Ich ist (k)ein anderer

Zachary Oberzan: The Great Pretender, Hebbel am Ufer (HAU3), Berlin

Von Sascha Krieger

Der Mensch und der Künstler – wie passen die eigentlich zusammen? Wahres Gesicht und Maske, Kunst und Leben, wer saugt hier wen aus, bedingt das eine das andere und wenn ja, warum? Gibt es den Menschen hinter der Maske oder nur ein Matrjoschka-artiges Ineinanderstülpen immer neuer Alter Egos? Und wo in diesem ganzen Durcheinander – falscher, wahrer? – Identitäten ist Wahrheit? Oder gibt es die nur im Spiel der Zusammenfälschungen? Zachary Oberzan, einst Gründungsmitglied des Nature Theater of Oklahoma, sucht in seinem Werk nach der Beziehung zwischen Leben und Kunst, sucht sich darin, fragt nach Natur und Möglichkeit menschlicher wie künstlerischer Identität. Mal beginnt er dabei beim (eigenen) Leben wie in Tell Me Love Is Real, in dem er einen eigenen Selbstmordversuch thematisiert, mal startet er mit der Kunst. Letzteres ist in seiner neuen Arbeit The Great Pretender der Fall, wie meist bei Oberzan ein Theater-Film-Hybrid, das diesmal sehr stark in die Film-Richtung ausschlägt.

Bild: Sascha Krieger

Dabei beginnt es in einer Art Balance. Oberzan betritt die Bühne im Elvis-Kostüm, spricht mit Elevis-Stimme, ist aber ein (fiktiver?) Oberzan, der von einer Begegnung der Mutter mit dem King spricht. Parallel sehen wir ihn in seiner Garderobe, die gleichen Worte sprechend, mit einem Korsett dieBauchwölbung reduzierend, den angeblich von Elvis stammenden hellblauen Seidenschal umlegend. Oberzan, der als Elvis Oberzan ist und zugleich das Werden der Rolle, die er selbst ist – gleich zu Beginn stapelt er die Identitätsebenen nicht nur übereinander, sondern verwringt sie in nicht entwirrbaren Knoten, bei denen Kern und Oberfläche, Substanz und Maske sich nicht mehr unterscheiden lassen. Dann beginnt das eigentliche Doppel des Abends: Auf derr Bühne spiel Oberzan sich selbst als Elvis, singt über Original-Aufnahmen mit Tape-Orchester und echten Backgroundsängerinnen zu aufgenommenem Applaus Elvis-Songs, spricht über sich selbst in einer Elvis-Persona. Das ist die Ebene, auf der Zachary Oberzan er selbst ist, aber sicht- und hörbar eine dicke Maske angelegt hat, eine unter der der Mensch, der Performer, nicht mehr zu erkennen ist. Dies zieht er konsequent durch. Beim Schlussapplaus erscheint er nicht, für den echten“ Oberzan oder dessen Rolle ist hier kein Platz. Stattdessen hören wir: „Zachary has left the building.“ Die Rolle hat übernommen, eine Rolle, die untrennbar verbunden scheint mit dem Menschen, die ihn womöglich gar bedingt? Eine Möglichkeit, die an diesem wie an früheren Abenden des Künstlers stets mitschwingt.

Die zweite, zeitlich dominante, Erzählebene ist eine filmische. Die erzählt von einem Mann, der vorgibt, Zachary Oberzan zu sein und so in ein Antwerpener Kunstzentrum – das natürlich Koproduzent dieses Abends ist – eindringt und so tut, als würde er dort ein neues Projekt entwickelt. Er fliegt auf und kommt vor Gericht. Am Ende, der Richter war milde und die Geschädigten – die sich allesamt selbst spielen – haben dem Betrüger vergeben. Am Ende nimmt der echte Oberzan den falschen auf seinem Motorrad mit. Klingt bekannt? Vielleicht, weil es diese Geschichte fast eins zu eins bereits gab. Close-up heißt ein dokufiktionaler Film der im vergangenen Jahr verstorbenen iranischen Regielegende Abbas Kiarostami. Darin geht es um den realen Fall eines Mann, der vorgab, ein anderer iranischer Regiestar zu sein. In Kiarostamis Film dreht ein Regisseur namens Abbas Kiarostami eine Dokumentationüber den Fall. Alle beteiligten spielen dabei sich selbst. Ein mehrschichtiger Versuch über die Möglichkeit, Unmöglichkeit und Ambivalenz von Identität.

Oberzan dreht die Schraube weiter. Bei ihm ist es erneut Kiarostami, der nun einen Film über den falschen Oberzan dreht. Er hält sich fast sklavisch an den Inhalt des Originals – mit einer Ausnahme: statt einer Familie täuscht sein „Pretender“ eine Kunstinstitution – bis hin zur finalen Motorradfahrt. Auch bei ihm spielen alle Beteiligten sich selbst, mit allerdings drei wesentlichen Änderungen: erstens liegt der Geschichte kein wahrer Fall zugrunde, sondern ein anderer Film über einen wahren Fall. Zweitens spielt Oberzan nicht sich selbst, sondern den Mann, der sich als Zachary Oberzan ausgibt. Dieser dagegen wird von einem anderen Schauspieler dargestellt. Drittens ist gerade der „Film“ voll mit Elvis-Zitaten, die wieder auf die Bühnenebene zurückweisen und auf den Oberzan, der Elvis ist, der Oberzan ist und so weiter. Im Prozess dagegen spricht Oberzan, der nicht Oberzan ist, über seinen Wunsch, ein anderer zu sein, über seine Liebe zur Kunst als Möglichkeitsraum, als Ort , an dem Identitäten wechselbar, wählbar sind. Dass das nie ohne Risiko ist, dass sich selbst zu verlieren gerade dann möglich ist, wenn man glaubt, sich nie besessen zu haben – auch das thematisiert der Abend. Der „Great Pretender“, das ist natürlich der Künstler, der er selbst ist, wenn er ein anderer zu sein vorgibt, und ein anderer, wenn er behauptet, er selbst zu sein.

The Great Pretender ist ein atemberaubend unterhaltsames Spiel mit und über Identitäten. Immer wenn man glaubt, das letzte Level sei erreicht, kommt ein neues hinzu. Wer filmt übrigens die Passage von der Festnahme des falschen Oberzan, mit der der filmische Teil beginnt? „Kiarostami“ ist da ja noch nicht an Bord. Oder stellt er auch das nach. Und was ist mit der gleichen Szene, nur aus dem Inneren? So fest man die Schraube anzieht, es geht immer noch weiter, Identität lässt sich nicht befestigen, ist durchlässig, flüssig, nicht fassbar. So spielerisch der Abend ist, so virtuos kreist er um sein Thema, ohne es zu fassen zu kriegen. Und je länger es entflieht, desto mehr scheint klar zu werden: Es geht nicht um das Ergebnis, es geht um den Weg, um das Hinterfragen, das Suchen und Ausprobieren, es geht um das Spiel. Und vielleicht lässt sich in diesem Spiel irgendwie, irgendwo, irgendwann so etwas wie Identität finden oder zumindest konstruieren. Beim Künstler und beim Rezipienten. Und womöglich ist genau dies Kunst. Oder Leben. Oder irgendetwas anderes.

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