Jenseits von Holywood

Elias Geißler, Josefin Fischer, Pauline Wedler: Prolls auf Pferden *there will be noise complaints, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Elias Geißler, Josefin Fischer, Pauline Wedler)

Von Sascha Krieger

Die Volksbühne unter Frank Castorf war ein Theater der Selbstüberschätzung, der Überforderung – für Künstler wie Publikum – des Zuviel. Eines, das überfloss vor Assoziationen, losen Ende, Metaebenen und allem anderen, was die Theatermaschinerie zu bieten hatte. Ein Theater der dauernden Grenzüberschreitung, aber auch der Lust am Scheitern. Man kann trefflich darüber diskutieren, welche dieser Punkte sich in welcher Reinkarnation an Chris Dercons „neuer“ Volksbühne wiederfinden – an einem Ort ist die Castorf-Bühne noch nicht Geschichte. Ein gallisches Dorf ist im Reich des Cäsaren Dercon geblieben (man entschuldige diese überaus schiefen Asterix-Vergleiche) und leistet, nun ja, Widerstand: das P14 Jugendtheater mit seiner Spielstätte im 3. Stock, nach wie vor autonom, unabhängig und mit einem Rest Anarchie gesegnet. Und einem gehörigen Schuss Castorfscher Selbtsüberschätzung. Der neue Abend, der zweite nach dem Intendanzwechsel, ist dafür ein Paradebeispiel. Unverschämt schon der Anspruch: 50 Jahre Filmgeschichte in einem vierstündigen Theaterabend“ wolle man darstellen, ein Versprechen, das man dann nicht ganz einhält – der Abend endet nach etwas mehr als zweieinhalb Stunden. Ansonsten wird geklotzt: Ein dreiköpfioges Autor*innen- und Regisseur*innen-Team packt nicht weniger als 19 (!) Darsteller*innen auf die eigentlich viel zu kleine Bühnen, nicht gerechnet die dreiköpfige Band in ihrem Verschlag, halb verdeckt von einem Lamättavorhang.

Ohnehin glänzt hier viel: Goldfarben die Bahnen, die Vorder- und Hinterbühne trennen, glamourüs die Abendkleider, die einen Hauch vom Hollywood seiner Glanzzeit verströmen (Bühne: Pauline Wedler und Elias Geißler, Kostüme: Pauline Wedler und Shitela Biallas). Die männlichen Darsteller haben es da schwerer: Sie sind auf Hemden und Hosenträger und albern wirkende Anzüge angewiesen – vor allem aber auf furchtbar altmodische Gelfrisuren. Teil eins des Abends entführt denn auch in die Traumfabrik. Im Mittelpunkt steht eine Namenlose, die sich zunächst auf einer eleganten Sitzgruppe räkelt, ihr Gesicht vergrößert auf der immerpräsenten Videowand, während vorn, die Frühgeschichte Hollywoods per Dialog-Slapstick verhandelt wird. Die Vielleicht-Diva hat einen Filmriss (!), weiß nicht mehr, wer sie ist und probiert verschiedene Identitäten durch – von Bette Davis bis zu einem Starlet, das sich vom Hoyllwood-H zu Tode stürzte. Identitätsverlust als Preis für die Schaffung kollektiver Träume, für die Illusion, für den mehr oder weniger schönen Schein: Die ist das große Thema, das dieser natürlich selbstreferenzielle Abend durchspielt.

