Aus der Versenkung

Leander Haußmann: Haußmanns Staatssicherheitstheater, Volksbühne Berlin (Regie: Leander Haußmann)

Von Sascha Krieger

Auferstanden aus Ruinen: Als die DDR-Nationalhymne noch einen Text hatte (die Textzeile „Deutschland einig Vaterland“ erschien spätestens nach dem Mauerbau nicht mehr opportun), begann sie mit diesen Worten. Ruiniert findet so mancher auch die Volksbühne, die Wunden der kurzen Ära Chris Dercon sind noch nicht verheilt, die Tränen über das Ende der Castorf-Intendanz noch nicht getrocknet. Dieser Abend, die erste eigene Schauspielpremiere der Interimsintendanz von Klaus Dörr, erscheint manchem als Neuanfang, einer, der – auch das überrascht nicht – ein multipler Blick zurück ist. Regisseur Leander Haußmann hat in der Castorf-Zeit hier mehrfach inszeniert, er feierte an diesem Ort 2011 sein (reichlich deaströses) Theater-Comeback und er widmet sich nun einer der Kernthemen der Castorf-Ära: der ostdeutschen Vergangenheit und dem spezifischen Selbstverständnis und der Identität dieses keineswegs homogenen Teils Deutschlands. Dass der Premierenabend Anlass für Castorf selbst ist, „sein Haus“ erstmals wieder zu betreten, überrascht nicht. Nostalgie breitet sich aus, die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, deren Verklärung schon Jahre vor ihrem ende eingesetzt hatte.

Bild: Harald Hauswald

Viel Last für diesen Abend, der seinen Neuanfangs-Charakter zunächst eindrucksvoll in Szene  setzt: Leer ist die Bühne, auf die Volksbühnen-Urgestein Sylvia Rieger klettert, wo sie sich im Spotlight orientierungslos, fragend, verwirrt umsieht. Kein Anhaltspunkt nirgends. Doch Hilfe ist unterwegs. Ein paar Bühnenarbeiter rollen ein Kulissenfragment herein. Eine Dachkanner und ein Stück treppenhaus. Abgelebt, Überbleibsel eines längst verschwundenen Berlins. Dann noch eines: ein Dachboden, ein weiteres Zitat einer verschwundenen Welt. Die plötzlich im Wortsinn aus der Versenkung emporgeholt wird: Ein Stockwerk eines typischen Wohnhauses im Prenzlauer Berg aus den 1970er/80er-Jahren, dann noch eines. Dreistöckig steht eine vergessene Sammlung Leben vor uns, detailgetreu, mit viel Liebe zur Genauigkeit und zugleich Miniatur eines klaustrophobischen, abgeschlossenen Landes. Denn in Lothar Hollers grandiosem Bühnenbild leben nicht nur die Menschen vor sich hin, oben regiert Stasi-Chef Mielke und horchen seine Schergen, deren Nachwuchs zwei Etagen drunter ausgebildet wird, die dort Lebenden aus, unten links liegt eine Kneipe als Rückzugsort und zugleich Präsentierteller. alles ist privat, in kleine Boxen aufgeteilt und zugleich öffentlich, so zugänglich dem Blick und Ohr des Staates wie nun den Augen der Zuschauer*innen.

Der Naturalismus wird sogleich symbolisch aufgebrochen, denn das hier ist exemplarisch, steht für ein Land, eine Welt, eine Ideologie. Der Prolog ist etwas zäh: Ein erfolgreicher Schriftsteller kommt mit seiner Stasiakte nach Hause, in der ein paar Briefe stecken, die zu einer handfesten Ehekrise führen, die den Dichter (Horst Kotterba) zur bitteren Erkenntnis führen, die Zersetzungstaktiken der Stasi hätten am Ende doch Erfolg. Deren Vermächtnis ist denn auch das Thema des von Uwe Dag Berlin gespielten Ex-MfS-Offiziers, der in der Kneipe über die verweigerte Integration der hauptamtlichen Mitarbeiter in die neue Bundesrepublik schwadroniert und dabei einen Bogen zu Pegida und Co. schlägt. So sehr Kotterba und Rieger aus dem Ehekrach Funken zu schlagen vermögen und Dag Berlin mit seiner Mischung aus nüchternem Scharfblick, jammernder Verbitterung und gefährlicher Aggressivität überzeugt, so wenig kommt das zunächst von der Stelle, geriert das zur Nummernrevue bemühter Vergangenheitsaufarbeitung.

Denn diese ist mächtiger. So geistert denn auch Antonia Bill als junge Version Riegers durchs Haus, begegnet ihrem älteren Alter (!) Ego und führt langsam die Szenerie ins Geisterreich verdrängter Erinnerung. Bald geht es zu den Ursprüngen der Geschichte und zu Matthias Mosbach, Kotterbas junger Variante, ein schluffig selbstbewusster Jüngling im abgerissenen Siebziger-Look, mehr ins Stasi-Sein hineingeworfen als Karriere suchend, ein rückgratfreier Opportunist mit Hang zur Komfortzone, ein Extremist der Bequemlichkeit. Er ist Teil eines Experiments, mit dem „Hauptamtliche“ zu „Künstlern“ ausgebildet werden sollen, um mit ihnen die verdächtige Ostberliner Bohème zu infiltrieren – was, wie wir vom gealterten Ludger wissen, offenbar gut funktioniert hat. Das ist hochkomisch und endet immer wieder – am Beispiel der von Ernst-Busch-Studenten gespielten Jung-Geheimdienstler – in Lächerlichkeit.

