsten wirken, sondern die nur auf den ersten Blick beliebig wirkende Choreografie, die auch jene der Globalisierung sein mag. Es ist die Sprache der Körper, die am deutlichsten spricht, gegen die sich Hinrichs wehrt und die ihn doch übertönt. Ein tapferer, einsamer Rufer in der Wüste.

Und ein sehnsüchtiger. Denn, man glaubt es kaum, es geht hier auch um Liebe. Die Sehnsucht nach ihr und der Glaube an ihre Unmöglichkeit. „Warum bringt sich eigentlich keiner mehr aus Liebe um?“, fragt Hinrichs. Die großen Gefühle, sind sie nicht unzeitgemäß, absurd in der Ära des Mehrwerts, in der es nie reicht, in der immer etwas fehlt, wie Hinrichs wiederholt und zunehmend verzweifelt klagt? „Die besten Szenen zeigen wir Ihnen nicht“, postuliert er zu Beginn, “ denn die würden wir alle nicht ertragen“. Dieses Beste, nach dem das „Schneller, Weiter, Höher“ des Kapitalismus stets giert, es „ist nicht zu leben“. Natürlich werden „die besten Szenen“ gezeigt, ein selbstvergessen-glückliches Planschen im Bühnenregen, eine unfassbar schöner wie kitschiger finaler Auftritt mit bunten Lämpchen, und natürlich protestiert Hinrichs dagegen. Pollesch meint es ernst – und ironisiert im gleichen Moment. Die Obsession, immer einen Mehrwert zu benötigen, führt er wunderbar ad absurdum: Während die Jugendlichen Turnübungen vollführen, fragt er, o das Publikum bereit wäre, hier für in einer Mehrzweckhalle 45 Euro Eintritt zu zahlen. Natürlich nicht, schließlich fehlt der Mehrwert. Bei Pollesch/Hinrichs besteht dieser aus Musik, Lightshow und Hinrichs im Krakenkostüm. Virtuoser wurde noch nie eine These ins Lächerliche gezogen und gleichzeitig affirmiert.

Es ist die insistierende Klage „Da fehlt doch was! Das reicht mir nicht!“, die womöglich den Kern dieses Abends verbirgt. Denn zum einen ist es das Credo des von Pollesch postulierten Netzwerk-Kapitalismus, dem nichts genug ist, der immer mehr will, und immer mehr braucht um zu überleben. Auf den Einzelnen kann er keine Rücksicht nehmen, was für ihn „zu viele“ sind, ist für das Netzwerk genau richtig. Aber dieses Nicht-Reichen, es ist auch der Verzweiflungsschrei des modernen Menschen. Da muss es doch noch etwas anderes geben. Die Gewissheiten eines Brecht (der Abend ist ein Beitrag zu einem transalpinen Fatzer-Projekt) sind es nicht. Der Brecht-Vorhang wird auf- und zugezogen, Mutter Courages Wagen über die Bühne gezerrt, Bedeutung transportieren sie nicht mehr. Nein, dieses Mehr ist wohl die Liebe in all ihrer Irrationalität, ihrer Unmöglichkeit. Etwas, das Sinn spendet, das unerreichbar ist, aber nicht aufgegeben werden darf. Und

Es ist auch und vor allem der Abend des Fabian Hinrichs. Er ist der Regisseur und Dirigent, der weise und auch ein bisschen traurige Clown, der Kasper, der uns allen eine überbrät, der Hexenmeister, der dieses toxische Gebräu am Köcheln hält, er foppt und entlarvt, nebelt ein und sorgt für klaren Blick. Ein Schelm, der signalisiert: Nehmt mich nicht ernst , es ist alles nur ein Spiel. Und dem man nicht glauben will und darf. Ein Polleschscher Mephisto, der vielleicht nicht das Böse will, dafür aber auch nicht nur Gutes schafft. In einer Welt, in der es keine einfachen Antworten gibt, ist dieser umtriebige Geist, dieser nicht zu fassende Wirbelwind der Widersprüche vielleicht so etwas wie eine Personifizierung des nie ganz Aufzulösenden. Und doch ruft er uns zu: Verzweifelt nicht! Ob das nun „zu leben“ ist oder nicht, wir tun es einfach. Was können wir auch sonst machen? Nun, zunächst können wir dem Titel folgen und uns von dem trennen, was wir dem Essenziellen übergestülpt haben. Die Besessenheit, immer das „Beste“ zu wollen, das „Schneller, Höher, Weiter!“, die Suche nach dem Mehrwert. Haben wir diese „Darlings“ einmal „gekillt“, wer weiß? Oder ist auch das nur ein Konstrukt der Netzwerke?

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2 Gedanken zu „Im Bett mit dem Netzwerk

  1. […] Als “Ausgleich” gab es dafür zwei Abende, die nur gut eine Stunde dauerten (Kill Your Darlings und Before Your Very Eyes). Zeit war das alles beherrschende Thema. Man twitterte über seine […]

  2. […] Halbschlaf voraus – eine andere Stimme erscheint, ende Fabian Hinrichs, der sein Mantra aus René Polleschs Kill Your Darlings herausbrüllt: „Da fehlt doch was! Das reicht doch […]

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