Auf der richtigen Seite

Max Frisch: Graf Öderland / Wir sind das Volk, Staatsschauspiel Dresden (Regie: Volker Lösch)

Von Sascha Krieger

Dresden, das heißt Pegida. Längst hat sich das Bild der sächsischen Landeshauptstadt gewandelt. Die Touristenhochburg gilt heute als, ja, man muss es vielleicht so formulieren: „Hauptstadt der Bewegung“. Hier hat er seinen Ausgangs- und Ankerpunkt, der Wutbürger und „Asylkritiker“, der montags zu Pegida läuft, Sonntags AfD wählt und unter der Woche zumindest nicht einschreitet, wenn Flüchtlingsunterkünfte brennen und Geflüchtete mit Kabelbindern an Bäume gefesselt werden. Lange hat es gedauert, bis sich den tausenden allmontäglich marschierenden Hasserfüllten ähnliche Zahlen von Verfechtern eines weltoffenen Dresden entgegengestellt haben. Fast widerwillig schienen sich Teile des liberalen Dresden bewegen, vorsichtig ihre Stimme zu erheben. Die meisten schweigen bis heute. Es ist an diesem an Annedore Bauer, in einer langen Wutrede den Sumpf aus Selbstgefälltigkeit und Apathie, der sich besonders schön in Dresden zeigt, wenn nicht trocken-, so doch offenzulegen. Da geht es gegen eine sächsische Politik, die über Jahrzehnte geglaubt hat, des „rechten Randes“ Herr werden zu können, indem man behauptet, es gäbe ihn nicht. Oder das Dresdner Bürgertum, das sich irgendwo zwischen Selbstgefälligkeit und Opfermythos eingegraben hat und deren soziale Fassade oft nicht besonders stabil ist („Brot für die Welt aber Torte für uns!“). Und weiter geht es zu Neoliberalismus und Globalisierung und zum Narrativ der Abgehängten, deren dumpfe Wut sich in Fremdenhass entlädt.

Bild: Matthias Horn

Bild: Matthias Horn

Womit wir (fast) bei Max Frisch wären und seinem Stück vom Staatsanwalt, der überzeugt von der Sinnlosigkeit seines Tuns zum Gesetzlosen wird, zum Rebellen, der die Freiheit sucht und doch nur zerstörerischen Hass findet und produziert. Dieser „Graf Öderland“ steht, so will es Regisseur Volker Lösch, natürlich für die Pegidas dieser Welt. Die ihm folgen sind „echte Dresdner“, ein vielstimmiger Chor Dresdner Bürger*innen, dessen Hauptaufgabe neben dem Schwingen zahlreicher Äxte darin besteht, die „Stimme Dresdens“ auf die Bühne zu bringen. Sie zitieren, skandieren, brüllen Aussagen von Pegida-Anhänger*innen, aber auch derer, die sich diesen entgegenstellen. Der dumpfe, neidische Hass ist ebenso zu hören, wie die Sorge jener, die ihre Stadt in Misstrauen erstarrt sehen. Es sind jedoch vor allem die Schauspieler*innen, die vor dem geschlossenen Vorhang immer wieder Farbe bekennen gegen den anti-aufklärerischen Sog der rechten Ideologen der und der sich zu kurz gekommen Wähnenden. Da schreit sich vor allem eine Frage heraus: „Wo seid ihr denn alle?“ Eine Frage, die ins Publikum geht und dort, nun, ja, auf schweigen trifft.

Denn natürlich sitzen hier nur die, die sich auf der richtigen Seite wähnen, jener derer, die hier Theater machen. Doch wenn der braune Mob tobt, sind sie dann auch da? Es ist eine Frage, die der Abend stellt, aber nicht weiterverfolgt, man will es sich auch nicht zu ungemütlich machen. es muss ja schließlich klar sein, wer wo steht, zuviel Selbsthinterfragung schadet da nur. Diese Selbstbeschränkung treibt zuweilen seltsame Blüten. Etwa, wenn klare anti-Pegida Statements von Angela Merkel oder Sigmar Gabriel in einer billigen Kabarett-Persiflage durch den Kakao gezogen werden. Da scheinen die Rhetorik des „Merkel muss weg!“ und die vielbeschworene „Politik(er)verdrossenheit auf, unreflektiert und ohne jedes Gespür dafür, dass hier die verquere Logik der selbsternannten Vaterlandsverteidiger einfach mal übernommen wird. Auch hier ein Ansatz, mal genauer hinzuschauen und zu merken, dass das behauptete Schwarz-Weiß nicht so recht funktioniert. Was der Abend auch vorführt, denn er gibt ja genug Erklärungs- und, ja, auch Entschuldigungsmuster der Berufswütenden zum besten – die pauschale Kapitalismuskritik würden viele Pegida- und AfD-Unterstützer unterschreiben – und behauptet doch, alles sei ganz klar. Ist es nicht, doch der Abend will darüber nicht reden. Ist er vielleicht ein Teil des Problems?

Dabei ist die Mischung von Fiktion und Realität, die Lösch versucht, eine recht spannende. Der Frisch-Text dient als Folie und erzeugt immer wieder ganz starke Bilder: Die Heldenpose des „Grafen“ auf der Köhlerhütte mit den Empörten um ihn herum, oder der mit Vernichtungsblick lächelnde Mob, der mit Fackeln in der Hand die Machtergreifung feiert.Es ist eine Ikonografie des Totalitären, der Tyrannei der vielen, die Lösch hier in Szene setzt, eine, die ins Gestern weist und doch wieder genügende Entsprechungen im Hier und Jetzt hat. Das Feuer ist ein Grundelement der Inszenierung, das Feuer der brennenden Flüchtlingsheime, aus dem ein brennendes Land werden kann. Und soll: Gegen Ende stellen Öderland (Bern Daniel Jöhnk) und seine durch mehrere Inkarnationen gehende Getreue (Lea Ruckpaul) ihr „Regierungsprogramm“ vor, zunächst ruhig und sachlich, später mit zunehmender Aggression. Es sind Zitate aus Reden von Pegida-Anführern, ein dezidiert anti-demokratisches, anti-freiheitliches, rassistisches Programm. schon zuvor sind die Frisch-Szenen immer wieder gekippt ins Gegenwärtige, Reale.

Das ist durchaus eindringlich, in seiner Schwarz-Weiß-Setzung aber auch repetitiv. Besonders ärgerlich wird es, wenn der „Mob“ die Bühne räumt für den syrischen Teenager Joussef Safok. Er darf hier mit leiser stimme seine Fluchtgeschichte erzählen und wieder abgehen. Mehr darf er nicht sein, der Geflüchtete als Posterboy der Selbstgerechten. Und Lösch meint das ernst wie so vieles an diesem spannenden Abend, der am Ende daran krankt, dass er sich und uns nicht wehtun will, seine Kanten abschleift und die Fragen verweigert, die sich vielleicht nicht so leicht beantworten lassen. Bewegungen wie Pegida zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie auf alles vermeintlich einfache Antworten haben. es ist eine Falle, in die auch dieser Abend zuweilen tappt. Auch beim Berliner Gastspiel ist das Publikum begeistert, weil es sich bestätigt fühlt, auf der richtigen Seite zu stehen. Na, dann ist ja alles gut.

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