Der Klang des Zweifels

Heinar Kipphardt: In der Sache J. Robert Oppenheimer, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

Es wirkt fast wie abgesprochen: Am Vortag hatte neben an am Berliner Ensemble Brechts Galileo Galilei Premiere, dessen ursprüngliche Feier von Vernunft und Wissenschaft sein Autor auch unter dem Eindruck der Atombombe zu einer Diskussion über Verantwortung und die Missbräuchlichkeit menschlicher Forschung weiterentwickelte – da widmet sich das Deutsche Theater auch schon dem Erfinder selbiger apokalyptischer Waffe, dem amerikanischen Physiker J. Robert Oppenheimer. Heiner Kipphardts Stück dreht sich um die Sicherheitsanhörung Oppenheimers im Jahr 1954, bei der dem Wissenschaftler unter anderem seine Nähe zu Kommunist*innen und insbesondere die Skepsis bezüglich der Entwicklung einer Wasserstoffbombe zum Vorwurf gemacht wurden. Basierend auf den Anhörungsprotokollen zeichnet der Pionier des Dokumentartheaters das Bild eines Menschen, der mit den Widersprüchen der modernen Wissenschaft ringt – auf der einen Seite der unbedingte Forschungsdrang und Neuerungswillen, auf der anderen die Verantwortung für die Folgen der eignen Arbeit. Ihm Gegenüber steht auf der einen Seite ein zunehmend paranoider Sicherheitsapparat, den ausschließlich die Ergebnisse der Arbeit interessieren, und auf der anderen Kollegen wie Edward Teller, Entwickler der H-Bombe, für den die Folgen wissenschaftlicher Arbeit irrelevant sind und der die Autonomie der Wissenschaft einfordert.

Bild: Arno Declair

Das ist lange her, der Fortschrittsglaube jener Zeit schon längst nicht mehr das Mantra der postmodernen Gesellschaft. Und doch feiert gerade diese tödlichste aller Waffen gerade wieder gar nicht fröhliche Urständ, mit einem US-Präsidenten, der schon mal prahlt, sein Atomwaffenknopf sei größer als alle anderen und der nebenbei mal eben nukleare Abrüstungsabkommen kündigt. Und in einer Zeit, in der die digitale Revolution in ihre nächste Phase tritt und künstliche Intelligenz zu drohen beginnt, den Menschen in immer mehr Bereichen abzulösen, in denen Gentechnologien verschiedenster Art ermöglichen, in die Grundlagen menschlicher Existenz einzugreifen, stellt sich die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft dringlicher denn je.

Christopher Rüping holt sie ab, in der Vergangenheit, in der Kipphardt sie uns hinterließ. Leer ist Jonathan Mertz‘ Bühne zu Beginn, antiseptisch weiß, mittig ein ebensolcher Tisch, darauf Mikrofone und Videokameras. Hier beginnt die Anhörung. Sie wird eingesprochen aus dem Off, die Figuren sprechen sie nach, holen die Worte, die Zweifel, die quälenden Schuldgefühle, die Arroganz der Macht heraus aus der Vergangenheit, schaben sie vom toten Papier, stellen sie ins Hier und Jetzt. Katharina Matz gibt jovial und scharfäugig den Kommissionsvorsitzenden Gray, Maike Knirsch, heimtückisch dauerlächelnd den Ankläger Robb, Camill Jamal rechtschaffen und bieder den Verteidiger Marks, Michael Goldberg mit Freude an der Karikatur eine Parade unterschiedlichster Zeugen. Felix Goeser ist Oppenheimer: selbstsicher und zweifelnd, trotzig und angsterfüllt, schuldgeplagt und aufrecht. Der manchmal zur Brachialität neigende Schauspieler nimmt sich zurück, sucht und findet Zwischentöne – wie der gesamte Abend.

