Just like Johnny Cash

Paavo Järvi dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Brahms und Lutosławski

Von Sascha Krieger

Es gibt Dirigenten, bei denen es schwer ist, unter all der Show die Substanz zu entdecken. Es gibt die Sachlichen, Trockenen, die ernsthaften Partiturarbeiter, bei denen unter lauter Tiefenschürfen die Freude an der Musik zu verschwinden droht. Es gibt solche, die mit großer Gestik auf den maximalen Effekt zielen und jene, die tief schürfen, analysieren, die Partitur zum Forschungsobjekt machen und den Konzertsaal zum Labor. Und dann gibt es Paavo Järvi. Der Este ist einer, der zum Punkt kommt, nicht lange fackelt, für den Effekt und Analyse einander bedingen, ein Wirkungsdirigent, der in der Partitur gräbt, und für den es nur eines nicht gibt: alles, was keine musikalische Funktion erfüllt. Ein „no-bullshit conductor“, könnte man im für solche nicht beleidigende Direktheit besser geeigneten Englisch sagen. Und nein, „Bullshit“ gibt es an diesem Abend mit den Berliner Philharmonikern nicht zu hören. Keine zwei Stunden, das mittlerweile fast obligatorische Limit, dauert er. Dann ist alles gesagt. „When my song’s done, it’s done“, hat Johnny Cash einmal gesagt. Paavo Järvi, der Johnny Cash unter den Dirigenten? Ja, vielleicht auch das.

Paavo Järvi (Bild: Julia Bayer)

Cash, so weiß man, war ein Mann des Dunklen. Einer, der populärste Musik machte, in der immer irgendwo ein schwarzer Schatten blieb, der über Liebe sang und in einer Ecke die ganze Last menschlicher Existenz verbarg. Und der den „bullshit“ ebenso haste, der keine show machte, sondern Musik. Damit kommt man der Essenz dieses Konzertprogramms schon recht nahe. Vor allem nach der Pause, wenn Johannes Brahms‘ vermeintlich „leichte“, lange als „pastoral“ missverstandene zweite Symphonie auf dem Programm steht. Bei Järvi ist die Dunkelheit, ist der Abgrund in jedem Moment sicht- und hörbar. Da kann der Kopfsatz noch so hell leuchten, das Licht klar aus allen Instrumenten singen, der Este findet stets die kleinen Schattierungen, die kaum erkennbaren Verdunkelungen, die oft flüchtigen Andeutungen einer Moll-Wendung. Er stellt sie nicht aus, aber er lässt das hellwache Orchester die kleinen Abzweigungen nehmen, die sie schnell wieder auf den „rechten Weg“ zurückführen, aber nicht ohne, dass da etwas bleibt. Er spielt mit Vorder- und Hintergrund, findet Ambivalenzen, Ungewissheiten und führt sie in eine ungeahnte Schärfe und Härte, die gegen Ende des ersten Satzes näher bei Schostakowitsch ist als beim hier wohl Pate stehenden Schubert. Bei aller Leichtigkeit, allem unbeschwertem Gesang, den der Dirigent seine Musiker*innen zelebrieren lässt wie kaum ein anderer, ist die dunkle Seite der Welt nie weit.