Zunächst als klamaukig wortreiche Ich-Such der unbenamten und damit auch unkategorisierten, heißt: nicht-existenten sich selbst Vergessenden. Diese erste Stunde pendelt zwischen groteskem Slapstick à la Fritsch, komplett mit verzerrten Gesichtern, entstellten Grimassen, überzogener Gestik, und Pollesch-hafter Diskurs-Diarrhöe. Die unbekannte taumelt von Party zu Party, von Set zu Set, von Identität zu Identität. Bizarre Hollywood-Stereotype bevölkern die Szene, zerren an ihr, wollen sie hineinziehen oder abstoßen. Namen- und Identitätslose auch sie, egal wie viele Namen und Geschichten verabreicht werden. Immer wieder übernimmt die Kamera, definiert ihr kontrollierender Blick, was wir sehen und was die Unbekannte nicht nur sieht, sondern ist. Alles ist Performance, immer einen Tick zu grell, ein wenig zu weit verfremdet, entstellt bis zur Kenntlichkeit. Kein Panorama, eher eine Farcen-hafte Dauersatire, die in der ersten Stunde durchaus die Spannung hält, was auch am musikalischen Rückgrat, eingezogen von The Twice Sustain und Fee Aviv Marschall, liegt, die von Jazz über New Wave bis Hardrock unterschielichste Emotions- und Ausdrucksstufen, aber auch Level der Distanzierung durchlaufen. Unterschiedliche Filmgenre – Liebesfilm, Gangsterschinken, Film noir – werden angedeutet, ein Zitatgewitter, bei dem sich leicht so manches übersehen lässt.

Denn Authentizität liefert dieser Abend nicht, weil sie das, was er erzählt, als allergrößten Erzfeind und damit als erstes auslöscht. Alles ist Projektion, Bühne und Leinwand nur zwei Medien der Verfremdung und der künstlichen Neuerfindung von Identität. Die nach der Pause konkreter wird. Da erzählt der Abend die Geschichte der Judy Garland, dem Kinderstar, von der Mutter ins Scheinwerferlicht gepresst, später in der Drogenhölle verendet. Auch sie eine Identitätslose, ein dauerspielender Star ohne Fundament, die sich am Ende ganz selbst verliert. Judy wandert denn auch durch mehrere Darsteller*innen und Geschlechter, ein zunehmend groteskes Abziehbild, eine Comicfigur, die von schüchtern kindlicher Heldin zu bizarrem Schurken mutiert, immer so weit ins Grelle gekippt wie nur möglich. Immer mehr wandert das Geschehen auf die gar nicht mehr glamouröse Hinterbühnen, in die Schattenregionen des Ruhms, dort wo das wahre Ich seinen Platz haben sollte und doch nur Nichts ist. Jetzt sind wir im Reiche Castorf, im Land des hysterisch panischen Brüllens, der verschwitzten Rastlosigkeit, der düsteren Live-Video-Bilder.

Projektionen, Fremdblicke und externe Identitätszuschreibungen auch hier, aber jetzt gewendet ins grotesk Schaurige. Der Tod taucht auf, getarnt als schmieriger Abziehbild-Mafioso, und überlässt die begehrte zunächst der Schwester Dementia. Auch der Wahnsinn ist Inszenierung, ist Spiel, ein tödliches zwar und doch eines, das mit dem Bühnentod nicht enden. Denn sind die „Stars“ nicht Untote, verurteilt dazu, nicht zu rasten und zu ruhen, bis wir, das gierige Publikum, es erlauben? das ist jetzt alles nicht sonderlich neu, die Aussage nicht und auch nicht die Mittel. Es ist das „alte“ Volksbühnenvokabular, das Elias Geißler, Josefin Fischer und Pauline Wedler in den Mixer werfen und als Wortwolke in den Raum schießen und zu einer Bestandsaufnahme der illusionsbildenden Künste zusammensetzen, die nicht übermäßig originell ist und zuweilen in Richtung Unterkomplexität tendiert, zumal die zweite Hälfte – Castorf lässt grüßen – dann doch sehr ausfranst, sich in Wiederholungen verliert und den Spannungsabfall letztlich nicht aufhalten kann. Doch so konsequent, wie hier das Zuviel zelebriert wird, so lustvoll und kompromisslos, wie sich die furcht- wie schamlosen 19 in die theatrale Schlacht werfen, so rücksichtslos, wie sie das Spiel in immer neue Extfreme treiben, so wenig kann man diesem Abend am Ende böse sein. Das Schöne und das Hässliche, das Lebensvolle und die Selbtstauflösung, die Lust und die Leere liegen nicht nur in Hollywood, das, einer der Running Gags des abends, eben kein „Holywood“ ist, nah beieinander. So lange sie sich jedoch mit solch unbändiger Energie und auch zerstörerischen Lust ineinander verknäueln lassen, besteht Hoffnung. Oder zumindest eine Menge Spaß.

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