Das entlarvende Klatschen

Eugène Ionesco: Die Nashörner, Ruhrfestspiele Recklinghausen / Théâtre National du Luxembourg / Staatstheater Mainz (Regie: Frank Hoffmann)

Von Sascha Krieger

Der aufschlussreichste Moment bei diesem Berliner Gastspiel ereignet sich, als eigentlich schon alles vorbei ist. Die Darsteller*innen haben sich bereits mehrere Runden Applaus abgeholt, da kommt auch die Blaskapelle, die während des Abends zweimal durchs Bild lief, auf die Bühne, natürlich ihre „volkstümliche“ Marschmusik spielend. Und plötzlich passiert etwas seltsames: Langsam, einer nach dem anderen, fallen die Zuschauer aus dem individuellen Schlussapplaus in rhythmisches Klatschen. Schrittweise übernimmt der Rhythmus, bis das Publikum fast einförmige Masse ist. Doch dann die Gegenbewegung: Offenbar unwohl ob der eigenen Kollektivierung stemmen sich immer mehr Zuschauer*innen gegen den Automatismus, klatschen gegen den Rhythmus an, bis sich Konformisten und Verweigerer die Waage halten. Man darf davon ausgehen, dass das beabsichtigt ist, ist es doch näher an Eugène Ionescos Intention als ein Großteil der vorangegangenen gut eineinhalb Stunden. In Die Nashörner verwandeln sich nach und nach alle Bewohner einer Stadt in besagte Dickhäuter. Am Ende bleibt Behringer zurück, als letzter Mensch. Das Stück war – und ist – eine Parabel über die Entstehung totalitärer Systeme, über die Verführung eines Gemeinschaftsversprechens, das sich bald in Zwang umwandelt, dem sich kaum einer entziehen kann und den doch so mancher als Freiheit uminterpretiert. Sich anzuschließen, mitzumachen, dabei zu sein ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wohin das führt, zeigt Ionesco in seinem absurden Lehrstück (so es derartiges gibt) auf schlichte, geradlinige und konsequente Weise.

Bild: Birgit Hupfeld

Frank Hoffmann, Noch-Intendant der Ruhrfestspiele Recklinghausen, verortet die Gesellschaftsmetapher mitten unter uns. Im Wortsinn: Nervös mit dem Fuß stampfend und vor sich hin brabbelnd sitzt Samuel Finzi in den Zuschauerrängen, während die Besucher noch hereinströmen. Dann, der letzte hat seinen Platz eingenommen, kommt Wolfram Koch herein, setzt sich zu Finzi (der Platz neben ihm ist übrigens nicht zu empfehlen, wünscht man keine Bierdusche), der ihn sofort wegen seines Zuspätkommens zurechtweist. Koch ist Behringer, etwas verwirrt, wenig besorgt, alles nicht so schwer nehmend und zugleich ein Verlorener, der merkt, dass er nicht so recht in eine Welt passen will, die das Funktionieren des Einzelnen in den Mittelpunkt stellt. Finzi spielt Hans, den Freund und Gegenspieler, ein Propagandist des Sich-Anpassens und Einordnens, der Mäßigung. Ein individualistischer Anti-Individualist. Finzi gibt ihn als Nervernbündel, stets kurz vor – oder nach – dem Explodieren, einer, an dem es reißt, weswegen es kaum verwundert, dass er als einer der ersten die vermeintliche Ruhe und Sicherheit der Nashornherde sucht.

Die natürlich wir sind, das Publikum, die stumme Gemeinschaft. Wenn gegen Ende die (vor)letzten Aufrechten, der Beamste Stern und die von Behringer angehimmelte Daisy sehnsüchtig die Schönheit der schnaubenden Dickhäuter bewundern, geht das Saallicht an, wenden sie sich ans Publikum. Die Gesellschaft als Konsensfabrik, das (vermeintliche) Bildungsbürgertum als wissende und gleichzeitig feige Masse, die versteht und nichts tut. Das ist weder neu noch grundlegend falsch und doch ungeheuer verharmlosend. Was bei Ionesco der Faschismus ist, wird hier zur kapitalistischen Konsumentenklasse. Vor dem Hintergrund von AfD und Wutbürgertum kein ganz absurder Schluss, aber doch ein arg einfacher. Nicht die Hetzenden sind böse, sondern (ausschließlich) die, die es zulassen. Schwarz und weiß. Zumal der Abend den Zuschauer gleich wieder vom Haken lässt. Viel zu klamaukig ist das Geschehen. Koch und Finzi gehen sich an die Gurgel wie ein eingespieltes Comedy-Duo, Slapstickroutinen lassen das absurde – ein durchaus existenziell zu denkender Begriff – ins albern Lächerliche kippen, machen aus der Nashornwerdung der Menschheit ein lustiges Sandkastenspiel. Das nimmt dem Stück die schärfe, weil es seine Gefährlichkeit verliert. Diese albernen Gestalten mit den angeklebten Schnurrbärten und dem dauerhysterischen Ton kann man nicht ernst nehmen, als Gefahr schon gar nicht.

Hinzukommt, dass auch Kochs Behringer äußerst ambivalent erscheint. Er steht Hans in seiner aufbrausenden Art kaum nach, schäumt durchaus ein wenig, wenn er die Internierung der Nashornmehrheit fordert und erst recht, wenn seine finalen Widerstandsworte durch animalisch sehnende Anschlussinstinkte konterkariert werden. Nein, dieser Behringer ist auch nicht besser als die anderen, auch er ist auf direktem Weg zum Nashorn. Nur was bleibt dann? Eine kulturpessimistische Bestandsaufnahme, dass die demokratische Gesellschaft eine Schafherde ist auf direktem Weg in den Totalitarismus, so schön angenehm verpackt, dass selbige es gar nicht merkt? Oder solider Klamauk, der das Politische bestenfalls als Alibi nutzt, aber ansonsten die „Stars“ spielen lässt. Ernst und Absurdität stecken im Detail: den sinnlosen Tätigkeiten der Büroangestellten, symbolisiert von den Papierschnipselkäfigen auf der Bühne (Christoph Rasche), der Blaskapelle – zunächst lautstark, dann stumm – als Sinnbild einer leeren Konformität, die Gemeinschaft als Sinnersatz sucht. Momente, die so schnell weggeblasen sind wie die Papierfetzen vor der Windmaschine. Was bleibt, ist Finzis Hitlerton bei der Verwandlung. An diesem Abend ist viel Parodie, Beamtensatire und hübscher Slapstick, aber wenig Mut zu einer konkreten, sich nicht selbst verzwergenden Aussage. Das Lachen ist herzhaft, selten bitter und ohne Folgen. Teil des Problems, nicht der Lösung. Gut, dass es den Schlussapplaus gibt.

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