„Ich hoffe, die Wurst schwitzt nicht“

Alexander Vaassen: Bessere Zeiten, Theater O-Tonart, Berlin (Regie: Alexander Vaassen)

Von Sascha Krieger

Was machen Schauspielstudent*innen in den Sommerferien? Klar: Sie spielen Theater. Zumindest gilt das für vier von ihnen, die gerade ihr zweites Jahr an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ hinter sich haben. Alexander Vaassen gehört zu diesem Jahrgang, er hat Bessere Zeiten geschrieben und inszeniert, drei seiner Kommiliton*innen als Darsteller*innen gewonnen, dazu kommt eine Studentin des Fachbereichs Puppenspiel, die bereits eine Schauspielausbildung hinter sich hat. Ein kleines Sommerprojekt, bei dem man sich ausprobieren und, was man im Fußball Spielpraxis nennen würde, sammeln kann? Nein, das wäre viel zu einfach. Stattdessen überrrascht Vaassen im Programmheft mit einem Appell für ein neues Theater, ein Theater der Verständlichkeit, das die gesellschaftlichen Zusammenhänge aufdeckt, die kapitalistische Konsummaschinerie, die längst auch die Kunst in ihrem Würgegriff habe, entlarvt und aufdeckt, an welchen Schnüren wir alle zappeln. Das ist nahe an Bernd Stegemanns Realismusbegriff, der denn auch im Programmheft nicht fehlen darf. Mehr Ambition geht kaum.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

Doch dann blickt man auf das Stück und treibt sich verwundert die Augen: Ein Konversationsdrama haben wir vor uns, zwei Paare, eines erfolgreicher gehobener Mittelstand, das andere prekäre Künstler-Ehe. Man trifft sich jede Woche und hat sich doch schon längst nichts mehr zu sagen. Schnell brechen Konflikte auf, versagen die Verdrängungsstrategien, bröckelt die Fassade, bis sie einstürzt. Es ist ja schon fast langweilig, diesen Vergleich anzustellen, aber hier schreit alles: Yasmina Reza! Das dürfte auch Vaassen aufgefallen sein, also dreht er die Plot-Schraube noch ein bisschen weiter. Natürlich hat man sich schon gegenseitig betrogen, einer der Freunde hat den anderen einst aus der gemeinsamen Firma gedrängt und bietet ihm jetzt Geld für Sex mit der Frau. Am Ende nimmt er Rezas Der Gott des Gemetzels wörtlich und veranstaltet ein solchen. Nicht aber, bevor das gemeine westliche Mittelstandsleben mit einer Hybrid-Schallplatte verglichen wurde: zwei Plattenhälften aufeinandergeklebt. Disparates ohne Mitte. Wir Wohlstandsnachjager und -verweigerer leben, als würden die südamerikanischen Ureinwohner ihre spanischen Schlächter selbst zu sich einladen. Starker Tobak.

Und doch nur Behauptung. Solche analytischen Ausflüge sind rar und wirken schon im text ungemein bemüht, auf der Bühne steigen sie noch eine Plakativitätsstufe höher. Das Verkünden funktioniert also weniger gut, wie ist es dann mit dem Zeigen? Kaum besser, zu festgefahren ist die klischeehafte Ausgangssetzung, zu düster der Blick des Autors. Der idealistische Künstler ist genauso Büttel des Systems wie der skrupellose Manager, beide hängen einem Individualismus an, der letztlich nur verbrämter Konformismus ist. Ob jemand Immobilien kauft oder Bilder ausstellt, macht da keinen Unterschied. Alle sind Selbstbetrüger, spielen sich und anderen etwas vor und glauben schon längst nicht mehr den eigenen Lügen. Konversation ist daher stets ein Minenfeld. Irgendwann endet – glücklicherweise – die endlose Aneinanderreihung forcierter Themenwechsel, die den Abend schmerzhaft in die Länge zieht, und alle Hüllen fallen.

Doch gerade wenn der Zuschauer hofft, dass ein bisschen Energie in den Abend kommt, verfällt er ins andere Extrem. Eine furiose an Who’s Afraid of Virginia Woolf angelehnte Szene, in der man sich gegenseitig allerlei schmerzhafte Wahrheiten an den Kopf wirft, gleitet schnell ab in groteske Verzerrung, in absurde Karikaturen, die alles „Wahrhafte“ schnell wieder grell übertünchen. Überhaupt findet der Abend nie seinen Ton. Kühl ironischer Boulevard steht neben Farce, Karikatur neben Realismus, Kammerspiel neben Theatersport. Ähnliches gilt für die Sprache, die einen Konversationston such und doch viel zu oft eine angestrengte Hölzernheit findet. Da hilft auch die arg verkrampfte Komplexität der Stückstruktur wenig, die zwischen den Zeitebenen hin- und herspringt, anfängliche Halbszenen erst später mit ihrem Beginn vervollständigt. Das soll die Spannung halten, Geheimnisse und deren Verdrängung spürbar machen und zerstückelt doch einfach nur jeden Fluss. Da kann sich nichts entwickeln, wenn alles immer gleich abgebrochen wird, die Ausdrucksmodi wechseln – keine Charaktere, kein stringentes Narrativ. Dabei braucht gerade ein solches Konversationsstück ein lineares Element, die zunächst kaum merkliche Eskalation, die am Ende alle Ordnung aus den angeln hebt und die hier eben nur Behauptung bleibt. Natürlich darf nicht vergessen werden, dass es sich hier um die Übung eines Nachwuchsautoren Mitte zwanzig handelt. Nur sollte er dann vielleicht die Messlatte ein wenig niedriger hängen.

Was den Abend dann doch immer wieder zumindest kurzzeitig rettet, ist das Ensemble, das sich lustvoll in jede Wendung wirft und auch das Abgründige stets mitdenkt. Am stärksten bleibt mit Vincent Redetzki einer in Erinnerung, der umfangreiche Film- und Theatererfahrung (als teenager spielte er mehrfach bei Falk Richter) mitbringt. Seine fiebrige Nervosität, die wiederholt kippt – in Resignation, kindischen Trotz, groteske Verzweiflung – erzählt mehr von der Fragilität postmoderner Lebensentwürfe, von denen man halb spürt, dass sie auf Sand gebaut sind, und die man doch nicht loslassen kann, weil man keine Alternative weiß. Busch-Rektor Wolfgang Engler schreibt im Programmheft: „Man kann nicht sehen, was man nicht sieht. Nicht sehen zu wollen, was man nicht sehen kann ist das Drama des mittleren Bürgers“. Es ist in Redetzkis Spiel wie auch in denen Tabitha Frehners und Laura Waltz‘, ja sogar in Augenblicken des Stinkstiefels Levin, dargestellt von Daniel Séjourné, dass diese Bodenlosigkeit zwischen Plattenstapeln und Ledersofa fühlbar wird. Da wird dann auch die Wurst, welche die Gastgeber reichen – Wurst, nicht mehr, eigentlich auch ein nettes Bild – zur Metapher für das Durchwursteln, die Wurstigkeit, die dünne zivilsatorische Fassade des hier Verhandelten. „Ich hoffe, die Wurst schwitzt nicht“, heißt es am Anfang. Vielleicht wäre es besser, sie täte es.

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