Wie Motten ums Licht…

Yasmina Reza: Bella Figura, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Thomnas Ostermeier, das ist bekannt, ist einer, der den Blick über den Tellerrand zu seinem Markenzeichen gemacht hat. DevTheater machen – und zeigen – will, das außerhalb seines Entstehungskontexts verstanden werden kann. Die Berliner Schaubühne hat er zu einem Exportschlager gemachte – Inszenierungen wie Hamlet  und Ein Volksfeind touren seit Jahren um den Globus, mit dem Festival F.I.N.D. lässt er Jahr für Jahr im Frühjahr internationale Theatersprachen ins Land, Ostermeier selbst inszeniert weniger in München und Hamburg als in Paris oder Moskau. Da ist des doch nur folgerichtig, dass er es ist, der es schafft, die Uraufführung eines Stücks der derzeit wohl bekanntesten Dramatikerin der Welt an sein Haus zu holen: Yasmina Reza. Bella Figura hat die Französin eigens für die Schaubühne geschrieben – der Stolz ist dem Intendanten, der natürlich auch die Inszenierung besorgt, schon vor der Premiere ins Geschichte geschrieben. Die Erwartungshaltung ist es auch. Gut, dass das parallel stattfindende Theatertreffen an diesem Abend keine Premiere hat – es hätte dort leer werden können.

Foto: Arno Declair

Foto: Arno Declair

Dass wir es mit dem gediegenen kühl-eleganten Hyperrealismus zu tun haben wären, den Ostermeier mit seinem Bühnenbildner Jan Pappelbaum perfektioniert hat, zeigt schon ein Blick auf das Eingangsbild. Da steht ein echtes Auto – fahrtüchtig, wie wir bald sehen werden – auf der Bühne, ein französisches Modell mit französischen Nummernzeichen. Darin sitzen Nina Hoss und Mark Waschke, sie arbeitet in einer Apotheke, er ist Unternehmer, gemeinsam haben sie eine schon vier Jahre andauernde Affäre. Der Versuch, gemeinsam essen zu gehen, geht schief, auch weil ihm, Boris, das Restaurant von seiner Frau empfehlen wurde. Der erste Fluchtversuch misslingt, als Boris eine ältere Dame anfährt, Schwiegermutter der besten Freundin seiner Frau, die samt Gatten eben hier den Geburtstag von dessen Mutter feiern will. Eine klassische Reza-Konstruktion, aus der die Autorin in der Vergangenheit scharfzüngige und beißend-ironische, mitleidlos beobachtete und von bitterer Wahrheit durchzogene Analysen einer sich in Selbstgerechtigkeit gefallenden Mittelschicht geschaffen hat, die sich nur um sich selbst dreht und die ganze Zeit damit beschäftigt ist, zu verdrängen, dass hinter ihrer freundlich aufgeklärten Fassade das große Nichts gähnt. Wer etwa Jürgen Goschs deutschsprachige Erstaufführung ihres Welterfolgs Der Gott des Gemetzels noch im Gedächtnis hat, kennt das potenzial von Rezas Gesellschaftssatire.

Und erlebt einen schmerzhaften Abend: Bella Figura hat alle Versatzstücke von Rezas Werk ohne deren Substanz. Die Figuren sind zweidimensionale Abziehbilder, Behauptungen auf zwei Beinen: der jammerlappenhafte Möchtegern-Checker Boris, die medikamentenabhängige und doch klarsichtige Andrea, die resignierte Zynikerin Françoise, das geschwätzige Muttersöhnchen Eric, die liebenswürdige, vergessliche und doch Lebensweise Alte Yvonne. Also pflügt man sich durch gegenseitige Missverständnisse, Existenzsorgen (Boris‘ Existenz steht auf dem Spiel), wälzt Ausbruchsträume, geniert sich ob der eigenen Feigheit, hat angst vor dem Älterwerden und ist natürlich durchgängig vollkommen beziehungsunfähig. Reihum bekommt jeder seinen großen Ausbruch, dürfen sich alle mal auskotzen, fliegt das ein oder andere Bonmot, angereichert mit eher grobschlächtigem Humor der – im Wortsinn – fäkalen Sorte. Doch selbst die Sprüchedichte ist geringer als sonst bei Reza, der Erkenntnisgeisnn gleich null. So plakativ, so abgehangen sind die Dialoge und Pseudo-Konflikte, dass sie wenig mehr sind als Notwendigkeiten , um das theatrale Konstrukt am Laufen zu halten. Ob man über gegenseitige Ängste faselt oder das Telefonbuch von Bottrop vorlesen würde, macht da kaum einen Unterschied. Natürlich sind die Frauen verständiger, hellsichtiger, die Männer lächerliche Waschlappen und am Ende alle Opfer der eigenen Feigheit und Angst vor dem Leben (dafür steht auch das Mücken-Motiv, wie das bemüht einen intelektuellen Boden einzuziehen versuchende Programmheft nahelegt). Tiefgründiger wird es nicht.

Und was macht Ostermeier? Traut er sich, das laue Lüftchen ins grell Farcenhafte zu drehen, Gefahr laufend, mit denen, für die die Figuren stehen, auch den Text selbst an den Pranger zu stellen? Natürlich nicht. Stattdessen lässt er Pappelbaum minimalistisch naturalistische Bühnenandeutungen auf die Bretter zimmern – eine Terrasse mit Lounge-Mobiliar, einen Restauranttisch samt Hummeraquarium –, Guillaume Cailleau und Benjamin Krieg albern bedeutungsheischende Isektenblinder auf die Rückwand projizieren, vor der die exzellenten Darsteller mit dauerhaft angezogener Handbremse agieren, Nina Hoss spötteln, lallen und Unruhe stiften darf, Lore Stefanek subtil die scharfsinnig demente Ambivalenz der Yvonne zelebrieren, Mark Waschke die Jämmerlichkeit seines Boris in allen Facetten durchexerzieren darf. Renato Schuch als Eric und Stephanie Eidt als Françoise bleiben dagegen eher blass, was Hoss wiederum in die Karten spielt: Natürlich ist sie es, die mit ihren bohrenden und verächtlichen Blicken, ihrer kontrollierten Aufgabe künstlicher Würde, ihrer Rolle als Katalysatoren der kollektiven Illusionsauflösung, in der sie den anderen mental wie physisch auf die Pelle rückt, die Bühne beherrscht.

Den Abend retten kann sie indes nicht. Zu schwach ist der Text, der nicht mehr ist als ein stark verdünnter Aufguss der üblichen Reza-Komponenten, zu mutlos Ostermeiers Regiezugriff, der dem Stück nicht wehtun will, obwohl dies womöglich das Einzige wäre, was ihm helfen könnte. Am Ende bleibt ein Abend, dem es genügt, Uraufführung eines Yasmina-Reza-Stücks zu sein. Kunstanspruch irgendwelcher Art braucht es da offenbar nicht. Stattdessen schwirrt die Schaubühnen-Mannschaft wie die im Eingangsvideo zu sehenden Motten ums Licht der großen Autorin, ohne sich dafür zu interessieren, dass sie dort verbrennen könnten.

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2 Gedanken zu „Wie Motten ums Licht…

  1. Gagarin sagt:

    Mein lieber Scholli! Machen sie das eigentlich absichtlich, fast alle Namen des Personals falsch zu schreiben? Gerade als Kritiker sollte man meiner Meinung nach nicht aufs Handwerk anderer Steine werfen wenn man selbst im Glashaus der Unzulänglichkeit sitzt. Punkt.

  2. Da hat die WordPress-Autokorrektur ganze Arbeit geleistet…

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