Auf der Couch mit Whitney

Foreign Affairs 2014 – Zachary Oberzan: Tell Me Love Is Real

Von Sascha Krieger

Zufälle, so sagt man, bestimmen unser Leben und manchmal helfen sie auch, Kunst zu schaffen. Zachary Oberzans neuer Abend fußt auf so einem Zufall: Vor einigen Jahren befanden sich Oberzan und Pop-Diva Whitney Houston etwa um die gleiche Zeit in Hotelzimmern an der nordamerikanischen Westküste. Ihr Begleiter: das Antidepressivum Xanax. Houston starb, wahrscheinlich ungewollt, an einer Überdosis, Oberzan überlebte einen Selbstmordversuch. Für den Alumnus des letztjährigen Festivalschwerpunktes Nature Theater of Oklahoma ist das Anlass, die beiden Geschichten zu verschränken: Tell Me Love Is Real beginnt mit einer filmischen Nacherzählung der letzten Stunden Houstons, so wie er sie sich vorstellt. Wir sehen ihn in einem gesichtslosen Hotelzimmer, in Houston-Kostüm- und Makeup, und hören ihn in stiller, resignativer Verzweiflung von der Leere erzählen, die auch der beste Tabletten-Alkohol-Drogen-Cocktail nicht füllen kann.

Zachary Oberzan (Foto: Nicole Schuchardt)

Zachary Oberzan (Foto: Nicole Schuchardt)

Depression, Liebessehnsucht und die nicht enden wollende Unsicherheit eines von Selbstzweifeln gequälten freischaffenden Künstlers durchziehen den Abend, der so stark beginnt. Und der sich in der Folge zu einer rasanten Collage aus Film, Konzert und Performance, Selbstbespiegelung und Persiflage, Seelen-Striptease und doppelbödigem Geschichtenerzählen wird. Und zu einer Reise durch die Pop-Kultur: von Paul Simon zu Serge Gainsbourg, von Bruce Lee zu Jean-Claude Van Damme, von Buddy Holly zu Al Pacino, von Leonard Cohen bis zu Elvis Presley spannen sich die Bögen von Oberzans aberwitzigen Ritt auf der stetigen Suche nach Liebe. Denn der Titel, einem Lied Buddy Hollys entnommen, ist programmatisch. Oberzans Abend ist autobiografisch und doch ist nie so ganz klar, wie nahe er sein Publikum an sich herankommen lässt. Leitmotive sind der Tod – vom sich nicht anschnallen wollenden Vater bis zum Selbstmordversuch – Selbstliebe und –hass sowie Mutterliebe. Fiktion und Realität verschränken sich, die schwierige Beziehung zur Mutter läuft parallel zum Interview mit einer jungen Mutter und zu einer Schlüsselszene aus dem zweiten Teil von The Godfather.

Überhaupt sind Inszenierung und Wirklichkeit kaum zu trennen, immer wieder doppelt sich Oberzan, zuweilen spricht er Text, den die Lippen seines Video-Alter-Egos formen, spiegelt die Bühne das gefilmte und wird das Dickicht von Original und Kopie im anschwellenden Strom popkultureller Assoziationen immer undurchschaubarer. Oberzan spielt mit ebenen, setzt Fährten, die nicht immer zum Ziel führen, inszeniert die eigene Depressionsgeschichte als Unterhaltungsrevue, die mitunter hochkomisch und dann wieder tieftraurig ist. Das ist streckenweise so hektisch und überfordernd wie die Welt, in der sich das Individuum wiederfindet. Die Warnfarbe Gelb wird zum leitmotivischen Signal – ein Leben stets kurz vor dem Ausnahmezustand. Doch Oberzan jammert nicht: Er hinterfragt und erfindet, er spielt und singt und beschwört und sucht das wahre Leben in all den behaupteten. Dabei ist es irgendwann nicht mehr wichtig, ob die Liebe, von der Holly singt, existiert – Hauptsache, man kann an sie glauben.

Tell Me Love Is Real ist eine eklektische Tour de Force, die Klischees nie umschifft, sondern stets geradewegs auf sie zusteuert, die Banalitäten genussvoll umarmt, die Fiktion an Fiktion reiht, den Leerlauf als Freund begrüßt und lose Enden als Lebenselixier feiert. Dabei ist Zachary Oberzan ein Künstler, der sein Handwerk versteht, sowohl das filmische wie das theatrale. Einer der Abgründe dort findet, wo wir sie nicht suchen und Nähe, wo sie unmöglich scheint. Vielleicht ist der Schlüsselmoment jene Szene aus einer französischen Fernsehsendung, in der ein betrunkener Serge Gainsbourg eine vollkommen überraschte Whitney Houston schamlos angräbt und jegliche professionelle Fassade fallen lässt. Ein solcher Moment gelingt Oberzan selbst nicht, kann er wohl auch nicht, doch womöglich liegt hier das Geheimnis, nach dem er sucht. Und vielleicht gibt es das gar nicht. Für uns Zuschauer wäre das so schlecht nicht, zwänge es Oberzan doch, ewig weiterzusuchen. Und wie auf- und anregend das sein kann, zeigt Tell Me Love Is Real eindrucksvoll.

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Ein Gedanke zu „Auf der Couch mit Whitney

  1. […] menschlicher wie künstlerischer Identität. Mal beginnt er dabei beim (eigenen) Leben wie in Tell Me Love Is Real, in dem er einen eigenen Selbstmordversuch thematisiert, mal startet er mit der Kunst. Letzteres […]

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