Fliegen lernen

Roland Schimmelpfennig: Die Biene im Kopf, Theater an der Parkaue, Berlin (Regie: Martin Grünheit)

Von Sascha Krieger

Roland Schimmelpfennig ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker der Gegenwart. vor zwei Jahren hat er erstmals ein Stück für Kinder geschrieben. Die Biene im Kopf heißt es und handelt von einem Jungen, der sich in seinem Leben – die Eltern sind Alkoholiker, in der Schule ist er Außenseiter und auch außerhalb beider Sphären lauern reichlich Gefahren – und in seiner Haut nicht gerade wohlfühlt. Also verlässt er selbige und wird zur Biene. Nicht so radikal und unumkehrbar wie Kafkas Gegor Samsa, der als Käfer verendet, eher spielerisch, mit Rückfahrkarte. Als Biene ist er freier, hat mehr Möglichkeiten zur Verfügung und findet neue Perspektiven. Da wird schon eine simple Blüte zum Weltwunder, der Klassenraum zur Todesfalle, der Nichtbeachtete zum Forscher, Entdecker und Helden. Der er ohnehin ist. Allein, morgens die Wohnung zu verlassen, ohne den Zorn des betrunkenen Vaters auf sich zu ziehen oder in Küche etwas Essbares zu finden, ohne auf Glasscherben zu treten, sind kaum lösbare Aufgaben für ein Kind, das vermutlich noch kein zweistelliges Alter erreicht hat.

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Bild: Christian Brachwitz

Roland Schimmelpfennig ist ein Autor, der an den Oberflächen unserer zivilisierten Welt kratzt und mit reduzierter, in ihrer Schlichtheit leicht außerhalb des Konkreten schwebenden Sprache Blicke auf die Abgründe freilegt, die sich nicht nur unter der Wohlstandsfassade verbergen, sondern zuweilen gar Teil ihres Fundaments sind. In Die Biene im Kopf ist das nicht anders, auch wenn die Perspektive hier eine engere ist, geht es doch weniger um panoramische Gesellschaftsminiaturen, sondern um eine ganz individuelle Familienhölle und die Unmöglichkeit des Erwachsenwerdens. Den größeren Kontext darf man aber auch hier mitdenken, die kleine Welt des Bienenjungen liegt nicht in einem Vakuum. Dass sie eine fantastische ist, eine erträumte, macht Martin Grünheit in seiner Berliner Inszenierung von Beginn an klar. Er lädt die Zuschauer zunächst in ein mysteriöses Nirgendwo ein, in dem drei Gestalten in Raumanzügen und mit seltsamen Brillen auf den Nasen sich in ihren eigenen Realitäten zu befinden scheinen. Grünheit hat für die Inszenierung mit dem Berliner Duo CyberRäuber zusammengearbeitet, die sich mit den theatralen Möglichkeiten von Virtual Reality und nach kurzen VR-Inszenierungen nach Schiller sowie einer virtuellen Weiterschreibung von Kay Voges‘ Die Borderline Prozession nun erstmals in einer „echten“, klassisch physisch präsenten Theaterarbeit mitwirken.

Dabei werden zunächst die Schwierigkeiten einer solchen Verschmelzung der Darstellungsebenen klar. Virtual Reality basiert bislang noch auf dem individuellen, ja isolierten Erleben, muss aber dem jungen Publikum zunächst erst einmal näher gebracht werden. Der Prolog erschöpft sich denn darin, dass das Publikum anderen dabei zuschauen, wie sie für ein paar Sekunden VR erleben. Ein zäher und vielleicht – bei aller Notwendigkeit, die Kinder heranzuführen, unnötiger Beginn. Ist man dann endlich auf der runden Spielfläche, finden die Welten besser zusammen. Die Flüchtigkeit von Realität – und die Möglichkeit, sie könnte Illusion sein – sind Grundprinzipien der Inszenierung. In der Mitte der Spielfläche findet sich ein Haufen von Schaumstoffstücken in schwarz und weiß, die irreale Welt des Protagonisten. Kosmische Projektionen auf dem die Spielfläche umspannenden Vorhang deuten an, wie viel größer und bunter die Welt sein könnte, hätte man nur den Mut, sie sich vorzustellen. Ein starker Kontrast: Hier die improvisierte Realität, dort die von fern winkende Einbildungskraft. Der Zuschauer ist ganz an diesem physisch definierten Ort und zugleich in einer Parallelwelt, als trüge er mit all seinen Mitstreiter*innen eine riesige kollektive VR-Brille.

Geschickt mischt Grünheit analoge und digitale Realität wie Fantasie. Etwa, wenn die Neu-Biene fliegen lernt: Da macht das Publikum ordentlich Wind mit seinen Schaumstoff-Flügeln und segelt dank Videoprojektion hoch über die Dächer Berlins. Oder beim Abenteuer „Zwischen Glasscherben in der Küche essen finden: Mit Hilfe von „Augmented Reality“ verwandeln sich Schaumstoffklötze in Äpfel oder Ravioli-Dosen. Das ist noch etwas ungenügend umgesetzt, weil die drei Tablets, mit denen das geschieht, so manchen Zuschauer außen vorlassen, lässt aber erahnen, welches Potenzial solche Technologien gerade im Kindertheater haben könnten. Vor allem wenn wie oft in diesen etwa 70 Minuten Digitales und analoges ineinandergreifen. Die Realitätsverschiebung und -ausweitung geschieht in beiden Sphären: etwa durch die Drehbühne, die, im Wortsinn, die Position der darauf befindlichen Zuschauer*innen immer wieder verändert, aber auch in der virtuellen Sphäre, so im wunderbaren Schlussbild, als der Junge sich in den Schlaf zwingt und das nächtliche Universum von Lichtwesen bevölkert wird, Möglichkeitsfiguren menschlicher Vorstellungskraft.

Gepaart ist das mit Schimmelpfennigs erzählerischen und poetischem Minimalismus, dessen Sprache Kreisbewegungen vollführt – das Ende ist die Reprise des Anfangs und doch in der hier dreifache verängstigte Junge schon viel weiter – der auf Wiederholungen setzt, die ihre Geschichte im „Ich-packe-meinen-Koffer“-Stil schrittweise entwickelt und damit das sich zaghafte Hervortasten einer niedergehaltenen Kinderseele  kongenial darstellt. Wie es eben auch die Inszenierung von Martin Grünheit und die visuellen Welten der CyberRäuber tun. Dabei funktioniert noch nicht alles und droht der Wille, möglichst viele Erzählelemente einzubauen, mitunter die jungen Zuschauer*innen – die Inszenierung ist für Sieben- bis Elfjährige konzipiert – zu überfordern. Doch die Verschränkung von analoger und digitaler Narration, von physischen und visueller Realität deutet das Potenzial, den Theaterraum so zu erweitern, zur Welt zu machen, nicht nur der existierenden, sondern auch der vorstellbaren, wie es sich Aristoteles erträumt haben könnte. Da lernt auch das Theater fliegen.

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