Keine Freude ohne Schmerz: Dieses Motto verfolgt diese Interpretation auch in den weiteren drei Sätzen. Im langsamen zweiten beleuchtet Järvi die unterschiedlichen Klangschichten, stellt der hellen Oberfläche eine dunkle , erdige Grundierung zur Seite, findet plötzliche, unerwartete Kippbewegeungen, subtile, sanfte Hell-Dunkel-Wechsel, die das Geschehen in der Schwebe halten. Ein berührender Gesang, ein zartes Tänzchen in Sichtweite des Abgrunds. Sehr ähnlich der beschwingte, vielstimmige und vielfarbige dritte Satz. Hier entfaltet das Orchester ein enormes Spektrum , ein buntes Klangbouquet, das stets, wie im zweiten, zu Kippen droht. In Bedrohung und gar Gewalt, wie sie sich erschütternd gegen Ende des langsamen Satzes zeigte, oder auch in Richtung Stille, Auflösung, Nichts. Die Lebensmitte muss sich stets der Ränder erwehren. Und mit ihnen leben. Das potenziert sich noch einmal im Finale: Frei und zauberhaft die Momente des Durchatmens, des hoffnungsvollen Singens, wild, rasend die Lebensenergie. Das kann jeden Moment in Gewalt umschlagen, in Auslöschung. Zurücknahme steht neben träumerischem Tanz, Freude neben Angst, Strahlen neben Dramatik. Zuweilen reduziert Paavo Järvi den Klangapparat so weit, dass er klingt wie hinter Glas. Auch dies eine Vision des Verschwindens. Der unbeschwerte Lebensfeier findet hier am Krater eines Vulkans statt. Das ist ganz in Brahms‘ Sinne.

Und folgt direkt aus dem ersten Teil des Abends, Witold Lutosławskis Orchesterkonzert, dem Höhe- und Endpunkt seiner frühen Schaffensphase. Ein Werk, das der Este sein Orchester mit ungebremster Wut ins Publikum schleudern lässt. „No-bullshit“ der beginn: die Streicher staubtrocken, die Farben bis ins extreme entsättigt, baut sich eine musikalische Geisterwelt auf, die sich später im Brahms mit plötzlichen Entfärbungen und Schwenks ins Sachliche immer wieder finden lässt. So karg der klang, so körperlich das Spiel. Wenn es laut wird, ist es angesichts extremer Verdichtungen kaum auszuhalten, ein Sprengsatz, der jeden Moment losgehen kann. Ist es ruhiger schweben Einzelstimmen, etwas Daishin Kashimotos Violine oder Emmanuel Pahuds Flöte im Raum, rufen sich wie von fern zu und entfernen sich doch immer weiter. Die Spannung zwischen Gewalt und Auflösung auch hier, doch ohne  die Momente des sich in die Musik Hineinträumens wie bei Brahms. Flink hebt der zweite Satz an, hüpfend, tänzelnd. Doch auch hier die Vereinzelungen, die Angst vor dem verschwinden und zugleich die Ballung der Lebensfülle, in ihr Gegenteil zu fallen drohend. Kakophonische Momente lassen das ende nahe erscheinen und sind doch nur Augenblicke. Das Helle löst das Dunkle ab und umgekehrt. Deutlich der Kontrast zwischen lichtem Capriccio und düsterem Arioso. Das Satzende gehört dem Schlagwerk, das leichtfüßig hüpft und gleichzeitig klare Grenzen einzieht.

Der Schlusssatz ist dann ganz Unruhe und Binnenspannung. Alle Kontraste verstärken sich: Tempi, Dynamik, Klangfarben, das Spiel von Transparenz und Verdichtung. Alles ist Gegensatz, die Lyrik herzergreifend, die explosive Gewalt erbarmungslos (auch hier denkt der Hörer unweigerlich an Schostakowitsch). Die Holzbläser singen beschwingt und schreien im gleichen Moment grell. Alles ist sein Gegenteil, das Helle dunkel, das Freudige schmerzvoll, die Hoffnung voller Gewalt. Das Klangbild öffnet und schließt sich, Licht durchflutet den Saal und wird ausgeknipst. Das Ende ohne Hoffnung, brutal, effizient. Und doch nicht der ende. denn nun kommt Brahms und das Rad dreht sich weiter. Möge es nie still stehen. Denn auch bei Johnny Cash galt: Nach jedem Zweiminuten-Song kommt schon der nächste. Where there’s life there’s hope, heißt ein oft wiederholter Satz. Dort, wo es Musik gibt, sowieso. No bullshit.

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Ein Gedanke zu „Just like Johnny Cash

  1. […] Kritik: Für Sascha Krieger ist Paavo Järvi ein no-bullshit-conductor, der „Johnny Cash unter den […]

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