Leichenschmaus in Pink

Lolita will nicht sterben, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Zelal Yesilyurt)

Von Sascha Krieger

Es beginnt mit einer Warnung: Auf an die Türen geklebten Zetteln im knallogen Rot der neuen Volksbühne wird das Publikum darauf hingewiesen, dass es  in der folgenden Aufführung um Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und den „Tod der Eltern“ ginge (den Mord verschweigt man geflissentlich). Nicht dass sich jemand gestört fühlt. Theater als Wohlfühloase und Servicebetrieb? Es ist spannend zu beobachten, wie die neue Intendanz immer wieder die an sie gerichteten Vorurteile erfüllt. Dabei ist das, was anschließend zu sehen ist, so bedrohlich nicht. Und auch nicht neu. Denn bei allem Gerede vom radikalen Bruch, einer vermeintlichen Auslöschung der jüngeren Volksbühnengeschichte gibt es sie, die Enklaven, in denen man einfach weitermacht, weitermachen darf. Wie bei P14: Die Jugendtheaterabteilung der Volksbühne besteht nicht nur fort, sie macht auch genauso autonom und mit vielen der Beteiligten weiter, die schon unter Castorf dabei waren. Kontinuität statt Neuanfang. Auch das geht also unter Chris Dercon.

Und tatsächlich: Der Geist, den die erste Produktion der „neuen Zeit“ atmet, ist der Castorfs und Polleschs. Um Lolita soll es gehen, weniger die literarische Figur als das Prinzip. Aber auch dieses nicht im eher abstrakten Sinn eines Jonathan Meese, sondern im eher konkreteren der oben angesprochenen gerade mal wieder – zu Recht – hochaktuellen Themen. Humbert Humphrey ist ein sexuell Übergriffiger, ein aggressiv Pädophiler (Anspielungen auf Kevin Spacey finden sich wiedergholt an diesem Abend) und als solcher ein gewöhnlicher Krimineller mit Strumpfmaske immitten von Plüschtierbergen und frühsexualisierten Genderzuschreibungen (an der Wand hängt ein pinkfarbenes Gewehr!) sowie sexualisierendem Mobiliar (Schminktisch!). Ein Verbrecher, der bei erster sich bietender Gelegenheit gewaltsam entsorgt wird. Und zwar von einer kollektiven, zunächst fünf-, später nach Hinzutreten des Humbert-Darstellers sechsköpfigen. Die steht für all die missbrauchten, untersrückten, vergewaltigten, objektifizierten Mädchen und jungen Frauen unserer Welt. Für alle, die nichts anderes sind als Projektionen. Und tatsächlich: Wenn sie das erste Mal auftreten, sind sie genau eine solche, an die Wand geworfen als Castorfsches Live-Video. Erst durch den Mord werden sie dreidimensional, lebendig, emanzipieren sie sich von der bloßen Zuschreibung, werfen sie die züchtigen schwarzen Umhänge ab, tragen sie das Weiß ihrer Kleider wie eine offene Provokation.

„Ich bin nicht Lolita,“ proklamieren sie, „es hat sie nie gegeben. (…) Ich bin die Vergewaltigte, (…) ein entpersönlichtes Opfer“. Aber auch die Opferrolle wollen sie nicht. Nur welche andere steht ihnen zur Verfügung. „Als Vergewaltigte ist man entweder tot oder eine Hure,“ heißt es wiederholt. Man, pardon, frau, ist zu betrauerndes Opfer oder Mittäterin. Dazwischen gibt es nichts. Soll, muss es aber, meinen die, die nicht Lolitas sein wollen. Und so ist der Abend vor allem eines: eine Abfolge von Rollensuchprozessen, ein Emazipationsversuch alsDurchprobieren verschiedener überkommener Ausdrucksmodi. Man versucht es mit Pathos und Sarkasmus, mit Rührstück und Horrorfil, mit flammender Anklage und archaisierendem Chor. Authentizität ist nicht gefragt, weil man/frau sie sie nicht leisten kann. Woher soll sie auch kommen, wenn es gar keine Identitätsgrundlage gibt, auf der aufgebaut werden könnte? Aber woher soll diese wiederum genommen werden? Am besten aus dem Klischee. Vielleicht dem der hysterischen, emotionalen Frau, die dieses als Waffe entdeckt und einzusetzen weiß?

Viel wird gelesen, vor allem aus Humberts beleidungsschwangeren Tagebüchern. Emanzipation durch Exorzismus des zu Verbannenden. Also schlägt man sich durch Zuschreibungen und Bilder, Fremdsichten und (Vor)Bilder, setzt immer wieder an, entlarvt das gerade gesehene als Fake, als manipulatives Instrument. Das soll das Publikum verunsichern, zur Selbsthinterfragung der eigenen Reaktionen führen, es in Fallen locken, die sich als sexistische Klischees und Bilder herausstellen, denen man (!) gerade aufgesessen ist. Nur ist das auch schnell durchschaubar, knirscht die Mechanik gut hör- und sichtbar an  jeder Ecke. Es ist, als stünden die sechs vor einem postdramatischen Baukasten der Marke Castorf-Pollesch (vor allem der abschließende an letzteren gemahnenden Diskurs über die Heteronormativität der westlichen Welt am Beispiel „King Kong“ ist ebenso verkopft wie überflüssig) und bedienten sich transparent aus den enthaltenen Werkzeugen. Die aber eben solche bleiben, sich in den Vordergrund schieben, statt dem zu sagenden dienlich zu sein.

Dabei ist etwa die Idee, das Patriarchat zu besiegen, indem man es sich buchstäblich einverleibt, eine ebenso schlüssige wie wirkungsvolle – die entsprechende Horrorsequenz ist sicher das Highlight des Abends, steht aber ein bisschen allein.zu sehr ist das postdramatische Nummernrevue, ein bisschen zu verliebt auch in die eigene Cleverness, und doch zu vergeben, weil die sechs Bühnenrebellen mit einer anarchischen Kraft und einer Spielwut, die viel vom zweiten Wortbestandteil hat, zu Werke gehen, dass der Zuschauer gern über handwerkliche Mängel hinwegsieht und darüber, dass der ganze Emanzipationsdiskurs ein wenig zu effekthascherisch und zu wenig substanziell gerät – so vermengt er Pädophilie und Sexismus ein bisschen zu sehr –, meist kaum an der Oberfläche kratzt, was mit einer abstrakt sperrige Schlusspassage kompensiert werden soll, die nichts besser macht. Viel wichtiger ist die Absicht, die Energie, mit der hier das Prinzip der männlich dominanten Selbsterhebung buchstäblich zerfleischt wird. Um neu aufzubauen, muss zunächst niedergerissen werden. Und das zumindest tut der Abend.

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