Die zertrümmerte Effi

Nach Theodor Fontane (Fassung von Kay Wuschek und Oliver Schmaering): Effi, Theater an der Parkaue, Berlin (Regie: Kay Wuschek)

Von Sascha Krieger

Effi also. Ja, genau die. Geborene Briest, verheiratete von Innstetten. Die mit der Affäre und dem Major und dem Duell. Man kennt das. Deutsch-Unterricht, Oberstufe. Kanon halt. Der Begriff war ja gerade mal wieder in aller Munde, nachdem Die Zeit eine Liste von Autoren und werken veröffentlichte, die „man“ gelesen haben sollte. Effi Briest war vermutlich drauf. Es hätte zumindest gepasst, schießlich umfasste der Kanon fast nur Männer. Die Frau in der zweiten Reihe, als Objekt, hübscher Hintergrund. Das kennt auch Effi zur Genüge. Die Naive, Unabhängige, die ihre Rolle nicht findet und nicht akzeptiert und dafür abgestraft wird. Für die es am Ende nur noch eine Funktion gibt: Opfer. Was anderes ist nicht vorgesehen. Keine heutige Figur, schließlich haben wir Jahrzehnte Emanzipation, Feminismus, Gleichstellung hinter uns. Was also anfangen mit dieser aus der Zeit Gefallenen? Die Antwort von Parkaue-Intendant Kay Wuschek heißt – wie immer bei ihm: Theater. Der Ort, wo mit fremden Rollen experimentiert wird, man versuchen kann, sich in selbige hineinzutasten, man Welten kreiert, die Illusion sind, Vorstellung und doch auf den Bühnenbrettern seltsam real werden.

Bild: Christian Brachwitz

Also beginnt der Abend mit einer Probensituation. Kinga Scchmidt wirft sich mit Verve in ihre Rolle und wird von Denis Pöpping, der später den Major Crampas geben wird, zurechtgewiesen. Er entscheidet, wie es richtig ist, der Mann gibt der Frau die Rolle vor. Hat sich so viel wirklich geändert? Und wenn nicht, gilt das nur im Alpha-Mann-Betrieb Theater? Fragen, die der Abend stellen will im Rahmen eines Spiels, eines Schau-Spiels. Da wird über Rollen verhandelt, verwirft eine Effi ihre Szene, nur um von einer anderen (Sophia Hankings-Evans) abgelöst zu werden, treten die Darsteller immer wieder aus ihren Figuren, um sie zu reflektieren, sich über sie zu wundern, ihr Unbehagen an ihnen kundzutun. Der Gedanke, den angelegten Schwarm der Mutter zu ehelichen, mit 17 einen fast 40-Jährigen zu heiraten, er scheint so fremd, so absurd, und will doch gespielt sein. Und so spielen sie – auch und immer wieder ihre Distanz von der Figur. Etwa wenn Schmidts Briest sich angewidert abwendet von ihrer naiven, manipulierten Effi, wenn Jakob Kraze als Innstetten freundlich argumentiert, wie unsinnig es ei, sich zu duellieren, zumal er seine Frau noch immer liebe, nur um zu kapitulieren, weil es eben doch sein müssen, oder wenn Pöppings Crampas ausführt, dass seine Figur doch nichts anderes sei als ein sexuelles Raubtier, noch dazu mit pädophilen Tendenzen.

Doch die Geschichte ist da, geschrieben, von Generationen rezipiert, und will erzählt werden. Also packt Wuschek ein umfangreiches Arsenal aus. Es gibt eine hohe Dosis Farce, ein bisschen Varieté und Puppenspiel, atmosphärisches Licht, tragisches Deklamieren, Pathos und Theaterzauber. Und immer wieder Spieler*innen, die sich daran reiben. Etwa Pöpping, der seinen Crampas-Monolog einffach noch mal wiederholt, aber diesmal mit dramatischer Geste und Bach-Choral aus dem Off. Und siehe da: Plötzlich ist alles viel weniger „creepy“, viel akzeptabler. Denn Effi ist auch eine Auseinandersetzung mit dem Theater, mit seinem manipulativen „Was wäre, wenn“, seiner Illusionsmaschinerie, die Inakzeptables normalisiert, weil es eben „große Kunst“ sei. Aus dem Mythos des (natürlich männlichen) Genies widmet sich Wuschek, wenn er Fontane selbst auftreten lässt, als Schmierenkomödiant mit vors Gesicht gehaltener Maske, der sich von Effi breitschlagen lässt, die Geschichte zu ändern, ihren Wünschen entgegen zu kommen. Aber natürlich nur in engem Rahmen. Dem Untergang entgeht sie nicht, weil sie zu lange glaubt, die Männer seien ihr Problem. Aus ihrer Vorherrschaft kann sie nicht heraus, schließlich ist sie eben doch ein männliches Produkt, der gütige auto ihr Diktator.

