Wenn Elektra Gollum trifft

Elias Geißler, Josefin Fischer: Core of Crisis!, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Elias Geißler, Leonie Volke)

Von Sascha Krieger

Ja, wo ist er denn, der Kern der Krise? Und welcher Krise eigentlich, wie Churchill fragen würde oder von wem auch immer das Zitat tatsächlich nicht stammt. An diesem Abend, dem neuesten Streich der Überlebenskünstler von P14, dem Jugendtheater der Castorfschen-Volksbühne, das unter dessen Nach-Nachfolger irgendwie immer noch da ist, ist alles Krise. Wiße Plastikplanen hängen von der Decke machen die Bühne (Lais Castro Reis) zu einer art Albtraum Labyrinth innerer Welten, die krampfhaft versuchen sich nach außen zu kehren, Realität zu werden, die sie da drinnen längst sind. Eingeführt von Luzie Scheuritzel als der am wenigsten vertrauenswürdigen aller Erzählerinnen sehen wir eine Familie, optisch angesiedelt irgendwo zwischen Dreißigjährigem Krieg und Biedermeier (Kostüme: Lea Knippenberg und Pauline Wedler), deren Mutter (grandios: Mariann Yar) unter wahnhaften Vorstellungen zu leiden scheint, während der Vater (Lennart Webs) sich als manipulativer Patriarch entpuppt. Hinzu kommen die Zwillingen Ophelia und Amor (gespielt mit brachial-nuancierter Körperlichkeit von den Wandelbarkeits-Virtuos*innen Marie Tragousti und Sammy Scheuritzel), die sich gerade in einer irrwitzig schönen Szene dabei beobachten ließen, wie sie ihren Weg aus der ersten (dem Mutterleib) in die zweite Welt – die Familienhölle – fanden.

Die nicht weniger einengende ist als die erste. Eine jüngere Schwester (eine irrsinnige Gollum-Variation hinzimmernd: Josefin Fischer) erscheint, der Vater erweist sich als Mischung aus Faust, Frankenstein und Jack the Ripper, was der Lebenserwartung besagter Tochter Lilith nicht gut tut. Ophelia (!) wird zu Elektra, ruft die Erinnyen an, die tatsächlich ans Telefon gehen und als Mix aus Superhelden und Gay-Fashion-Icons den Mörder-Vater meucheln, worauf das Geschwisterpaar die elterliche Höhle verlässt und in einer hoch komischen Serie von Videoeinspielern durch ein verwundertes Berlin irrt, bevor sie zurück kehren in den Albtraum, der Bestand hat, weil Innen und Außen nicht zusammen passen wollen, Letzteres sich als flüchtig erweist und Ersteres in den einstudierten Traumata feststeckt. „Wir haben die Vergangenheit (…) mitgenommen“, sagt Amor einmal. Doch wessen und wie weit geht sie zurück?

Es ist die Familieneinheit als Miniatur gesellschaftlicher Machtverhältnisse, die den „Core of Crisis“ bildet. Ein patriarchales System fester Rollenzuordnen, so eingefahren, dass es sich nur noch als Horrorszenario darstellen lässt. Und so wandelt der Abend über weite Strecken zwischen viktorianischer Gothic Novel und (post)modernem Slasherfilm, zitiert sich durch die Literatur und (Trivial-)Kulturgeschichte, lässt die „Blair Witch“ auf Hänsel und Gretel treffen, macht Halt bei Euripides und Mary Shelley, der Bibel und dem Exorzisten, Batman und René Pollesch. Ein wilder Genremix diskutiert Macht und Liebesfähigkeit, das Kippen Letzterer in Gewalt, die Macht und Ohnmacht der Fantasie als Möglichkeitsraum und Gefängnis, führt patriarchale Strukturen ins Extrem und sucht den Ausweg im Spiel. Zu Beginn probieren es die ungeborenen Zwillinge mit der „Schädellage“, um hinauszukommen in die Welt. es gelingt und tut es später, als es die nächste, die reale (?) Welt zu finden gilt, erneut. Mit ihr endet der Abend auch. Ob ein weiterer Ausweg zu finden ist, bleibt unklar.

Denn vielleicht ist dieser längst gefunden oder gänzlich unmöglich. Oder beides. Dieser Abend ist vor allem eines: Theater, pures Spiel. Die ohne Ausnahme fantastischen zehn jungen Spieler*innen – zu nennen sind noch Castro Reis, Rosa Raue und Julius Franke als das wunderbar comichafte Rächer*innen-Trio und der angesichts der gedanklichen und rhetorischen Überfülle der Aus-der-Zeit-Gefallenen herrlich die Verlorenheit der Heutigen skizzierende Caspar Unterweger –  pflügen sich durch die Register, durch Schauermärchen, Slasherfilm und hohe Tragödie, aber auch Farce, Stummfilmgestik oder Diskurstheater, versuchen sich an allen möglichen (und einigen unmöglichen)  Drastellungs-, Sprech- und ausdrucksformen, fallen von ergreifender Düsternis und schockierender Gewalt und schenkelklopfende Komik und zurück, ironisieren alles und jeden und am Ende auch die Ironie selbst, die urplötzlich wieder zu tödlichem Ernst mutiert.

Es ist ein Anspielen gegen die Geister, die Dämonen von 2000 Jahren familienbasierter „Zivilisation“, ein Eintauchen in Fantasiewelten, ein Freispielen durch die Kraft der Einbildung, die in Albernheiten abdriftet aber auch zur Hoffnung wird, die Auswege aufzeigt und stets zum Albtraum werden kann. Die in nur per Videokamera (Nimo Wöginger und Esther Glandien sind im Dauereinsatz) zugängliche Hinterzimmer führt, die sich natürlich auch als Orte des Verdrängten und nicht Abschüttelbaren lesen lassen zurückziehen, die ihre Verlorenen durch das Labyrinth der Wirklichkeiten wandeln lässt, um am Ende am greifbarsten und unsichersten Ort von allen herauszukommen: der Bühne. Dort, wo die Fantasie, wo das Spiel herrschen, Wirklichkeiten entstehen und platzen. Wo es keine Antworten gibt, sondern nur Fragen. Keinen Ausweg, aber die Vorstellung davon. Wo Elektra auf Gollum trifft und mit ihm eins wird. Oder zwei oder drei. Am Ende versucht die Mutter den Zwillingen ein Geheimnis zu verraten, aber sie hat es vergessen. Vielleicht haben wir es in den zweieinhalb vorangegangenen Stunden nicht verstanden, aber zumindest erlebt.

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