Das Bild hängt schief

Yasmina Reza: „Kunst“, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

Mit Yasmina Reza kann man eigentlich nichts falsch machen. Ihre die bürgerliche Mitte der Gesellschaft sezierenden Komödien – spätestens seit Edward Albee ein lohnendes Rezept für erfolgreiches Theater – sind so unterhaltsam und konsumierbar, ohne stets, wie eben bei Albee, in den Abgrund starren zu müssen, der da natürlich immer gähnt, dass Publikumserfolge vorprogrammiert sind, und haben gleichzeitig genug Tiefe, um die Kritiker ruhigzustellen. Und selbst wenn das Rezept, wie etwa bei Bella Figura, nicht aufgeht, schreibt Reza immer noch Rollen, die große Schauspieler*innen zur Zuschauerbeglückung ausfüllen können. Für einen Stadttheaterintendanten ein Glücksfall, schließlich braucht er oder sie nicht nur große Kunst, sondern auch volle Häuser. Und die sind mit Yasmina Reza meist garantiert, so man nicht allzu viel falsch macht und entsprechende Schauspieler*innen mitbringt. Da wundert es kaum, dass unter den Arbeiten, die Neu-BE-Intendant Oliver Reese aus dem Schauspiel Frankfurt in die neue Heimat überführt, auch eine Reza-Inszenierung ist, der Bequemlichkeit halber auch gleich eine eigene, gespielt von Darsteller*innen, die ebenfalls mit ans BE gewechselt sind. Und wenn das Stück dann auch noch „Kunst“ heißt, Rezas internationaler Durchbruch und so etwas wie die Blaupause für ihr Theater, ist der Erfolg programmiert. Risiko mag der Nährboden für große Kunst sein, das Haus füllt es nicht immer.

Das Berliner Ensemble (Bild: Moritz Haase)

Und Risiko ist die Sache des Regisseurs Reese ohnehin nicht. Er lässt „Kunst“ vom Blatt spielen und macht von Beginn an klar, wo es hingehen soll, bleibt in dem gesteckten Rahmen – im Wortsinn, ein solcher, hölzerner ist Kernelement des Bühnenbilds von Hansjörg Hartung – und lässt sein dreiköpfiges Männerensemble unterhalten. Dabei geht es im Stück um einiges: Eine Männerfreundschaft steht auf dem Spiel, weil einer der drei, Serge, ein monochrom weißes Bild für 100.000 Euro gekauft hat und sein konservativer Freund Marc es „Scheiße“ findet. Zwischen den Stühlen der Klassenclown Ivan, im Beruf erfolglos, privat von multiplen Frauen dominiert, ein Schlaffi, ein Loser, man kennt das. Marc dagegen ist ein Moderne-Verächter, einer, der Veränderung als Verrat empfindet und die fortschrittsgläubige Menschheit verachtet. Serge dagegen, erfolgreicher Arzt, will dazugehören, als Intellektueller und Kunstverständiger. Drei Klischeefiguren, die Reza mit entsprechend reflektierenden Monologen zu erklären und zu untergraben sucht.

Zumal hinter dem Kunststreit mehr steckt: Was hier verhandelt wird ist nicht weniger als die Definition menschlicher Beziehungen, in diesem Fall die Freundschaft. Was macht sie aus und welche Rolle spielen in ihr Machtmechanismen? Wie viel Ehrlichkeit verträgt sie und wie wichtig ist die Fähigkeit zum Humor? Für Serge, Marc und Yvan liegt hier der Hund begraben, in der Fähigkeit, über einander und sich selbst lachen zu können, eine Fähigkeit, die verloren zu haben, man sich wechselseitig unterstellt. Doch auch das ist es nicht. Am Ende wird klar: Marc versteht Freundschaft als Kontrolle, als Gemeinschaft gleicher – natürlich der eigenen – Ansichten, als Sicherheit spendende Filterblase. „Aber was sind sie denn“, fragt er auf seine Freunde bezogen einmal, „außer der Hoffnung, die ich in sie setze?“

