Bitte recht freundlich

Das Konzerhausorchester Berlin, András Schiff und Ivan Fischer mit Werken von Strauss, Brahms und Schubert im Rahmen der Hommage an die Wiener Philharmoniker

Von Sascha Krieger

Wenn man sich Gäste einlädt, gebührt es sich, sie zunächst einmal angemessen zu begrüßen. Das hält auch das Konzerthaus Berlin so, das sich für seine jährliche Hommage in diesem Jahr ein ganzes Orchester ausgesucht haben: die altehrwürdigen Wiener Philharmoniker, die im vergangenen Jahr ihr 175-jähriges Bestehen feierten. Sie verbindet eine lange und enge Geschichte mit dem Haus: Nur drei Wochen nach der (Wieder-?)Eröffnung im Oktober 1984 gastierten sie hier zum ersten Mal, gut ein Dutzend Auftritte folgten, zuletzt waren sie vor wenigen Wochen in einer Art Hommage-Vorspiel mit einem besonderen 360-Grad-Konzert im Haus. Doch wie gesagt: Zunächst wollen die Gäste begrüßt werden, bevor sie in der kommenden Woche zwei weitere Gastspiele bestreiten. Das übernimmt natürlich der Hausherr, das Konzerthausorchester, geleitet von Ivàn Fischer, der bis zur vergangenen Spielzeit Chefdirigant war und als Ungar eine gewisse KuK-Note in die Feierlichkeiten bringen könnte. Ähnliches gilt für Solist András Schiff, derzeit Artist in Residence am Konzerthaus.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

Wie es nun mal so ist mit Begrüßungen, versucht man sie freundlich zu halten und alles zu vermeiden, was irritieren könnte. Dies scheint das Motto dieses Eröffnungskonzert zu sein, das mit Richard Strauss vor bald 100 Jahren komponierter Fanfare für die Wiener Philharmoniker anhebt. Diese gerät den Berliner Blechbläsern ein wenig trocken und spröde, aber unverbindlich genug, um nicht zu stören. Das tut auch das überlange zweite Klavierkonzert von Johannes Brahms nicht. Ein nicht einfach zu bewältigendes Werk ohne große Spannungsbögen oder vordergründige Effekte, eines, in das man sich tief eingraben muss, um die Koomplexität, die strukturellen Verzahnungen und klanglichen Verwirbelungen hervorzuholen. Fischer tut das nicht und so passiert, was in einem solchen Fall mit diesem Werk eben geschieht: Es langweilt.

Da kann auch der natürlich famose András Schiff nicht viel tun. Mit reichlich Energie, festem Anschlag, klarem Spiel und einem Sinn für Dynamik und Rhythmik tut er einiges dafür, Brahms‘ mäanderndem Material ein paar Nuancen zu verleihen. Übermäßiger Gestaltungswillen ist aber auch bei ihm nicht zu beobachten. Er formt die thematischen Gebilde plastisch und stellt sie in aller gebotenen Deutlichkeit aus, hinterfragt aber nicht Strukturen, sucht keine Brüche, sondern folgt dem vom intransparenten, dunkel grundierten und  farbarmen Orchester vorgegebenen Dahinplätschern der Brahmsschen Schlängelpfade. Einem schön versonnenen Frage-Antwortspiel zu Beginn des Kopfsatzes folgt denn ein dialogarmer, eher zäher Fluss, der nicht viel falsch macht, aber sämtliche Spannung aus dem Saal saugt. Alles bleibt im mittleren Bereich: Detailschärfe, rhythmische Setzungen, Klangbild, dynamische Kontraste. Nichts tut weh und das ist dann auch schon alles. Das gilt in gleichem Maße für die Sätze zwei und vier. In ersterem versucht sich das Orchester mal kurz an Dramatik, senkt den Kopf aber schnell wieder unter Tellerrand-Niveau, drückt zuweilen ein wenig zu sehr auf die Tube, ersetzt stringente Interpretation durch kraftlose Behauptung, während Schiff mit energischem Spiel eine Kraftquelle sucht, die er in diesem Orchester nicht findet. Hübsch schwungvoll das Finale, leichtfüßig die Vorgabe des Solisten. Das Orchester sucht öfters die Piano-Regionen und geht in den „ungarisch§ anmutenden Passagen gern in die Breite. Ein zufällig abgelauschter Pausenkommentar erwähnte das Wort Filmmusik. Ganz falsch ist das nicht Immerhin gelingt hier die klangliche Balance zwischen Höhen und Tiefen besser als etwa im unwuchtigen zweiten Satz.

Eine Ausnahme ist der langsame Abschnitt. Hier lassen Orchester und Solist erahnen, was möglich wären, wenn beide Lust auf Interpretation und Gestaltung gehabt hätten. Wunderbar der Gesang des Solo-Cellos zu Beginn, berückend das Nachlauschen des Soloinstruments über scheuen Streicherflächen im weiteren Verlauf. In diesem dritten Satz geben Orchester und Solist der Musik endlich Raum, Zeit und Luft zum Atmen, hören genau hin, schauen hinter den Vorhang. Besinnlich tasten sie sich in die Musik, finden gar zum Zwiegespräch, etwa wenn gegen Ende das Cello erneut antwortet, öffnen das Klangbild leicht, erweitern das Farbspektrum, erzeugen ein wenig Spannung zwischen dem lyrisch hellen Grundton und den stets lauernden Schatten.

Es bleibt ein kurzer Moment der Wachheit an einem Abend schlafwandlerischer Freundlichkeit. Die erfüllt nach der Pause auch Franz Schuberts vierte Symphonie, die lange als leichtgewichtig galt. Der Abend tut leider wenig, um dem zu widersprechen. Überbetont ernst und feierlich Beginn und Ende des Halbstünders. Dazwischen viel Zug, Wille zur rhythmischen Prägnanz, doch wirkt vieles eher angepappt als organisch entwickelt. Da wird die durchaus interessante Rhythmik des Kopfsatzes mehr ausgestellt und musikalisch verarbeitet, bleibt auch in der Folge viele trocken und berechnet. Besonders im an dritter Stelle stehenden Menuetto, dem viel von seiner Schroffheit, seinen rauen Kanten genommen wird und der ziemlich freundlich verplätschert.

Etwas besser der vorangehende langsame Satz, in dem die Instrumentengruppen (vor allem Streicher und Holzbläser) ein wenig farblich und klanglich dialogisieren dürfen, was etwas Spannung und ein bisschen Licht ins Grau bringt. Doch fallen die Moll-Wendungen wieder ab, Störungen erlaubt diese dauerlächelnde Schubert-Interpretation nicht. Aber wenigstens überzeugt das Gesangliche, das den Bogen spannt ins Finale. Da versuchen der erst des ersten und die lichte Sanglichkeit des zweiten Satzes ein kleines Pas de deux, das schnell abkippt: zunächst in ein seltsames Rasen, später in unverbindliche Beschwingtheit vereinen sich. Auch hier gilt: die sanglichen Passagen gelingen recht gut, die Kraftentladungen verpuffen. So verbleibt das alles auf einem interpretatorischen Niveau knapp oberhalb von Fahrstuhlmusik. Ein freundlicher Gruß an die geschätzten Gäste ist dieser schnell vergessene Abend. Mehr nicht.

Werbeanzeigen

Ein Gedanke zu „Bitte recht freundlich

  1. […] Kritik: Der scharfohrige Sascha Krieger hat (fast) alles genau andersherum […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Werbeanzeigen
%d Bloggern gefällt das: