Am Anfang war der Bierkasten

Leien des Alltags: Mutti muss nach Lichtenberg – Gentrification #2, Ballhaus Ost, Berlin / Ruhrtriennale

Von Sascha Krieger

Die Geschichte der Zivilisation muss neu geschrieben werden: Sie beginnt vor Hunderten von Jahren mit einem Bierausträger. Weil ihm der Transport einzelner Krüge zu mühselig erschien, erfand er den Bierkasten. Bald wurde der zum Zentrum menschlicher Gruppierungen, ließ man sich um ihn herum nieder, erfand die Bar (ein Akronym für „Bier im Raum“), aus dem später das Café und noch später die Kunst hervorging. Irgendwann gab es unterschiedliche Bars für unterschiedliche Geschmäcker, es gab welche für teures Bier und andere für billiges. So entstanden soziale Unterschiede und  am Ende auch die Gentrifizierung mit vielen unterschiedlichen dieser Orte. „Die Gesamtheit dieser Orte nennen wir heute Trendbezirk.“ Voilà. So die Kurzform. Die lange, vollständige bildet den Beginn des Gentrifizierungsabends der Berliner Gruppe Leien des Alltags, der im Rahmen der Ruhrtriennale entwickelt wurde und jetzt „zuhause“ angekommen ist.

Bild: Sascha Krieger

Die Befürchtung, die 60 Minuten bestünden vor allem aus didaktischem Zeigefinger und platter Schwarz-Weiß-Malerei zerstreut schon diese Einleitung, welche – eingesprochen vom Misch- und DJ-Pult am Rand – die Spieler*innen, zunächst drei, später tritt der „Sprecher“ als vierter hinzu, mit sanft ironischen Choreografien begleiten. Das Weiß der Unschuld ist die Farbe von Mareike, Lilly und Jens, die inmitten der Galerien, der Cafés, in denen es alles gibt außer Kaffee, und Bars ihren Ort suchen, ihren Platz, ihre „Aufgabe“. Sie häkeln Hosen, lehren Yoga oder lernen die Nachbarn kennen, auch um ihnen wertvolle Erbstücke abzuluchsen. Denn was nützt die ganze Vielfalt, wenn man nicht das Geld hat, sich an ihr zu beteiligen? Veränderung ist der Gott, dem alle huldigen, und der doch die Sehnsucht nach dem Beständigen nie ganz besiegen kann. Gern geht man dann doch hin und wieder „nach Hause, denn das fühlte sich wie zuhause an.“ Aber auch das funktioniert nicht: Die Mutter nimmt Eintritt, der Vater macht Führungen und zeigt die unterschiedlichen Fußbodenschichten der Altbauwohnung und Übernachten ist nicht.

Nein, das Bewahrte, Beständige, Konservierte ist hier auch kein Ausweg. Dann wieder lieber zurück und versucht, einen Saft zu bestellen. Das ist schwer und führt zu unendlich wirkenden Schleifen der Wiederholung und des Missverstehens. Irgendwann fliegt Mareike raus aus der Wohnung, um Platz zu machen für ein Projekt, sie sucht ihren Raum, einen „Nahraum“ jenseits all der „Distanzräume“ um sie und kehrt doch bald wieder zurück. Man macht sein Geld mit Smoothies und Matcha, gehört nie wirklich dazu und steht doch nicht recht draußen. Wenn man am Ende vom „Frühling in der Schönhauser“ singst und eine idyllische Nostalgie beschwert, ist das nicht minder lächerlich als all die Trendgetränke und zwanghaft wirkenden Aufzählungen einer nur scheinbaren Vielfalt, einer ständigen Veränderung, die – und das belegt der Abend durch sein Grundelement der variierten Wiederholung – letztlich nur ein sehr dynamisches auf der Stelle Treten ist.

Erzählt wird die Geschichte im Duktus eines Märchens. Die Darsteller*innen strahlen ins Publikum oder gern mal in die Kamera hinter einem silbrig glitzernden Vorhang – einige der „Leien“ haben ihre Wurzeln an der Volksbühne. Statt Realismus gibt es Satire und (Alb-)Traumlogik, Abstraktion, einen narrativen Blick aus der Vogelperspektive. Der Wunsch nach Veränderung als Selbstzweck landet ebenso auf dem Grill der Karikatur wie das Festhalten an vermeintlich Bewährtem, der Zwang, alles ständig erneuern zu müssen ist genauso Zielscheibe wie jener, krampfhaft am Gewohnten festzuhalten. Am Ende bleibt nur das Theater, das Spiel. Auch der Raum, in dem dies stattfindet, das heutige Off-Theater Ballhaus Ost wird thematisiert, seine früheren Inkarnationen hervorgeholt, um doch fern bleiben zu müssen. Der Mensch, der hier „Schweinepartys“ (nicht fragen) feierte, ist immer noch da, die Party darf nicht mehr rein. Auch das ist Veränderung, vielleicht sogar Gentrifizierung? Und wenn ja, ist das von vornherein schlecht?

So wie – ausgeführt in einer der besten Textpassagen des Abends – die Gesellschaft von der Mitte an den Rand drängt, nur um zurückzukehren in die Mitte, wo diese mal Paradies ist und mal Slum und jene mal Ort der „Randgruppen“ und mal begehrenswerter Vorort, wippt auch das Spiel hin und her. Fortschritt wird Rückschritt und umgekehrt. Wo ist das schwarz, wo weiß? Egal ob Veränderung oder Bewahrung: „Alles ist Verfall“, heißt es einmal. Aber irgendwie auch sein Gegenteil. Spielerisch, humorvoll, mit Märchenerzählung, fein ironischem Live-Video, viel Humor und Haken schlagenden Logikeskapaden, mit Wiederholungs- und Aufzählungsorgien jongliert der Abend ein Thema, das sich im „realen“ Leben kaum ohne Dauererregung und der Forderung, „Position zu beziehen“, debattieren lässt. Hier dagegen ist nur Weiß, kein Schwarz, tanzt und positioniert man sich durch ein Minenfeld, das plötzlich gar keines mehr ist, sondern Spielfläche, Spottraum und Experimentierfeld. Theater. „Coming soon“ steht auf den weißen Fahnen, welche die Darsteller*innen schwenken. Das ewige Versprechen der ((post)post)modernen Trendwelt. Wird es eingelöst, ist alles vorbei. Also weiter – nach vorn, zurück oder sonst wohin. So lange gespielt wird, ist nichts verloren.

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