Oliver Reese setzt in seiner Inszenierung auf Eindeutigkeit. Die drei Figuren werden glasklar verortet. im Bühnenbild: Serges Wohnung ist ein angedeutetes modernistisch kaltes Penthouse, Marcs verströmt altmodisch hölzerne Enge, Yvans ist ein unentschiedene geschmackfreien Sammelsurium mit Kitschgarantie. In der Kleidung: Marc trägt klassischen Dreiteiler samt Krawatte, Serge bekleidet sich edel leger mit Hemd und Westover, Yvan ist der Klischee-Loser mit Kurzarm-hemd, Schlabberhosen und geschmackloser Krawatte. Und schließlich im Spiel: Wolfgang Michels Marc ist ein Menschenfeind, der Tonfall gelangweilt spöttisch bis angewidert arrogant, die Mundwinkel immer schön nach unten gezogen, ein Welt- und Menschenverächter. Martin Rentzschs Serge ist jovial, achtet auf seine seriöse Fassade und doch fehlt ihm die Mitte. Er ist entweder bemüht enthusiastisch oder ein beleidigter mit eingefrorenen Zügen. Ein Fake-Intellektueller, wie er im Buche steht. Und Sascha Nathan schließlich gibt Yvan liebenswert schluffig, zieht den Mund wahlweise schief oder lässt ihn treudoof offenstehen, ein Mann ohne Eigenschaften.

So weit, so klar. Dass das Rollen sind, macht Reese auch deutlich. Die Monologe werden zu fahl ausgeleuchteten Gruppenbildern, klar formalisiert, dazu gedacht, den „Menschen“ hinter der Fassade zu zeigen, oder besser, anzudeuten, dass die Fassade eben nur solche ist. Zwischen den Szenen wird das Licht gedimmt, Musikuntermalung hält das Publikum bei der Stange, die Darsteller stellen sich zur nächsten Szene auf. Alles Theater, sagt uns das. Weil wir es ja noch nicht wussten. Geht das Licht wieder an, agieren die drei, die am Ende olivenessend auf einer Bank sitzen werden, mit plakativer Überdeutlichkeit und fischen nach Lachern. Natürlich bringt die Lächerlichkeit des weißen Bildes die meisten – Reza hatte, das verschweigt das eher kursorische Programmheft nicht – durchaus Probleme mit einem Teil der „Kunst“-Fans, einem eher kunstfeindlichen Teil, das tendenziell stärker auf Marcs Seite steht. Diese bedient auch Reeses Inszenierung zur Genüge. Um Lacher zu erzeugen, scheint ihm alles Recht.

Auch das ist natürlich eine Aussage, kleistert aber die durchaus scharfe wie unangenehme Analyse menschlicher Beziehungen in einer auf Äußerlichkeiten und Konsumierbarkeit gegründeten Welt, wo es primär ums eigene Ego-bezogene Image geht, zu. Mehr noch: Die Inszenierung fällt in ihre eigene Falle, biedert sich dem vermuteten Publikumsgeschmack so weit an – erfolgreich, wie der tosende Applaus bei der Berliner Silvesterpremiere zeigt – dass sie die Mechanismen, die Reza überaus klug dekonstruiert und entlarvt – „Kunst“ ist und bleibt wohl ihr bestes, weil kompromisslosestes Stück – reproduziert, statt sie bloßzustellen. Und so endet der Abend ist netter Harmonie, rückt man das schief hängende Bild zurecht, ohne Loriot auch nur im Auge zu haben, und verzerrt doch das, welches der Text malt. Das Ergebnis ist harmlose Unterhaltung, die nicht wehtut, weil sie es nicht will und bei der die reflektierende Metaebene, der eigentlich durchaus verstörende gedankliche Unterbau, wenig mehr sind als Häppchen, das eher wenig reflektierende Lachen, auf das der Abend eigentlich abzielt, zu legitimieren. Feigenblatt-Boulevard. Nicht mehr.

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