Die zappelnde Hoffnung

Lukas T. Sperber: Penthesilea ist mager, Theater unterm Dach, Berlin (Regie: Lukas T. Sperber)

Von Sascha Krieger

Tiresias hat seine besten Tage lang hinter sich. Der große Seher antiker Tragödien wurde zur Reinigungskraft degradiert. Im Bühnenarbeiter-Outfit fegt er ihn hinweg, den Dreck der Vergangenheit. Über die Kanten, in die Ritzen der Welt bedeutenden Bretter. Dass er nicht verschwindet, dass er nur in seinen Löchern wartet, bis er Verstärkung findet, weiß er. Das ist egal, denn er wird es nicht mehr sehen. Der graue Star hat ihn im Griff, bald wird er ganz blind sein, das soziale Netz fängt ihn nicht auf. Egal, die Zeit für Seher ist lange vorbei, jene, in der wichtig schien, was die Zukunft bringen würde. Jetzt herrscht allein die Vergangenheit. Und so bleibt er, der abgeranzte alte Zyniker, gespielt von Tom Gramenz, spätestens seit Das schweigende Klassenzimmer, ein Hoffnungsträger der jüngeren Schauspielergeneration, Fußnote, wie die Gegenwart, die er repräsentiert, ein albernes Stückchen Zeit im Wartezustand, das nichts mehr zu bieten hat als ein bisschen Mitleid und die Hoffnung aufs Ende.

Das Theater unterm Dach (Bild: Sascha Krieger)

Das zumindest verbindet sie mit der Vergangenheit, die gleich darauf die Bühne einnimmt. Vier Gestalten sind es, gekleidet in spärlicher, griechisch antikisierender Kleidung, zwei Männer zwei Frauen. Hier Penthesilea, die Amazonenkönigin und – bei Kleist – Mörderin des Achilles, und ihre Getreue Prothoe, dort Odysseus, der Sieger von Troja und Umherirrende, und sein Begleiter Antilochos. Lukas T. Sperber hat sie zusammengerufen, Mitglied des diesjährigen Abschlussjahrgangs der Schauspielausbildung an der Berliner Ernst-Busch-Hochschule. Dort folgt man gern der kürzlich beim Theatertreffen erhobenen Forderung von Fabian Hinrichs, Schauspieler müssten  die neuen Autoren sein, wenn auch vielleicht nicht ganz in seinem Sinne. Hier schreiben sie einfach Stücke: Vor zwei Jahren entführte Sperbers Kommilitone Alexander Vaassen den Zuschauer in die Mittzwanziger-Hölle, jetzt ist es gleich die klassische Antike.

Und eine Krise: denn Penthesilea isst nicht. Sie will raus aus dem ewigen Kreislauf der gewalt, des Krieges. Jetzt ist sie auch noch schwanger. Von Achill. Und dann muss natürlich Odysseus auftauchen, der den einstigen freund rächen will. Der Kreislauf geht weiter. Sperber versucht eine Art Familienaufstellung. Zunächst in geschlechtergetrennten Zweierpaaren, dann immer stärker vermisch, konfrontiert er die Figuren und ihre Kämpfe mit und um Krieg und Frieden. Dabei kommen die Männer nicht so gut weg, werfen sich in martialische Posen, bemalen sich mit Blut, plakatieren die Welt mit ihrem Testosteron. Und sind doch gespalten. Der Odysseus des Viktor Nilsson ist zunächst ein rachebesessener Macho, überheblich wie kindisch (warum kommt mir das bekannt vor?), währed Felix Witzlaus Antilochos kriegsmüde ist, den Frieden ersehnt, aber den Mechanismus der ewigen Konfrontation ebensowenig zu verlassen vermag wie Mascha Schneider als Penthelsilea. Resigniert bis trotzig, depressiv bis aggressiv, fatalistisch bis herausfordernd: Ihr Gefühlsspektrum ist das größte der vier, sie die einzige, die nahe daran ist, den Blick über den Tellerrand hinaus zu bekommen.