Wo Haußmann den Stasi-Staat überhaupt verortet: Wenn Stasi-Chef Mielke (grandios und mit albtrauminduzierendem Akzent: Waldemar Kobus) über sein Frühstück referiert und sich mit seinen Untergebenen (darunter der den Spagat zwischen Spießer und Lebenszerstörer brillant meisternde Norbert Stöß) in Labyrinthen gegenseitiger Bespitzelung verfängt, fängt das die Absurdität der Mischung aus Diktatur und Kleinbürgerparadies, das die späte DDR war, auf kongeniale Weise ein. genau auf diese zielt Leander Haußmanns Blick: Die Zerstörung, welche der Stasi-Apparat anrichtete, wird bestenfalls gestreift – was man an dem Abend kritisieren kann – der Fokus liegt auf dem Staunen über die Ineffizienz, die sich in den Schwanz beißende Paranoia und die Lächerlichkeit eines Unterdrückungsregimes, das sich am Ende selbst abschaffte.

Und das zutiefst theatralisch war: Jeder spielte eine Rolle, die Überwacher ebenso wie die Überwachten. Und so findet Haußmann des Kern seines Stücks im Spiel, im Als-ob, in der Performance. Dieses Mietshaus ist nicht nur im Wortsinn Bühne. Man verkleidet, verbirgt, maskiert sich – Mosbach hat seinen Durchbruch als „Künstler“ passend in einem Sascha-Anderson-Outfit – wendet sich immer wieder zur Rampe, sein wahres Publikum da draußen wissend. Ständig wird performt, die Eifersucht, die Liebe sowieso, die Kunst erst recht, und von der Macht reden wir gar nicht erst. Schnell stellt sich die Frage nach dem Schein und dem Sein nicht, denn alles ist ersteres. Man darf dem Abend vorwerfen, dass das auf Kosten seiner Tiefe geht, aber die Extreme, in die Haußmann dieses Theater-Land treibt sind atemberaubend. es regiert der Slapstick, am eindrucksvollsten in der langen Szenenfolge, in der ein konspirativer Zersetzungsauftrag des Neu-Spitzels Ludger gehörig schief geht und zum Tod des Vaters und dem Beginn einer eigenen Beziehung samt Dichterkarriere führt. Dass das alles andere ist als verharmlosend, belegt Stöß‘ anschließender massiver Gewaltausbruch gegen den seine Pflichten verletztenden Ludger. Das Lachen wird hier eher noch lauter, aber es kratzt schon arg im Hals.

Am Ende kippt das Geschehen vollends ins Absurde: da wird der Stasi-Staat als absolutistischer Barockhof re-imaginiert, bevor sich alles in einer ins Nichts gerollte Szene-Kneipenminiaatur auflöst. Das Spiel ist längst Selbstzweck geworden, die Party steigt im Nirgendwo, die Gespenster feiern sich und sind doch längst vergangen. Denn so wie Haußmann zu beginn die Vergangenheit aus der Tiefe holt, lässt er sie am Ende wieder dort verschwinden. Das Dichter-Geheimnis bleibt unentdeckt, die Stachel, die einst der Frühstücksei-Fanatiker Mielke setzte, wirken weiter, die „Famielke“, von der er, ganz Mafia-Pate, faselte, bleibt nach wie vor in so mancher Hirnwindung von Opfer wie Täter eingenistet. Also wird weiter gespielt und gescheitert. Immer weiter, das Ende nicht nur einmal verpassend, ausufernd, mit schiefem Timing, zerfasernd und immer und immer wieder den falschen Ton treffend. Ja, da ist eine Menge Castorf-Spirit zu spüren, aber auch der improvisatorische geist des DDR-Alltags. Haußmann, Stöß und Dag Berlin haben einst gemeinsam in Gera Schauspiel studiert, ein Graffito brachte Stöß hinter Gitter, teile ihrer Stasiakten befinden sich im Programmheft. jetzt kehrt die Vergangenheit zurück, wird die Geschichte wiederholt, als Farce, wie Marx vorhergesagt hatte. Die einen bleiben beglückt zurück, die anderen verärgert (Was ist mit dem Widerstand? Den Opfern? Den Verbrechen?). Leander Haußmanns Blick ist selektiv, subjektiv, der eines Clowns, ein Chaplin-Wiedergänger, der in The Great Dictator die Verbrechen weglachte und sie eben dadurch affirmierte. Reiben kann man sich an diesem Abend und das ist doch schon mal eine gute Parallele zu dem, was hier einst geschah.

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