Das laue Lüftchen der Geschichte

Peter Handke: Immer noch Sturm, Deutsches Theater/Kammerspiele (Regie: Frank Abt)

Von Sascha Krieger

Drei Jahre ist es her, da erlebte Peter Handkes Immer noch Sturm  am Hamburger Thalia Theater seine Uraufführung. Regie führte der schmerzlich vermisste Dimiter Gotscheff, der Handkes persönlichsten Theatertext als behutsame, poetische, atmosphärisch dichte und bildmächtige Totenbeschwörung inszenierte, die zugleich auch eine Selbstfindung und Ich-Setzung war, eine Konstruktion von Individualität aus dem, was vor uns war, eine Vergegenwärtigung des Vergangenen, durch die Gegenwart erst wirklich entstehen kann und Zukunft möglich wird. Ein Glaube, den Text und Inszenierung teilten und der einen Ahnend schuf, der ins Weite strebte, den Zuschauer und seine individuelle Geschichte – bewahrt oder verdrängt – einbezog, ohne auch nur einen Moment lang beliebig zu werden. Drei Jahre später ist das Stück jetzt auch in Berlin angekommen. Frank Abt hat es inszeniert, auf der Hinterbühne der Kammerspiele des deutschen Theaters. Und setzt schon sichtbar auf die kleine Form: In die Mitte der Bühne hat Steffi Wurster ein rotierendes kreisrundes Podest gestellt, möbliert mit allerlei engen Zimmerfragmenten, eine Insel der Vergangenheit in einer leeren Gegenwart. Dort steht Handkes Alter Ego, von Markwart Müller-Elmau mit dem Charme eines Buchhalters in der Sinnkrise verkörpert, und ruft seine Vorfahren an, die denn prompt auf der Bühne erscheinen, in ländlicher Kleidung der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, die schön zur halb abgerissenen Blümchentapete passt.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Da stehen sie nun, die Vorfahren aus der slowenischen Minderheit Kärntens, die für oder gegen die Deutschen kämpften, im Krieg fielen oder im Partisanenkampf, dazwischen die Mutter des Heutigen, er selbst als Kind eines deutschen Soldaten zwischen allen Stühlen. Die Familiengeschichte, vor allem jene der Onkel und Tanten, erzählt die große Historie des mörderischsten aller Jahrhunderte, aber auch die kleine, regionale eines Volkes, das stets Spielball vermeintlich größerer war, das den einzigen bewaffneten Widerstand auf deutschem Reichsgebiet gegen das Naziregime organisierte, nur um anschließend erneut als Ausgegrenzte im neuen Österreich, das es ohne ihren Mut wohl kaum gegeben hätte, dazustehen. Die Sprache als Mittel der Identitätsstiftung, als letztes Band, wenn alles andere zusammenfällt, spielt eine Schlüsselrolle in Handkes Stück und Abt gibt ihr breiten Raum. Wohl artikuliert erklingt das Slowenische und bleibt doch kaum mehr als eine Fingerübung mit musealem Charme. Das gilt auch für Abts Familientableaus im Bauernhausfragment. Mit gleichmäßigem, bedeutungsschweren Ernst tragen die Schauspieler ihre Sentenzen vor, als spielten sie „Zeitzeugen“ bei Guido Knopp. Da schwingt auch gern ein wenig Pathos in der Stimme mit, gerade bei Judith Hoffmanns Prototyp einer allen Anfeindungen trotzenden würdevollen Mutter und natürlich in Müller-Elmaus nostalgischem Singsang.

Hier wird nichts vergegenwärtigt, sondern sich der Abend ist sich genug mit einer nostalgischen Zeitreise, die nur eine Richtung kennt und sich in zweidimensionalen Standbildern erschöpft. Da ist die Familie zu Beginn zusammen, korrespondiert ihr zunehmender Zerfall zum einen mit der Vereinzelung der Figuren, zum anderen mit dem schrittweisen Zerlegen des Bühnenbilds, bis sie am Ende, schwarzgewandet, hinter dem Podest auf Hockern sitzen, der Heimat und damit sich selbst beraubt, alle zusammen und doch jeder für sich. Dazu spielt eine Art Fahrstuhlmusik des Verlorenen, heften sich die bedeutungsschwangeren Blicke auf die Zuschauer und gehen doch ins Leere, weil sie uns wie von einer verblichenen Postkarte anschauen. Wo Gotscheff Gegenwart und Vergangenheit sich in einem Wasserfall des Lebens einander begegnen, ja aus einander entstehen ließ, lässt Abt den Zuschauer auf ein paar Seiten in einem staubigen Archiv blicken, schrumpft er die universelle Weite des Textes auf die Zwergengröße eines musealen Kammerspiels zusammen. Es herrsche „Immer noch Sturm“, heißt es mehrfach gegen Ende des Textes , die Stürme der Vergangenheit tobten weiter und würden es so lange tun, bis die Geschichte aus dem ewigen Kreislauf wiederholter Ausgrenzung und Verdrängung ausgebrochen ist. In Frank Abts Inszenierung dagegen tobt nichts, von Beginn an nicht, erstirbt am Ende gar das laue Lüftchen der Geschichte zu absoluter Windstille.

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