Und die um ihre Vergeblichkeit doch weiß. Denn ihr ist klar, dass sie als mächtige Frau vom Mann stets und Andere, als Fremde, als Bedrohung und zu Überwindende gesehen werden muss. Denn die Welt, die sie erschuf, ist nur ein teil einer größeren, zutiefst patriarchalen, zu der die ihre, kleine, weniger Gegenentwurf als Reaktion,  eher Teil besagter Welt als Ausbruch aus ihr ist. Sie glaubt nicht an den Frieden: „Frieden ist gemacht wie der Krieg“, Machtinstrument wie dieser, ein Handel, der Anhängigkeit schafft, statt freien Willen erfordert und erzeugt. Er ist nur zu denken als Alternative zum Krieg, als dessen Fortführung, die, was zu ihm führte, unangetastet lässt. wie, so fragt sie sich, kann ich ein Kind in diese Welt setzen. Und spielt doch bei erster Gelegenheit nicht nur mit, sondern das in ihr wachsende leben aus als Pfand, als Trumpf im Ringen um die Vorherrschaft.

Sperber versucht in Stück wie Inszenierung, die äußeren wie inneren Kämpfe miteinander kurzzuschließen. Denn wie Penthesilea mit der pragmatischen, auf das Überleben ihres Volkes bedachten Prothoe (Juliane Böttger) und der zunehmend verunsicherte (was Nilsson mit einigem Overacting überdeutlich macht) Odysseus mit Antilochos ringen, tun sie es auch mit sich selbst. Selbstmord oder Kampf? Mitspielen oder rebellieren? Leben oder Tod? Die Schwerpunkte schwanken, mal kippt das Gewicht auf die eine, mal die andere Seite. Dabei leidet der Abend unter zwei Schwierigkeiten: Zum einen ein Hang des Textes zur Wiederholung, zum sich im Kreis Drehen, zum Wiederkäuen der immer gleichen Argumente, verbunden mit einer in seinen schwächeren Momenten plakativen Simplizität, die oft gleich darauf mit einer übergestülpten philosophisierenden Kompelxitätsbehauptung kompensiert zu werden such. Und zum anderen eine Darstellung, die das Überdeutliche, pathetischen Ton nicht Ausschließende bis an den Rand der Karikatur drückt. So wirkt der Abend ein wenig statisch, um einiges zu lang, nicht von der Stelle kommend.

Und fängt sich doch immer wieder. Weil die Darsteller*innen dann oft doch eine Balance finden, einen Zwischenton, der das schwarz-weiße Entweder-Oder der Möglichkeiten aufbricht. Weil etwa der zappelnde zerbrechlich dürre Körper Viktor Nilssons immer wieder seine eigene Geschichte erzählt, die anfängliche Gewissheit der Worte seiner Figur konterkariert. Weil die Kämpfe der Figuren mit einander und sich selbst unerwartete Wendungen nehmen und Penthesilea, die sich zunächst in einem hilflosen Akt destruktiver Rebellion zu Tode hungernde, mit den Mitteln von List und Manipulation eine Tür zu einer anderen, krieglosen Zukunft einen Spalt breit aufzustoßen scheint. Ein Moment ironischer Unentschiedenheit, in der sie die Frage des ungeduldigen Tiresias, ob sie denn endlich stürbe, offen lässt.  Im Ankündigungstext war von Matriarchats-Utopie und Gender-Diskussion die Rede, von einer heutigen Befragung eines vermeintlich unüberbrückbar fremden Mythos. Dies ist lange bestenfalls Subtext an einem Abend, der ebenso in der Vergangenheit, im Überlieferten gefangen scheint wie seine Figuren. Und der doch mit der Möglichkeit des Versuchs endet, einen anderen Frieden, einen anderen Weg zu finden, als der von der patriarchalen Tradition vorgezeichnet. Einen, auf dem die Frau nicht mitspielt oder durch Verweigerung seine Gültigkeit affirmiert, sondern die eigenen Regeln setzt, ein eigenen Narrativ entwickelt. Ein Moment nur. Ein Hoffnungsschimmer. Wenig ist das nicht.

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