Sprechende Körper

Nach Franz Kafka: Die Verwandlung, P14 – Jugendtheater der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Friederike Hirz)

Von Sascha Krieger

Körper in einem Kletternetz: Sie reiben sich an-, winden sich umeinander, pulsieren in einem kollektiven Sich-Selbst- und Einander-Finden und –Entdecken, ein tastendes Ein- und ausatmen des Körperlichen. Sie verlassen die vergleichsweise Sicherheit des klar begrenzten Ortes, ergießen sich im Bühnen-Universum, vergewissern sich, tastend, schlingend, schlagend, des eigenen Körpers, winden sich an der Wand, um das zu spüren, was da draußen ist, die Umwelt, das Fremde, das nicht man selbst du nicht anderer Körper ist. P14, das Jugendtheater der Berliner Volksbühne, hat Franz Kafkas Erzählung Die Verwandlung, in der Gregor Samsa eines Morgens als Käfer aufwacht, nun nutzlos geworden zunehmend von der Familie ausgeschlossen wird und am Ende pflichtschuldigst stirbt, als Körpertheater reinterpretiert, in dem wir Körpern dabei zusehen, wie sie versuchen, mit sich selbst etwas anzufangen, sich nutzbar zu machen und doch an der eigenen Unzulänglichkeit verzweifeln. Kafkas Erzählung lässt sich lesen als Parabel auf die Reduktion von Mensch und Körper auf seine Nützlichkeit, als Metapher auf das Funktionierenmüssen in der Gesellschaft und auf das, was passiert, wenn man dies nicht tut.

Viel Kafka-Text ist dabei nicht übrig geblieben. Nur gegen Beginn stürmen die Ansprüche der Familie auf Gregor als kakophonisches Drohgebirge ein, später wird auf ähnliche Weise seine Auslöschung beschlossen, nur das Ende wird ruhig und nüchtern erzählt. Ansonsten sprechen hier die Körper der vier männlichen und zwei weiblichen jungen Darsteller, erstere durchgängig mit nacktem Oberkörper, so dass jedes Zusammenkrampfen, jede Zuckung, jeder angespannte Muskel sicht- und beinahe fühlbar ist. Insbesondere Immanuel Ayx, der Gregor spielt (und Besuchern des Theatertreffens der Jugend 2012 aus der P14-Produktion Fleisch. Ich bin ich, du bist du und es geht schlecht bekannt ist), rennt auf sich schließende Türen zu, hetzt hin und her, fällt und steht wieder auf, krümmt sich, umschlingt den eigenen Körper und befragt sich wortlos, was dieses Funktionieren eigentlich sei, wo Normalität endet und wie man sie erreichen kann. Das An- und Abschwellen dieses An-Sich-Selbst-Leiden, des wachsenden Ekels vor dem Ich und den gleichzeitigen Ankämpfen dagegen, entfalten einen zwingenden Rhythmus und einen Sog, dem sich der Zuschauer nur schwer entziehen kann. Nur wenn Gregor auf das Kletternetz flieht und dort im Wortsinn nutzlos herumhängt, entspannt sich sein Körper, findet er so etwas wie temporären Frieden.

Zugegeben, der durchchoreografierte Abend gewinnt zuweilen etwas Hermetisches, erstarrt mitunter in weitgehend beliebiger Bewegungsroutine, insbesondere manchen der Gruppenchoreografien wirken reichlich bemüht. Die Multiplizierung Gregors funktioniert weit weniger als das Gegeneinander von Individuum und Gruppe. Auch die versuchte Vergegenwärtigung, die Bezugnahme auf den Fitness- und Abnehmwahn unserer Zeit, ist ein wenig aufgesetzt. Rührend dagegen das Ende, in dem die Körper reglos aufeinander ein totes und doch friedliches Menschenbiest schaffen, erschlafft statt erstarrt, befreit von allem Nutzenzwang. Die Verwandlung ist für junges Theater fast schon zu anspruchsvoll und abgeklärt und entfaltet in ihren besseren Momenten doch eine Magie, wie sie nur Theater in seiner körperlichen Unmittelbarkeit erzeugen kann. Kafka-Puristen werden bemängeln, dass die bahnbrechende Erzählung hier lediglich als Anlass und Stichwortgeber fungiert. Das stimmt: Dieser Abend steht für sich allein und kann sich auf seinen Beinen doch ganz gut halten.

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Ein Gedanke zu „Sprechende Körper

  1. […] in deutlichem Kontrast zu einer anderen Bearbeitung des Stoffs durch Jugendliche, nämlich jene des Volksbühnen-Jugendclubs P14, die Kafkas Text als Ausgangspunkt für komplexe Körper- und Ich-De- und Rekonstruktionen nutzte. […]

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