Kreuzigung per Hashtag

Nora Abdel-Maksoud: The Sequel, Maxim Gorki Theater (Studio Я), Berlin (Regie: Nora Abdel-Maksoud)

Von Sascha Krieger

George Orwells Roman 1984 entwickelt sich derzeit zu einer Art Lieblingsbuch der so genannten „Neuen Rechten“. Die dort stalinistischem Vorbild entspringende Gedankenpolizei, die Denk- und Sprechverbote, die „Neusprech“ genannte Umwidmung der Sprache im Dienste der Ideologie, die Umdeutung der Lüge zur Wahrheit, die Ausblendung und Verleugnung unbequemer Tatsachen, die Neuschaffung einer konstruierten Vergangenheit: All das sehen die Vorkämpfer der aktuellen Rechtsextremismus von AfD und Pegida über die „Identitären“ bis hin zu offen neonazistischen Bewegungen derzeit in den westlichen Gesellschaften am Werk. Ihr Hassobjekt Nummer eins: die so genannten „political correctness“, präsent in „Auswüchsen“ wie Gender Studies und diskriminierungsfreier Sprache, Feminismus, Antirassismus, Kampf gegen Hass auf LGBTIQ*. Entwicklungen, die in den Augen dieser Ideologen (absichtlich nicht gegendert) eine Meinungsfreiheit behindern, die für sie nur den Freibrief für Hetze und die Mundtotmachung politischer Gegner meint, also das genaue Gegenteil freier Meinungsäußerung und damit selbst ein Musterbeispiel Orwellscher Wahrheitsumkehrung.

Bild: Esra Rotthoff

Nora Abdel-Maksoud hat sich bereits in ihrer erfolgreichen Theater- und Filmsatire The Making-Of mit diesen Themen befasst. Weil nun aber im Filmgeschäft Erfolg nach Fortsetzung schreit, gibt es jetzt auch von ihr ein solches Sequel, passend The Sequel genannt. Und hier nun steht der neurechte Kampf gegen das „politisch Korrekte“ im Mittelpunkt. Die Story ist schnell erzählt: Eine opportunistische Regisseurin will als Fortsetzung einer Superheldenreihe einen Film drehen, der auf 1984  basiert und wo der Held, ein Vertreter der „weißen alten Männer“ von PC-Aktivist*innen, dem in rechten Augen neuen „Großen Bruder“ vernichtet – oder von einem Rächer im Fledermauskostüm gerettet – wird, so klar ist das alles nicht. Wir wohnen erneut einem „Making-of“ bei (Fortsetzung!), das sich zuweilen in ein Making-of selbigen desintegriert. Bevölkert wird der Filmset von besagter alles verachtender Regisseurin (biestig: Stella Hilb), Action-Star Dolph Lundgren (altherrenhaft maskulin: Taner Şahintürk) als alter weißer Mann Winston, Svenja Liesau als ein Comeback versuchende Schauspielerin Matteo, die einst ein Anger-Management-Problem hatte (im Text heißt es, Kinski hätte Angst vor ihr gehabt und Fassbinder ihretwegen das Trinken angefangen), die hier als PC-Puristin auftritt, und Eva Bays Mads, ein schwäbelnder Bubi mit Fistelstimme und Papa- (Verzeihung: Babba-)Komplex, Fledermausmann und Lundgrens unehelicher Sohn.

Eine Personnage zwischen Klimbim und Horrorkabinett. Als solche pflügt sie sich in High-Speed (die 50 Textseiten reichen gerade für 80 Minuten) und Slapstick-Furor durch sämtliche Untiefen von Identitäts- und anti-Diskriminierungsdebatten. Meist in Talking-Heads-Sprechblasen, in denen die Darsteller*innen mit den Fingern schnipsen, um das Rederecht zu haben – eine Mischung aus Metapher für manipulative Schnitte und totalitärem medialem Aufmerksamkeitswettbewerb à la Twitter & Co. Zuweilen wird mittels einer schwarzen Platte mit fingierten Split Screens gearbeitet – überhaupt ist Katharina Faltners Bühne einer Kinoleinwand nachempfunden, ein rechteckiger Guckkasten im Breitbildformat. Neben den Making-of-Szenen – von rötlichem Licht markiert – gibt es Filmszene und Outtakes (kühl bläulich beleuchtet), in denen der Held gemeuchelt oder an einem Hashtag (!) gekreuzigt wird. Ein realer Mord auf dem Set dient der Aufmerksamkeitssteigerung – und mag so gar nicht stattgefunden haben. Alles ist Schein, alles ist Fake, alles zielt auf Effekt.

Die cartoonhaft überzeichneten Figuren werfen sich die Pointen und Wortspiele nur so um die Ohren und verschärfen den Diskurs in eine flirrende Ambivalenz, die bald ins Gefährliche kippt. Was ist hier „echt“, was Pose? Was Spiel mit rechten Ressentiments, was tödlich ernste Ideologie? Und worüber lachen wir hier eigentlich zuweilen bis an den Rand der Selbstbeherrschung: die Plumpheit neurechter Tatsachenumdeutung oder lachen wir mit den Altherren über ihre Zoten? Ist das wissende Gelächter über die Karikaturen vermeintlicher politischer Korrektheit ein Lächerlichmachen rechter Zerrbilder der angeblichen Identitäts- und Gender-Mafia – oder doch dieser Ideen selbst? Je weiter sich dieses hochkomische Eskalationstheater weiterschraubt, desto mehr zerfließen die Grenzen, desto unklarer scheint, was und wer hier die Zielscheiben sind.

Immer wieder kippen die Figuren, wird aus dem empathischen Mann ein gnadenloser Chauvinist und aus der verbiesterten PC-Puristin eine gewiefte Pragmatikerin. wer hier was glaubt, scheint egal, die Inszenierung zielt. Das Publikum will überzeugt und verführt werden – das des fiktiven Films und vielleicht auch das im Studio Я des Maxim Gorki Theaters. The Sequel stellt mediale – und künstlerische – Manipulationsstrategien nicht nur aus, es setzt sie auch ein, führt sein Publikum hinters Licht, verführt es zu einem Lachen, das es sogleich in einen Kloß im Zuschauer*innen-Hals umwandelt. Am Ende zeigt die Regisseurin Reue für ihr Spiel mit rechten Narrativen – nur um in der letzten Sekunde auch diese vermeintlich finale Wendung mit dem letzten Blick und dem letzten Ausruf wieder in Frage zu stellen. Die Orwellsche Umdeutung von Wahrheit, die Manipulation des Denkens durch jene der Sprache exerziert der furiose und ungeheuer unterhaltsame Abend durch, bis alles möglich scheint und nichts sicher. Auch wenn er subtil klar macht, auf welcher Seite er steht, gelingt es dem Abend deutlich vorzuführen, wie einfach es ist, Vernünftiges als unvernünftig umzudeklarieren und Anstand als Zensur zu diffamieren, wie schnell wir mit denen lachen, die wir doch ablehnen und über die, mit denen wir übereinstimmen. Eine Film- und Theatersatire, die mal eben in 80 Minuten die Orwellschen Volten einer längst aus dem Ruder gelaufenen öffentlichen „Debatte“, die in erster Linie ein Versuch der Verschiebung der Grenzen des Akzeptierten ist, ausstellt und greifbar macht. Un die unbedingt selbst ein Sequel braucht.

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