Der Pass, der nicht passt

Junges DT – Turbo Pascal: Die Welt in uns, Deutsches Theater/Box, Berlin (Regie: Turbo Pascal)

Von Sascha Krieger

Gary Davis – wer ist das? Diese Frage steht am Beginn von Die Welt in uns, der ersten Arbeit des freien Kollektivs Turbo Pascal im Rahmen des Jungen DT. Eine fast vergessene Gestalt ist dieser Gary Davis, Schauspieler, Bomberpilot, Weltbürger Nummer eins. Einer, der nach den Schrecken des bislang letzten Weltkriegs zu der Schlussfolgerung kam, das Übel der Welt läge in ihrer Trennung, der Aufspaltung in so genannte Nationalstaaten. Ja, genau denen, die gerade von links wie rechts als Bollwerke einer von vielen als dauernde Überforderung empfundenen Welt hochgehalten werden. Davis hingegen wollte die Welt einen. Er gab seinen amerikanischen Pass ab und scharte Gleichgesinnte um sich, mit denen gemeinsam er die Einführung von Weltregierung, Weltparlament und Weltbürgertum forderte. Den Weltbürgerpass, den Davis auszugeben begann, gibt es auch heute noch (zuweilen sogar im DT-Publikum). Kriege, so dachte Davis, kommen von Trennung, von Gegeneinander, von der Unterteilung in „Wir“ und „Die“. Hebt man diese auf – wer würde, wollte, könnte da noch Krieg führen. Wie wir wissen, setzte sich das zugegeben etwas naive Konzept durch. Und doch: Ließe sich davon nicht einiges lernen?

Bild: Arno Declair

Dieser Frage gehen Turbo Pascal und Schüler dreier Berliner Schulen nun nach – anhand von Gary Davis’ und den eigenen Biografien. Schüler aus Lichtenberg sind dabei, Ostberlin, ein bis heute nicht ganz einfaches Identitätskonglomerat. Andere kommen aus Kreuzberg, Hochburg vieler ehemaliger Einwanderer und deren Familien, Heim einer Generation, die so ganz deutsch ist und doch selten nur dies. Und schließlich Schüler einer „Willkommensklasse“, Geflüchtete, Zuwanderer, zukünftige Deutsche (?). Nach einem hölzernen Beginn, einer Art Geschichtsstunde zu Davis, in der die Jugendlichen abwechselnd über ihn sprechen – und ihm unterschiedliche Motive unterstellen, von dem idealistischen Bemühen um Frieden bis zur radikalen Amerikakritik – treten die jungen Darsteller*innen in den Mittelpunkt.

Vergrößerte Pässe liegen am Boden, jede(r) tritt auf den seinen – oder doch den, den man gern hätte? Nein, so einfach ist das mit der Identität nicht. Da ist der junge Afghane, der einen deutschen Pass will, weil er ihm vielen leichter macht und das Land bisher gut zu ihm war. Hier will er leben, hier dazugehören. Warum sollte er das auch nicht. Das ist die „Deutschrussin“, die den deutschen Pass abgeben möchte, weil ihre Identität russisch sei. Na ja, mehr oder weniger. Oder der Junge türkischer Eltern, der sich entscheiden muss, welchen Pass er behalten will. Mit welchem, so fragt er in einem imaginierten Photoshooting, sähe er denn besser aus? Und dann ist da das Mädchen mit Elternteilen unterschiedlicher Herkunft, die in Deutschland aufgewachsen ist, aber Verwandte überall auf der Welt hat. Sechs Pässe hätte sie gern, lässt sich von der freundlichen Beraterin, die eben noch gestrenge Beamtin war, auf drei herunterhandeln. Und überhaupt, fragt der blonde Biodeutsche, warum könne man Pässe nicht einfach verleihen? Er brauche seinen nur selten und andere könnten währenddessen viel damit anfangen.

Es ist dieser Teil, szenisch skizziert, spielerisch angelegt, in dem der Abend wirklich Leben eingehaucht bekommt. Weil es ums Eingemachte geht, um die persönliche Identität, die wir so gern als gegeben annehmen und für deren Kern wir das Konstrukt der Nationalstaatlichkeit halten. Wie die Jugendlichen selbiges mit viel Witz, gespielter Naivität und einer gehörigen Prise anarchischer Frechheit angehen, wie sie die Schubladen, in die sie gepresst werden sollen auseinandernehmen, bunt anmalen und neu zusammensetzen, ist so unterhaltsam wie erhellend. Es ist der Geist des Spiels, das „Was wäre wenn?“ und das „Warum eigentlich?“, die Möglichkeiten freisetzen und nie Hinterfragtes plötzlich seiner vermeintlichen Substanz berauben. Die Entledigung des Reisepasses von seiner fast mythischen Überhöhung, seine Reduktion auf ein Accessoir, ein nützliches aber eigentlich überflüssiges Stück Papier, seine Parodie als Konsumgut, das man sich danach aussieht, ob seine Farbe zum Teint passt, öffnet den Raum für Gedankenspiele. Wäre denn ein Weltbürgertum lebbar? Was wäre man bereit, dafür aufzugeben? Hat nicht jeder ein Recht auf Freizügigkeit. Und selbst wenn: Was schert mich die Einschränkung der anderen. Am Ende steht da eine Wand aus Pässen. Turbo-Pascal-Mitglied Frank Oberhäußer (er und Kollegin Eva Plischke geben die mal feindlichen, mal gleichgültigen Autoritäten) steht als Passkontrolleur dahinter. Drei Spieler*innen scheitern mit dem Versuch, per Weltbürgerpass Einlass zu erhalten. Dann tragen sie einfach die Mauer ab. Am ende steht Oberhäußer einsam da auf seinem Stuhl. Die Grenze, die er bewachte ist verschwunden. Ein lächerlicher Anblick. Eine schöne Utopie.

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