Rüping taucht ihn bei aller gleißender Helligkeit intellektuell ins Zwielicht. Je länger er fortschreitet, desto mehr bröckeln die Gewissheiten. Mobiliar wird hereingeschoben, eine Wohnlandschaft entsteht, Rückzugsort und Kampffläche. Die Kameras gehen nicht mehr aus, das Private wird aufgedeckt, die Überwachung total, wie vom wunderbar schmierig von Goldberg in Szene gesetzten FBI-Mann Pash gefordert. Hier äußert sich die zweite Ebene des Stückes, die Macht des Staates, die Frage, was Regierungen dürfen, um die Sicherheit zu gewährleisten, in wieweit sie die Freiheiten, auf denen die Gesellschaft fußt, dafür einschränken dürfen. Rüping lässt das weniger diskutieren, als er es zeigt, wenn er die Anhörung hineintröpfeln lässt in den privaten Raum, beide verschmilzt und mit ihnen Vergangenheit und Gegenwart. Plötzlich stecken die Akteur*innen in historischer Kleidung. Die damaligen Konflikte sind auch unsere, nichts ist geklärt, der Teppich wölbt sich durch das, was unter ihn gekehrt wurde.

Und so kommen wir zurück zur Verantwortungsfrage. Immer fragiler wird Oppenheimers Position, auch als irgendwann der Geist seiner Ex-Verlobten Jean Tatlock (Wiebke Mollenhauer, die auch die Protokollstimme spricht) auftaucht, einer Kommunistin, die sich das Leben nahm und nun vom Staat als sich nicht mehr wehren könnendes Beweisstück hervorgezerrt wird. Der Zweck heiligt die Mittel, das sieht Robb so und auch Goldbergs ein wenig zu arrogant seifig geratener Teller. Dazwischen sieht sich Goesers Oppenheimer sichtlich geschwächt. Während die anderen feste Positionen auf der Bühne finden, irrt er ziellos herum, aufgerieben zwischen Verantwortungen unterschiedlichster Ordnung. Denn folgen nicht auch die Gegner solchen, wenngleich anders verstandenen? Am deutlichsten wird das, wenn Knirsch an der Rampe Robbs Schlussplädoyer umwandelt in ein flammendes und reichlich aggressives Plädoyer für den Mut, nach neuem zu forschen und gegen eine Herrschaft der Angst, die sie auch Oppenheimer vorwirft. Die heutige Zeit sei „aus der Angst geboren“, sagt sie.

Und plötzlich wackelt das Denkmal Oppenheimer, stellt sich die Frage, ob seine Verantwortung nicht Selbstgerechtigkeit, sein Mut nicht eigentlich Verantwortungslosigkeit sei, weil er die Wissenschaft einer persönlichen Moral unterordnete? Die Bühne ist wieder leer, bereit für die Zukunft. Und da ist sie: Mit Lampe ausgestattete Roboter mäandern über die Bühne, eine von Rüpings geliebten Nebenwänden zeigt Projektionen einen Menschen als reproduzierbares Echo. Mollenhauer spricht Oppenheimers Schlussworte: nicht den flammenden Appell aus dem Stück, sondern die echten, eine kurze leere Dankesformel, dazu des Physikers eigene Worte an Kipphardt, dieser habe aus einer Farce eine Tragödie gemacht. Für die benötigt es eine Gewissheit, was gut ist und was böse. Die hatte schon Oppenheimer nicht, und der Abend verwirft sie gänzlich. was so glasklar und sicher begann, endet in der Ambiguität. Die Darsteller*innen blicken in ein grelles Licht und treten ab in selbiges hineintretend. ist es die Vernichtung der Atombombe oder das Licht die Menschheit zu neuen Zeiten führender Erkenntnis. Es bleibt unklar. Dieser subtile, zuweilen verspielte, in Detail auch mal alberner und hin und wieder ein bisschen selbstverliebte Abend sucht keine Antworten. er hinterfragt die Prämissen und Gewissheiten sowohl Oppenheimers und seiner Gegner als auch Kipphardts. Wo jener die Diskussion als beendet charakterisiert, will Rüping sie wieder eröffnen, sieht sie am Anfang, eine Diskussion über Verantwortung, Fortschritt, Sicherheit, Freiheit. Dieser Theaterabend ist ein Gesprächsangebot: offen, widersprüchlich, sich selbst nie ganz sicher und diese Unsicherheit stets reflektierend. Ein sehr stiller, im Zwischenreich der Frage schwebend, wie der Klang des Zweifels, den Christoph Hart ihm komponiert hat, einer, der sich verstärkt, der laut und eindringlich nachtönt. Hoffentlich für längere Zeit.

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