Albtraum ohne Ausweg?

Ersan Mondtag (Text von Alexander Kerlin und Matthias Seier): Das Internat, Schauspiel Dortmund (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Das einzige leben kommt vom Band. Tierschreie, Rabenrufe in Dunkler Nacht. Irgendwo da draußen ist die Natur, ruft von fern und kann doch nicht hinein. Hier sind die Bäume verdorrt, verwandelt sie sich, gemalt an die Wußenwände in damönische Wesen mit glutroten Augen, so wie jene, die den Platz der Duschen eingenommen haben, in jenem gelbgekachtelten Raum der Reinigung derselben gedrillten Körper, die an gleicher Stelle gequält werden. Körpern, denen das Lebendigsein wohl abzusprechen ist. Ersan Mondtag ist ein düster-gothischer (in der Doppelbedeutung des Wortes) Schauerort, ein Raum der Entmenschlichung und De-Individualisierung, der Gewalt und mechanischen Machtausübung. Ein abweisender Ort, mehr Burg, Festung als Aufenthaltsort junger Menschen. Die Drehbühne bewegt sich fast unaufhörlich, lenkt den Blick auf Zinnen und gothische Gänge, einen unheimlich hohen Schlafsaal mit Vierfachstockbetten, einen Speisesaal, besagten Duschraum. Ein dunkler Albtraumort mit schiefen Konturen, in gemaltem Blau-Schwarz gehalten mit gelegentlichen blutroten Einsprengseln. Genauso die Uniformen der Figuren, Schüler, nein, Insassen eines Internats ohne Erwachsene. Die Gesichter zu austauschbaren Untoten geschminkt, die Körper, in Mondtag-typischen Bodysuits steckend, ebenso.

Bild: Sascha Krieger

Inmitten all der Uniformierten ein Nackter, ein ausgestoßener. Der Abend beginnt mit der andeutung einer Züchtigung, dann bleibt die Zeit stehen und bewegt sich rückwärts – wie die Anwesenden. Man ist, gleichförmig, roboterhaft, rezitiert und singt ebenso, duscht, schläft, schwingt die Peitsche, tanzt. Hier braucht es keine Lehrer, Wärter, Aufpasser, die Mechanik der Macht ist internalisiert. Dann von außen eine stimme, der geist eines anderen Jungen – oder ist es ein Mädchen? – einst ausgestoßen, ausgesetzt, im Schnee. Sie ruft den Nackten, den „Jungen im Schnee“, ruft ihn auf sich zu wehren, auszubrechen, zu rebellieren. Hier, in diesem geschlossenen System heißt das: zu morden, die Peiniger zu töten, die rollen umzukehren. Und das geschieht. Immer mehr Verschwörer werden es. Sie werfen die Uniformen ab, streifen neue über, blutrote, treiben die Feinde zusammen, assimilieren sie, fordern ein Opfer, symbolisch wie tödlich. Der „Junge im Schnee“ ist längst wirklich nackt und abgeschminkt, hat sich scheinbar seiner Rolle entledigt, sich von ihr befreit. In Wahrheit hat er nur die Seiten gewechselt. Die Bewegungsrichtung ist wiederhergestellt, alles ist anders, alles ist beim alten.

Ersan Mondtags neueste Schreckensvision ist vielleicht seine düsterste. Das Internat ist eine straff durchorganisierte Miniaturgesellschaft als geschlossenes System. Eine, die auf der ewigen Reproduktion von Gewalt beruht. Wer Opfer ist und die rolle verlassen will, muss sich zum Täter machen, ein Ausbruch aus dem System ist nicht möglich. Die Außenwelt kommt vom Band, ob es sie gibt, ist fraglich. Da ist der Geist, der sich als nackte Frau entpuppen wird, Anreger zur Tat, zur vermeintlichen Rebellion, Agent der Systemerneuerung und -verstärkung. Die zeit ist aus den Fugen, stillgestanden, eine non-lineare Erstarrung, in der alles gleichzeitig scheint, weil es keine Entwicklung gibt. Liegt die Züchtigung vor dem angedeuteten Doppelmord oder danach? Was ist „real“, was (Alb)Traum?Gibt es diese Grenzen, die Vorstellungen überhaupt noch?

Die Texte, zusammengestellt von den Dortmunder Dramaturgen Alexander Kerlin und Matthias Seier, sind – und das gilt in erster Linie, aber nicht nur für die chorisch gesprochenen des Internatspersonals – meist mantraartige Aufzählungs- und Wiederholungskaskaden, bei denen die mechanische Konstruiertheit mindestens so wichtig ist wie die transportieren Inhalte. Sie vermitteln den Eindruck einer vollständig von einem enthumanisierten System aufgesaugten Wirklichkeit, das die zeit aufhebt und alles Lebendige begräbt. Bewegungen sind mechanisiert, immer wieder erstarrt das Geschehen in geisterhaften Tableaux. Im Albtraum begegnen wir einer Welt, die Gewalt produziert und sich von selbiger nährt. Eine Welt, in der das autonom denkende und handelnde Individuum der ultimative Feind ist, aber zur Strecke zu bringen ist, indem es seinen Platz im System, als vermeintlich handelnder Täter, bekommt.

In seiner konsequenten Deindividualisierung und Entmenschlichung, in seinem Spannungsfeld zwischen kaum erträglicher atmosphärischer Verdichtung (bei der die düster-romantischen Klangräume T. D. Finck von Finckensteins eine wesentliche Rolle spielen) und sperriger Distanziertheit ist Das Internat ein weiterer Schritt auf Ersan Mondtags Weg weg von einem Menschen- und hin zu einem abstrakten Theater der Mechaniken eines fremdbestimmten Lebens. Und vielleicht die kompromissloseste – und als solche am schwersten rezipierbare – Arbeit des jungen Regisseurs. Ewig sei die Kunst, heißt es einmal. In jedem Fall kann sie systemische Fragen stellen und sichtbar machen. Und eröffnet dadurch vielleicht die Möglichkeit, einen Ausweg zumindest zu denken?

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