Aufräumen mit Kafka

Nach Franz Kafka: Die Verwandlung, Deutsches Theater/Box (Junges DT), Berlin (Regie: Miriam Scholl)

Von Sascha Krieger

Vielleicht steht ja der wichtigste Satz klein gedruckt im Programmflyer: Das dankt das Team einem Online-Händler für Betten und Matratzen für seine „freundliche Unterstützung“. Und ja, die verschiedentlich gemusterten, durchgängig treckt scheußlichen Matratzen, die gegen Ende des Abends die Bühne bedecken, verlangen den jugendlichen Darstellern einiges ab und bringen das ansonsten recht komfortabel stabile Konstrukt im Wortsinn ein wenig ins Rutschen. Denn wenn etwas überrascht and dieser Bearbeitung der surreal unter- und abgründigen Parabel vom Aussteiger, der zum Ausgeschlossenen wird, vom Funktionierenmüssen im Getriebe der Gesellschaft, dann ist es, wie harmlos die Geschichte unter den Händen von Miriam Scholl, Leiterin der Dresdner Bürgerbühne, gerät. Sechs Jugendliche hat sie zusammengetrommelt, die nicht nur schauspielerisch, sondern auch musikalisch einiges draufhaben sollten. Das ist ihr gelungen: Die je drei Mädchen und Jungen, oder besser: junge Frauen und Männer, sind allesamt talentierte Musiker und können auch darstellerisch beeindrucken, wobei insbesondere die Wandelbarkeit von Yanina Surimana Cerón Klever und die Mischung aus betont körperlichem Spiel und gestochen klarer Artikulation bei Maximilian Padovani herausstechen. Wenn es dem Abend über weite Strecken gelingt, kurzweilig zu bleiben, liegt das vor allem am engagierten und kompromisslosen Spiel des jungen Ensembles und insbesondere der beiden genannten „Rampensäue“ (auch Fabiola Kuonen wäre hier zu nennen).

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Doch während Darstellung und musikalische Fähigkeiten des Ensembles auf höchstem Niveau sind, gilt das für Inszenierung und Dramaturgie leider nicht. Letztlich ist der Abend wenig mehr als eine szenische Textlesung mit verteilten Stimmen, wobei sogar die Rollenaufteilung merkwürdig stabil bleibt (der sich verwandelnde Verweigerer Gregor Samsa etwa verbleibt für den Großteil des Abends in den mehr als fähigen Händen Padovanis). Ein bisschen Fremdtext ist eingestreut (meist Kafka, dazu etwas Nietzsche), nur ist das wenig mehr als unterstützende Ergänzung der Kernaussagen, die Scholl im Text findet. Das steht in deutlichem Kontrast zu einer anderen Bearbeitung des Stoffs durch Jugendliche, nämlich jene des Volksbühnen-Jugendclubs P14, die Kafkas Text als Ausgangspunkt für komplexe Körper- und Ich-De- und Rekonstruktionen nutzte. Verglichen damit ist Tscholls Bearbeitung kaum mehr als banal zu nennen. Einziges Thema ist der gesellschaftliche Zwang für das Individuum, funktionieren und sich anpassen zu müssen, die Totalverweigerung des Einzelnen und das Unverständnis des Anderen, ein solches Nein überhaupt denken zu können.

Drei Ebenen versucht Scholl in die Darstellung einzuziehen: Neben der Sprache sind das Musik und Ton sowie Bewegung. Doch weit davon entfernt, drei unterschiedliche, miteinander interagierende Narrative zu schaffen, darf der Text dominieren und ist alles andere pure Begleitung und Illustration. So werden die Bewegungszustände Gregors nachgeahmt (ist etwa von seiner Vorliebe, von der Decke zu hängen, die Rede, führt Padovani genau das vor), zum Teil auf mehrere Figuren verteilt, vielleicht ein wenig stilisiert – das bloß Illustrative verlassen sie kaum. Da fällt es schon aus dem Rahmen, wenn die Vergrößerung des Bewegungsspielraums Gregors mit der Verteilung der einzelnen Teile des Schlagzeugs im Raum dargestellt wird. Damit ist der Höhepunkt der Abstraktion aber schon erreicht. Dem gegenüber steht die ausgefallene Idee, das Handlungselement des Umräumens von Gregors Zimmer durch Mutter und Schwester darzustellen, indem man, nun ja, die Bühne umräumt. Theater als Umzugsunternehmen.

Der Musik ergeht es nur wenig besser: Auch wenn der Abend mit einem eingänglichen Proto-Punk-Song auf Kafka-Text beginnt und sich die Befürchtung, das Ganz würde sich in einer konzertartigen Nummernrevue verlieren, nicht erfüllt, überscheitet auch die musikalische Ebene so gut wie die den Bereich des Illustrierenden. Besonders das Schlagzeug von Leon Griese darf wenig mehr, als Türklopfen und ähnliches nachzuahmen, auch ansonsten ist das Lautmalerische nie weit. Höchstens noch werden Stimmungen musikalisch angedeutet, setzen Eskalationen auf Dissonanzen, während Momente der Resignation in stille Fragmente mit Klavier oder Harfe münden. Dem Lesungscharakter des Abends tut das wenig Abbruch. Und so stehen der zunehmenden Einfallsarmut und dem Scheitern einer mehrdimensionalen Erzählung am Ende nur noch der Enthusiasmus der Spieler und das Rutschen der Matratzen entgegen. Der Versuch, im Text mehr zu sehen als eine Gelegenheit, ein paar mehr oder weniger absurde Situationen durchzuspielen, ist da längst aufgegeben, die thematische Essenz trug bestenfalls das erste Drittel. Und doch macht es Spaß zuzusehen, wie sich die sechs (auch Gitarrist Christoph Markgraf und Pianistin Agnes Eva Schoppe spielen eindrucksvoll) in den Text werfen, mit ihrer Stimme, ihrem musikalischen Talent, ihren Körpern. Wenn in diesem Abend noch so viel mehr drin wäre, liegt es zumindest an ihnen nicht.

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