Jenseits von John Wayne

Falk Richter & Ensemble: In my Room, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

„Mein Vater, dieses fremde Wesen“: Es sind einige der ersten Worte, die an Falk Richters neuestem Abend am Gorki fallen. Und sie beschreiben recht präzise, was in den folgenden fast zweieinhalb Stunden passiert: eine Annäherung an die Väter, die des Regisseurs, die des Ensembles und das Konzept des Vaters, Ernährers, Erziehers, Bestimmers allgemein. Jonas Dassler spricht sie, zu Beginn eines langen Monologs über einen Patriarchen, der nach der freiwilligen Frühverrentung nichts mehr mit sich anzufangen weiß, der sich als Familienoberhaupt inszeniert, keine Nähe zum Sohn aufbaut, auf dessen Homosexualität mit einer Gewalt antwortet, die spätere queerfeindliche Gewalterfahrungen vorwegnimmt. Und der Kriegstraumata mit sich führt, in einer sich steigernden Wutrrede vom „Sohn“ Besitz ergreift und die Wiederkehr derer anklagt, die im selbst die Jugend raubten. Die AfD und die Wiedererstarkung der Rechten sind bei Richter nie weit und das gilt auch an diesem Abend. Die Macht der Vergangenheit, sie findet sich im ewig währenden Kampf der Söhne mit den Vätern im Individuellen, aber eben auch im Gesamtgesellschaftlichen. Und so steigert sich der Vater hinein in seine Tirade wider die Wiederkehr des Bösen, wird ununterscheidbar vom sich von ihm emanzipierenden Sohn, ein Knäuel aus Freiheitskämpfen, die nie enden.

Bild: Esra Rotthoff

Es ist der – fiktionalisierte – Vater des Regisseurs, von dem hier die Rede ist, nicht der – bei der Premiere in der ersten Reihe sitzende – Dasslers, der mit dem Sohn in den Keller geht, um gemeinsam Musik zu machen. Am Ende des Monologs nimmt Dassler die Gitarre und spielt einen Rock-Song (Musik: Nils Ostendorf), laut, selbstbewusst, ein Moment der Befreiung, der eigenen vielleicht, vor allem aber der des Sohns, der auch der von seinen Vätern verratene Vater ist. Andere Väter werden vorgestellt und zum Teil, in 70er-Jahre-Klamotten (Kostüme: Andy Besuch), von den Söhnen gespielt: Emre Aksizoǧlus Kampfkunst-Fan, streng, aber nicht ohne Liebe, Benny Claessens Arbeitervater, schweigsam, angsterfüllt, doch den Sohn zu Ballettstunden fahrend, Taner Şahintürks, der ‚Gastarbeiter“, der sein Leben lang versuchte sich anzupassen und mit dem Kind Schneemänner zu Türken umgestaltete, oder Knut Bergers, der selbst eine homosexuelle Affäre hatte, der stundenlang über die eigenen Gefühle sprechen konnte, doch den Sohn gegen die Wand darf, als der seinen ersten Freund hatte.

Schnell ist der Abend bei toxischer Männlichkeit, aber nicht als abstraktes Konzept, sondern in individueller und sehr unterschiedlicher Ausführung. Die Idee, der Mann müsse ein „Boss“, ein „Alpha“ sein, wie Dassler in einer gelungenen Parodie des Gangster-Rappers Kollegah ausführt, ist in der Väter-Generation omnipräsent. Ein Konzept, das Rollen zementiert, die heteronormativer Natur sind, wie Richter in einer Szenenfolge klarmacht, in der Berger und Dassler als schwules Paar über der eigenen Beziehung verzweifeln, weil sie Erwartungen an Rollenzuweisungen, Nähe und Dominanz spiegelt, die in der Idee von Ehe und Beziehung auch dort wirken, wo sie eigentlich überwunden sein müssten. „Es gibt keine anderen Skripte für uns als diese heteronormative Scheiße!“, platzt es irgendwann aus Berger heraus. Die Väter wirken, über Generationen, auch in der amüsanten Familienaufstellung mit Kriegstraumata und den „Schatten der Alexander Gaulands“. Alles – Gesellschaft und Individuum, patriarchaler Rahmen und konkrete Vaterrolle – greifen ineinander, können sich auseinander nicht befreien, lassen die Jungen, die Emanzipierten nicht los.

Auch weil das Schweigen so stark ist, „das Unaussprechliche“ selbst zur Figur wird. Dagegen spricht und schreit und singt der Abend an, erfüllt die schwarzweiße Bühne Wolfgang Menardis, eine Mischung aus antiseptischem Krankenhauszimmer, kühler Wohlstandshöhle und Sportplatz, bevölkert von stereotypischen, gesichtslosen Familienrollenskulpturen in schwarz, darunter einem Vater auf einer Säule thronend, mit mal stiller, mal wütender Musik, wühlt sich hinein in die Stille, stellt sich ihr entgegen, mit immer neuen Verarbeitungskontellationen, rennt an, im Sprechen, im Spiel, in albtraumhaften Bildern voller Geschlechterverwirrung, in viel, sehr viel Komik, er lacht sich frei, frei von Rollenmustern, Gewaltvererbung, den Barrieren, welche die Väter nicht an die Kinder lassen und die nur in der Erinnerung zu durchbrechen sind. Gegen Ende gerät er etwas zu albtraumhaft, auch ist das Motiv des Kriegstraumas zu übermächtig, zu einfach als Erklärung und zugleich für die jüngeren Generationen zu irrelevant.

Ein anderes Motiv wirkt da eher: der Film. Zu Beginn fragt Dassler sich, ob er nicht einen Film spiele, ob das Vatermuster nicht zu sehr Skript, Rolle, aufgestülpte Figur sei. Später werden die Darsteller in Filmszenen von John Wayne hineinprojiziert, jenen Helden von Richters Vater, das Urbild des harten, dominanten, schweigsamen Mannes, rau, ohne Wärme, keinen Widerspruch duldend. Eine alt Flügelalter mischt diese Bilder mit Familienfotos der Darsteller-Väter, freundlichen Gesichter, ein wenig unsicher, aber keine Gewaltautomaten, eher Gefangene in einer Welt, die ihnen sagte, sie müssten John Wayne sein oder Charles Bronson. Ihnen stellt In My Room seinen eigenen Film entgegen, einen wilden, eklektischen, patchworkhaften, ironisierenden, einen der untergräbt, neue Bilder schafft, die alten persifliert und zurechtstutzt. Der keine Antworten hat, aber die Fragen zur Tür macht, um hinauszugehen, auf einen Weg, der andere Skripte liefern mag, neue Sichtweisen, der die alten Narrative verwirft. Ein weg, der nach diesen intensiven und lustvollen zweieinhalb Stunden möglich scheint. Der Vater ist exorziert, was kommt jetzt?

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