Der Wundenöffner

Oliver Frljić: Damned Be the Traitor of His Homeland!, Mladinsko Theatre, Ljubljana / Gastspiel im Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Oliver Frljić)

Von Sascha Krieger

Acht Jahre alte ist Oliver Frljićs Damned Be the Traitor of His Homeland! mittlerweile, seine theatrale Abrechung mit den Folgen und Ursachen und Traumata und den nach wie vor glimmenden Lunten der gewaltsamen Auflösung Jugoslawiens, mit dem Erbe einer verlorenen und vielleicht schon immer illusorischen Heimat, den Wunden, die Vorurteile schlugen und wieder erzeugten, dem Hass auf andere und sich selbst, den Narben, die nicht verheilen, weil sie sorgsam verborgen werden. Der gerade 75-minütige Abend hebt an mit einem Konzert der Toten. Verstreut liegen sie auf der Bühne und spielen eine melancholische Melodie, die sanft anschwillt und sacht erstirbt, als eine*r nach der*m  Anderen die Bühne verlässt. Am Ende ruft nur noch einsam die Trompete in die Leere hinein. Dann bricht die Stimmung. Die Schauspieler*innen erzählen Todesmeldungen, fiktive, ihre eigenen, die des Autors. Sie kulminieren alle in einer Masturbationsszene eines Frljić-Stückes. Das Theater, die subversive Provokation der Bühne als Urgrund alles Leidens. Willkommen in der bitterbösen Frljićschen Ironie!

Das Maxim Gorki Theater (Bild: Sascha Krieger)

In der Folge treibt der Abend sein Publikum durch eine eklektische Abfolge theatraler Mittel und Erzählweisen, die alle ein Trauma umkreisen, das sich schwer fassen lässt, weil es das Kollektive wie das Persönliche umfasst, den Einzelnen wie die Gemeinschaft in Geiselhaft halten. Immer wieder werden die Darsteller*innen symbolisch erschossen und erstehen wieder auf. Volkslieder und Balkan-Pop erschallt, Flaggen, damalige und heutige werden zu Couture in einer patriotischen Modenschau, zu Objekten uringeschwängerter Hassentladungen und zu Leichentüchers. Ein Kollege mit kroatischer Mutter wird angegangen ob seiner Herkunft und dem Misstrauen bezüglich seiner Identität. Die Lage eskaliert und endet in einem Massaker, in dem jede*r zur Zielscheibe wird. Später, aufgereiht an der Rampe, erzählt Draga Potočnjak von der Weigerung, ein Lied zu singen, an deren Aufnahme die spätere Frau eines serbischen Kriegsverbrechers beteiligt war. Die Diskussion, in der dritten Person, aber mit verteilten Rollen, erinnert,  erschaffen, imaginiert, wird grundsätzlich und legt – distanziert, chirurgisch genau, die Gräben offen, die nicht nur durch die ex-jugoslawischen Gesellschaften laufen, sondern durch jede*n Einzelne*n.

Es sind diese, ernsten, konzentrierten, dichten Momente, in denen dieser Abend am stärksten wirkt, nicht die ironischen, provokativen, anarchischen. Eine Wutrede, die in der Originalaufführung auf serbisch in das slowenische Publikum geschleudert wurde und deren vermeintliche moralische Überlegenheit aufgriff, wird nun zu einer müssen Beleidigung der vermeintlich so „politisch korrekten“ Deutschen, ein Klischeefest, das im wohligen Gelächter verpufft. Eine Pflichtübung, ein mechanisches Kratzen an der vierten Wand, das niemanden tangiert, weil es so blutleer, so allein an diesem Haus, dem Gastspielort Gorki tausendmal gehört daherkommt, sich so seltsam vom Rest des Abends abhebt, dass es vollständig verpufft. Da lehnt sich der Zuschauer ungestört zurück – was in anderen Momenten schwerer fällt. Nämlich dann, wenn es an die Substanz geht, die Tödlichkeit von Vorurteilen aufblitzt, die Maske abfällt. Da kann noch so oft versichert werden, alles sei nur Theater, hier bricht die Wirklichkeit durch, erzeugt Unsicherheit, Unschärfe, Ungewissheit.

Und hier liegt der Kern von Frljićs Diagnose: die Erschütterung von Gewissheiten, fein zurechtgelegten Identitäten, die urplötzlich zerbersten, zersplittern, verschwinden. Hier knallen sie immer wieder auf die Bretter, in verzweifelt wiederholten Versatzstücken und auswendig gelernten Phrasen, der Unmöglichkeit miteinander zu interagieren – oder wenn, dann nur mittels Gewalt. Symptomatisch, dass die Auseinandersetzung über die Liedverweigerung monologisch geschieht, die Sprecher*innen starren ins Publikum. Kein Gespräch, kein Näherkommen, kein Verstehenwollen, sondern das sich Verschanzen im letzten Rest kollektiver Identität, die längst zur individuellen geworden ist. Fällt sie ab, bleibt nichts. In diesen Sequenzen ist Oliver Frljić ganz nahe am Grundproblem zerfallender, sich selbst erodierender Gesellschaften. Der Balkan-Pop, die ironischen Distanzierungen und metatheatralen Spielereien mögen das Publikum bei der Stange halten für genau diese Momente sich den Weg freischaufelnder Wahrheiten. Keine Antworten nirgends, aber wer sich den wunden nicht widmet, wird sie nie heilen können. Und vielleicht muss man sie erst wieder öffnen, um sie endgültig schließen zu können. Das tut dieser Abend. Zu selten, aber er tut es.

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