Unter Schafen

Rimini Protokoll (Daniel Wetzel): Träumende Kollektive. Tastende Schafe (Staat 3), Staatsschauspiel Dresden / Haus der Kulturen der Welt, Berlin

Von Sascha Krieger

Iris heißt sie und eine „digitale Regierung“ will sie sein. Der „Star“ des dritten Teils von Rimini Protokolls „Staat“-Tetralogie ist ein Algorithmus. Die Digitalisierung ist sein Thema, ihre Chancen und Risiken, ihr Versprechen, die Welt zu verbessern. Was, wenn in Zukunft nicht mehr wie fehler- und irrtumsanfälligen Menschen entscheiden, sondern eben so ein Algorithmus, wir die Demokratie also weiterentwickelten, indem wir sie objektivieren, zu angewandter Mathematik machen? Wenn also unsere Vorlieben und Wünsche die Basis für automatisierte Entscheidungen darstellten, die dann von der Cloud ausgespuckt würden? Wie das aussehen könnte, will Daniel Wetzels Abend vorführen. Der Theaterraum ist ein Labor und wir die Ratten. Die auf Zeitreise gehen ins Jahr 2048, wo, so erfahren wir, Iris längst Realität sein könnte. Wir starren auf Handy-Bildschirme und beantworten Fragen. Die Antworten erzeugen Töne und Farben, die am Ende zu einer Symphonie zusammengesetzt werden, die in jeder Vorstellung anders klingt. Das klingt spannend: ein Live-Experiment digitalisierter Demokratie, der Abnahme subjektiver menschlicher Entscheidungen durch automatisierte, selbstlernende Prozesse.  Ein Blick in unsere Zukunft? Utopie oder Dystopie?

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Bild: Benno Tobler

Groß sind die Fragen, die im Raum stehen, noch größer jedoch die Ablenkungsmaneuver, mit denen ihre Beantwortung vermieden wird. Denn schnell wird klar, dass das, was hier geschieht, harmlos bleibt. Zu abstrakt und auf Unterhaltung abgestimmt die Fragen, zu komisch bis ironisch die Antwortoptionen. Es ist ein Spiel, natürlich, aber eines, das bald vergessen lässt, dass hinter ihm ja ein Ernst stehen soll, dass hier die Grundlage menschlichen Zusammenlebens erörtert, die Fundamente gesellschaftlicher Ordnung hinterfragt zu werden behauptet wird. Nichts davon geschieht. Ob man Speck und Eier frühstückt oder Veganes ist dann schon der Höhepunkt der Konkretion. Das Zeitreiseszenario ist schnell aufgeweicht, der Fragemarathon kippt ins Beliebige. Seriöses steht neben Albernem, Konkretes neben Abstraktem, die Antworten lassen meist vage Nichtpositionierungen zu. Der Fakt, dass das System selbst die individuelle Antwort zu finden verspricht – auf Basis der zuvor gegebenen – wenn der Befragte nicht rechtzeitig seine Eingabe macht, wird übergangen, einer der interessanteren Aspekte – die Übernahme der Entscheidung des Einzelnen durch den Algorithmus – nicht thematisiert.

Wie der Abend auf Unterhaltung und Abwechslung setzt. Das ursprüngliche Szenario – jeder Besucher sitzt vor einem Bildschirm an einem kleinen Tisch, gegenüber ein anderer, willkürlich ausgewählter, eine Gegenüberstellung, aus der der Abend im Übrigen auch nichts macht – wird bald aufgegeben. Da bleiben die Nichtwähler auf der Spielfläche zurück. Gebrandmarkte? Ausgestellte? Die private Wahlentscheidung als Basis eines öffentlichen Prangers? Nichts da, der Ton ist jovial bis uninteressiert. Die Teilnehmer*innen sollen andere identifizieren, mit denen sie nichts gemein haben, werden mit jenen, mit denen sie die meisten Antworten teilen, gepaart“ und am Ende auf Basis ihrer Antworten zu Vogelarten gruppiert. Das hat mit Aristophanes‘ Die Vögel zu tun, in denen es ja auch um Gesellschaftsbildung geht. Griechenland ist ein Leitmotiv, die Spielführer zwei griechische Schauspieler, die zwischendurch vom dortigen Referendum über die EU-Hilfspakete schwadronieren. Ignorierte und damit obsolet gewordene Demokratie.

Die digitale Herrschaft ist da aber kein Gegenentwurf, denn er produziert Schafe. Solche sind die, die in einem Paar-Quiz die richtigen Antworten geben, einer der befremdlicheren Momente des abends. Denn was soll uns das sagen: Wer sich an belegbare Tatsachen hält, ist ein blind der Herde folgendes Schaf? Ernsthaft? Ansonsten ist Träumende Kollektive. Tastende Schafe eine Abfolge von Ablenkungsmaneuvers, Versuchen, die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu erhalten und zugleich den großen, wichtigen Fragen über die Vwereinbarkeit von Demokratie und datenbasierter Digitalisierung auszuweichen, als hätten Rimini Protokoll Angst, was herauskommen könnte, wenn man ihnen folgte. Stattdessen genügt sich der Abend in immer neuen Spielszenarien, eines beliebiger als das nächste, die eben doch nicht viel mehr sind als pures, zweckfreies Spiel. Auch weil er die Konsequenz eines solchen Demokratie erneuernden oder gar ersetzenden Ansatzes außen vorlässt. Das Ergebnis des „Experiments“ ist eben nur eine willkürliche Abfolge schräger Töne. Langweilend, nichtssagend, harmlos. So wie der ganze Abend.

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