Bild: Christian Brachwitz

Ein Feuerwerk des Metatheaters feuert Kay Wuschek an diesem Abend ab. Die Stoffbearbeitung von ihm und Oliver Schmaering fokussiert auf das Theater als Ort des Diskurses, der Hinterfragung, des Spiels im Sinne von Ausprobieren. Es streicht die Distanz heraus, die zwischen dem Zuschauer*innen-„Wir“ und dem Figuren-„Sie“ zu stehen scheint, aber auch seine Rolle in der Reproduktion überkommen geglaubter gesellschaftlicher Mechanismen. Der Abend knallt uns Ideen wie Treue oder Monogamie vor die Füße, fordert mit der hormonellen Überfrachtung eines Teenagers (sein Publikum spiegelnd) das Recht des verdrängten Sex ein, dessen Tabu gestandene Männer wie Crampas oder Innstetten zu so zerrissenen Testosteron-Monstern machen und scheut auch nicht zurück vor den dunklen Seiten des Stoffes: So akzentuiert er immer wieder die Kindlichkeit der gerade 17-Jährigen und damit die Unangemessenheit, den inhärenten Missbrauch einer Welt, in der ein solches Mädchen zum Sexobjekt, zum ziel männlichen Begehrens degradiert wird. Das Theater erscheint hier als Medium der Entlarvung seiner eigenen Lügen, als Ankläger seiner eigenen Taten.

Vor allem aber bürstet es sich gegen den Strich, verweigert es sich einer linearen Erzählung, springt hin und her – zwischen Zeiten, Ebenen, Handlungspunkten. Immer wieder landet es an der gleichen Stelle, immer anders und immer ohne Ausweg. Das Duell ist mal Slapstick, mal rational wegdiskutierte Absurdität, aber immer tödlich. Der Abend rennt an, gegen und für die Geschichte, versucht sich immer wieder an Szenen, scheitert, probiert es erneut, andern, ebenso vergeblich. So dekonstruiert sich eine logisch aufgebaute, lineare, kausal schlüssige Geschichte zu einem mosaikhaften Wirrwar an Fragmenten, Bruchstücken, die plötzlich, aus der Distanz, mit heutigem Blick, überhaupt nicht mehr zusammen passen, kein Bild mehr ergeben und schon gar keinen Sinn. Das gilt auch für die Figuren, allen voran Effi, die nicht zufällig verdoppelt ist, mit sich selbst nicht eins, unter dem Blick der Gegenwart zerschlagen, zersplittert, auf der Suche sich selbst wieder zusammenzusetzen. Er spiegelt unsere Ratlosigkeit, die entsteht, wenn wir hinter den „Klassiker“ blicken, und uns fragen: Was soll das alles. Und die Hilflosigkeit der in ihm und der Welt, die er repräsentiert, Gefangenen, eine Welt, von der wir wissen, dass sie vergangen ist und doch überall auf der Welt auch gegenwärtig. Natürlich ist diese Effi hoffnungslos überfrachtet, kann sich Joachim Hamster Damms Bühne – mal abweisender Kasten mit vielen Türen, die irgendwo hineinzuführen scheinen und in Wirklichkeit ausstoßen, auswerfen, ausweisen, mal sich zum Albtraum-Ort verjüngendes Biedermeier-Ambiente – gar nicht schnell genug drehen, um die fast 100 Seiten Text in gerade zwei Stunden zu bewältigen.

Das hohe Tempo, gepaart mit den sprunghaften Wechseln von Ton und Ebenen, die nicht immer stimmig sind, zuweilen zu sehr auf die Effekt-Tube drücken, und ein bisschen oft nach Lachern fischen, strengt an, es überfordert und droht mitunter, die Suchbewegung dieses Theaterexperiments zu überdecken, zumal manchen, vielleicht der Tatsache geschuldet, dass diese Inszenierung sich an Jugendliche wendet, zu plakativ ausdiskutiert und zu lang ausgewalzt ist. es bleibt ein Abend, der sich nicht scheut zu haken, auch mal zu scheitern, so unfertig zu sein wie unser bewundert distanzierter Blick auf all die „Klassiker“, die unser Welt- und unser Geschlechterbild noch immer bestimmen. Nach der Premiere waren Teenager-Gruppen im intensiven Gespräch über das Gesehene und gehörte zu beobachten, kritisch, leidenschaftlich, interessiert. Und spätestens hier war klar: Dieser fragmentierte, unebene, wild zusammengestückelt erscheinende – und erscheinen wollende? – Abend hat sein Ziel erreicht. Das kommt im Theater nicht allzu oft vor.

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