„Warum machen wir das hier?“

Yael Ronen & Ensemble: Death Positive – States of Emergency, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

„Wir sind im Ausnahmezustand“, verkündet Niels Bormann immer und immer wieder in aufgesetzt selbstgerechter Panik. Deshalb läuft er im selbstgebastelten Schutzanzug mit Plastikflaschen-Maske umher, desinfiziert Bühne und Plüschkatzen, steckt sich seine exklusive Spielfläche ab (die natürlich kleinen Platz mehr lässt für die anderen Spieler*innen), liest die Corona-Regeln vor, die schnell ins Absurde und letztlich gar Kunst- und Freiheitsfeindliche kippen. Bloß keine Emotionen auf der Bühne – wenn das Publikum lacht, wird es gefährlich (späte zählt er aggressiv Orit Nahmias an, weil sie auf der Bühne geweint hat). Und keine Dialoge: „Jeder Dialog ist ein potenzieller Konflikt und Konflikte sind voller Aerosole.“ Death Positive – States of Emergency ist das Stück zur Stunde, zur Pandemie, zu unser aller Ratlosigkeit.

Bild: Esra Rotthoff

Wie schnell Vorsicht, Solidarität und Rücksichtnahme umschlagen können ins Totalitäre, wie kaum sichtbar die Grenze ist zwischen sinnvollen und angemessenen Freiheitseinschränkungen und Angriffen auf die Grundrechte, ist  eine Frage, die viele zu nahe scheint an den Verschwörungserzählungen der Coronaleugner und Rechtsextremisten, als dass sie im öffentlichen Diskurs wirklich vorkäme. Aysima Ergün und Knut Berger thematisieren dieses Dilemma im Streitgespräch mit Bormann, der sich selbst fragt, was das alles, was Theater angesichts der Selbstbeschränkung noch solle, könne, dürfe. Flapsig, überaufgeregt, wie beiläufig hingeworfen stellt der Abend fragen, denen wir uns zu oft verweigern. Auf die er auch keine Antworten hat. Die Grenze zwischen genau richtig und zuviel ist gerade angesichts steigender Fallzahlen kaum zu ziehen. „Warum machen wir das hier?“, fragt Bormann einmal. Keine Ahnung, sagt der Abend, wir machen es einfach.

Dialoge erlaubt er sich denn auch kaum auf Magda Willis geschwungener weißer Bühne, mit den Treppenstufen ins Publikum, die zu betreten einen Alarm auslöst und hinter deren weißem Fadenvorhang vielleicht schon die Intensivstation wartet. Einzeln treten die Schauspieler*innen auf, jede*r hat ihren*seinen Monolog: Lea Dräger erzählt aus einer grünen Gummikabine poetisch düster von der Einsamkeit des Isoliertseins, in einem Text, der an die ausweglose Hermetik von Sarah Kanes 4.48 Psychosis erinnert. Ergün tritt selbst als Zelt auf, schwadroniert vom „Plan hinter dem Chaos“, den sie durchschaut habe, appelliert in mester Schwurbler-Manier, man solle endlich aufwachen. Tim Freudensprung, das Gesicht riesenhaft projiziert, fragt sich, ob das Ende der Welt schon gekommen sei. Dazu dräuen düster ominöse Klänge, groteske Zeichnungen Lea Drägers mischen sich mit den Strichwellen-Projektionen Stefano Di Buduos, das Licht ist gedimmt, die Corona-welt schwankt irgendwo zwischen Albtraum und Dystopie, aber auch zwischen ernst gemeintem Schrecken udn ironischer Persiflage. Erneut fragt der Abend sich und uns, wie viel von dem, was wir erleben, echter Schrecken ist, wie viel übertriebene Selbsüberhebung und wieviel Manipulation.

Die beiden zentralen Monologe finden dagegen im Licht statt und sie gehen über Corona hinaus. Zum Kern, zum Eingemachten: dem Tod. Knut Berger spricht über den Tod seiner Eltern, Orit Nahmias über den ihres Vaters. Unterschiedliche Umgehensweisen werden thematisiert: den Kampf der Berger-Familie gegen das Unausweichliche, das Verdrängen, das Verweigern des Loslassens, der Auseinenadersetzung, aber auch die Akzeptanz der Mutter und das sich-Verschließen des Vaters. „Der Tod war wie so eine Kiste. Wir haben gekämpft, sie nicht aufzumachen“. Aber er lässt sich nicht wegleugnen, die Kiste muss irgendwann geöffnet werden. Der Tod bleibt das größte Tabu und ironischerweise das einzig sichere im Leben. Wo Bergers ruhig reflektierte Auseinandersetzung still berührt, bringt Nahmias Humor in die Sache, das Lachen am Grabe. Ihr Thema ist die Angst vor dem Tod und die Befreiung, die dieser bringt: „The moment he died I was reborn“. Beide eint der Appell, sich vom Tod nicht irre machen zu lassen, ihn anzunehmen, den sterbenden das Loslassen zu erlauben.

Das lässt dann auch Bormann nicht kalt. Seine Figur kann nicht raus aus ihrer Angst, am Ende steht er zu ihr als Motivator, als Antrieb für sein totalitäres Über-das-Ziel-Hinausschießen. „Wie könnt ihr Zukunftspläne machen?“, fragt er das Publikum, „Ich kann das nicht.“ Da ist er ganz nahe an so mancher*m Zuschauer*in, die sich auch tagtäglich fragen, wieviel Zuviel ist, was vernünftig ist und wie viel Unvernunft man sich erlauben dürfte. „Ich mag nicht, wenn etwas zu Ende ist“, sagt Bormann und dann wird es schwarz. Die Bühne, sie ist auch ein Schutzraum, ein Ort, an den sich Flüchten lässt, aber eben nur temporär. Dann muss man wieder hinaus in die Welt, in die Realität, dort, wo es keine einfachen Antworten gibt, wo man sich vor den Fragen fürchtet, wo jeder Tag zum Balanceakt wird. Diesen probiert dieser Abend, spielerisch, ironisch, aber ebenso ratlos wie wir alle. Da funktioniert einiges besser als anderes, bleiben Klischees nicht immer fern, wechselt das Tiefsinnige mit dem Banalen. Fast wie im richtigen Leben. Es ist eben ein Ausnahmezustand.

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